Manch einer soll doch tatsächlich davon träumen, in der Unterhaltungsbranche zu arbeiten und für das bezahlt zu werden, was für die meisten von uns ein Hobby ist. Dabei gestaltet sich der Arbeitsalltag in einer Spieleschmiede längst nicht so unterhaltsam, wie man sich oft ausmalt, bei vergleichsweise niedrigem Lohn. Kein Wunder also, dass die Mitarbeiterfluktuation in der Branche hoch ist - insbesondere in diesen Tagen.

Wer regelmäßig die Statistiken der Plattform Steam studiert, hat es längst bemerkt: Die Games-Branche ist im Umbruch. Wo man zwischen den Veröffentlichungen namhafter Titel mit meist fortlaufender Nummerierung früher noch lange Dürreperioden überstehen musste, schlagen mittlerweile täglich neue, bisweilen unglaublich kreative Titel mit hohem Unterhaltungswert und niedrigem Anschaffungspreis auf.

Erst das Geld, die Ware später

Ohne die teuren Publisher, dafür mit soliden Engines und ordentlich Crowdfunding im Rücken, tragen sich unabhängige Studios mittlerweile so gut, dass selbst namhafte Branchengrößen wie Chris Roberts, Richard Garriott und John Smedley auf die Idee gekommen sind, sich unter die Indie-Entwickler zu mischen. Und obwohl sie alle drei noch kein fertiges Spiel vorweisen können, haben sie ihre Schäfchen mit Star Citizen, Shroud of the Avatar und Hero’s Song längst im Trockenen.

Derlei Erfolgsgeschichten sorgen in den großen Spieleschmieden natürlich für jede Menge Gesprächsstoff und dafür, dass immer mehr erfahrene Entwickler den Schritt in die Selbstständigkeit wagen oder sich jemandem anschließen, er es bereits getan hat. Wer sich in diesen Tagen auf Twitter umschaut, bemerkt, dass ein wahrer Exodus in der Branche begonnen hat und die Publisher scheitern immer öfter daran, ihre talentiertesten Entwickler vom Sprung in die Unabhängigkeit abzuhalten.

Wobei es durchaus eine Wissenschaft für sich ist, ganz ohne professionelle Hilfe die Massen zu mobilisieren und dazu zu bewegen, ihr sauer verdientes Geld in eine neue Flause eines alternden Entwicklers zu stecken. Und wenn nun schon kein Publisher mit ordentlich Werbebudget dafür sorgt, dass ein Hype aufkommt, wie soll man der Welt dann die frohe Kunde von dem neuen Spiel überbringen?

Hero’s Song - gut gestreamt ist halb gewonnen

Der ehemalige SOE-Chef John Smedley hat mittlerweile die Streaming-Plattform Twitch für sich und sein erstes Indie-Projekt entdeckt. Eine “richtungsweisende Veränderung” gehe in der Branche vor sich, in der Spieler plötzlich Twitch benutzen, um sich potentiell interessante Spiele vor dem Kauf genau anzuschauen. Das sei eine ungewohnte Methode und er selbst habe seine Einkäufe dadurch deutlich zurückgeschraubt, so der Erfinder von EverQuest.

Trotzdem werde er die Plattform künftig nutzen, um Hero’s Song ordentlich zu promoten, denn jene Spiele, die er sich nach seiner Sondierung auf Twitch dann zulegte, seien auch tatsächlich die gewesen, die er spielen wolle. Entsprechend offen und komplett transparent werde er nun die Entwicklung des Retro-Rollenspiels ablaufen lassen, für das er auf Indiegogo aktuell fast 65.000 Dollar eingesammelt hat.

Der Chef arbeitet für umme

Und die möchte er dafür nutzen, Mitarbeiter zu bezahlen. Im Klartext: Je mehr Geld vorab eingesammelt wird, desto mehr Entwickler kann das kleine Studio Pixelmage beschäftigen, darunter auch einige bekannte Namen wie Bill Trost. Wer seinen Beitrag leisten möchte, ist mit 15 Euro dabei, bekommt später die digitale Version des Spiels sowie einen garantierten Zugang während der Entwicklungsphase.

Er selbst, so versicherte Smedley, zahle sich nichts von dem vorab gesammelten Geld aus. Wahrscheinlich muss er das auch noch nicht. Immerhin vermeidet er ja seit der Entdeckung von Twitch manchen Fehlkauf. Zudem dürfte er bei seinem Rücktritt als CEO von Daybreak, ehemals Sony Online Entertainment, auch nicht ganz leer ausgegangen sein.

Amazon Game Studios - Guild Wars Amazon

Im Gegensatz zu John Smedley wird Colin Johanson in seinem neuen Job sicherlich nicht auf eine Entlohnung verzichten. Immerhin hat der Mann einen feinen Posten als Director von ArenaNet aufgegeben, um fortan für die relativ neu gegründeten Amazon Game Studios zu arbeiten. Und das wäre nicht weiter spektakulär, würde er damit nicht seinen Kollegen Jeff Grubb, Eric Flannum, Jon Peters und Stephen Fowler folgen, allesamt frühere Mitarbeiter von ArenaNet.

Dass sich NCSofts Töchterchen damit personell langsam aufzulösen scheint, kommt gar nicht so überraschend, versuchen die Südkoreaner doch bereits seit einiger Zeit, die Zügel selbst in die Hand zu nehmen und das Publishing von Asien aus zu lenken. Viel interessanter ist hingegen, dass sie ArenaNet damit quasi unter anderem Dach neu formiert.

Twitch inklusive

Nun hält man sich in den Amazon Game Studios bislang vornehm zurück und verrät nicht, woran man im Detail arbeitet, jedoch liegt angesichts der aktuellen Personalentwicklungen der Verdacht nun umso näher, es könnte mindestens ein Spiel vom Format und in der Tradition eines Guild Wars dabei sein - also etwas in der Art eines MMORPGs.

Und falls sich jemand dazu berufen fühlt, Johanson und seinen Kollegen bei der Entwicklung von Guild Wars Amazon oder etwas in der Art unter die Arme zu greifen, so möge er sich bei aktuell 110 offenen Stellen und der aktuellen Lage in der Branche noch die Rosinen aus dem Kuchen picken. Etwa die Position des “Discipline Lead, Player Behaviour”, eine Art Sozialarbeiter für virtuelle Welten, der im Idealfall nicht nur Erfahrung als Entwickler von Spielen, sondern obendrein noch einen Doktortitel in Verhaltenspsychologie erworben haben sollte.  

Ach ja - ganz ähnlich wie John Smedley wollen auch die Amazonen künftig auf Twitch setzen. Ob man sich dabei allein auf die Vermarktung beschränkt oder die Zuschauer auch ins Gameplay involviert, will man noch nicht verraten. Als Eigner von Twitch hätte Amazon jedoch ein paar tolle Möglichkeiten, MMO und Streaming-Plattform miteinander zu verknüpfen.

Beam.pro - Die Konkurrenz schläft nicht

Damit stehen Amazon und Twitch übrigens nicht ganz alleine da. Still und heimlich hat sich nämlich eine Konkurrenz formiert - ein kleines Start-up-Unternehmen, das einen ähnlichen Service wie Twitch unter beam.pro anbietet, jedoch mit einem technisch wesentlichen Unterschied: 0,2 Sekunden Verzögerung machen es Streamern auf Beam möglich, mit ihren Zuschauern zu interagieren, sie über Tasten sogar aktiv ins Spiel eingreifen zu lassen. Angesichts der üblichen 15 Sekunden Verzögerung wäre so etwas auf Twitch derzeit noch undenkbar.

Und nachdem der mit seinen 18 Jahren noch blutjunge Gründer im Laufe der letzten Monate bewiesen hatte, dass es Beam in technischer Hinsicht locker mit Twitch aufnehmen kann, hat nun Microsoft zugeschlagen und die Plattform übernommen, um das enorme Potential zu nutzen, das in einem interaktiven Livestream mit einem Ping von aktuell lediglich 200 steckt - sowohl für Xbox Live als auch für künftig entwickelte Spiele.

Blizzard Entertainment - mein rechter, rechter Platz ist frei...und der linke auch!

Doch zurück zu den Personalien. Nicht bei den Mitarbeitern von ArenaNet herrscht aktuell Aufbruchstimmung - auch bei Blizzard sind einige Stühle frei geworden. Die größte Lücke dürfte wohl Senior Vice President Chris Metzen ins Unternehmen reißen, gilt er doch als einer der kreativsten Köpfe und imposantesten Stimmen hinter den Universen von Warcraft und Diablo.

Im Gegensatz zu vielen Kollegen scheint Metzen aktuell jedoch nichts weiter geplant zu haben, als sich seiner Familie zu widmen, die gerade Zuwachs bekommen hat und die von nun an seine Karriere sei. Wobei sind insbesondere die Fans von World of Warcraft durchaus fragen, warum Metzen ausgerechnet jetzt aussteigt, wo mit Legion doch noch mal eine verhältnismäßig erfolgreiche Erweiterung veröffentlicht wurde.

Doch genau das ist dann wohl auch einer der Gründe, warum sich aktuell auch so viele andere Mitarbeiter von Blizzard verabschieden. An einen wirtschaftlichen Erfolg lässt es sich anderswo weit besser anknüpfen als an einen Misserfolg und es ist davon auszugehen, dass die Abtrünnigen nach dem Wechsel nicht schlechter dastehen als zuvor.

Rob Pardos Geschichten vom Lagerfeuer

Neben Chris Metzen sind es aktuell noch Lead Quest Designer Craig Amai, Senior Director of Story & Creative Development James Waugh und WoWLead Character Artist Tyson Murphy, die zumindest dem MMO den Rücken kehren. Amai stellt nämlich klar, dass die Aufgabe seines Postens nicht gleichbedeutend mit dem Ausscheiden bei Blizzard sei. Murphy hingegen wechselt zu Riot Games, wo man mit Sicherheit noch Bedarf an einem Künstler wie ihm hat.

Und dann wäre da noch Rob Pardo, bis vor kurzem noch Lead Designer von World of Warcraft. Auch Pardo bekommt für seinen Schritt Rückendeckung von Riot Games, gründet mit Hilfe des Publishers die Bonfire Studios, die aktuell gleich noch weitere Ex-Blizzard-Mitarbeiter wie Min Kim rekrutieren. Mit Bonfire hat Rob Pardo große Ziele, möchte mit einer typischen Indie-Strategie, und kleinen, effizienten Teams arbeiten, die im Ergebnis jedoch ein Spiel mit Feinschliff und AAA-Design abliefern sollen.

Ember - Mark Kerns nächster Streich

Anders als die oben genannten Kollegen ist Mark Kern schon seit einer Dekade nicht mehr bei Blizzard, hatte zwischenzeitlich mal die Red 5 Studios gegründet und Firefall auf den Weg gebracht, bis er wegen diverser Ausschweifungen von seinen Kollegen abgesetzt wurde. Seither gab er der Branche hin und wieder mal den einen oder anderen Anlass zu Klatsch und Tratsch, blieb aber weitgehend harmlos.

Bis jetzt, denn mit Ember hat Kern ein neues Projekt am Start, das seiner Ansicht nach ein geistiger Nachfolger von Firefall werden soll - also jener Inkarnation, die er im Sinn hatte, bevor seine Mitarbeiter meuterten. Interessant daran ist jedoch weniger das Spiel an sich als die Art der Entwicklung. Kern plant, die komplette Finanzierung des Projekts in kleine, spielbare “Meilensteine” aufzuspalten und die jeweils über eine eigene Kampagne von den Fans finanzieren zu lassen.

Kein ewig ferner Traum alà Star Citizen also, sondern kleine, unterhaltsame Häppchen, die man im Abstand von weniger als zwei Monaten genießen können soll und die dann irgendwann mal zu einem gewaltigen Spiel zusammengefügt werden sollen. Die ersten 23.000 Dollar hat Mark Kern bereits beisammen, denn wenngleich er berüchtigt dafür ist, Projektgelder für Flausen zu verprassen, hat er noch immer zahlreiche Fans, die daran glauben, dass er die selbst gesteckten, engen Ziele erreichen und das Spiel liefern wird, das durchschnittliche Online-Shooter Firefall hätte werden sollen.

Dual Universe - bekommt starken Support

Doch so ist es in Unterhaltungsbranche nun einmal: Eine Garantie, dass eine anscheinend gute Idee auch tatsächlich funktioniert, gibt es nicht - auch und schon gar nicht in der Indie-Ecke. Und doch gibt es Projekte, deren Entwickler bereits einen großen Teil des Weges zurückgelegt haben, bevor sie die Spielergemeinde um Unterstützung bitten.

So wie bei Dual Universe, das schon in seiner jetzigen Form beeindruckt und mit seinen Möglichkeiten teilweise über das hinausgeht, was Spiele wie Elite: Dangerous, No Man’s Sky und Star Citizen bieten. Das hat sogar Chris Roberts selber erkannt und seine Fans aktuell dazu aufgerufen, sich Dual Universe einmal anzuschauen. Es gebe definitiv einige Gemeinsamkeiten zwischen dem Projekt und Star Citizen und Ziele, die beide Teams gleichermaßen erreichen wollen.

Das sei jedoch keineswegs schlecht und ein freundlicher Wettbewerb eine gute Sache. Es sei eine großartige Zeit für Space Games, erklärt Roberts weiter und verkündet, dass er sich darauf freue, Dual Universe in einer wachsenden Bruderschaft zu begrüßen. Für die Macher von Dual Universe bedeuten diese warmen Worte auf jeden Fall eine ganze Menge, konkret schon einmal eine explodierende Crowdfunding-Kampagne, bei der bei verbleibenden 23 Tagen bereits 300.000 Dollar beisammen sind.

Ausblick - Revelation Online

Nun hätten wir euch beinahe mit all den blanken Namen und Zahlen in die nächste Woche geschickt - wenn da nicht noch rechtzeitig ein kleines Filmchen angespült worden wäre. Ein einfacher Klassen-Trailer eigentlich, wie sie oft öder nicht sein könnten -  zu einem Spiel, das trotz seiner chinesischen Herkunft gewaltiges Potential hat - nicht nur in Sachen Optik und Spielmechaniken. Doch seht am besten selbst...