Seit Jahren wünscht sich unser Kolumnist nichts weiter zu Weihnachten als ein wirklich brauchbares neues MMORPG. Eine authentische Welt, getragen von echter Dynamik, dauerhaften Herausforderungen, zukunftstauglichen Mechaniken und einem fairen Geschäftsmodell. Ob sein Wunsch diesmal in Erfüllung geht?

Nehmen wir den krassesten Spoiler gleich vorweg: Er geht nicht in Erfüllung. 2016 war für mich wohl mit Abstand das mieseste Gaming-Jahr überhaupt. Meine Steam-Bibliothek nimmt einen besorgniserregenden Umfang an, die Festplatte ist vollgerammelt mit Spielen aller Art und trotzdem kann ich mich kaum überwinden, auch nur etwas davon länger als ein Stündchen zu zocken.

Fast-Food-Gamer wider Willen

Dota2, Rocket League, etwas War Thunder und wenn ich in einer Skype-Konferenz hänge, baue ich ein neues Häuschen in ARK: Survival Evolved, nur um beim nächsten Einloggen frustriert festzustellen, dass es der chinesische Alpha-Clan wieder mal dem Erdboden gleichgemacht hat. Bei meinen Freunden und Clankollegen sieht es ganz ähnlich aus. Sie zocken derweil Spiele wie Overwatch, Path of Exile und Warframe - alles durchaus coole Games, für einen eingefleischten MMORPG-Fan allerdings eher der Snack für zwischendurch, keinesfalls aber das Hauptgericht, auf das wir alle so sehnlichst warten.

Das fehlt uns nun schon sehr lange. Die letzten Jahre brachten zwar eine ganze Reihe von MMO hervor, die ich für diese Kolumne noch ab und an mal update und besuche, dauerhaft spielen jedoch möchte ich davon nichts, bekomme schon Kopfschmerzen, wenn ich ins ohnehin schon wirre Inventar blicke und dann auch noch die aktuellen Sonderangebote aus dem Cash-Shop aufpoppen.

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Lasst und froh und munter sein...

Aktuell besonders schlimm: die Weihnachts-Updates, von denen wirklich kein MMO verschont bleibt. Schneeflocken, Rentierschlitten, Weihnachtsklamotten und Glockengebimmel allerorten. Wie zum Teufel kommen Entwickler auf das schmale Brett, die Community würde sich an der für solch grotesk aufgesetzten Firlefanz verschwendeten Entwicklungszeit auch noch mehrheitlich erfreuen?

Gibt es wirklich genügend Leute, die den “Hongmoon Store” besuchen, um dort virtuelle Peinlichkeiten als Weihnachtsgeschenk für die Freunde zu kaufen? Und wenn Weihnachten dann vorüber ist, beginnt das große Feuerwerk erst zum westlichen, später zum chinesischen Neujahrsfest, gefolgt vom offensichtlich ebenfalls unglaublich lukrativen Valentins-Zirkus und Dutzenden weiteren, über das Jahr verstreuten virtuellen Großereignissen.

Die sind für mich eher ein Grund, das betreffende MMO zur fraglichen Zeit zu meiden, um vom ganzen Gebimmel verschont zu bleiben und das ohnehin chronisch überfüllte Inventar nicht noch zusätzlich zuzumüllen. Aber was beschwere ich mich - bin ja selber schuld, wenn ich mir nicht die irre günstige und praktische Inventar-Erweiterung zulege - immerhin gibt es aktuell 25 % Rabatt. Doch nun zu den Neuigkeiten, von denen es wie immer gute und schlechte gibt.

Crytek - back to the roots?

Ob die aktuellen Entwicklungen rund um den deutschen Publisher Crytek nun schlechte oder gute Nachrichten sind, ist wohl eine Sache der Perspektive. Für die Mitarbeiter in Budapest, Istanbul, Seoul und Shanghai, deren Filialen geschlossen oder verkauft werden, ist es natürlich kurz vor Weihnachten eine Hiobsbotschaft. Aus Spielersicht hingegen könnte man den Plänen des Publishers durchaus etwas abgewinnen, nach denen eben die wichtigen Studios in Kiew und vor allem in Frankfurt erhalten bleiben und sich auf die Kernkompetenzen besinnen sollen:

“Hochtalentierte Mitarbeiter, Technologien auf höchstem internationalen Niveau und innovative Spielelentwicklung” sollen das sein, wobei insbesondere letztere zusehends auf der Strecke geblieben waren. Je größer der Publisher wurde, so schien es, desto weniger innovative Entwicklungen brachte man zustande.

Und die angesprochenen Technologien, konkret die eigentlich so unglaublich vielversprechende CryEngine, gilt in Entwicklerkreisen längst als verwaist und hat gegenüber Unreal und Unity entsprechend an Boden verloren. Dabei hat man gerade bei Crytek selbst schon seit Jahren das Handwerkszeug in der Schublade, mit dem sich ein ordentliches Online-Game hätte entwickeln lassen. Eines, das eindrucksvoll zeigt, zu welchen Dingen die CryEngine fähig ist.

Star Citizen - pfeifft auf Crytek

Das allerdings müssen nun andere Studios und Entwickler tun, allen voran die Leute hinter dem Mittelalter-RPG Kingdom Come: Deliverance und natürlich Chris Roberts, dessen mutmaßlich episches Star Citizen zwar übelst in Verzug geraten ist, technisch aber aus der CryEngine herauskitzelt, was Unreal und Unity kaum hätten simulieren können: Ein übergangsloses Sonnensystem mit unterschiedlichen Umweltbedingungen und Möglichkeiten, die man in einem einzigen Spiel bislang nicht für möglich gehalten hätte.

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Und nachdem nun einige Fans des Sci-Fi-Projekts schon befürchtet hatten, dass sich Cryteks Probleme zu Star Citizen weiterfressen könnten, gab Chris Roberts jetzt Entwarnung. Man sei nicht auf Crytek angewiesen und deren Status habe keine Auswirkungen auf die weitere Entwicklung von Star Citizen. Spätestens jetzt dürfte es sich für die Entwickler von Star Citizen und oben erwähntem Kingdom Come: Deliverance ausgezahlt haben, dass man jeweils einige Spezialisten von Crytek übernommen und Engine-Grundlagenforschung betrieben hatte.

Ach ja - und wenn wir schon einmal dabei sind, sollten wir natürlich nicht unerwähnt lassen, dass sich Update 2.6 von Star Citizen der Fertigstellung nähert. Besonders ist das deswegen, weil damit auch endlich das Star Marine FPS-Modul ins Spiel kommt, das sich vorerst zwar auf eine Arena mit zwei Karten und zwei Spielmodi beschränken soll, optisch aber schon ordentlich was hermacht.

Turbine - jetzt gehts rund, sprach der Papagei und flog in die Turbine

Pünktlich zum Jahreswechsel aufgeräumt wird übrigens nicht nur bei Crytek, sondern auch bei Turbine, dem Publisher hinter Der Herr der Ringe Online, Dungeons & Dragons Online sowie den beiden Kult-Titeln Asheron’s Call. Letztere werden komplett eingestellt, während die beiden erstgenannten Titel an ein neues Studio mit dem vielsagenden Namen Standing Stone Games überführt und Daybreaks Publishing anvertraut werden.

Laut Pressemeldung freut man sich allerorten über diese Veränderungen und auf die rosige Zukunft, die natürlich alle Beteiligten vor sich haben. Wobei eine Frage unbeantwortet bleibt: Was macht dann eigentlich noch Turbine? Zuletzt war das Studio mit dem MOBA-Game Infinite Crisis ordentlich baden gegangen und während Pessimisten nun das Ende von Turbine gekommen sehen, hoffen Optimisten darauf, dass bei der Überführung der beiden lukrativen Titel möglicherweise das nötige Kleingeld rausgesprungen ist, um die Entwicklung eines möglicherweise noch nicht angekündigten neuen MMO-Projekts zu vollenden.

Hero’s Song - hat Smedley bald ausgesungen?

Am nötigen Kleingeld fehlt es aktuell ganz offensichtlich auch John Smedley. Der hatte sein etwas minimalistisch wirkendes Retro-RPG Hero’s Song im November in den Early Access geschickt - viel zu früh und mit verhaltenem Erfolg. Und wie so oft, wenn ein Spiel voreilig veröffentlicht und deswegen schlecht bewertet wird, findet es auch danach nicht mehr viel Zuspruch, geht in der extremen Steam-Bibliothek komplett unter.

Man sei in finanzieller Hinsicht dabei, so vermeldete Smedley jetzt, sich “durch ein paar Dinge zu arbeiten” und bittet die Fans um etwas Geduld. Man könne leider nicht transparenter sein, verspricht aber bald nähere Informationen. Wirklich überrascht scheint von der Entwicklung allerdings niemand und auch die Angst vor einem kompletten Aus hält sich in der extrem kleinen Community in Grenzen, dafür wirkt Hero’s Song einfach zu sehr wie eine auf Retro gepimpte Notlösung alternder Entwickler.

Revelation Online - Chinas erster Vorstoß, die zweite...

Und so löblich es auch ist, dass westliche Entwickler-Urgesteine wie John Smedley und Bill Trost nicht komplett hinschmeißen und immerhin versuchen, sich mit einem Retro-Indie-Game über Wasser zu halten, so aussichtslos ist das Unterfangen angesichts der technisch starken Konkurrenz aus Südkorea, Japan und mittlerweile sogar China.

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Aktuell ist es Revelation Online, das in die zweite geschlossene Beta einlädt, diesmal mit übersetzten Texten bis in die höheren Level hinein. Mit Revelation Online zeigt nach Snail Games ein weiteres chinesisches Studio, dass man im international hart umkämpften Genre mittlerweile konkurrenzfähig geworden ist und ein optisch und spielerisch ansprechendes MMO abliefern kann.

Etwas abschreckend sind aktuell tatsächlich nur noch die chinesischen Vertonung sowie die etwas unnatürlichen Animationen, die jedoch allemal besser sind als jene, die man in vielen westlichen Indie-Titeln neuerdings zu sehen bekommt. Vom Umfang her und von der Aufmachung her hat Revelation Online durchaus das Zeug, zu einem der interessanteren Titel des kommenden Jahres zu werden.

Black Desert - die Schönheitskönigin

Wobei Revelation Online optisch natürlich nicht ganz an Black Desert heranreicht, das wohl schönste MMO da draußen. Das gilt zumindest für all jene, die sich nicht von den bisweilen exzessiv eingesetzten Effekten und dem unglaublichen Gewimmel in der Umgebung abschrecken lassen, mit denen ich auf meine alten Tage bisweilen Probleme bekomme.

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Jene Effekte sind es auch, die manchen MMO-Fan davon abgehalten hatten, sich von einem der berüchtigten Trailer ins Spiel locken zu lassen. Umso erfreulicher, dass das aktuelle Filmchen zum brandneue ins Spiel gebrachten Magier und seinem weiblichen Pendant zwischen den Kampfszenen sogar kurze Phasen der Ruhe bietet.

Conan Exiles - an die Waffen, Sklaven!

Keine Ruhe lässt mir derweil meine Vorfreude auf Conan Exiles. Nicht nur, weil ich dem verbliebenen Team bei Funcom mittlerweile wieder einen ordentlichen Erfolg gönne, sondern vor allem auch deswegen, weil mich die PvP-Mechaniken auf den offiziellen Servern von ARK: Survival Evolved, wie eingangs erwähnt, gehörig in Rage bringen.

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Umso mehr hoffe ich darauf, dass es in Conan Exiles möglich sein wird, seine mühsam errichtete Basis irgendwie zu schützen und zu verteidigen, zudem es keine übermächtigen Titano- und Gigantosaurier gibt. Dafür gibt es Sklaven - Verzeihung - Leibeigene. die sich fangen und für allerlei nützliche Dinge einsetzen lassen, wie Joel Bylos aktuell in einem stattlichen Gameplay-Video demonstriert, dessen eingeblendete FPS-Anzeige zumindest erahnen lässt, dass man es in technischer Hinsicht durchaus mit ARK aufnehmen kann. Da kann der Early-Access im Januar ja kommen.

Hellion - im All hört dich niemand schreien!

Und Conan Exiles ist nicht das einzige neue Survival-Game, das im Januar in den Early-Access geht. Auch Hellion, über das wir im November erstmals berichteten, soll schon in wenigen Wochen auf Steam durchstarten. Anders als bei den Dinos und Barbaren kämpft man in Hellion ums Überleben im All - in einer ähnlich übergangslosen Umgebung wie bei Star Citizen - mit mehr Überlebenskampf und weniger Fokus auf der Fliegerei.

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Versprochen werden ein komplexes System zur Gewinnung von Ressourcen, Crafting, Schiffs-Reperaturen, Raumstationen, modulare und anpassbare Ausrüstung, Raumschiffkämpfe und trotz der Hintergrundgeschichte eine Mehrspielerfahrung, in die man versinken kann. Ach ja - und Sandbox-Fans dürften sich über die Ankündigung freuen, dass sich Gegenstände und Ausrüstung auch abnutzen, das Crafting also dauerhaft sinnvoll und der Markt dynamisch bleiben.

Dual Universe - bereit für mehr

Längst nicht bereit für den Early Access ist derweil ein Spiel mit ganz ähnlicher Thematik. Dual Universe befindet sich noch in der Pre-Alpha, sieht aber schon verflixt gut aus und hat mit Chris Roberts sowie den Machern von Crowfall durchaus namhafte Unterstützung aus Indie-Kreisen, was nicht zuletzt dafür sorgte, dass man mit über 500.000 Dollar Kickstarter-Einnahmen ein halbwegs gesundes Startkapital sammeln konnte. Dass man damit kein Schindluder treibt, sondern ein technisch ziemlich solides Projekt entwickelt, beweist das aktuelle Video, mit dem sich die Entwickler auch gleich in die Ferien verabschieden - bis zum Januar.

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Und das tun auch wir, denn die nächste Ausgabe von Wiped erscheint tatsächlich am 01.01.2017 und bringt traditionell eine kleine Übersicht dessen, was uns im kommenden Jahr aus der Ecke der MMO- und Online-Games so erwartet. Bis dahin wünschen wir euch eine schöne Bescherung und einen wundervollen Rutsch in ein aus Spielersicht hoffentlich interessantes neues Jahr.