Wie viel Persistenz benötigt ein Spiel, bevor es zum MMORPG werden kann? Wie lange darf so ein Titel die Early-Access-Phase durchlaufen? Und wie viele Spiele mit diesem Status kann die Branche eigentlich noch vertragen? Diese und andere Fragen sorgen aktuell für heiße Diskussionen und erhitzte Gemüter. Höchste Zeit für unseren Kolumnisten, noch ein wenig Öl ins Feuer zu gießen.

Rund vier Jahre ist es nun her, dass die ersten MMO-Entwickler nennenswerte Erfolge auf der Crowdfunding-Platttform Kickstarter feiern konnten. Eine lange Zeit des Wartens haben wir also hinter uns und bei manchen Projekten scheint man dem Ziel ferner denn je. Kein Wunder also, dass mancher Unterstützer mittlerweile die Geduld mit den einst gefeierten Entwicklern verloren hat.

Darfs ein bisschen mehr sein?

Die haben es, aller kommunikationstechnischer Offenheit zum Trotz, fast allesamt versäumt, die Fans mit der gebotenen Eindringlichkeit darüber aufzuklären, dass man nicht mal eben ein Solo-Abenteuer zu entwickeln versucht, sondern waschechte MMOs. Und die brauchen nun einmal ein paar Jährchen mehr, weil man insbesondere gegen Ende der Entwicklung gerne mal feststellt, dass die Spielerschaft dieses oder jenes wesentliche Element völlig anders nutzt, als man sich das ausgemalt hatte.

Wenn man dann noch einmal umbauen muss, wenn Design-Ideen nicht greifen oder die Technik versagt, hat man am Ende des Budgets plötzlich noch Entwicklungsbedarf. An dieser Stelle könnte man dann Mitarbeiter entlassen oder das Projekt, um es schmerzloser zu machen, komplett einstampfen. Das ist alles schon passiert, wobei es noch eine weitere Möglichkeit gibt, für manches Indie-Studio ein Strohhalm, an den man sich klammern kann: Early Access via Steam.

Gloria Victis - alea iacta est

Den nutzen in diesen Tagen verdächtig viele von jenen Studios, die eigentlich längst hätten fertig sein wollen, deren Entwicklungen sich jedoch wie Kaugummi hinziehen. So auch Gloria Victis, das auf der eigenen Webseite damit wirbt, zum heißersehntesten Indie-MMO gekürt worden zu sein - für das Jahr 2014. Doch immerhin kann man sich jetzt schon mal ins Early-Access-Programm von Gloria Victis einkaufen - für knapp 20 Euro.

Das spült mit Sicherheit genügend Geld in die Kassen, um die schleppend verlaufende Entwicklung wieder neu zu befeuern - hat bei anderen Spielen schließlich auch geklappt. So denken sich das die Entwickler und ahnen oft gar nicht, dass sie mit dem Feuer spielen. Denn ein Release auf Steam kann für ein in weiten Teilen unfertiges Spiel das Todesurteil bedeuten.

Gefährliches Spiel

Diese Gefahr besteht bei Gloria Victis, dessen Entwickler einige wirklich tolle Ideen haben. Allerdings kommen sie längst nicht so schnell voran, wie man das erwartet hätte und wie es gut für den Titel wäre, der sich noch immer ziemlich unfertig anfühlt. Entsprechend schlecht fallen die Bewertungen auf Steam aus. Early Access hin oder her - schon ein “Ausgeglichen” sorgt dafür, dass die Verkäufe einbrechen und ist man erst mal im roten Bereich angekommen, kommt ein Spiel auch kaum wieder dort heraus.

Zwar gibt es einige wenige Beispiele, die schon im Early Access für volle Kassen gesorgt haben, jedoch handelte es sich dabei um Spiele, bei denen einerseits der Kern seit Beginn an ordentlich funktioniert und gleichzeitig regelmäßige Updates beweisen, dass es spürbar voran geht. ARK: Survival Evolved ist so ein Spiel, das trotz Early-Access-Status einzigartig ist und vollständig wirkt, dessen Entwickler den Early Access richtig genutzt haben. Von Gloria Victis kann man das aktuell kaum behaupten.

Conan Exiles - diesmal bitte richtig

Ob Funcom heutzutage als Indie-Studio durchgehen könnte, sei einmal dahingestellt. Klar ist jedoch, dass die Norweger in den letzten Jahren ordentlich Federn gelassen haben und dringend einen neuen Erfolgstitel benötigen, der das Studio aus der Abwärtsspirale herausholt. Und mittlerweile wissen wir auch, wie dieser Titel heißen soll: Conan Exiles.

Zu dem ist jetzt ein Trailer erschienen, der erstmals bewegte Bilder aus der Pre-Alpha-Phase zeigt. Bilder, die recht vielversprechend sind und die den Verdacht bestätigen, dass Funcon das noch junge, aber rasant sprießende Survival-Genre ziemlich genau im Blick hat und sich sowohl optisch als auch in Sachen Gameplay durchaus an den besseren Titeln zu orientieren scheint, von denen die meisten aktuell im Early Access laufen.

Gerade deshalb ist es jedoch auch ziemlich gewagt, dass man Conan Exiles schon im September ebenfalls in den Early Access auf Steam schicken möchte. Denn ab dann wird sich das steinzeitliche Conan-Werk direkt an der Dino-Sandbox ARK messen lassen müssen - ein ausgesprochen schwieriges Unterfangen, verbunden mit einem extremen Risiko. Gesetzt jedoch den Fall, Funcom macht diesmal tatsächlich alles richtig und löst mit Conan Exiles endlich uralte Versprechen ein, wäre man als Publisher auf einen Schlag zurück auf der großen Bühne.

Das Tal - die nächste Alpha kommt bestimmt

Die ganz große Bühne haben die Entwickler von Das Tal gar nicht angepeilt. Trotzdem haben sie eine durchaus berechtigte Hoffnung darauf, eine passionierte Community für ihr isometrisches PvP-MMO zu finden - groß genug, um das kleine Team aus München zu tragen und die Weiterentwicklung ihres Traumes zu ermöglichen. Entsprechend wichtig ist dafür auch das kommende Alpha-Event.

Das ist schon für den Juli angesetzt und soll die Welt nicht nur um giftige Sümpfe erweitern, sondern erstmals auch ein Tutorial ins Spiel bringen sowie neue Gebäude für die von Spielern errichteten Städte.  Eine erfreuliche Entwicklung, bedenkt man, dass die Fairytale Distillery seinerzeit kein Glück mit der Kickstarter-Kampagne hatte.

Escape from Tarkov - das Spiel für S.T.A.L.K.E.R.

Zwei Wochen nach Das Tal, also Anfang Juli, startet dann ein Titel in den Alpha-Test, der sich ebenfalls an PvP-Fans richtet, allerdings eher an die FPS-Fraktion. Und die Einstellung der Entwickler lässt zumindest aufhorchen: Ihrer Ansicht nach ist es der Sache kaum dienlich, einen Titel einfach mal so, wie er gerade ist, vorab verfügbar zu machen.

Eine Alpha-Testphase könne nicht allein dem Zweck dienen, das Projekt aufzupolieren und neue Inhalte zu bringen, sondern sei vor allem dafür da, die Spielmechaniken zu verfeinern und die Balance zu perfektionieren. Es klingt also zumindest danach, als sei man mit Escape from Tarkov schon etwas weiter als manch anderer Titel im Early-Access-Programm und die Fangemeinde unkt schon, dass Escape from Tarkov The Division qualitativ noch während der Alpha-Phase überhole. Wir werden da im Juli auf jeden Fall mal reinspielen.

Riders of Icarus - holprige Reiterei

Wer das Internet ohne AdBlock durchstreift, wird sicherlich schon mal über Riders of Icarus gestolpert sein, Nexons jüngstes MMO, das seinen Weg in den Westen fast geschafft hat. Um genau zu sein, startet die offene Betaphase am 06. Juli, sofern man keinen Zugriff auf den Early Access hat, der am 29. Juni beginnt - in beiden Fällen ohne Server-Wipe.

Grob umrissen sieht Riders of Icarus nicht nur aus wie eine zweitklassige Mischung aus Aion und TERA, es spielt sich auch wie ein typisch generisches MMO aus Fernost mit viel zu vielen ungeschliffenen Ecken und Kanten. Das Spielgefühl ist alles andere als geschmeidig, insbesondere in der Luft, dem angeblichen Herzstück des Spiels, das es bei uns auch mit hartnäckiger Werbung schwer haben dürfte.

Star Citizen - ein Anflug von Persistenz

Kaum noch Werbung braucht derweil das ohnehin schon irrsinnig bekannte Star Citizen. Vielmehr braucht Chris Roberts Space-MMO dringend weitere Inhalte, insbesondere solche, die endlich mal erkennen lassen, wohin sich der MMO-Anteil des Spiels entwickelt. Umso mehr hatte sich die Community dann auch auf die Alpha 2.4 gefreut, die mittlerweile für jeden Unterstützer spielbar ist.

Gefreut hatte man sich vor allem deshalb, weil das Team hinter Star Citizen versprochen hatte, das virtuelle Universum, bislang nichts weiter als eine kleine Online-Umgebung, endlich persistent zu machen. Für den Spieler wirkt sich das, von einigen Kleinigkeiten mal abgesehen, aktuell zwar kaum aus, jedoch seien die entsprechenden Hintergrundberechnungen ein wichtiger Faktor bei der Weiterentwicklung von Star Citizen, beteuert das Team von Chris Roberts.

Und so wird sich die Baustelle, das lassen die aktuellen Entwicklungen einmal mehr befürchten, insgesamt noch ziemlich lange hinziehen. Angesichts der bislang angehäuften 115 Millionen Dollar Crowdfunding-Vermögen dürfte es Chris Roberts derzeit jedoch auch nicht sonderlich daran gelegen sein, die Stunde der Wahrheit früher einzuläuten als nötig.

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