Sandbox- und Themepark-Fans werden sich wohl nie darüber einig werden, welchem Konzept nun die Zukunft gehören mag. Und eigentlich können sie sich die Diskussionen auch sparen, denn das MMOG-Genre hat sich längst gespalten. Fortan werden sich beide Teile unabhängig entwickeln und gleichzeitig voneinander profitieren.

Beim nächsten Spiel wird alles besser. Wie oft haben wir das gedacht und wie oft wurden wir enttäuscht? Oft - zu oft vielleicht, doch sollen wir den PC jetzt besser ausschalten und den Kopf in den Sand stecken? Sollen wir lieber nicht mehr analysieren und kritisieren? Sollen wir damit aufhören, unsere Ideen zu sammeln und unsere Träume zu träumen?

Wir kämpfen für eine bessere Welt!

Dann übernehmen Handy-Daddler, Facebook-Bauern und Controller-Freaks die Macht und casualisieren über Nacht alles, was wir über Jahrzehnte hinweg mühevoll aufgebaut und finanziert haben. Nein - lieber schreibe ich mir in dieser Kolumne stellvertretend für eine alternde Generation von MMOG-Veteranen und Hardcorezockern den Frust von der Seele.

Auch nehme ich hin und wieder Reisekrankheit und Jetlag ergeben auf mich, um fremden Entwicklern in fernen Ländern die Ohren blutig zu reden, in der ständigen Hoffnung, dass es passiert - dass sie für einen Moment lang von ihren Bildschirmen aufblicken und uns Fachjournalisten zuhören, die nicht nur dafür geeignet sind, Patchnotes zu Update 2.3.4 in fein layouteter Form an die elfundneunzig Spieler zu übermitteln, die sich für solche Details interessieren.

Ich glaube tatsächlich an den tieferen Sinn meiner Arbeit und hege die Hoffnung, dass etwas von dem, was ich meinen meist ehrfurchtsgebietend erfahrenen Interview- und Gesprächspartnern auf Reisen ins Hirn pflanze, auch hängenbleibt. Meist allerdings komme ich zu spät, denn wenn ich ein Spiel anspielen darf, steht die Veröffentlichung schon kurz bevor und mein “es ist ganz in Ordnung, aber...” kann zu diesem Zeitpunkt niemand mehr gebrauchen.

The Elder Scrolls Online - Hinter den Kulissen von Elder Scrolls Online: Studiotour bei Zenimax

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The Elder Scrolls Online - Enttäuschung oder große Chance?

Umso erstaunlicher, dass ich nach Maryland eingeladen wurde, um The Elder Scrolls Online schon jetzt zu spielen - etwa ein Jahr vor Release. Zwar kam ich bereits viel zu spät, um Tamriel noch mein ultimatives Sandbox-Konzept verpassen zu können, doch hatte ich während meines Besuches insgesamt den Eindruck, dass man bei ZeniMax nicht nur präsentieren wollte, sondern auch ein offenes Ohr für Ideen und Bedenken hatte und jetzt, wo der Kontakt hergestellt wurde, auch weiterhin haben wird.

Klar - The Elder Scrolls wird mit seinem clever durchclusterten Megaserver und all dem persönlichen Phasing kaum mit echten Sandkästen zu vergleichen sein, in denen jede meiner Handlungen zu Konsequenzen innerhalb der Spielerschaft führt. Doch wenn meine Abenteuer schon mal spannend verpackte Auswirkungen auf meine virtuelle Umgebung haben, so ist das durchaus ein Fortschritt gegenüber anderen Story-MMOGs, in denen das Dorf immer wieder brennt, egal wie viele Feuer ich lösche.

Evolutionssprung dringend nötig

So sehr ich auch gegen das moderne Standard-MMOG wettere - es hat seine Fans und somit auch eine gewisse Existenzberechtigung. Eine Solo-Sandbox hat mit einer Online-Sandbox weniger gemeinsam, als viele Kritiker annehmen und vor allem die große Gruppe der Skyrim-Fans wäre von einem Tamriel im Stil von EVE Online, Lineage 2 oder Darkfall hoffnungslos enttäuscht. Die Entscheidung von ZeniMax und Bethesda, die Gestaltung von Tamriel eben nicht in die Hände der Spieler zu legen, war deshalb folgerichtig und von Monatsgebühren war bislang noch nirgendwo die Rede.

Umso mehr begrüße ich es, dass sich die Entwickler gleichzeitig nicht an die Standard-Blaupause halten wollen und neue Ideen, Konzepte und Technologien einfließen lassen. Das Themepark-Genre ist in den letzten Jahren eingeschlafen, doch es ist längst nicht am Ende. ZeniMax hat noch ein Jahr Zeit, um das mit The Elder Scrolls Online zu beweisen. Wir sollten ihnen diese Zeit auch zugestehen und sie nicht voreilig für die Sünden ihrer Vorgänger bestrafen.

Vom Underdog zum Überflieger

Derweil braucht man sich um die Zukunft der Sandbox-MMOGs keine Gedanken zu machen. EVE Online steuert mit Lichtgeschwindigkeit auf seine nächste Erweiterung zu, Darkfall wird mit Unholy Wars generalüberholt und ArcheAge öffnet in Südkorea bald die Pforten zum offenen Betatest. Jeder dieser drei Titel findet schon jetzt enormen Zuspruch und jeder bringt eine ganze Reihe neuer Ideen mit ins Genre, das sich längst von den Themeparks abgespalten hat und fortan seinen eigenen Weg gehen wird.

Und das ist keinesfalls schlecht, denn wenngleich sich die Anhänger beider Lager nie auf einen Kompromiss haben einigen können, sind nach dem Befreiungsschlag viele Ideen kompatibel und es ist jetzt schon absehbar, dass man auf beiden Seiten wieder vermehrt bei den Konkurrenten spicken wird, statt sein eigenes Süppchen nur noch nach dem überschätzten Standard-Rezept kochen zu wollen.

Wiped! - Die MMO-Woche - Die Spaltung

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EverQuest Next: The Next Big Thing?
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EverQuest Next - Richtungswechsel bei Sony Online Entertainment

Wenn man die aktuellen Entwicklungen auf dem Markt so beobachtet, dann muss man sich in der Tat mehr Sorgen um das Themepark-Genre machen, das ohnehin schon keine Unterstützung bei den unabhängigen Studios findet - jetzt aber auch von den ersten großen Unternehmen abgeschrieben wird. Für Aufregung hat da insbesondere der spontante Kurswechsel bei Sony Online Entertainment geführt.

Mit seinem nächsten großen Projekt EverQuest Next will man sich nämlich komplett vom klassischen Themepark-Konzept lösen und lieber gleich “das größte Sandbox-Style-MMO aller Zeiten” entwerfen. Man habe die typischen Questaufgaben satt, erklärte Firmenchef John Smedley, lobte die Kreativität eines EVE Online, kritisierte im gleichen Atemzug die Studios, die immer wieder den gleichen Inhalt neu verpackt ablieferten und - man höre und staune - verschonte dabei auch nicht das eigene Unternehmen und dessen jüngsten Machwerke.

Damit sei jetzt Schluss, erklärte Smedley. Mit EverQuest habe man einst die Welt verändert und das werde man wieder tun - mit einer völlig neuen Art von Spiel. Das werde man auf dem Fanfest im kommenden Jahr erstmals präsentieren. Bis dahin bittet er die MMOG-Fans um Geduld und darum, die Hoffnung nicht aufzugeben.

Lineage 2 - Alte Schule, kein alter Schuh

Vom derzeitigen Zuspruch des totgesagten Konzepts profitiert auch so mancher Titel der alten Schule. Lineage 2 gehört nach wie vor zu den besten und am meisten unterschätzten MMOGs am Markt, denn es hat, was alle jüngeren Titel nicht mehr haben: eine Welt aus einem Guss, ein Marktsystem, Spielerpolitik samt territorialen Kriegen mit tausenden von Spielern, gegen die auch das Welten-PvP in Guild Wars 2 blass und bedeutungslos aussieht.

Warum Lineage 2 dann nie zum großen Erfolg wurde? Weil NCsoft West als Publisher dieses Titels versagt hat und das Spiel hat verhungern lassen. Ohne Werbung, ohne Support und vor allem ohne Gamemaster, die Farmern und Bots das Handwerk legen, wird ein Sandkasten auf Dauer so schmutzig, dass man nicht mehr darin graben möchte. Auf illegalen Privatservern sah das ganz anders aus und so spielten Millionen Fans lieber dort als auf den offiziellen Welten, deren Server obendrein ungünstig in den USA platziert waren.

In den richigen Händen

Mittlerweile hat NCsoft Korea allerdings reagiert, der West-Tochter die Lizenz für Europa entzogen und sie in die Hände von Innova gelegt, einem Publisher, der Lineage 2 seit über vier Jahren erfolgreich für zwei Millionen Spieler in Russland hostet. Bei Innova kennt man den europäischen Markt und hat als erste Amtshandlung gleich mehrere Lokalisierungen vorgenommen.

Darunter auch eine deutsche, die mittlerweile nahezu abgeschlossen ist und in wenigen Tagen in den Start der offenen Betaphase mündet - samt eines komplett neu aufgesetzen deutschen Servers. Der wird, das hat mir die bezaubernde Community Managerin Anna persönlich zugesichert, von morgens bis abends von deutschsprachigen Gamemastern betreut und von Bots sauber gehalten.

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In neuen Händen: Lineage 2.
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Für echte Sandbox-Fans

Diese Empfehlung kommt übrigens von Herzen, denn ich habe Lineage 2 über vier Jahre hinweg mit wachsender Begeisterung gespielt. Ich hätte auch nie damit aufgehört, wenn NCsoft West seinen Job ordentlich erledigt hätte. Das Spiel hat mir mit seiner authentischen, spielergetriebenen Welt regelmäßig intensive Momente beschert, wie sie kein jüngeres MMOG mehr bieten konnte.

Dieser Titel ist auch nach acht Jahren eine der wenigen Alternativen zum etwas schwergängigen EVE Online und mit einem frisch aufgesetzten deutschen Server die derzeit wahrscheinlich interessanteste Beschäftigung für echte Sandbox-Fans, die bereit sind, unter die Oberfläche eines nur auf den ersten Blick altmodischen Titels zu blicken.

Wizardry Online - Permatod verliert den Schrecken

Ebenfalls altmodisch hören sich einige der Game-Mechaniken von Wizardry Online an. Vor allem über den Permatod haben große Teile der Communitys schon im Vorfeld ausgiebig geschimpft. Recht behalten sollten jedoch all jene, die darauf gesetzt hatten, dass die Entwickler ein allzu leichtes endgültiges Ableben zu verhindern wissen.

In der Tat kann man als Geist einen Versuch unternehmen, in den Körper zurückzufahren. Je mehr von seinen weltlichen Gütern man dafür bereit ist zu opfern, desto höher die Chance, dass es gelingt. Misslingt der erste Versuch, weil man möglicherweise zu geizig war, bleibt ein zweiter und letzter übrig. Wer dann mehr an seinen sieben Sachen hängt als am Leben, könnte dann allerdings beides für alle Zeit verlieren.

Die Welt ist grausam, aber spannend

Allzu einfach soll das Spiel dennoch nicht werden, denn die Dungeons gelten als ausgesprochen knackig und verlangen dem Spieler allerhöchste Konzentration ab. Zudem sollte man seine Mitstreiter gut auswählen, denn PvP gehört zum täglichen Geschäft und die Aussicht auf die fremde Ausrüstung führt so manchen Spieler in Versuchung. Dass man durch derartige Untaten allerdings schnell zum Kriminellen und damit selbst zum Gejagten werden kann, versteht sich fast von selbst.

Wizardry Online - New Trailer


Es ist in groben Zügen also das alte, aber geniale Konzept aus Ultima Online, das hier Verwendung findet und für Leben und allerlei zwischenmenschliche Inhalte sorgen soll. Ob und wie das in der Praxis funktioniert, will SOE in der Closed Beta austesten, die am 29. Oktober startet. Allerdings nur in den USA und nicht für Europa, denn hier soll ProSiebenSat1.de für das Publishing zuständig sein.

Dort herrscht jedoch noch seltsame Stille. So mancher europäische Fan würde gerne einen Blick auf die Beta werfen, doch nicht einmal die Webseite des Publishers ist derzeit erreichbar. Kein Wunder also, dass langsam Kritik am Europa-Publisher aufkommt. SOE-Chef John Smedley sieht das derweil noch locker und lädt einfach auf die SOE-Server ein, An den europäischen Partner glaubt er anscheinend schon selber nicht mehr. Na schön - dann spielen wir eben mal wieder bei Sony in den Staaten.

Dragon’s Prophet - Drachen im Sandkasten

Und noch ein Spiel müssen wir dann möglicherweise bei SOE in den USA zocken. Dragon’s Prophet nämlich, für das man sich bei Sony Online Entertainment offensichtlich die Lizenz geangelt hat. Dragon’s Prophet ist ein Sandbox-MMOG mit Drachen, von dem wir in den nächsten Wochen hoffentlich noch mehr hören werden.


Ganz unbekannt ist das Studio hinter dem Drachenkasten übrigens nicht. Die Jungs von Runewaker haben sich mit dem durchaus erfolgreichen Free-To-Play-Titel Runes of Magic ihre ersten Sporen verdient und scheinen seither technisch eine ganze Menge dazugelernt zu haben - zumindest deutet das der aktuelle Trailer an.

Ausblick:

Und weil ihr am Wochenende vermutlich noch mehr zu tun habt als nur Wiped! zu lesen, machen wir an dieser Stelle lieber mal Schluss und verweisen schon jetzt auf die kommende Ausgabe, in der zwei weitere neue Titel vorgestellt werden. Und als sei die Themepark-Fraktion nicht schon gebeutelt genug, wird es sich auch dabei wieder um Sandkasten-MMOGs handeln. Wer hätte vor ein paar Monaten gedacht, dass es mal so kommen würde...

The Elder Scrolls Online - Hinter den Kulissen von Elder Scrolls Online: Studiotour bei Zenimax

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