Noch im letzten Jahr schien es mit dem MMO-Genre immer weiter bergab zu gehen. Ein Titel glich dem anderen, Innovationen musste man mit der Lupe suchen. Statt neue Spiele zu erfinden, wurden Spielkonzepte dreist kopiert und dabei immer weiter verstümmelt. Ein Blick auf aktuelle Entwicklungen offenbart allerdings die eine oder andere hoffnungsvolle Innovation. Es scheint sogar, als sei das unveränderlich geglaubte MMO-Genre dabei sich zu spalten.

Gezählt sind die Tage, in denen sich ein MMO-Fan noch als echter Nerd bezeichnen konnte, als Ausnahmerscheinung, als Randgruppenspieler innerhalb der Randgruppe der Spieler. Und wenn ich früher meinen Fachjournalisten-Umhang abgestreift hatte, konnte ich sicher sein, dass ich in der Welt da draußen nicht weiter von Themen rund um meine Arbeit behelligt wurde.

Ein Spiel wie WoW oder Metin 2

Mittlerweile ist das anders. Und so wurde ich in der vergangenen Woche im Café unfreiwillig Zeuge einer Diskussion zum Thema Computerspiele, die eine Gruppe Studentinnen am Nachbartisch lautstark führte und aus der ich mich nur mit einem gewaltigen Maß an Selbstbeherrschung heraushalten konnte - insbesondere als mein Lieblingsgenre samt namhafter Titel zur Sprache kam.

Eines der Mädels verkündete nämlich, dass sie derzeit The Secret World spiele. Und auf die Frage, was das denn sei, antwortete sie: “Ein MMO - also so etwas wie WoW oder Metin 2”. Um mich nicht noch größeren Qualen auszusetzen, verließ ich schnell das Café und ich hätte dieses Ereignis wohl auch bald verdrängt, wäre da nicht die Kolumne wiped! und deren treue Leser, denen wahrscheinlich schon Ähnliches widerfahren ist.

Wiped! - Die MMO-Woche - Die Ära der Innovationen

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The Secret World: wirklich ein MMO?
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Ein Genre, das keines ist

Nüchtern betrachtet ist es auch gar nicht so einfach, einen jüngeren Titel wie The Secret World mit einem Wort zu beschreiben oder überhaupt in ein Genre zu pressen. Denn die Bezeichnung MMO oder MMOG ist eher eine technische Zuordnung und sagt aus, dass das Spiel online gespielt wird - und weit mehr Spieler gleichzeitig auf einen Server passen, als man das beispielsweise von einem Strategiespiel oder Shooter gewohnt ist.

Und da fast alle Spiele, die bislang als MMO bezeichnet wurden, auch ein irgendwie ähnlich geartetes Spielkonzept hatten und jegliche Innovation missen ließen, wurde diese Bezeichnung eben universal genutzt, um ein relativ junges Genre zu beschreiben. Mittlerweile allerdings hat sich das Angebot gewandelt. Immer mehr Studios scheinen sich darauf zu konzentrieren, etwas Neues zu bieten und manche verlassen dabei sogar hin und wieder die ausgetrampelten Pfade der Standard-MMOs.

Sandpark und Themebox

Generell wird ja bereits in Themepark und Sandbox unterteilt - je nachdem, ob sich der Spieler einer vorgegebenen Route entlang durch das unveränderliche Wunderland bewegt oder ob er selbst die Möglichkeit bekommt, die Umgebung nachhaltig zu beeinflussen - sei es nun durch Zerstörung, Bauvorhaben oder Einfluss auf die Politik der virtuellen Welt.

Doch die Grenzen sind inzwischen längst nicht mehr so eng definiert wie früher. Mittlerweile machen sich Sandbox-Entwickler Gedanken, wie ihre Spiele von gewissen Themepark-Einlagen profitieren könnten und umgekehrt wird so manches Themepark-Spiel in Zukunft mit Elementen aufwarten, die man eher in einem umfangreichen Sandkasten erwartet.

The Secret World - Adventure im MMO-Gewand

Gerade das erwähnte MMO The Secret World weiß hier zu überraschen und hätte man mich in jenem Café gebeten, das Spiel zu beschreiben, ich hätte kein Wort über World of Warcraft verloren - nicht einmal Metin 2 hätte ich erwähnt, das vor allem in Deutschland überraschend oft gespielt wurde und noch immer gespielt wird.

Wenngleich The Secret World der grundsätzlichen Mechanik eines Themeparks zu folgen scheint, entspricht das Skill-System eher einer Sandbox und tief im Herzen des Spiels tickt etwas, das man kaum in einem MMO vermuten würde: ein absolut klassisches Adventure, das sich viel stärker an Funcoms älteren Titeln wie Dreamfall und The Longest Journey orientiert und weniger am hauseigenen MMO Age of Conan, obwohl das immerhin aus der gleichen Engine gezimmert wurde.

The Secret World - The Secret World Beta-Bericht: Unsere ersten Abenteuer als Templer

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Unerwartete Innovation

Herzstück des Titels, und das ist einzigartig bei den MMOs, sind also die vielen Geschichten, die zum Teil über einen Handlungsbogen verkettet sind. Missionen, wie man sie aus herkömmlichen MMOs kennt, gibt es zwar, doch sie machen in Bezug auf die Spielzeit den geringsten Teil aus - sofern der Spieler bereit ist, sich auf den Adventure-Teil des Spiels einzulassen.

Und so betagt die klassischen Adventures auch sein mögen - sie in eine glaubwürdige und doch irgendwie skurrile Onlinewelt einzubetten eröffnet in der Praxis unzählige neue Möglichkeiten und bedeutet gleichzeitig einen gewaltigen Innovationsschub - und den können MMOs wie Abenteuerspiele gleichermaßen gut vertragen.

Der Herr der Ringe Online - hoch zu Ross

Doch Funcom ist längst nicht das einzige Studio, das Innovation ins Genre zu bringen versucht, indem man sich der Ideen herkömmlicher oder älterer Spiele bedient. Turbine geht mit dem betagten Herr der Ringe Online einen ähnlichen Weg und bringt ein Element ins Spiel, das andere MMO-Studios in den letzten Jahren sträflicherweise komplett ignoriert haben: den Kampf hoch zu Ross.

Den gab es sogar schon in Ultime Online, allerdings beschränkten sich die meisten späteren Spiele darauf, Reittiere als spielerisch funktionslose Penisverlängerung und zusätzliche Einnahmequelle herhalten zu lassen. Das Indie-Game Mount & Blade hat dann allerdings bewiesen, wie interessant der Kampf zu Pferde sein kann und spätestens nachdem Turbine die Reiter von Rohan offiziell angekündigt hatte, wusste die Community, was da auf sie zugaloppiert kommen würde.

Natürlich wird der Mounted Combat nach wie vor den Einschränkungen der MMO-Mechanik unterliegen, doch dürfte es dennoch für genügend frischen Wind sorgen, um ausreichend neue und alte Spieler nach Rohan zu locken und gleichzeitig unter Beweis zu stellen, dass sich ein Fünkchen Innovation auch problemlos in einen älteren Titel bringen lässt, ohne gleich dessen komplette Mechanik neu entwickeln zu müssen.


Sevencore - Hoppe, hoppe Reiter
Mit dem gleichen Element will man übrigens auch bei Sevencore punkten, das von gPotato vertrieben wird und im August in die Beta gehen soll - pünktlich zur gamescom. Wie in Rohan soll man auch bei Sevencore vom Rücken der Reittiere und -Geräte aus kämpfen können. Wahlweise kann man auch absteigen und die Mounts für sich kämpfen lassen.

Die muss man natürlich ebenfalls trainieren und so mischt sich obendrein noch eine gewisse Portion von Tamagotchi-Feeling ins Ross-und-Reiter-Spiel. Den Beweis, ob die Umsetzung tatsächlich etwas taugt, bleibt uns gPotato bislang schuldig, doch beim Publisher ist man absolut überzeugt davon, dass Sevencore erfolgreich wird.

Age of Wulin - Konkurrenz für ArcheAge?

Vom gleichen Publisher wie Sevencore, jedoch ungleich vielversprechender ist natürlich Age of Wulin, das weit mehr als nur ein innovatives Element enthält und für ein free-to-play-MMO bemerkenswert ausgereift wirkt. Das Spiel präsentiert sich als skillbasierte Sandboxwelt, in rund 40.000 NPCs in 27 Regionen leben, die sich über 130 Quadratkilometer Fläche erstrecken - perfekt für Leute, die gerne auf Erkundungstour gehen.


Und weil Fläche allein noch kein Grund ist, eine Reise auch anzutreten, haben die Entwickler glatt uralte Karten aus den Geschichtsarchiven gekramt und Orte wie Peking, Suzhou, die Chinesische Mauer sowie andere geschichtsträchtige Orte so virtualisiert, wie sie während der Ming Dynastie ausgesehen haben sollen.

Der Weg ins alte China führt über Irland

Das alles ist dann free to play und wird natürlich garniert mit einer zeitgemäßen Grafik, ordentlichen Animationen und einem freien Kampfsystem. Klingt zu schön, um wahr zu sein? Dachte ich mir auch, bis ich mich mit einer Gildenkollegin unterhalten habe, die den Titel derzeit in China testet und die mir garantiert, dass da etwas Großes auf uns zukommt.

Und weil ich trotz allem noch immer gewisse Zweifel hege und man sich beim Publisher absolut sicher ist, mit den kommenden Titeln ins Schwarze zu treffen, hat man mich doch glatt ins Europa-Hauptquartier nach Irland eingeladen, wo ich mir in der kommenden Woche ein persönliches Bild von der Qualität des Spiels machen werde.

Davon werde ich dann alsbald berichten - und natürlich von den anderen Titeln, die den besagten Funken Innovation enthalten und bei denen man davon ausgehen darf, dass sie spätestens auf der anstehenden gamescom für einigen Wirbel sorgen werden. Diesmal halten die Publisher für Köln auch auf jeden Fall weit mehr Knaller bereit als im vergangenen Jahr, in dem man die Publikumswirkung der Messe im Vorfeld international unterschätzt und die echten Feuerwerke schon zur E3 abgefackelt hatte.