Willkommen im Herbst des MMO-Jahres 2012. Der letzte große Titel wurde vor einem Monat veröffentlicht - der nächste gerade ins kommende Jahr verschoben. Die Winterabende werden für uns Onlinezocker lang und düster und so mancher wird der wachsenden Riege der inaktiven Genre-Fans beitreten, weil es einfach nichts Neues mehr zu spielen gibt. Oder war da nicht noch etwas...?

Richtig - wie konnte ich das nur vergessen! World of Warcraft, die richtungsweisende, epische Onlinewelt des Marktführers Activision Blizzard ist um eine Erweiterung reicher geworden, die Blizzards Mike Morhaime für besonders gehaltvoll hält. Und der muss es ja wissen, immerhin ist er der Präsident - von einigen hundert Angestellten und, nicht zu vergessen, den rund zehn Millionen Bewohnern Azeroths.

Die Nacht der Nächte

Als solcher hat er in den letzten Jahren immer darauf geachtet, dass World of Warcraft weiterhin in aller Munde bleibt, dass einschlägige Versorgungsstellen mitten in der Nacht noch einmal geöffnet werden, um dem hungernden Volke sein täglich Brot zu geben - also virtuell, versteht sich. Und während der getreue Anhänger all sein Gold in die Truhen der Sturmgötter legte, kümmerten sich Morhaimes Special Forces unter dem Oberbefehl der Halbgötter Chuck und Ozzy darum, Abtrünnige wieder auf den rechten Weg zurückzubringen.

Kurz - man wurde von allen Seiten mit Infos, News und Tratsch bombadiert und erwischte sich in der Nacht der Nächte schon mal dabei, dass man auf die Uhr sah und zumindest gedanklich mit einem gelben Ausrufezeichen auf dem Kopf mitten in der großen Prozession vor der Kathedrale des Konsums stand, um sich von der Woge der Begeisterung mitreißen zu lassen.

Wiped! - Die MMO-Woche - Der Wettlauf

alle Bilderstrecken
Im Gegensatz zu ihren natürlichen Artgenossen wissen sich die Pandabären in der aktuellen WoW-Erweiterung gegen Eindringlinge zu wehren.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 28/311/31

Die Ruhe ohne Sturm

Und diesmal? Die Konsumtempel bleiben geschlossen, der Prince of Darkness und sein allmächtiger Freund scheinen untergetaucht und von einer Woge ist nichts zu spüren. Selbst die Medien berichten kaum von der so gehaltvollen vierten Inkarnation von World of Warcraft und spricht man ausgewiesene WoW-Jünger in der Multigaming-Gilde auf Pandas an, bekommt man eher ausweichende Antworten.

Was also, frage nicht nur ich mich, ist mit dem Phänomen World of Warcraft los? Und nicht nur ich frage mich das, sondern auch die Halbgötter der Excel-Tabellen - die allwissenden Analysten. Die haben nämlich gezählt und sind zu einem erschreckenden Ergebnis gekommen. Zwischen 600.000 und 700.000 Pandas haben es in die Regale der Fans geschafft - bei Cataclysm klingelte 2010 die Kasse immerhin noch 3,3 Millionen Mal.

Der nächste Schritt in die falsche Richtung

Und wenngleich diese Zahl nur einen Teil der Wahrheit widerspiegelt, da sie sich lediglich auf verkaufte Packungen und nicht auf digitale Käufe bezieht, bestätigt sie doch, was ich nach unzähligen Gesprächen mit Fans von World of Warcraft schon vermutet hatte: Mit der aktuellen Ausrichtung von WoW mitsamt Pandas und Pokémon-Ideen für Casual-Gamer verabschieden sich mehr Altspieler denn je aus Azeroth.

Der Grund für das Ausbluten ist der gleiche wie bei den meisten anderen MMOs, wenngleich der Prozess bei World of Warcraft allein schon durch die schiere Masse des Franchise viel später eingesetzt hat. Ein Themepark-MMO, das allein auf Story setzt, wird nie genügend Inhalte liefern können, um die Fans dauerhaft im Spiel zu halten und beim Wettlauf zwischen Spielern und Entwicklern, stehen letztere auf verlorenem Posten.

Tausendmal gekauft

Trotz der unglaublichen Umsätze, die Blizzard mit World of Warcraft generiert hat, wurden die Mittel unzureichend, einseitig und schlichtweg falsch eingsetzt. Es ist dem Studio bislang und auch mit dem aktuellen Update nicht gelungen, ein wirkliches Endgame ins Spiel zu bringen. Instanzen, Raids, Mounts und Erfolge sind allenfalls Lückenfüller und keine adequate dauerhafte Beschäftigung für MMO-Veteranen.

Statt die Möglichkeiten der Warcraft-Welt optimal zu nutzen und das Spiel in die Tiefe zu entwickeln, wurde es, wenngleich qualitativ durchaus ansprechend, doch stets nur oberflächlich erweitert. Und wenn man neben den monatlichen Gebühren obendrein auch noch den Kaufpreis zum fünften Mal entrichten soll, fragt man sich angesichts der aktuellen Marktsituation umso mehr, wie blind man bei Activision Blizzard eigentlich sein kann.

Denn blind sollte man in der Branche nicht sein und es wird Zeit, dass Morhaime und Kollegen von ihrem hohen Ross heruntersteigen und sich dessen besinnen, was Blizzard und World of Warcraft einst groß und erfolgreich gemacht hat: die Fähigkeit, den Markt zu beobachten, die besten Ideen zu sammeln und in die eigenen Welten einzubauen. Das Geld dazu hätten sie ja. Noch.

Rift - Spieler haben ein Herz für Pandas

Spätestens seit Starcraft 2, Diablo 3 und der aktuellen Entwicklung von WoW wissen nicht nur die Spieler, dass eigene, neue und bahnbrechende Ideen nicht unbedingt Blizzards Stärke sind. Auch die Konkurrenz hat längst Wind davon bekommen und arbeitet umso eifriger daran, das Quasi-Monopol von Azeroth endgültig zu zerschlagen.

Wiped! - Die MMO-Woche - Der Wettlauf

alle Bilderstrecken
Die Tierschutzorganisation Pandas International zeichnet ein anderes Bild als Blizzard von den seltenen Tieren und bekommt strategisch geschickte Rückendeckung von Trion.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 28/311/31

In der ersten Reihe der Herausforderer steht dabei Trion. Der Publisher, den vor anderthalb Jahren noch kaum jemand kannte, hat sich bei Rift einst selbst an den besten Ideen der Branche gütlich getan. Mittlerweile bringt man aber gehörig frischen Wind und neue Ideen ins Genre ein und scheint jeden Cent, den die treuen Fans einspielen, tatsächlich ins Spiel zu stecken, das im großen Content-Rennen der Theme-Park-Entwickler die Nase ganz weit vorn hat.

Blizzards Versäumnis, Trions Triumpf und der Pandabären Glück

Doch ich muss mich korrigieren. Es wird nicht jeder Cent ins Spiel gesteckt - für jede Vorbestellung der für Mitte November angesetzten Erweiterung von Rift: Storm Legion spendet Trion nämlich einen Dollar an die Organisation Pandas International, die aktiv für den Schutz und das Überleben der gleichnamigen Pelztiere kämpft. Denn die verfügen in ihrem äußerst bedrohten Lebensraum längst nicht über die Wehrhaftigkeit, die ihnen Blizzard in der Welt von Warcraft nachsagt.

Ein genialer Marketing-Streich von Trion, auf den eigentlich die Blizzard-Strategen hätten kommen müssen, allein um ihre Panda-Idee ein wenig durchdachter wirken zu lassen und um jener Ohrfeige des Konkurrenten zu entgehen, die in der Gamer-Community insgesamt gar nicht aggressiv, sondern ausgesprochen amüsant und sympathisch ankommt, bei Blizzard aber umso kräftiger einschlagen dürfte.

Den Rissen auf der Spur

Und auch die Erweiterung von Rift könnte durchaus einschlagen, denn wenn sich Trion einer Sache sicher sein kann, dann ist es die Loyalität der Fans, die sich nicht nur über die Geschwindigkeit freuen, mit der Trion neue Inhalte ins Spiel schaufelt, sondern auch über einen vergleichsweise guten Service.

Es verwundert also kaum, dass Rift von Spielern hin und wieder als “das bessere WoW” bezeichnet wird und ein zweiter Frühling mitten im Weihnachtsgeschäft 2012 scheint durchaus denkbar.

Dabei wissen wir inhaltlich noch nicht viel über die Erweiterung, dürfen allerdings seit dieser Woche davon ausgehen, dass wir den mysteriösen Rissen, die die Welt bedrohen, nicht nur weiter auf die Spur kommen, sondern auch aktiv gegen diejenigen vorgehen dürfen, die sie gezielt steuern und für ihre Zwecke einsetzen. Na - und dann wäre da noch Regulos, dessen Ende man wohl in einem Raid erleben wird.

Rift: Storm Legion - Was der Sturm bringt

Star Wars: The Old Republic - noch schnellere Updates?
Und auch anderorts nimmt man am großen Rennen teil und verkündet für die Zukunft noch regelmäßigere Updates. Das ist auch bitter nötig, denn der aktuelle Patch 1.4 zu Star Wars: The Old Republic wirkt doch ausgesprochen mager und bringt, bis auf eine neue Operation, nur ein paar Kleinigkeiten ins Spiel. Künftig will man dann alle sechs Wochen updaten.

Angesichts der Entlassungen sowie ständiger Verzögerungen bei bisherigen Updates halten die verbliebenen, noch immer brav monatlich zahlenden Fans solche Ankündigungen allerdings für eine Hinhaltetaktik, bis die Umstellung auf Free-To-Play über die Bühne ist.

Eine sonderlich große Motivation, jetzt zu SWTOR zurückzukehren, scheint es bei den meisten Multigaming-Gilden derzeit auf jeden Fall nicht zu geben. BioWare müsste schon mit anderen Kalibern als Patch 1.4 aufwarten, um das Vertrauen der Fans wiederherzustellen.

Star Wars: The Old Republic - Patch 1.4 "Der Schrecken aus der Tiefe"

Stress mit Spielern und Mutterkonzern
Umso härter der Schlag, den das Unternehmen durch das Ausscheiden der Mediziner und Gründerväter Greg Zeschuk und Ray Muzyka zu verkraften hat. Allein diese beiden hätten die Fans versöhnen und den Niedergang der alten Republik möglicherweise aufhalten oder gar umkehren können. Ein MMOG lebt nicht allein von den Inhalten - es lebt auch von den Hoffnungen und dem Vertrauen der Spieler.

Doch der Zug ist jetzt wohl endgültig abgefahren und Trent Oster, selbst ehemaliger Entwickler bei BioWare, scheint auch zu wissen, woran es bei den beiden Chefs gelegen hat. Bei seinem letzten Zusammentreffen habe er schon deren Erschöpfung gespürt und ihnen empfohlen, möglichst schnell auszusteigen - ohne zu ahnen, wie nah er damit schon gelegen habe.

Ursächlich sei dabei nicht nur die Reaktion der Fans auf Mass Effect 3 gewesen, sondern auch die negative Haltung der Spieler von Star Wars: The Old Republic. Doch nicht nur mit denen habe es laut Oster Probleme gegeben - auch der Kampf mit dem Management von Electronic Arts muss insbesondere Ray Muzyka stärker mitgenommen haben als vermutet.

The Secret World - wieder im Rhythmus

Anders als bei vielen Fans der alten Republic ist bei den Anhängern von The Secret World das Vertrauen noch da. Trotz der äußerst schmerzhaften Entlassungswelle scheint sich das norwegische Studio halbwegs schnell neu zu sortieren. Während Martin Bruusgaard längst einen neuen Job in der “seriösen” IT-Branche gefunden hat und Ragnar Tørnquist als Senior Producer abgetreten ist, um sich wieder allein der kreativen Seite des Spiels zu widmen, wurde Joel Bylos vom Lead Content Designer zum neuen Game Director befördert.

Und das dürfte dem Spiel auf keinen Fall zum Nachteil gereichen, denn Bylos war es, der einst die geniale Godslayer-Erweiterung von Age of Conan inhaltlich zu verantworten hatte, die das versemmelte Spiel wieder richtig auf Kurs brachte. Und in den zahlreichen Gesprächen, die ich mit dem Australier führen durfte, schien es stets, als habe er noch einen ganzen Sack voller guter Ideen in der Hinterhand, mit denen er sein Team zu immer neuen Höchstleistungen anspornen könnte.

Quasi als erste Amtshandlung hat Bylos das dritte Update auf die Server geschoben - früher als gedacht - und den ursprünglichen Rhythmus damit wiederhergestellt. Neben zwei umfangreichen neuen Missionen, von denen eine die wohl größte Herausforderung überhaupt in The Secret World werden soll, ist ein Teil des Updates noch gesperrt und wird erst im Laufe des kommenden Monats freigeschaltet, weil es in direktem Zusammenhang mit dem nahenden Halloween stehen soll.

Wiped! - Die MMO-Woche - Der Wettlauf

alle Bilderstrecken
Unser Wiped-Autor im Gespräch mit Joel Bylos. Jener hat jetzt einen neuen Auftrag: Nur mal kurz die Welt retten.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 28/311/31

City of Heroes - We are heroes - this is what we do!

Und während The Secret World trotz des Releas-Debakels in trockenen Tüchern zu sein scheint, geht der Kampf um das Superhelden-MMO City of Heroes weiter. Nach wie vor sind die Spieler nicht bereit, NCsofts Entscheidung hinsichtlich der Abschaltung von Paragon City zu akzeptieren. Über 20.000 Spieler haben die Protestnote bislang unterzeichnet - und täglich kommen mehr dazu.

Und auch im Spiel halten die Spieler seit drei Wochen rund um die Uhr eine Mahnwache im Atlas Park ab und generierten damit erstaunliche 33 Instanzen auf dem Server des betagten Titels, die noch immer offen sind. Eine solche Masse von Spielern, so die Hoffnung der Superhelden, könne ein Publisher wie NCsoft einfach nicht gegen sich aufbringen wollen und man erwarte, dass sich die Entscheidungsträger selbst ins Spiel loggen, um sich vor Ort ein Bild der Situation im Spiel zu machen - sich zumindest das bewegende Video anzuschauen, das man auf die Schnelle produziert hat.

Und tatsächlich könnte das Unternehmen genau damit punkten. Der weitere Betrieb von CoH kostet angesichts der nach wie vor großen Community mit Sicherheit weniger als eine durchschnittliche Werbekampagne für Guild Wars 2 und wäre ungleich wirksamer - zumindest was die Beseitigung der bestehenden Imageprobleme  des Publishers betrifft.

Gewinnstreben statt Verantwortungsbewusstsein

Doch mit derlei vernünftigen Argumenten ist einem Unternehmen, das von Buchhaltern und Controllern geführt wird, nicht beizukommen. Weder werden die NC-Manager einen Superhelden in ihrem eigenen Spiel erstellen, um die Mahnwachen im Atlas Park zu besuchen, noch lesen sie Wiped! oder die Kommentare darunter - dabei könnte genau das dabei helfen, den Markt richtig zu verstehen.

Und trotzdem geben auch wir nicht auf und kämpfen weiterhin Woche für Woche für unser gutes Recht auf eine ordentliche virtuelle Existenz, für bessere Onlinewelten und darum, dass man unser Geld endlich wieder dahin steckt, wo es hingehört: in die Welten, die es generiert haben. Und bevor man eine solche abschaltet, sollte sich ein Publisher absolut sicher sein, dass keiner seiner wichtigsten Investoren mehr auf dem Server wohnt.