Warum sollte man anderen Menschen freiwillig beim Zocken zuschauen, wenn man selbst zur Maus greifen könnte? Eine Frage, die insbesondere Gelegenheitsspieler gerne mal stellen, wenn von Plattformen wie Twitch die Rede ist. Dabei hocken sie selbst regelmäßig vor der Flimmerkiste, wenn der Lieblingsverein oder die Nationalmannschaft über den Rasen toben.

Wiped! - Die MMO-Woche - Die Welt und das Gameplay erklärtEin weiteres Video

Auch wenn manch einer noch zurückhaltend ist, was das passive Zocken betrifft, steht in den Chefetagen der Publisher längst fest: Der Twitch-Effekt ist ein Erfolgsgarant und muss unbedingt genutzt werden. Kaum ist ein Titel in den Early Access eingestiegen, werden große und kleine Streamer angeheuert, die das Spiel über Nacht ins Programm katapultieren sollen – und zwar möglichst in die erste Reihe.

Werde ein Gründer!

Auch ich wurde vor einigen Wochen von einem Community-Manager angeschrieben, der davon überzeugt war, dass ich in Zukunft unbedingt sein nigelnagelneues Game streamen und dafür auch mein etabliertes Programm über den Haufen werfen möchte. Immerhin ist es neuer als das, was ich sonst so streame und ein fettes Gründerpaket gibt es obendrein.

Ein Blick ins Spiel genügte jedoch, um sofort festzustellen, dass ich mit jenem Titel keinen Blumentopf auf Twitch gewinnen würde. Dabei ist relativ unerheblich, ob man als Streamer Spaß am Spiel findet. Viel wichtiger ist, dass das Spielkonzept für Zuschauer geeignet ist. Das herauszufinden, gelingt einem erfahrenen Streamer und seinem Publikum meist schon mit einem einzigen Testlauf.

Wiped! - Die MMO-Woche - Der Twitch-Effekt

alle Bilderstrecken
Weitere Bilder zuWiped! - Die MMO-Woche
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/2Bild 74/751/75
Twitch: Ein Erfolgsgarant?
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Gute Miene zum bösen Spiel

Und doch geben die Publisher nicht auf, buttern Unsummen in Streamer wie LIRIK, der sich jede Stunde, die er den drögen Titel mit dem Vermerk “#sponsored” zockt, ordentlich bezahlen lässt. Immerhin brechen ihm während dieser Zeit die Zuschauerzahlen ein und es ist für einen Streamer beinahe schmerzhaft, permanent so zu tun, als hätte man einen Mordsspaß bei der Sache.

Doch kaum hat der berühmte Streamer mit seinen 20.000 Zuschauern abgeschaltet, verschwindet der Titel auf Twitch auch schon wieder in der Versenkung, mit einer Handvoll Streamern und ein paar Dutzend Zuschauern. So unterhaltsam das Programm auf Twitch auch sein kann - die Community lümmelt sich eben gerne auf der Couch herum, betreibt gepflegt Backseat-Gaming und schaut zu, wie sich andere im Spiel abrackern.

Besser gut geschaut als schlecht gespielt

Kaum einer wird nach dem Stream ins Spiel einloggen, um sich selbst durch die Arena zu schnetzeln. Ganz häufig handelt es sich beim Twitch-Publikum zwar um Gaming-Fans, jedoch nicht um wirklich aktive Spieler. Die Bemühungen der Publisher, sie sind umsonst und das investierte Budget wäre bei den Entwicklungsteams besser aufgehoben als bei LIRIK und Konsorten.

Die sollten von vornherein damit befassen, die Spielmechanik für Zuschauer unterhaltsam zu machen, für Überraschungsmomente und Ausgestaltungsmöglichkeiten im Spielverlauf zu sorgen und für Emotionen. Wenn ein Spiel das nicht hergibt, ist das kein Beinbruch, doch sollte man das dann erkennen und die entsprechenden Konsequenzen ziehen. Gleiches gilt übrigens auch für die Bemühungen mancher Publisher, ihre für derlei Spektakel ungeeignete Spiele mit aller Gewalt im E-Sport unterbringen zu wollen.

Inhaltsverzeichnis:

Inhaltsverzeichnis: