Wenn die Spielerzahlen sinken, müssen die Publisher schon mal in die Trickkiste greifen, um die Umsätze stabil zu halten. Und nichts anderes als ein schmutziger Trick sind die ganzen Kisten, Kästen und Truhen, die man neuerdings in nahezu jedem Spiel vor die Füße geworfen bekommt. Ein scheinbares Glück, zu dem meistens der Schlüssel fehlt.

Vor zehn Jahren war die virtuelle Welt noch in Ordnung. Fand man in der Wildnis eine herrenlose Truhe, schloss man sie auf und freute sich über den mehr oder weniger brauchbaren Inhalt. Ein solches Erlebnis war, je nach Spiel, selten und entsprechend bedeutungsvoll. Heute ist das anders. Truhen sind in den Spielen keine Seltenheit mehr, sondern die Regel und sie sind auch kein Grund zur Freude, sondern ein Ärgernis.

Nur noch eine Truhe...

Denn die Truhen belegen oft das chronisch überfüllte Inventar, die Belohnung, die darin wartet, ist in den meisten Fällen wertlos, die verheißungsvoll beworbenen Schätze so selten wie ein Lottogewinn. Und um nun die Taschen mal wieder aufzuräumen und Gewissheit zu erlangen, ob sich nicht doch noch etwas Brauchbares, hinter den Schlössern findet, kauft man sich eben einen Satz Schlüssel aus dem Shop. Für Echtgeld, versteht sich.

Ein Geschäftsmodell, das jetzt von zwei Psychologen unter die Lupe genommen und als schändlich kritisiert wurde. Denn aus der Verhaltenspsychologie, geben die Experten zu bedenken, sei bekannt, dass ein zufälliges Belohnungssystem, also eines wie die erwähnten Truhen, genau das ist, das die höchstmögliche Suchtwirkung entfaltet.

Wiped! - Die MMO-Woche - Der Schlüssel zum Glück

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Mein Schatz!
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Des Wahnsinns teure Beute

Nachdem man uns also über verschiedene Kanäle im Spiel und auf einschlägigen Seiten darüber informiert hat, welch geniale und wirklich exklusiven Dinge wir in den Truhen finden können, hält man uns die Katze im Sack vor die Nase. Pay-to-loot also, statt des so verrufenen Pay-to-win. Halb so wild, glauben tatsächlich große Teile der Spielerschaft, denn Schlüssel gibt es zum absoluten Spottpreis.

Für die Publisher geht die miese Rechnung auf. Die Hemmschwelle, sich einen Satz Schlüssel zu holen, ist in der Spielerschaft bedeutend niedriger als wenn es darum geht, ein konkretes Item aus dem Shop zu kaufen. Dabei kann es durchaus passieren, dass man ein halbes Vermögen im Shop versenkt, ohne die vermeintlich nahe Belohnung zu kassieren. Und wenn man schon so viel investiert hat, will man auch nicht mit leeren Händen dastehen und kauft fröhlich weiter ein. Auch wenn wir uns der geringen Chance bewusst sind - unser Gehirn macht uns immer wieder einen Strich durch die Rechnung, sagen die Psychologen.

In jedem siebten Ei...

Entsprechend sind die Umsätze der meisten Publisher seit Einführung der Truhen sprunghaft angestiegen, trotz rückläufiger Spielerzahlen. Mittlerweile sind sich auch die großen Häuser nicht mehr zu fein, die Spielerschaft mit den aus Spielhallen bekannten Psychotricks skrupellos abzuzocken. Ob ZeniMax, BioWare oder Blizzard - mittlerweile sind wirklich nahezu alle auf den Zug aufgesprungen.

Ein Zug, mit dem ich gewiss nicht mitfahren werde. Während ich das Geschäftsmodell bei Sammelkartenspielen wie Magic: The Gathering oder Überraschungseiern noch tolerieren kann, verstoßen die Publisher mit dieser Methode gegen eine Ethik und beschädigen die virtuellen Welten derart, dass ich mich nicht mehr dort niederlassen möchte.

Neverwinter - schnell wie der Wind, arm wie eine Kirchenmaus

Aktuellstes Beispiel ist Neverwinter. An sich ein halbwegs annehmbares Themepark-MMO für hin und wieder und laut Pressemeldung mit 15 Millionen Spielern irrsinnig erfolgreich, ist das MMO aufgrund Cryptics Geschäftsgebaren für mich unspielbar geworden. Umso erstaunlicher, mit welcher Überzeugung man aktuell die neue Lockbox bewirbt.

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Wenn es nur jedes siebte Ei wäre, aus dem dieser virtuelle Elch schlüpft. Tatsächlich werden die meisten Neverwinter-Fans, die darauf sitzen, ein kleines Vermögen dafür bezahlt haben.
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Darin unter extrem günstigen Umständen enthalten: Ein funkelnder Elch, der zu den schnellsten Reittieren im Spiel gehört und eine irrsinnige Regeneration mitbringt. Mit der besten Absicht, Neverwinter zu schützen, könnten die Inhalte der Truhen in keine besseren Hände fallen als in unsere, erklärt der Publisher mit blumigen Worten und wünscht uns natürlich viel Glück. Na, vielen Dank auch.

Sea of Thieves - lebensrettende Gelbfrucht

Schatztruhen sind auch ein elementarer Bestandteil von Sea of Thieves, allerdings nach bisherigem Kenntnisstand tatsächlich nur im Spiel und nicht verknüpft mit Mikrotransaktionen. Doch darum geht es im aktuellen Entwicklervideo auch gar nicht nicht. Thema sind vielmehr die unterschiedlichen Gegenstände und Ressourcen.

Sea of Thieves - Developer Talk #14: Ressourcen2 weitere Videos

Während erstere, darunter Eimer zum Wasserschöpfen und Musikinstrumente, unbegrenzt vorhanden sind, sind die Ressourcen immer begrenzt. Dazu gehören Nahrung, mit der sich verlorene Lebenspunkte zurückgewinnen lässt, Munition für die obligatorischen Schusswechsel und Holz für Reparaturen. Dadurch soll das Spiel strategischer und vor allem bedeutsamer werden und die Spieler vor schwierige Entscheidungen stellen, an die man sich hinterher immer wieder zurückerinnern kann. Auf jeden Fall ein richtiger Ansatz.

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