Laut Definition handelt es sich bei einem Rohkrepierer um ein Sprenggeschoss, das schon im Lauf des Geschützes detoniert. Die Auswirkungen, unter anderem der Tod jener, die das Geschütz bedienen, können verheerend sein. Schön und gut, doch was hat unseren Kolumnisten geritten, unsere geschätzte Kolumne mit diesem antiken Wort zu übertiteln?

Unter anderem geht es heute auch im Red Dead Redemption 2. Seht den neuesten Trailer:

Red Dead Redemption 2 - Official Trailer #32 weitere Videos

Wer in seiner Jugend regelmäßig die wundervollen Geschichten von Karl May gelesen hat, wird sich an den Wilden Westen erinnern, als wäre er selbst ein Leben lang dort herumgeritten. Die Geschichten vom Eisenbahnbau, von gierigen Ölprinzen, ehrenvollen Indianern und deren unglaublich hübschen Schwestern, haben mich weit mehr geprägt als Tolkien und seine fußbehaarten Wichtel.

Es könnte alles so einfach sein

Kein Wunder also, dass ich seit jeher davon träume, diese alten Erinnerungen endlich in einer virtuellen Welt aufzufrischen. Eine Welt, in der ich weder Magie zur Hand habe noch Waffen von sonderlich hoher Präzision, dafür drei legendäre Flinten namens Bärentöter, Silberbüchse und Henrystutzen sowie einen ebenso prachtvollen wie ausdauernden Gaul. Denn, wie heißt es so schön, wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd.

Und so karg wie meine Fantasien vom Wilden Westen wären auch die Anforderungen an eine gute Wildwest-Sandbox. Die weite Prärie, hier und da ein paar kleine Siedlungen für Handel und Versorgung, die Möglichkeit, Ackerbau und Viehzucht zu betreiben, zu schmieden, vielleicht nach Gold zu schürfen und Öl.

Rockstar trifft ins Schwarze, nicht ins Herz

Und natürlich der Kampf gegen Banditen, oder jene Indianer die sich gegen die unvermeidbaren, kulturellen Veränderungen stellen. Das ist moralisch grenzwertig, in diese Diskussion wurden wir bereits gezwungen, aber dafür steckt da ordentlich Rollenspielpotential drin. Eigentlich bräuchte es nicht mehr als eine technisch an die heutige Zeit angepasste Wildwest-Version von Ultima Online mit einem Hauch von Lineage 2 und einer Prise EVE Online.

Red Dead Redemption 2 wird auf keinen Fall so. Rockstars Western-Game orientiert sich eher an dem ersten Teil, am Gameplay von GTA, an coolen Geschichten und unglaublichen Protagonisten. RDD wird großartig auf seine Art, das ist abzusehen, aber es ist vorrangig ein Abenteuer für Solisten, wird nicht im Ansatz ins Herz der Online-Gamer treffen.

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Wild West Online - vor die Wand geritten

Genau da lag die große Chance von Wild West Online. Dessen Entwickler ließen schon im vergangenen Jahr durchblicken, dass sie den Durchblick hatten. Sie schoben die Wildwest-Welt in die frühe Alpha und die überwiegende Mehrheit der mutigen Tester war positiv überrascht. Das Konzept stimmte, technisch war man auf dem richtigen Weg und mit ordentlich Eifer und Arbeit könnte aus Wild West Online etwas werden.

Dann erreichte uns im vergangenen April plötzlich die frohe Kunde vom Ende des Early-Access-Programms und vom Release im Mai. Verstehen konnte das damals niemand, denn wie zum Teufel sollte das kleine Team ihren Titel, der wie eine Pre-Alpha-Version spielte, plötzlich veröffentlichen können?

Der große Dreck

Konnte es, tat es auch und ritt das Western-MMO in vollem Gallopp vor die Wand. Bei rund 150 “überwiegend negativen” Bewertungen stocken Statistik und Verkäufe, rund 400 Hartgesottene reiten derzeit noch durch die öde Prärie und es werden stündlich weniger. Von den Entwicklern hört man seit dem Release-Tag kein Wort mehr. Die Kommentarfunktion auf dem YouTube-Kanal des Spiels, ist deaktiviert.

Besteht also doch, entgegen aller Beteuerungen der Entwickler, ein Zusammenhang mit Sergey Titov, dem Mann hinter The WarZ oder Infestation: Survivor Stories? Der Verdacht liegt näher denn je, hatte der Mann doch eine ganz ähnliche Tour schon einmal abgezogen und eine drittklassige Mod mit ordentlich Hype-Getrommel als neues Nonplusultra vermarktet und dann direkt aufgegeben.

Der Rohrkrepierer

Hinter dem Fall könnte durchaus ein System stecken. Denn während die Kosten für die Entwicklung solch halbgarer Spiele kaum der Rede wert sind, verkaufen sich im Laufe der Zeit locker mal 10.000 Exemplare an besonders leichtgläubige und ungeduldige Fans. Bei 30 Dollar pro Kopf für den Einstieg plus diverser Extra-Transaktionen lässt sich mit einer solchen Mogelpackung locker ein halbes Milliönchen Gewinn fahren. Das ist weit mehr, als Sergey Titov mit ehrbarer Entwicklerarbeit in dieser Zeit machen könnte.

Für Titov. sofern der auch tatsächlich hinter Wild West Online steckt, wäre das nun schon der zweite Coup dieser Art innerhalb weniger Jahre. Doch er sollte sich in acht nehmen: Wer regelmäßig mit solchen Rohrkrepierern hantiert, geht ein hohes Risiko ein, dass ihm sein Werkzeug irgendwann um die Ohren fliegt. Auf jeden Fall muss die Community wachsam sein, falls Titov und Kollegen bald den nächsten großen Knaller präsentieren.

Project Genom - ab in die Alpha

Wenigstens darf man davon ausgehen, dass Titov nicht hinter Project Genom steckt, einem anderen Spiel der Marke Mini-MMO, Sci-Fi-Multiplayer-Survival-Game oder wie auch immer man diese Gattung nennen möchte. Denn Project Genom wurde nicht aufgegeben oder über Nacht ins Release geschoben, sondern tatsächlich ordentlich erweitert.

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Nachdem die bisherige Welt nur zehn Quadratkilometer Fläche bot, ist der Spielplatz jetzt 100 Quadratkilometer groß. Das Gameplay wurde komplett überarbeitet und um unzählige Elemente und Mechaniken erweitert. Wer schnell ist, kann sich an diesem Wochenende noch einen Steam-Zugang für unter zehn Euro sichern. Oder man wartet einfach, bis auch dieses Game aus der Alpha entlassen wird - im Gegensatz zu Wild West Online dann hoffentlich weitgehend fertig.

Star Citizen - Vertrag kommt von vertragen

Weitgehend fertig ist Star Citizen auch in seiner aktuellen Form und Version noch nicht. Allerdings zeigt sich langsam, wohin die Reise mal gehen soll und bei noch immer fast drei Millionen Dollar Einnahmen pro Monat während der Alpha-Tests hat es Chris Roberts mit dem Release sicherlich auch nicht so eilig wie Sergey Titov.

Gleichzeitig ist der Erfinder von Wing Commander, neben der Entwicklung von vorverkaufsfähigen Raumvehikeln, damit beschäftigt, seinen Fans regelmäßig einen Überblick über die aktuelle Arbeit zu verschaffen. Schön ist das, weil man als Unterstützer sehen kann, dass gearbeitet wird. Blöd ist das, weil man sich ausrechnen kann, dass es noch Jahre dauern wird, bis Star Citizen mal fertig sein wird.

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Im aktuellen Wochenbericht greift das Team immerhin mal wieder ein Thema auf, das besonders die Fans von persistenten Online- und Sandbox-Welten interessieren dürfte: Verträge zwischen Spielern. Mit denen sollen die von den Entwicklern vorgegebenen Inhalte von Star Citizen erweitert werden. Denn wenn sich zwei Parteien vertraglich auf etwas einigen, zum Beispiel auf eine Lieferung, eine Eskorte, einen Zerstörungsauftrag, mündet das doch in unzählige Szenarien mit ungewissem Ausgang, in Freundschaften, Feindschaften, in wundervolle Kriege.

EVE Online - herzlichen Glückwunsch!

Also doch ein wenig EVE Online in Star Citizen. Schaden wird das sicher nicht. Immerhin hat sich die nerdig-nischige Weltraum-Sandbox, der man zum Release vor exakt 15 Jahren noch keine großen Chancen am Markt eingeräumt hatte, nicht nur ordentlich behauptet - sie ist auch noch zum Marktführer im Sandbox-Bereich avanciert mit kaum ernsthafter Konkurrenz.

Wisst ihr, dass Detroit: Become Human noch diesen Monat auf den Markt kommt? Das sind die Spiele im Mai:

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Und noch etwas ist erstaunlich: CCP hat es geschafft, EVE Online über all die Jahre frisch zu halten und technisch anzupassen. Kein anderes Spiel dieser Generation hat den Sprung in die Zukunft derart unbeschadet überstanden. Grund genug, EVE Online und seinen Fans von ganzem Herzen zu gratulieren. Möge, neben all den PUBGs und Fortenites, auch EVE Online anderen Entwicklern ab und zu mal als gutes Beispiel dienen.