Als die Orks kamen, erloschen die Sterne. Und mit ihnen verschwanden die Sci-Fi-Games vom Markt. Dann allerdings tauchte Chris Roberts aus der Versenkung auf und versprach eine neue Ära der virtuellen Raumfahrt. Für die Community ist klar: Er ist der Sci-Fi-Messias, der sein eigenes Erbe antreten wird. Dabei gehören Wing Commander, Colonel Blair und die Kilrathi mittlerweile ganz anderen. Und die wollen auch ein Stück vom Kuchen.

53 Millionen Crowdfunding-Dollar und kein Ende in Sicht. Während viele Entwickler nur neidisch auf Chris Roberts und sein Star Citizen schauen, krempeln andere die Ärmel hoch und greifen selber in die Tasten. Das Ziel: Dem Altmeister zuvorzukommen und eine Space-Simulation auf den Markt bringen, bevor das robertsche Gigantprojekt fertig wird.

Kleiner Vorsprung, großes Team

Auch wenn der Erfinder von Wing Commander einen kleinen Vorsprung und ein großes Team hat, stehen die Chancen für die Herausforderer gar nicht so schlecht, denn mit all seinen erweiterten Funding-Zielen, mit denen immer neue, bahnbrechende Features ins Spiel kommen sollen, könnte die Fertigstellung von Star Citizen auf den selben Zeitraum fallen wie die des Flughafens Berlin Brandenburg.

Zeit genug also, um den Nachbrenner anzumeißen und direkt das offensichtlich fette Erbe von Wing Commander und Co. anzusteuern. Denn wenngleich Chris Roberts der Schöpfer von Wing Commander ist - rein rechtlich gesehen hat er mit der Kultserie nichts mehr am Hut. Die Rechte daran besitzt, da kann man jeden Genre-Fan fragen, Publisher Electronic Arts.

Wing Commander im Genreschlussverkauf

Doch - wer hätte das gedacht - genau dort liegen sie nicht mehr. Bereits Ende 2013 erwarb ein Unternehmen namens Piranha Games still und heimlich die Rechte an der Gaming-IP. Zu diesem Zeitpunkt war Star Citizen bereits seit einem Jahr angekündigt und stürmte die Crowdfunding-Hitlisten. Das jedoch sei nicht der Grund für den Deal gewesen, so der Creative Director von Piranha - immerhin hätte man schon im Frühjahr 2012 erstmals mit EA über die Rechte verhandelt.

Irgendwann muss man bei Piranha dann aber zu der Erkenntnis gelangt sein, dass ein solch großer Name ein zweischneidiges Schwert ist. Denn ein Name ist in der Branche nur so viel wert wie die Community dahinter - und die ist nicht nur äußerst unversöhnlich, was eventuelles Schindluder betrifft, das man mit Wing Commander treibt, sie unterstützt obendrein mehrheitlich Chris Roberts.

Transverse - oder doch WCO?

Und so entschloss man sich bei Piranha, Wing Commander Online zu Grabe zu tragen, bevor es zu spät sein würde, und dafür einen anderen Titel zu entwickeln - mit gleichem Konzept und anderem Namen. Transverse lautet der, doch der erste Trailer zeigt deutlich, welche Wurzeln dieses Spiel haben wird und welche Stimmung man einzufangen versucht.

Nun wäre das alles ganz wundervoll, wenn dem Spiel nicht eine ordentliche Portion Drama anhaften würde. Piranha ist als Studio nämlich kein unbeschriebenes Blatt. Dort betreibt man seit Jahren MechWarrior Online, eine WarThunder für Mechs und ein Spiel, das weit hinter seinen Erwartungen und vor allem den Versprechungen von Piranha zurückgeblieben ist.

Die IP-Killer

Fans werfen den Entwicklern gar vor, sie hätten die MechWarrior IP zerstört und schickten sich jetzt an, obendrein noch den guten Namen von Wing Commander zu beschmutzen. Entsprechend lehnten sich einige Spieler und anscheinend auch Moderatoren auf der Diskussionsplattform Reddit auf, entzogen dem Publisher die Rechte an der Diskussion zum Spiel und bannten sämtliche Piranha-Mitarbeiter, denen man habhaft werden konnte, von Reddit.

Wiped! - Die MMO-Woche - Colonel Blairs Erben

alle Bilderstreckenalle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/2Bild 1/21/2
Transverse ist noch nicht im Ansatz finanziert und schon gar nicht entwickelt und schon werden dicke Pakete verkauft.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Man werde, so drohen militante Spielergruppen, alles tun, um die Entwicklung von Transverse zu behindern. Entsprechend düster sieht es mit dem Crowdfunding aus, mit dem Piranha als Initialzündung eine halbe Million Dollar sammeln möchte. Und falls das nicht klappen sollte, will man auf anderen Kanälen nach Investoren suchen. Und spätestens dann dürfte aus Transverse wieder Wing Commander Online werden.

Seldon Crisis - die nächste Krise kommt bestimmt

Und Piranha ist nicht das einzige Studio, das gerne die Wing Commander dieser Welt für sich vereinnahmen würde. Aktuell versucht auch ein Titel namens Seldon Crisis auf der bekannten Crowdfunding-Seite durchzustarten. Helfen soll dabei ein Trailer, der vor allem aber offenbart, dass den Entwicklern zumindest beim Design der Raumschiffe wirklich keine Marke heilig ist.

Ähnlich wie bei Transverse scheint jedoch auch Seldon Crisis von ähnlichen Problemen geplagt. Vor allem ist es eine höchst kritische und zweifelnde Community, die einfach nicht daran glauben möchte, dass ein unbekanntes Studio mal eben so das “größte Sandbox-Universum aller Zeiten” aus dem Boden stampft, nur weil ein “junges, frisches, unkonventionelles und dynamisches” Team aus “Branchenspezialisten und Enthusiasten” daran arbeitet.

Beyond Sol - hinter dem Mond

Und wenn man es als Entwickler mit der Dreidimensionalität im Weltraum nicht so recht drauf hat, hilft vielleicht eine Rolle rückwärts - in die 80er Jahre, in denen die Spielerschaft in dieser Hinsicht bedeutend niedrigere Ansprüche hatte. Und das muss nicht unbedingt so schlecht sein, wie es zuerst mal klingen mag.

Beyond Sol macht den Spielerzum Privateer, zum unabhänigen Schiffseigner, der durch ein gerade neu kolonisiertes Sonnensystem jettet, auf der Suche nach Feinden, Ruhm und Reichtum. Und was den Sandbox-Charakter des Spiels betrifft, so hat die antiquierte Steuerung möglichweise Vorteile, lässt sie die Ziele der Entwickler, den Spieler irgendwann mal epische orbitale Städte und Großkampfschiffe bauen zu lassen, nicht ganz so unerreichbar scheinen wie bei den vorher genannten Titeln.

Lasst das mal die Papas machen!

Und doch möchte ich ein paar Worte an die Entwickler dort draußen loswerden: Um der alten Tage und eurer Nerven und Finanzen willen - lasst bitte für ein Weilchen die Finger von Space-Simulationen jedweder Art. Mit Chris Roberts und David Braben arbeiten derzeit gleich zwei Koryphäen an zwei wirklich großartig konzeptionierten Titeln.

Star Citizen wird die Messlatte für atemberaubende Cockpit-Action derart hoch hängen, dass da kein Indie-Studio der Welt auch nur im Ansatz mithalten können wird. Gleichzeitig sorgt Superbrain Braben mit seinen cleveren Entwicklertools dafür, dass wir eine virtuelle Milchstraße bereisen dürfen, die fast so groß ist wie ihre Vorlage - samt dynamischem Sandbox-Wirtschaftssystem.

Schweine im Weltall

Für die Fans sind Braben und Roberts Halbgötter. Sie kennen und schätzen sich, sie stehen in Kontakt. Und jeder hat das Projekt des anderen mit unterstützt, so wie einige Fans beide Projekte unterstützt haben. Doch damit ist der Kuchen vorerst gegessen. Bis zumindest einer der beiden Titel erschienen ist, ist das Potential, was die Bereitschaft der Spieler auf Kickstarter betrifft, komplett erschöpft.

Ich weiß ja, dass es verlockend ist, in eine Richtung zu entwickeln, die gerade angesagt ist, gerade in unserer Branche. Doch in einigen Monaten werden sich die Spieler nach Orks, Elfen und festem, bewaldetem Boden unter den virtuellen Füßen sehnen. In der Landwirtschaft bezeichnet man dieses Phänomen als Schweinezyklus.

Der Bauer, der mit der Schweinezucht beginnt, wenn die Preise für Fleisch gerade hoch sind, wird mit seinen Ferkeln wieder mal zu spät sein. Und jenes schlaue Bäuerlein, das den Zyklus erkennt und nutzt, macht den großen Reibach. Chris Roberts und David Braben waren diese schlauen Bäuerlein. Sie haben geduldig auf den richtigen Zeitpunkt gewartet, um ihre Projekte zu starten. Und wer in den nächsten Monaten noch mit einer Space-Sim um die Ecke kommt, dem ist nicht mehr zu helfen.

Notch weiß: Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist

Ob nun zufällig oder gezielt - mit EverQuest Next, Landmark und H1Z1 wird SOE aller Voraussicht nach terminlich ins Schwarze treffen und die ganzen Weltraumbummler mit der dringend nötigen Portion Innovation wieder zurück auf den Boden holen. Landmark macht aktuell sichtbare Fortschritte, hat mittlerweile auch PvP im Spiel.

Und die Spieler sorgen nicht nur für frühe Einnahmen, die bei der Finanzierung des mutmaßlich teuren Projekts helfen - sie basteln auch fleißig an Content für das eigentliche Spiel EverQest Next. Hätte Microsoft etwas näher verfolgt, was in der MMOG-Branche gerade so läuft, dann hätte man sich auf Notchs Angebot kaum eingelassen.

Von Höhlen und Bären

Zwei Milliarden für Minecraft hätten vor ein, zwei Jahren vielleicht Sinn gemacht. Heute allerdings steht ein halbes Dutzend weit besserer Baukästen in den Startlöchern. Notch ist nach wie vor leidenschaftlicher Gamer und informiert sich über das, was in der Branche so läuft. Er hat erkannt, was da alles auf Minecraft zukommt - Schweinezyklus und so.

Weniger um Schweine als um Bären geht es in den jüngsten Berichten zu H1Z1. Ein Bär, so hörte man auf der vergangenen PAX Prime, sei gefährlicher als Zombies und Ganker zusammen. Und das wäre er kaum, würde er dumm in der virtuellen Weltgeschichte herumstehen, bis ein Spieler auf die Idee kommt, ihn anzugreifen.

Spawnzeiten waren gestern

In H1Z1 bekommt, so habe ich aktuell gelernt, die Wildnis eine KI verpasst, die es in sich hat. Zwar bietet die Fauna alles, was man als Spieler zum Überleben benötigt - insbesondere lecker Rehbraten - doch steht man als Mensch nach der Zombieapokalypse nicht mehr am oberen Ende der Nahrungskette, sondern eher am unteren. Und wer nun glaubt, das Reh am Waldrand sei leichte Beute, sollte sich vorher vergewissern, dass er nicht selber gerade auf dem Speiseplan eines Wolfes oder eben Bären steht.

Einem Bären in H1Z1 kann man nicht entkommen. Er läuft und greift in genau der Geschwindigkeit und Wucht an, in der es auch ein Bär in den kanadischen Wäldern täte. Wölfe, Bären und all das andere Getier führen eine Art Eigenleben, durchkreuzen die Welt. Immer auf der Suche nach Nahrung fallen sie über alles her, was schwächer scheint - nicht nur über Spieler.

Letztere sollte also, wenn er Zeuge eines solchen Kampfes wird, die Gunst der Stunde und seiner Intelligenz nutzen und der lachende Dritte sein, denn schon kündigt Sony Online Entertainment den nächsten Schritt für H1Z1 an: Regen und Schnee werden den Spieler leiden lassen, wenn er nicht ordentlich gekleidet ist. Und was böte sich da geeigneteres an als die kuscheligen Pelze von Meister Petz und Isegrim, mit denen sich Überlebenschancen und Körperwerte verbessern lassen.

Das Leben ist kein Ponyhof

Von letzteren gibt es übrigens gleich vier. Wer laufen und angreifen will, braucht Ausdauer. Die regeneriert zwar in einer Ruhephase recht fix, zehrt dabei jedoch gleichzeitig an den körpereigenen Fett- und Wasservorräten. Wer die wieder aufladen möchte, muss logischerweise Nahrung und Wasser zu sich nehmen - die auch entscheidend für die gesundheitliche Verfassung sind.

Und wer nun glaubt, er könnte sich einfach den Rucksack vollstopfen, wie von einem typischen MMOG gewohnt, der unterschätzt die sadistische Neigung der SOEler. Die experimentieren derzeit damit, die Tragfähigkeit des Charakters mit ins Spiel zu bringen, um den alltäglichen Überlebenskampf um ein weiteres Element zu bereichern. Ach ja - und die beste Nachricht: H1Z1 soll definitiv noch in diesem Jahr in den Early-Access gehen.

Ausblick

In dieser Hinsicht sind wir derzeit ohnehin recht gut bestückt und bisweilen weiß ich gar nicht, wo ich zuerst einloggen soll. Auf meiner Platte tummeln sich neben Star Citizen und Elite: Dangerous auch EverQuest Next Landmark, Pathfinder Online und Albion Online, das aktuell in die geschlossene Beta startet.

Und dann wäre da natürlich noch ArcheAge, dessen Frühstart soeben geglückt ist. Zumindest für mich, habe ich es doch tatsächlich geschafft, die Wartezeit zu überwinden und meinen bevorzugten und stets begehrten “November” auf dem Euro-Server Kyprosa zu sichern. Und genau dort werde ich mich jetzt hinbegeben. Ihr wisst also, wo ihr mich bis zum kommenden Samstag findet.