Man stelle sich das so vor: An der Tür von gamona klingelt es - der Postmann. „Das muss ein echter Spielekracher sein. ‚Assassin’s Crysis of Burning Unreal’ oder so Zeugs“, meint die Chefredaktion noch aus der hinteren Ecke, während die Tester in vorfreudiger Erwartung längst geschlossen vor der Tür kauern und Grunzgeräusche von sich geben, die selbst Gina Wild zu ihren besten Zeiten die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätten.

Sie reißen, beißen, prügeln, schubsen. Bis der verschwitzte Sieger endlich das vermeintliche „Über-Rockz0r-Game“ aus der Packung schält. Dann die Schreckensnachricht: „Herzlichen Glückwunsch! Sie bekommen ein Baby!“ Was? Die kommen jetzt auch schon per Post? Panik! Wild kreischende Männer laufen durcheinander, angsterfüllte Wortfetzen wie „Nicht noch eins!“ oder „Woher soll ich die Alimente bezahlen“ schallen durch den Raum, unser leitender Redakteur Matthias steigt bereits auf den nahen Fenstersims. „Ruhe“, ruft Kollege Timo, „es ist nur ein DS-Spiel!“ Gott sei Dank… oder etwa nicht?

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Das Leben eines Spieleredakteurs ist selten ein Zuckerschlecken: Hochkarätige Games wie World of Warcraft, Crysis oder Mass Effect trudeln nur alle Jubeljahre in der Redaktion ein – stattdessen ist der harte Alltag eines Spieletesters von Casual Games gepflastert. Eingefleischte Gaming-Veteranen, die zu einem Testbericht von solchen Spielen nicht gezwungen werden, würden verständlicherweise niemals einen Blick über den Tellerrand wagen. Um euch dennoch in den Genuss der kuriosesten Spieletrends kommen zu lassen, habe ich aus einer schier unendlich großen Liste von Casual Games einige der wichtigsten „Spiele für zwischendurch“ herausgesucht.

Neue Fähigkeiten braucht der Mensch!

In absehbarer Zeit wird die Welt vor Gehirnchirurgen, Quantenphysikern, Spieleredakteuren und anderen Intelligenzbestien nur so wimmeln. Dies legt zumindest der Verkaufserfolg von Titeln wie „Gehirn-Jogging“ und „Logik-Coach“ nahe, die Intelligenzquotienten im vierstelligen Bereich und graue Zellen mit eingebautem Nachbrenner versprechen.

Windeln wechseln, Pferde striegeln - Windeln wechseln, Pferde striegeln – Spiele, die die Welt nicht braucht

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Volle Power: Dank Edutainment werden Universitäten in Zukunft überflüssig sein.
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Doch im Fahrwasser solcher Spiele zum Aneignen mentaler Leistungen im Höhenrausch besteht der neueste Trend in der Edutainmentbranche darin, dem Spieler Fähigkeiten zu versprechen, die dieser überhaupt nicht braucht – was die meisten aber nicht vom Kauf abhält. Allein das DS-Spiel „Augentraining“ blieb mehrere Wochen lang in den Verkaufscharts - den effektiven Nutzen dieses Spiels erkennen seine Käufer aber trotz angeblich gesteigerter Sehstärke vermutlich nicht mal mit der Lupe. Anstatt dafür mehrere Scheine hinzublättern, sollte man eher die kostenlose Variante in Angriff nehmen, indem man sich quer neben die Schnellstraße stellt und anfängt, Autos zu zählen.

Ein weiteres Beispiel für ein Game, das die Menschheit nicht braucht, ist „Rechts oder Links – Ambidextrous Challenge“. Auf der Verpackung steht, dass dies „das erste Videospiel , in dem sowohl die linke, als auch die rechte Gehirnhälfte trainiert wird“ – somit kann man in kurzer Zeit „ein perfekter Beidhänder“ werden.

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"Endlich kann ich mich auch mit der rechten Hand an der Stirn kratzen."
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Von den Aufgaben in „Rechts oder Links“ kriegt man jedoch statt der erhofften Superkräfte allenfalls einen Drehwurm: „Tippe nacheinander die farbigen Kreise an“, „tippe nacheinander die sich bewegenden farbigen Kreise an“ oder „verbinde die farbigen Kreise miteinander“. Wie kann man mit solchen sinnlosen Spielelementen denn bitte die Fähigkeiten seiner Hände verbessern?

Wer sich die 30 Euro sparen möchte, darf auch hier wieder zur kostenlosen Variante greifen: Schaut ein paar Minuten lang in eine 50 Watt starke Halogenlampe und versucht anschließend, die sich bewegenden Kreise mit euren Händen zu greifen. Für abwechslungsreichere Spielerlebnisse sorgen unterschiedliche Halogenfarben.

Verlieren die Entwickler so langsam jeglichen Bezug zur Realität, oder sind wir alle Opfer einer großangelegten Verschwörung zum Austesten unserer Gutgläubigkeit? Denn selbst wenn ein Spiel die Reaktionsgeschwindigkeit meiner ungeübten Hand verbessern würde, so verstehe ich nicht so recht den Nutzen des Spiels. Soll ich als Rechtshänder denn von einem Tag zum anderen meine Schreibkünste auf die linke Hand verlagern? Selbst wenn das funktionieren würde: Was würde ich denn davon haben? Zumal der typische Zocker - jung, männlich und sexuell unterdurchschnittlich aktiv - aus langjähriger Erfahrung am Besten weiß, dass er zur Verrichtung der wichtigsten Tätigkeit auch mit einer Hand zurechtkommt…

Frieden, Liebe und Glückseligkeit in Tierspielen

Nach meiner wochenlangen Spielerfahrung mit Casual Games kann ich Eines ganz gewiss sagen: Tierspiele sind ein fabelhaftes Auffangbecken für gescheiterte Hardcore-Gamer! Welcher Spieler kennt nicht das Gefühl der Frustration und Wut, das beim Versagen in Action-Shootern oder Strategiespielen nach dem zehnten Versuch aufkommt?

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Friede, Freude, Hundekuchen: In der Welt der Tiere ist noch alles in Ordnung.
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Beim Konsumieren von Tierspielen schüttet der Körper hingegen permanent Glückshormone aus, sodass sich dauerhafte Zufriedenheit einstellt. Selbst wenn man sich noch so ungeschickt bei der Tiererziehung anstellt, bei seinen Aufgaben kann man einfach nicht scheitern, geschweige denn sterben! Wer sich allerdings ernsthaft länger als eine halbe Stunde mit solchen Spielen beschäftigt, sollte sich schon einmal auf einen Besuch der Männer mit der weißen Jacke einstellen, da der Spieler nach erhöhtem Konsum von Tierabenteuern Gefahr läuft, sich im Land der putzigen singenden und tanzenden Knuffelbärchen wiederzufinden.

Die Aufgabenfelder sind so umfangreich wie simpel und redundant zugleich: Egal, ob man das Tier säubern, streicheln oder striegeln will – ein ums andere Mal muss der der Spieler die gleichen rubbelartigen Bewegungen auf dem Touchscreen vollbringen. Gibt man seinem Liebling etwas zu essen, so zieht man den Fraß einfach vor dessen Gesicht. Diese Arbeitsschritte wiederholt man so lange, bis sich die Beziehungsanzeige des Tieres komplett gefüllt hat – im Anschluss daran kann man sich frohen Mutes dem nächsten Tier zuwenden.

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Statt Loot droppen hier höchstens Pferdeäpfel...
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Noch innovativer als das Gameplay sind die kreativen Spieltitel, die sich die Entwickler vermutlich im Vollrausch ausdenken. So würde man hinter dem Namen „Wild & frei – Abenteuer Pferderücken“ vermutlich eher eine semiprofessionelle Pornoproduktion für Freunde unsittlicher Sexualpraktiken vermuten, statt familienfreundlichem Entertainment. Glücklicherweise findet man im Spielrepertoire dann aber anstelle von Folterutensilien nur haufenweise Striegelbürsten und Satteltaschen wieder.

Stupide geht’s weiter mit „Abenteuer auf dem Reiterhof – Die Pferdeflüsterin“, dessen großer Erfolg den Weg für den Nachfolger „Abenteuer auf dem Reiterhof – Wiedersehen im Tal“ ebnete. Mir kommt angesichts solcher Titel eher „Abenteuer in der Pferdemetzgerei – Hier geht es um die Wurst“ in den Sinn. Wer dann so langsam von Games rund um das Gestüt die Schnauze voll hat, kann anschließend in „Mein Freund der Delfin“ oder „Abenteuer auf der Delfininsel“ lustige Dinge erleben, bis der Thunfischdampfer kommt. Egal mit welchem Tierspiel es der Gamer zu tun hat, man trifft stets auf dasselbe unterirdische Gameplay mit der immergleichen rotzhässlichen Grafik.

Die wahren Vorzüge des Singlelebens

Sie ist jung, reich, berühmt und hat Fans, die ihre Autogramme haben wollen. Sie genießt ihr Leben in einem imposanten Villenhaus, treibt sich bei Nacht in coolen Diskotheken herum und wickelt im Vorbeilaufen sämtliche Männer um den Finger. Doch plötzlich kommt der große Dämpfer– sie hat das alles nur geträumt!

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Immer hat man Ärger mit den Nachbarn...
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Während sich die halbnackte Dame aus „Miami Nights – Singles in the City“ noch im Bett herumräkelt, schneit ein ominöser Nachbar in ihr Zimmer rein: „Guten Morgen, Schlafmütze! Ich bin dein Nachbar. Ich bin hier, um dir zu helfen.“ Anstatt den notgeilen Typen wieder hochkant herauszuschmeißen, lässt sie gemeinsam mit ihm ihren gestrigen Blackout Revue passieren. Im nächsten Moment befiehlt er dem Partygirl: „Wie dem auch sei, Schluss mit dem Geplapper! Geh dich jetzt duschen!“ Man merkt: Der Herr Nachbar hat die Hosen an. Während unsere Protagonistin selbige auszieht, denkt der geile Bock von nebenan nicht mal daran, das Zimmer zu verlassen und schaut seelenruhig dabei zu, wie sie sich umzieht, duscht und auf die Toilette geht. Ach, wenn’s für uns Männer doch immer so einfach wäre!

Abgesehen von den inhaltlichen Patzern und den logischen Luftlöchern, die sie hinterlassen, erwecken solche Spiele bei der Zielgruppe eine völlig falsche, wenn nicht gar gefährliche Erwartungshaltung gegenüber dem weiblichen Geschlecht. Wer eine Frau in der Virtualität per Mausklick in seine Falle befördert, dürfte sich nach kürzester Zeit wieder deprimiert in sein Loch verkriechen, wenn er merkt, dass in der Wirklichkeit ein Phänomen namens Emanzipation Einzug gehalten hat und wir nicht mehr in der Steinzeit leben.

Der Blick in die Kristallkugel

Es ist doch immer wieder überraschend, mit welchen sinnfreien Spielideen die Entwickler den Casual Gamer ein ums andere Mal zum Kauf ihrer Produkte bringen. Auf welche Spieltitel dürfen wir uns denn noch gefasst machen? Wird Dr. Kawashima bald durch „Dr. Shiwagos: Mehr Nasenbohrtraining für Fortgeschrittene“ abgelöst? Können sich Models demnächst auch auf „Mein Bulimie-Manager – kotz dich schlank“ freuen? Dürfen Drogenabhängige bald auf die Hilfe von „Mein Entzugscoach“ hoffen? Werden uns im Tierspielgenre auch weiterhin anstößige Titel wie „Freizeitspaß Tierpark – gefesselte Tiere sind dir hörig!“ beglücken? Wir können gespannt bleiben!