Nach und nach überrollt uns die Fiktion. Wie Cypher in Matrix empfinden wir unsere Unwissenheit als Segen und tauschen die Schmerzen der Realität gegen die perfekte Simulation ein. Statt an der frischen Luft Filzkugeln zu dreschen, schlagen wir weiße Fernbedienungen vor die Wohnzimmerlampe. Wir rumpeln nicht mehr über die Kartbahn, sondern knipsen die Xbox an. Und Vorlesen üben wir nicht mehr mit Büchern, sondern »Dr. Kawashima's Brain Training«.

Trotzdem gibt es immer wieder Zeitgenossen, die uns mit Sprüchen des Kalibers »Öfters mal wieder rausgehen!« belästigen. Warum nur? In einem Kräfte zehrenden Selbsttest versuchte ich herauszufinden, was an dieser so genannten »Wirklichkeit« tatsächlich dran ist.

Ort des Experiments: ein Golfplatz in den Untiefen Nordhessens. Ursprünglicher Auslöser war die Idee, man solle besser in Realität kennen, worüber man bezüglich Spielen schreibt. Zugegebenermaßen würde ich jedem Tester von WWII-Titeln verzeihen, wenn er nicht 1944 selbst im Panzer über die Ardennen gerumpelt wäre. Auch Tester von Weltraum-Simulationen müssen für mich nicht zwingend aus dem näheren Umfeld der Beteigeuze stammen. Aber wenn man schon über Tiger Woods und die Präzision seiner Knüppeleien nörgelt, sollte man meines Erachtens selbst wenigstens einmal in seinem Leben ein Eisen geschwungen haben.

Wii vs. Life - Wii vs. Life – Bewegungsspastiker auf dem Golfplatz

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Nike vs. Wernesgrüner, Tiger Woods vs. VS.
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In Vorbereitung für diesen Einsatz in der kulturellen Fremde ließ ich mich von einem guten Freund beraten, der den RL-Altherrensport in Tweedhose bereits seit einiger Zeit betreibt. Und, ohne die Krämerseele geben zu wollen, stellte ich dabei fest: So elitär wie sein Ruf ist das Ganze tatsächlich nicht. Mit einem Billigschlägerset zu 129 € ausgerüstet, hatte ich bereits das gesamte für meine Mission benötigte Equipment erworben. Mit der flugs hervor gekramten Wernesgrüner Schirmmütze schoss ich sogar schon übers Ziel hinaus, weil ich verblüffend nach gesponsertem Profi aussah (zumindest bis zum ersten Schlag).

Für eine Wii mit entsprechendem Spiel hätte ich zu diesem Zeitpunkt schon weit mehr als das Doppelte hinblättern müssen. Zugegeben 100 »frisch auf deutschen Golfplätzen gesammelte« Lakeballs gehörten auch noch zu meinem Startpaket. Aber die gab es hehlereiverdächtig günstig bei ebay. Finanziell stand es also 1:0 für die Realität.

Um zwischen der Grauen-Panther-Fraktion auf dem Grün nicht den hoffnungslosen Frührentner mimen zu müssen, erinnerte ich mich an Robert Rankins "Brentford Triologie" - einem verkappten Lehrbuch zum Thema Cross Golfing. Unter Letzterem sollte man sich übrigens weniger Bernhard Langer im Ballkleid vorstellen als Ballprügel jenseits der Bikinigrenze. Sprich: ein Terrain rougher als der roughste Sandbunker. Das Spiel geht über Feldwege und durchs Buschwerk. Hauptaufgabe ist, den Ball im Auge zu behalten, die Hauptsorge, ihn nicht arglosen Wanderern in eben jenes zu schießen.

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Zum Abschuss freigegeben: die Zuschauer.
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Ich war der Meinung, wer sich derart stählte, für den hielte ein gepflegter Fairway keinen Schrecken bereit. Dann musste ich jedoch feststellen, dass ich in der Wildnis des Schwalm-Eder-Kreises aufgrund abhanden gekommenen Equipments die meiste Zeit mit der aufmerksamen Inspektion der umliegenden Flora verbrachte. Bereits nach wenigen Stunden lernte ich den Unterschied zwischen Schlehen und Felsenbirnen kennen (Tipp: eine von beiden hat Dornen). Mit »Tiger Woods« verband mich nach wie vor nicht mehr als das Schleichen durchs Unterholz. Soviel Schmerzen bereitete mir weder Wii noch PS3. Daher Anschlusstreffer für die Simulation: 1:1.

Weil zugegebenermaßen auch unsere Konsolen nicht zu Waldspaziergängen mit Schlägern einladen, musste ich für einen fairen Vergleich entgegen des ursprünglichen Plans nun also doch die erwählten Kreise der Vereinsgolfer stören. Um genau zu sein: deren Driving Range aufsuchen. Denn im Gegensatz zum eigentlichen Platz lassen die würdigen, Stock schwingenden Greise auf Letztere bereits jeden, der über die ausreichende Anzahl Arme und den Eintrittspreis verfügt. Für einen mit zehn linken Daumen und neun rechten Zehen geborenen Körperkulturkritiker wie mich ein nicht zu unterschätzender Vorteil.

Meine zur seelischen Unterstützung mitgebrachten Freunde und ich entfalteten uns also aus unserem Lupo und trabten entlang der BMW- und Mercedes-Reihen zum cafeartigen Vorplatz der Lokalität. Etwas verunsichert, ob Chucks und Karstadt-Schläger hier wie das Äquivalent eines Gameboy Color auf einer LAN-Party wirkten, hoffte ich wenigstens auf die standesgemäße Abwesenheit eines südländischen Hünen, der uns mit »Du kommss hia ned rein« zurückschickte. Tatsächlich schafften wir es ohne nennenswerte, personelle Verluste durch die Reihen der Cappuccino und in einem Fall Weißbier trinkenden »Leistungssportler«. Selbst wenn der Grund hierfür nur gewesen sein mag, dass sich kaum jemand freiwillig kurzhaarigen Jungmenschen in den Weg stellt, wenn diese mit einem Sack voller Metallschläger ausgerüstet sind.

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Unmittelbar einsichtig: Computer-Golf hat gegenüber der RL-Variante die Nase vorn.
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Von der passierten »Crowd« konnte sich jedenfalls EA eine Scheibe abschneiden. Links der sächsische Versicherungsfachwirt, der so lange den Begriff »Golf« (phonetisch: »Gölf«) in sein Handy brüllte, bis die bemitleidenswerte Person am anderen Ende seinen derzeitigen Aufenthaltsort unzweifelhaft begriffen hatte. Ihn beobachtete pikiert ein Knickerbockerträger, der seinem Unmut Luft verschaffte, indem er nur vermeintlich an seine Frau adressiert die gesamte Umgebung ins Verhältnis zu seinem Vehikel setzte (»Für den Preis bekommt man nicht mal einen Reifen für den Bentley!«).

Beim nordhessischen Klischeewettbewerb hätte er sich allein deswegen mit Platz 2 begnügen müssen, weil er einen auf dem Nobelrennrad heran geradelten Vereinskollegen in Leberwurst-Neopren-Look unartig wie deutlich vernehmbar mit »Sexmachine« titulierte. Mit derart überzeichneten Charakteren holte die Wirklichkeit merklich gegenüber der »Tiger Woods 2007 Zombie Crew« auf: Zwei zu eins.

Bei den Abschlagsflächen angekommen, nahm dann jedoch das eigentliche Debakel seinen Lauf. Während wir in kurzen Hosen und T-Shirts die Sonnenplätze belegten, übten die älteren Herrschaften ihre Schläge in drolligen, windgeschützten Holzhütten - zumindest unser Anblick blieb ihnen also erspart. Da auch noch so intensives Training mit der Wiimote keinerlei Vorteile beim Verdreschen der realen, runden Kunststoffmonster bringt, waren bei uns deutliches Fluchen (des Schlagenden) und hämisches Johlen (aller anderen) an der Tagesordnung. Ein Freund proklamierte lautstark, dass er diese verdammte Aktivität ohne ein Bier keine weitere Minute ertragen würde - es war 11:30 Uhr. Ich meinte aus der uns am nächsten gelegenen Kabine das erste verzweifelte Japsen zu vernehmen.

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Was bringt das Wii-Training für die Praxis?
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Zwar hatte ich genauso wenig Ahnung von dem Ganzen wie alle anderen Beteiligten, was mich jedoch nicht davon abhielt, die in jahrelanger Spielerfahrung gesammelten, klugen Ratschläge zu Fußhaltung, Körperdrehung und Schwungtechnik zum Besten zu geben. Die von meinen Freunden dezent angedeutete Kritik, ich sollte zunächst selbst lernen zehn Meter geradeaus zu schlagen (O-Ton: "Kümmer' dich um deinen eigenen Scheiß"), versuchte ich mit einem Griff zu meinem brandneuen Driver im Keim zu ersticken. Der Wii-Profi zeigt, wie es geht.

Leider verkraftete der Knüppel aus dem Sack den beherzten Einsatz nicht. Sein Kopf war das Teil, was ich an diesem Tag am Weitesten über den Rasen geschossen bekam. Die folgenden Hasstiraden meinerseits waren Tourette-Syndrom verdächtig. Der gesichtslose Vereinsspieler hinter dem Holzverschlag gab derweil ungesunde Geräusche von sich. Allerdings hätte er den Tag wohl ohne ernste psychische Schäden überstanden, hätte nicht eine Freundin im direkten Anschluss in die nur Sekunden weilende Stille verkündet, sie liebte am Golfen, dass man »endlich mal Ruhe« bekäme. Das verzweifelte Schluchzen aus der nahe gelegenen Kabine klingt mir noch immer in den Ohren.

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Ergebnis des Experiments: Sportarten sind eh alle gleich - wie man sieht.
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In Anbetracht dieser nur begrenzt warmherzigen Aufnahme in die Golfer-Community und dem selbst im direkten Wii-Vergleich erheblichen Verschleiß an Equipment muss ich damit der Simulation einen Ausgleich gegenüber der Realität mit einem Endstand von 2:2 bescheinigen. Als ich jedoch zerknirscht das uneindeutige Ergebnis meines Experiments (insbesondere die Konsequenzen übermäßig kraftvoller Spielweise) einem Computer zockenden Bekannten auseinandersetzte, meinte der nachdenklich: »Gab es da nicht mal einen Dokumentarfilm, der bewies, dass Golf und Eishockey sich sehr ähneln?« Wie sich herausstellte, meinte er »Happy Gilmore«.

Damit war die Entscheidung endgültig getroffen. Ganz offensichtlich ist schon heute die Simulation die bessere Wirklichkeit. Denn ignorance is bliss.