Autor: Volker Schütz

Nintendos neuste Konsole ist der feuchte Traum jedes PR-Managers. Das »Kleine Weiße« hat zwar den Look eines - zugegebenermaßen edlen - Toilettensteins und heißt passenderweise Wii. Doch trotz der schlimmsten Namensgebung seit Mitsubishis Offroad-Masturbator »Pajero« (spanisch für »Wichser«), hängt sie Sonys Playstation 3 derzeit in Amerika und Japan mächtig ab.

Der Erfolg ist einem Marketingkonzept geschuldet, das die Wii trotz technischer Genügsamkeit als das Originellste seit Schweineschinken mit Tofugeschmack anpreist. Aber reicht Nintendos Innovationskraft, um langfristig mitzuhalten?

Wii - Big Booty zockt9 weitere Videos

In nicht allzu ferner Vergangenheit berichtete ich von meiner Anfälligkeit gegenüber jeglicher Form von Daddelsucht. Folglich bestand für mich nie ein Fünkchen Hoffnung, dem Sirenenrufen der Wii zu trotzen. Selbst wenn ich mich freiwillig an den Kühlschrank hätte fesseln lassen, früher oder später hätte ich den Weg in die Freiheit und die Spielwarenabteilung meines Vertrauens gefunden. Daher ging ich zur Präventivkapitulation über und schnürte mir zu Weihnachten ein Rundumsorglos-Wii-Zockpaket. Dank starker Akkus und dem Tipp eines Freundes, die Remote-Lautstärke herunter- und Rumble auszustellen, klappt es mittlerweile sogar mit der lang anhaltenden Energieversorgung der Fernbedienung - ganz ohne Joytech Power-Station.

Wii - Wii Free Men – Die Tyrannei konservativen Spieldesigns

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Hässlich wii die Nacht und trotzdem gut: Zelda.
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Wenn ich die winzige Mistkiste also für etwas hasse, dann nur für unzählige, verzockte Stunden, die ich hätte sinnvoller nutzen müssen - zumindest laut meines schlechten Gewissens. Ich habe gebowlt, bis die Arme weh taten, mir bei Raymans tobender Karnickelbrut Bauchmuskelkater gezappelt und beim Baseball mehr als einmal fast die Schulter ausgekugelt. »Zelda« spiele ich nach wie vor mit Begeisterung. Selbst »Super Monkey Ball: Banana Blitz« kann ich nicht einen rudimentären Charme absprechen. Da ich außerdem nie sonderlich auf Grafik versessen war, interessieren mich auch die oft gehörten Unkenrufe über mäßige Spieloptik herzlich wenig. Ich gehöre demzufolge zur Gruppe von Kunden, die den Kauf zu keinem Zeitpunkt bereuten.

Das heißt, wäre nicht mein Blick auf die Liste mit angekündigten Titeln gefallen: »Battalion Wars 2«, »Final Fantasy Crystal Chronicles 2«, »Super Mario Galaxy«, »Mario Party 8«, »Mario Strikers 2«, »Metroid Prime 3«, »Pokemon Battle Revolution«, »Sonic and the secret rings«, »SSX Blur«, »Wario Ware: Smash Bros.«, »Wario Ware: Smooth Moves«, oder auch »Madden NFL 2007«.

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Controller des Satans: Wiimote und Nunchuk.
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Warum diese Games mir die Laune verderben, obwohl sie langen, blaublütigen Ahnenreihen entspringen? Gerade deswegen. Denn es dürfte Einigkeit darüber herrschen, dass die Wii keinerlei Profit aus ihrer Rechenpower schlagen kann. Um nicht zu sagen, man darf sie in dieser Beziehung für eine zu heiß gewaschene Xbox 1 halten - mit feschen Controllern eben. Daraus folgt aber, dass Nintendo zwingend abliefern muss, was uns die Werbung verspricht: einen Spaßwürfel, der selbst Nichtspieler auf Anhieb begeistert und den man sogar auf eine Party mitnehmen kann, ohne als uncool zu gelten.

Nur klappt das sicher nicht mit dem dreißigsten Aufguss einer Football-Simulation oder reanimierten Game-Cube-Pseudostrategietiteln. Damit sich die halbe Leserschaft nicht direkt auf die Füße getreten fühlt: Ich habe gegen keins der obigen Spiele etwas. Ganz im Gegenteil, viele Vorgänger der Genannten zählen zu den Perlen der Spielgeschichte. Nur frage ich mich nach dem Sinn, »revolutionäre« Controller zu entwickeln, um dann aber lediglich Altbewährtes aufzupfropfen.

Wenn etwa die Retro Studios voll Stolz erklären, dass sich »Metroid Prime 3« dank ihrer verfeinerten Steuerung endlich »ähnlich wie ein FPS auf dem PC mit Maus« spielt, fühle ich mich vom Eselkarren überrollt. Wo stünde Pepsi heute, wenn sie in den 90er Jahren mit dem Slogan geworben hätten »Kaum abstoßender als Coke«? Ich will mit einer Konsole einen Mehrwert erzielen, nicht »nahezu« das Ergebnis, das ich mit dem PC schon seit Jahren habe. Aus dem Grund werde ich wohl auch nie mit Browsing auf der Wii warm werden (selbst wenn Projekte wie Viewii helfen mögen). Oder dem Wii-Photo-Channel, wenn ich alle Videos mangels nativ unterstützter Codecs erst konvertieren muss.

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Spiel für wahre Helden: Guitar Hero.
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Electronic Arts' Vizepräsident John Schappert steht hier anscheinend stellvertretend für die Auffassung der Branche. Er zeigt keinerlei Hemmungen, die »Controller Gestures« in »Madden NFL 2007« über den grünen Klee zu loben, aber nachzuschieben, man merke, dass seine Footballsimulation nicht als Wii-Spiel konzipiert sei. Weitergehend erläutert er EAs Taktik: Man schaue eben alle aktuellen Titel durch und überlege, aus welchem man für die Wii das Meiste rausholen könne. Hier wird das Pferd nicht mehr nur von hinten aufgezäumt, sondern das gesamte Derby mit dem falschen Ende nach vorn geritten.

Die Wii bietet unglaubliche Möglichkeiten, den Spieler innovativ und intuitiv ins Geschehen zu ziehen. Trotzdem rumpeln die Entwickler brav entlang der tiefen Spurrinnen und versuchen gleichzeitig zu suggerieren, sie hätten das Rad neu erfunden. Dabei erzählten schon bisher die echten Erfolgsgeschichten außerhalb der gewohnten Zielgruppe von mutigen Ideen wie dem Eyetoy oder »Guitar Hero«. Titel, die nicht permanent zurück über die eigene Schulter blicken, um zu sehen, was bisher funktionierte, sondern nach vorne in Richtung des Denkbaren.

Entsprechend habe ich eine etwas eigensinnige Hitliste der aktuellen Wii-Games. Denn meines Erachtens ist nicht »Zelda«, sondern »Wii Sports« der brauchbarste Wii-Titel. Damit wir uns nicht falsch verstehen: »Zelda« ist das bessere Spiel. Aber eben nicht für die Wii, beziehungsweise nicht in dieser Umsetzung. Denn während »Wii Sports« sich ernsthaft bemüht, von den Besonderheiten der Konsole nach allen Regeln der Kunst Gebrauch zu machen, hält sich »Zelda« zögerlich in den Zwängen des Crossplatformings. Mutiger angepasst an die Wii-Controller hätte das Erlebnis noch intensiver sein können. Allein die Schwertattacken ausschließlich an die Remote-Bewegungen zu koppeln, wäre hier ein Schritt in die richtige Richtung gewesen.

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Das einzig Wahre? Wii Sports.
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Überdeutlich wird die Kritik auch am Vergleich von »Rayman Raving Rabbids«, bzw. »Wii Sports« einerseits und »Super Monkey Ball« andererseits. Während erstere sich noch massiv darüber Gedanken machen, wie man mit Hilfe des neuen Eingabegeräts »realistische« Bewegungen (Kuhweitwurf *hüstel*) möglichst einfach und wirklichkeitsgetreu abbildet, löst sich das kullernde Affenballett nur in Ansätzen von der abstrakten, konservativen Steuerung vergangener Generationen. Wii-Sports-Bowling setzt etwa echten Armschwung voraus. Zur gleichen Zeit kröpelt das Affenkegeln mit einer Bedienung umher, die mit einem betagten Competition Pro nicht weniger attraktiv wäre.

Insgesamt fände ich es jedenfalls schade, wenn mein neues Lieblingsspielzeug nur deswegen ins Hintertreffen geriete, weil die Entwickler aus Zögerlichkeit an Spieldesigns aus grauer Vorzeit festhalten. Denn der Versuch auf Augenhöhe mit Xbox 360 und PS 3 Althergebrachtes durchzuboxen, kann nur zu einem führen: einem violetteren Veilchen als ich es nach überengagiertem Nunchuck-Einsatz meiner Holden hatte.