Videospieler sind dicke, pickelige Jungs, die auch noch auf Killerspiele stehen. Eine gesellschaftliche Randgruppe, die höchstens bei Amokläufen irgendwelcher Irrer medienwirksam ans Tageslicht gezerrt wird. Wer diese Einschätzung hier [ ] ankreuzen möchte, kann das gerne tun - und damit beweisen, dass er/sie die Entwicklung dieser Freizeitbeschäftigung um mindestens zweieinhalb Jahre verschlafen hat.

Damals, im Winter 2006, erblickte Nintendos Wii das Licht der Welt und wurde ob seiner eigenartigen Steuerung, und im Vergleich zu den als Next-Gen-Konsolen titulierten PlayStation 3 und Xbox 360 eher schmalbrüstigen technischen Fähigkeiten von Spielern und Szenekennern belächelt.

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Die Wii als Kunstobjekt

Doch anders als von vielen prognostiziert, dominieren nicht die Wunderwerke von Microsoft und Sony, die überwiegend von den Hardcoregamern gekauft werden. Nintendo setzt durch seinen weltweiten Erfolg mit der Wii wirtschaftliche Maßstäbe und schwingt sich zum Marktführer auf. Mehr noch: Man veränderte mit einem Schlag nicht nur die Art, wie Games gespielt werden, sondern auch ihre generelle Betrachtung und Akzeptanz in der Öffentlichkeit.

Wii love Arts - Computerspiele sind Kunst

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Aus Spiel wird Kunst: Nintendos Wii inspiriert Grafiker und Designer.
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Gestern noch Randphänomen ist die Bildschirm-Zockerei dank Wii (aber auch Nintendo DS und Spielen wie Singstar) nicht nur höchst partytauglich geworden, sondern inmitten unserer Gesellschaft angekommen - und wird sogar zum Kunstobjekt stilisiert.

Nintendo hat scheinbar nicht nur den Casual-Game-Trend vorausgesehen (oder einfach nur großes Glück gehabt). Das japanische Traditionsunternehmen hat auch frühzeitig die Bedeutung der Wii für die Videospielkultur erkannt und daher das ambitionierte Kunst-Projekt "Wii love arts" angestoßen. Über 20 Künstler thematisieren in unterschiedlichen Arbeiten aus Bereichen wie Grafik, Illustration, Collage, Foto, Modern Dance, Modedesign, Theater oder auch Street Art, wie sie von der Spielkonsole inspiriert werden.

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"Am ersten Abend die Konsole geschrottet."
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"Wii love arts richtet sich an alle, die nicht vergessen haben, wie sehr uns das Spielen antreibt", beschreiben die Herausgeber ihren Antrieb, das Kompendium zusammenzustellen. "Wie sehr es uns beeinflusst, inspiriert und bewegt, wenn wir das tun, was wir als Kinder durften, als Erwachsene aber zu schnell vergessen haben."

Bewegung contra Couch-Potato

Mit der Wii als Fokusgegenstand liegt es dementsprechend nahe, dass Bewegung im Mittelpunkt der Werke steht und mit eigenständigen Assoziationen Aufbruch und Veränderung versinnbildlichen. Neben jungen Kunstschaffenden aus Deutschland beteiligten sich auch internationale Berühmtheiten wie William Forsythe (Choreograf und Ballett-Innovator) und Alexander McLean (Fotograf) mit eigenen Interpretationen, die gemeinsam 225 Seiten dicke Kompendien füllen, deren Inneneinbände in fünf unterschiedlichen Farben und Farbkombinationen erhältlich sind und wo die letzte Seite mit je einem Blatt aus dem Projekt "leave traces / a tribute to Jackson Pollock" individualisiert wurde.

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"Die plakative Art der Darstellung der Miis ist geradezu antizyklisch."
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"Nintendo will auf diese Weise neue Wege beschreiten und die Wii natürlich auch ins Gespräch bringen", sagt Lars Harmsen, der als Konzepter, Creative Director und Künstler beteiligt ist und bei der Präsentation des Bandes (UVP: 59,99 Euro, hier bei amazon bestellen) Rede und Antwort steht. Man habe bei den Kunstwerken kaum Einschränkungen oder Vorgaben auferlegt bekommen, lediglich Themen wie "Sex, Religion, Crime und Politik" seien ausgeschlossen worden.

Obwohl Harmsen wie auch der ebenfalls anwesende Künstler André Nossek (Grafikdesigner) keine Gamer sind, beschreiben sie sich selbst als computeraffin und fühlen sich insbesondere von der Ästhetik der Miis angesprochen. "Die plakative Art der Darstellung dieser Avatare ist geradezu antizyklisch, wenn man die Entwicklung der heutigen Spielkonsolen als Maßstab nimmt", meint Nossek, der sich damit auf die grafisch viel weiter entwickelten Spiele von PS3 und Xbox 360 bezieht.

"Erste Konsole gleich geschrottet"

Die Wii eigne sich gerade deshalb sehr gut für künstlerische Darstellungsformen, so Harmsen, weil sie aufgrund ihrer Architektur ein hohes Maß an künstlerischer Freiheit garantiere und sich das Thema Bewegung als ein gegensätzliches Momentum zum Couch-Potato aufbaue. Die Auswahl der für kein oder nur sehr geringes Honorar arbeitenden Künstler sei gezielt abgelaufen, wobei die gesamte Projektdauer - von der Planung bis zur Umsetzung aller Werke - etwa ein halbes Jahr umfasste. Die Rekrutierung der Künstler sei jedoch leicht gewesen, viele hätten begeistert auf die Anfragen reagiert.

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"Bewegung", wie hier im Baseball, ist ein typisches Thema für Wii-Kunst.
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Die große Bandbreite der künstlerischen Ergebnisse von experimentellen Farb-Happenings über Kurzgeschichten, Tanzeinlagen oder Collagen bis hin zum Prototypen einer innovativen Sporttasche spiegelt die Vielfalt der beteiligten Künstlerdisziplinen wider. Während einige Werke entfernt den Sackboys ähneln, sind andere dagegen völlig abstrakter Natur.

Die erste von Nintendo bereitgestellte Konsole sei jedoch bereits "am ersten Abend beim Zocken geschrottet" worden, erzählt Harmsen lachend und verweist gleichzeitig darauf, dass die in jeder Ausgabe als Lesezeichen verwendeten Handgelenksbändchen der Wiimote nicht ganz einfach zu besorgen waren: "Nintendo hatte ja anfangs Nachschubschwierigkeiten, und wir mussten schon einige Überzeugungsarbeit leisten, um diese große Anzahl von Bändchen zu erhalten."

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Performance-Kunst ist bei der Wii nahe liegend.
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Letztendlich habe sich das Engagement jedoch ausgezahlt, nicht zuletzt, weil man bereits für einige Designpreise nominiert wurde bzw. einheimsen konnte (Design Preis der Bundesrepublik Deutschland, IF Communication Design Award). Auch wenn man selbst einen Exoten schaffen wollte, sei man lange nicht mehr die einzige Gruppierung, die die Wii als Kunstobjekt verwende. Harmsen verweist bei dieser Gelegenheit auf die deutsche Independent-Band Notwist, die während ihrer Bühnenperformance Wii-Funktionen für die Umsetzung ihrer künstlerischen Kreativität einsetzen.

Wenn auch nicht ganz günstig, eignet sich der Band vielleicht als inspirierendes Geschenk für den einen oder anderen Gamer. Und wenn es nur dazu taugt, endlich mal ein "anspruchsvolles" Buch neben all den Spielen im Regal stehen zu haben und damit dem anfangs beschriebenen Nerd-Image endgültig zu entfliehen...

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