Spielen kann süchtig machen. Aber gibt es auch Entzugserscheinungen wie bei einer Alkoholsucht? Und wie genau sieht eigentlich eine Therapie aus? Wir wollten es genau wissen und haben bei Dr. Rainer Petersen nachgefragt, der in den Fackliniken Nordfriesland als leitender Therapeut arbeitet und unter anderem auch Personen behandelt, die vom Spielen nicht mehr die Finger lassen können.

Nach unserem Special und dem Fragebogen, mit dem ihr selbst testen könnt, wie gefährdet ihr seid, bildet unser Experteninterview den Abschluss der Reihe Onlinesucht.

Spielesucht - wie erkennen?

gamona: Woran erkennt man Spielesucht?

Dr. Rainer Petersen: Im deutschen Sprachraum liegen bislang noch keine ausreichend wissenschaftlich fundierten Daten zur Epidemiologie, Ätiologie, Diagnostik und Therapie der Online-Spielsucht vor. Somit hat die Störung noch keine Berücksichtigung in den üblichen Klassifikationssystemen (bspw. ICD 10 oder DSM IV) gefunden. Eine häufige genutzte Faustregel bezieht sich auf die Stundenanzahl vor dem PC. Ein häufig genutzter Anhaltswert liegt bei etwa 40 Stunden in der Woche.

Wenn Spielen zur Sucht wird... - Ursachen, Entzugserscheinungen, Therapie: Wir sprachen mit einem Experten.

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Diplom-Psychologe Dr. Rainer Petersen stand uns Rede und Antwort.
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Die Praxis und die Beobachtung individueller Falldarstellungen von Betroffenen zeigen, dass sich die Kriterien für die stoffgebunde Abhängigkeit oder das pathologische Glücksspiel auch auf das exzessive Computerspielen
anwenden lassen. Hier sind zu nennen:

  • Entzugserscheinungen bei verhinderter Computerspielnutzung (Nervosität, Unruhe, Schlafstörungen)
  • Zunehmende Häufigkeit, Intensität oder Dauer des Spielens
  • Zunehmende Vernachlässigung anderer Interessen
  • Anhaltendes Computerspielen trotz schädlicher Folgen (Übermüdung, Leistungsabfall in der Schule oder der Arbeit, Vernachlässigung der Ernährung).

Gefahren für Kinder

gamona: Gibt es bestimmte Gruppen, wie etwa Kinder oder Jugendliche, die besonders gefährdet sind?

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Besonders junge Menschen driften schnell in virtuelle Welten ab.
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Petersen: Entsprechend dem heutigen Selbstverständnis im Umgang mit modernen Medien, sind junge Menschen häufiger, wenn auch nicht ausschließlich betroffen. Allerdings liegen noch wenige verlässliche Angaben über die genaue Auftretenshäufigkeit des pathologischen Computerspielverhaltens vor. Die in bisherigen Untersuchungen veröffentlichen Angaben variieren zwischen 6% und 20% und dürften in der Realität in etwa in der Mitte der Studienangaben liegen.

gamona: Im Gegensatz zur Glücksspielsucht hat Spielesucht als klinische Diagnose noch keinen Eingang in die international verwendeten Leitfäden ICD und DSM gefunden, die Krankenkassen übernehmen also die Kosten einer Therapie nur in den seltensten Fällen. Kann trotzdem von einer eigenständigen Krankheit gesprochen werden?

Petersen: Die klinische Erfahrungen der letzten Zeit zeigen eine andere Tendenz. Nach anfänglicher Zurückhaltung der Kostenträger erleben wir zunehmend, dass sowohl Krankenkassen wie auch Rentenversicherungsträger offener hinsichtlich der Kostenübernahme geworden sind und somit die Kosten bei exzessive Computergebrauch häufig übernommen werden. Die zu erwartenden Forschungsergebnisse werden sicherlich, ähnlich wie damals bei der Anerkennung des pathologischen Glückspiels, zum einen eine Einbindung in die o.g. Leitfäden wie auch weitergehende Sicherstellung der Kostenübernahme bewirken.

Hintergründe und Wege in die Sucht

gamona: Was sind die Gründe dafür, dass Menschen abhängig von Spielen werden? Finden sie in den Spielen vielleicht etwas, das sie im realen Leben vermissen?

Petersen: Selbstverständlich sind die Gründe so vielfältig wie die Menschen, die dahinter stehen und lassen sich nicht mit zwei Sätzen umfassend und erklärend beschreiben.

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Das Zusammenspielen mit anderen Menschen bringt häufig Verpflichtungen mit sich.
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Ein Aspekt liegt sicherlich auch in der Gestaltung einzelner Spiele, mit der bspw. bei einer ständigen Verfügbarkeit, Fortschritte im Spiel nur durch einen hohen zeitlichen Einsatz erzielt werden können. Hierdurch ergeben sich wiederum ein steigendes soziales Prestige sowie vertiefte soziale Bindungen in der Spielgemeinde.
Aufgaben können häufig nicht alleine gemeistert werden, so dass die Spieler aufeinander angewiesen sind. Diese Bindungen erzeugen wiederum eine Verpflichtung. Ein durch Zusammenhalt und soziales Miteinanders erreichter virtueller Status wirkt dann wiederum selbstverstärkend.

Die gemeinsam zu bewältigenden Herausforderungen im Spiel sind jedoch nicht so vielschichtig wie in der Realität. Bei Spielern kann jedoch die Illusion entstehen, dass die Aufgaben, die grundsätzlich sozialen Fertigkeiten unterliegen, anders als in der Realität konfliktfrei gelöst werden können. Erfolg und soziales Anerkennung sind in den virtuellen Welten für jeden Spieler erreichbar. Somit wird die virtuelle Welt deutlich attraktiver und der Bezug zu realen Gegebenheiten geht verloren. Selbstüberschätzungen und anschließende Frustrationen in der Realität können eine Folge sein.

Schäden und Therapiemöglichkeiten

gamona: Im Gegensatz zu beispielsweise einer Alkoholsucht konsumiert der Spielesüchtige keine schädlichen Substanzen. Kann es trotzdem zu körperlichen und psychischen Schäden kommen?

Petersen: Wiederholt beschreibbare Symptome sind beispielsweise Nervosität, Unruhe, Verschiebung des Schlaf-Wach-Rhythmus. Weiter sind oft Tendenzen von Vereinsamung und Ängsten in „realen“ sozialen Beziehungen sowie aggressive Reaktionen bei Verhinderung des Computerspielens häufig.

gamona: Wie werden bei Ihnen Spielesüchtige therapiert? Gibt es bestimmte Vorgehensweisen, die sich besonders bewährt haben?

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Bei der Therapie von Onlinesucht werden auch Ängste und Depressionen berücksichtigt
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Petersen: Auch hier muss man auf die noch fehlenden langfristigen Erfahrungen verweisen. Aktuell werden die Therapiemöglichkeiten aus der Behandlung des pathologischen Glücksspiels relativ erfolgreich übertragen. Hier, wie auch in der Behandlung von stoffgebundenen Süchten, sind die Berücksichtigung von zusätzlich behandlungsbedürftigen Krankheitsbildern (bspw. Ängste, Depressionen etc.) notwendig und selbstverständlich.

gamona: Gibt es auch Entzugserscheinungen und wenn ja, wie äußern sich diese?

Petersen: Ja. insbesondere bei Entzug des Mediums kommt es zu aggressiven und verzweifelten Reaktionen. Auch Ängste und depressive Reaktionen sind beschreibbar.

gamona: Wie lange dauert es ungefähr, bis der Patient seine Sucht überwunden hat?

Petersen: Wenn wir von einer Suchterkrankung ausgehen, dann handelt es sich um eine chronische Erkrankung. Wir können aufgrund neuerer neurobiologischer Erkenntnisse davon ausgehen, dass mit der Suchtentwicklung einhergehende Veränderungen im Gehirn, bspw. im limbischen System (Belohnungssystem), dauerhaft sind. Der Abhängige kann jedoch lernen, mit seiner Sucht zu leben. Gefahren einer möglichen Suchtverlagerung sollten jedoch thematisiert werden.

Wege aus der Sucht und Rückfallgefahren

gamona: Erleben Sie häufig Rückfälle?

Petersen: Selbstverständlich ergeben sch immer wieder Rückfälle. Auch hier fehlen langfristige Untersuchungen, im klinischen Alltag sind sie jedoch nicht seltener als beim pathologischen Glücksspiel.

gamona: Wie auch bei den so genannten Killerspielen werden von Eltern und Politikern schnell die Spiele selbst für das Verhalten des Menschen verantwortlich gemacht. Schließen sie sich dieser Meinung an?

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Erst in der Hand des Menschen werden Waffen zu gefährlichen Instrumenten.
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Petersen: Eine Pistole alleine kann nicht töten, die ungerauchte Zigarette selbst verursacht keinen Krebs, ein Casino schafft keine abhängigen Spieler. Gerade im Umgang mit Spielen, die zu unseren Alltag gehören und die für vielen Menschen einen unterhaltenden Charakter haben dürfen und sollen ist es wichtig, differenziert zu betrachten, wie damit umgegangen wird und welche Funktionen sich mit einem möglicherweise sich problematisch entwickelnde Spiel verbinden.

gamona: Was können Sie Menschen empfehlen, die nicht mehr vom PC loskommen?

Petersen: Wenn Betroffene selbst eine Einsicht haben entwickeln können, sollten sie auf jeden Fall Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe oder Suchtberatungsstelle aufnehmen. Wenn dies allein zu einer positiven Veränderung führt, dann ist dieser Kontakt oft schon ausreichend hilfreich.

Für einen Teil der Spieler ist jedoch anzunehmen, dass sich über den missbräuchlichen Gebrauch hinaus eine Abhängigkeit entwickelt, die analog wie beim pathologischen Glücksspiel und anderen substanzgebundenen Süchten nicht ohne professionelle Unterstützung (Therapie) in den Griff zu bekommen ist.

Hier ist oft auch ein räumlicher und zeitlicher Abstand sinnvoll und notwendig, um die Funktionalität des Spielverhaltens und alternative Bewältigungsstrategien zu erarbeiten. Fachkliniken wie die unsrige bieten hier ihre Erfahrungen an.