Seit einigen Tagen, immer wenn ich Zeit habe, vergrabe ich mich mit einer Packung Keksen und einem Kaffee in meinen muckeligen Sofakissen. Ich schalte die Xbox an, mummele mich in Wolldecken und dann … werde ich zum übelsten »Overlord«, der größten Landplage seit Photohandys und Frauenfußball. Meine tollwütigen Schergen und ich verprügeln Schafe und schänden Jungfrauen - an guten Tagen andersherum. Das heißt: Wir geben uns redliche Mühe mit dem Bösesein.

Denn ganz so einfach, wie man gemeinhin annimmt, ist das Leben als Fiesling gar nicht. Wenn ich mit meiner Horde durch Wälder und über Wiesen presche, Gegenstände sammele, Artefakte suche und Rätsel löse, fühle ich mich vielmehr verdächtig wie ein strahlender Held. Nur eben mit einem Hang zu Stacheln und Totenkopfornamenten. Viel zu eingefahren sind die Wege des Guten. Doch das muss sich ändern. Daher hier mein Reiseführer zur dunklen Seite.

Ganz im Ernst, ich mag »Overlord«. Aber wirklich »böse« ist anders. Wäre etwa Lord Blackthorne mit einer Schar grölender Goblinrabauken durch Dungeons gesemmelt, um ein darbendes Bauerndorf mit Nahrung zu versorgen? Hätte Wario eingekerkerte Prinzessinnen befreit? Diablo oder »The Butcher« gegen Succubi und andere Dämonenkollegen gekämpft? Nein? Warum wohl nicht? Weil Typen, die derartige Drecksarbeit erledigen, in der Bevölkerung schnell einen schlechten Ruf wegbekommen, nämlich als Helden.

Weltherrschaft step-by-step - Richtig schön evil, abartig und pervers – Weltherrschaft step-by-step

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Sieht nicht so aus, hat's aber faustdick hinter den Ohren: Klempnerschreck Wario.
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Wollte man ein solcher sein, hätte man schließlich ausreichend Gelegenheit dazu - von »Ultima« bis »Dungeon Siege«. Doch in Rollenspielen ist die böse Plotvariante regelmäßig nur die gute mit unterhaltsameren Dialogoptionen. Die Finsternis in uns ist nicht mehr als ein kaum wahrzunehmender Schatten auf der Seele. Wenn uns die Spiele schon nicht die Niedertracht geben, die wir brauchen, müssen wir uns eben die echte Erde untertan machen.

Der Status »Klassischer Fantasybösewicht« ist am leichtesten zu erreichen. Schwarze Roben, einen öligen Ziegenbart und zwanzig Zentner morbide Wandverzierungen von Schädeln bis Gebeinen führt jedes gut sortierte Geschäft für Karnevalszubehör. Zur Not muss man beim nächsten Besuch bei Opi auf dem Friedhof selbst Hand an die Schaufel legen. Oder besser noch, man hat zu diesem Zeitpunkt bereits den äußerst wichtigen Schergenklüngel um sich geschart.

Da in unseren Breitengraden ein auffälliger Mangel an waschechten Goblins herrscht, empfiehlt sich ein Kindergartenbesuch mit einer großen Tüte Haribo, einer Familienpackung Sekundenkleber und drei Dutzend Spockohren. Hinsichtlich der obligatorisch durchtriebenen, verlogenen und völlig seelenlosen weiblichen Grazie an unserer Seite könnten wiederum die Kollegen der Spieleindustrie Hilfestellung geben - wozu existieren schließlich PR-Abteilungen?

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Das Domizil des bösen Overlord in voller Pracht - düster ist anders.
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Einzig die Lokalität, die eigene »Festung der Dunkelheit«, stellt ein schwierigeres Problem dar. Bedrohlich über malerischen Dörfchen thronende Burgen auf zerklüfteten Basaltklippen sind heutzutage ebenso rar wie preisgünstiger Mietwohnraum in Innenstadtnähe inklusive zehnmeterhoher Einbauorgel. Wer dann aber doch eine halbwegs erhaltene Ruine, bzw. ein leicht verwittertes Schloss aufgetan hat, sollte sich nicht von den Preisvorstellungen der jeweiligen Gemeinde sowie den Denkmalschutzauflagen abschrecken lassen.

Niemand hat gesagt, das Leben als Bösewicht bestünde nur aus Zuckerschlecken. Und Kompromisse lassen sich immer finden. Unter der Woche schlagt ihr in den Verliesen wehrlose Jungfrauen in Eisen, quält armselige Bäuerlein und inkompetente Schergen. Am Wochenende stellt dann der Heimatverein »Häkelkunst zu Großmutters Zeiten« aus. Das spart wertvolle Ressourcen und mit etwas Glück ergeben sich Synergieeffekte.

Die knifflige Hauptaufgabe ist freilich der eigentliche Marsch an die Spitze. Insbesondere der von Schwarzmagiern traditionell favorisierte Ansatz, übernatürliche Helfer in ebenso unheiligen wie komplizierten Ritualen zu beschwören, ist bekanntermaßen selten von Erfolg gekrönt. Ein Guter dagegen ist die Machtergreifung durch Putsch (Pinochet), Mord (Kaiser Claudius), Thronfolge (Karl I.), Ernennung durch Stammesfürsten (Dschingis Khan) oder die Pervertierung einer zuvor bestehenden Demokratie (George Bush).

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Was ein echter Weltenherscher sein möchte braucht natürlich auch Untertanen.
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Dabei erweist sich die richtige Unterstützung als entscheidend. Äußerst empfehlenswert: die CIA. Das Beschwören der o.g. dämonischen Heerscharen leidet dagegen an deren regelmäßiger Artefaktallergie. Um diesen letzten und alles entscheidenden Schritt nicht zu gefährden, gilt es einige klassische Fehler zu vermeiden, die vor allem von Neulingen im Weltherrschaftsbusiness häufig begangen werden, hauptsächlich mangelnde Sozialkompetenz im Umgang mit Dienern, Untertanen und Widersachern.

Zum Beispiel verbessert sich die Arbeitsqualität der eigenen Untergebenen langfristig nicht signifikant, wenn ihnen für mangelhafte Dienstleistungen dringend benötigte Körperteile, etwa der Kopf, entfernt werden. Den Wert loyaler Führungskräfte darf insbesondere der unaussprechbar scheußliche, mitunter deformierte, unter Umständen meschugge Erzschurke nicht vernachlässigen.

Dementsprechend sollte auf hin und wieder auftretendes Fehlverhalten - üblicherweise unverschlossene Zellentüren, entflohene Helden oder gestohlene Geheimwaffen - nicht zwingend die Todesstrafe stehen. Schlichte fünf Goldstücke in die Kaffeekasse können Wunder bewirken. Denn großer Druck erzeugt zwar Diamanten, aber auch nervöse Angestellte.

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Der Erzfeind jedes Superschurken: ätzend schön oder eklig rechtschaffend - meist leider beides.
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Zu erwähnen sei in diesem Zusammenhang der Begriff »Mitarbeiterschulung«. Ein Kompaktseminar für Gefängniswärter (»Schlüssel - warum ich sie nicht in Reichweite von Gefangenen aufbewahre«) oder Torwachen (»Bogenschießen für Fortgeschrittene - wie treffe ich laufende Ziele in Heldengröße«) kosten den ein oder anderen Taler, zahlen sich langfristig aber aus.

Gleichermaßen sollte das Prügeln von Bauern auf Einzelfälle beschränkt bleiben. Egal wie hoch der Unterhaltungswert sein mag: Von mir über mehrere Jahre durchgeführte Studien haben ergeben, dass Untertanen der Stiefel im Nacken oft als Begründung dient, um breitschultrige Fremde als heroische Retter zu engagieren. Man nehme sich hier lieber ein Beispiel an Rupert Murdoch: Der Enthusiasmus der gemeinen Bevölkerung hinsichtlich blonder Schönlinge zu Pferde erfährt drastische Einbrüche, sobald der Marktschreier von den Aktivitäten berichtet, welche Ross und Reiter an langen, einsamen Herbstabenden in der Tundra treiben.

Sollte es tatsächlich einmal nicht gelingen, den blauäugigen Schwertschwinger in Misskredit zu bringen, muss immer klar sein, dass die direkte Auseinandersetzung nie ein probates Mittel ist. Fragt ein Held, ob ihr Angst habt, gegen ihn im Zweikampf anzutreten, spielt eure Antwort keine Rolle, solange ihr nur genug Bogenschützen bereit stehen habt, um ihn in ein auf links gedrehtes Stachelschwein zu verwandeln. An dieser Stelle ein Hinweis für Fans weiblicher Leibwächter: Unterwäschemodels in knappem Kettenhemd werten die Optik jeder Schädelfestung auf. Aber wenn sich erstmal eine wild entschlossene Heldengruppe in euren Thronsaal gemetzelt hat, werdet ihr schnell den Vorzug russischer Hammerwerferinnen erkennen.

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Eure persönliche Leibgarde riecht zwar nicht nach "Douglas", haut aber alles kurz und klein.
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Habt ihr euch trotz aller genannten Maßnahmen in eine Situation manövriert, in der ihr mit dem Rücken zur Wand und bäuchlings zu magischen Heldenschwertern steht: Gebt auf! Bietet den tapferen Recken euer Königreich, die Königin, die Hand eurer Tochter (ggf. eures Sohnes) oder selbst den allmächtigen Stein/Ring/Stab der Weisen/Titanen/Götter. Bettelt um euer Leben, fleht, flennt und flieht. Nur kämpft nicht! Denn ihr befindet euch in einer neudeutsch als Win-Win bezeichneten Situation. Der Held will Gnade und damit wahre Größe zeigen, ihr bevorzugt, auch in Zukunft frei von klaffenden Fleischwunden zu bleiben, und beide wollt ihr in der Fortsetzung auftreten.

Böse sein ist so einfach. Man muss sich nur ein wenig Mühe geben.