Ich kann es kaum glauben. Ja, ich bin tatsächlich positiv überrascht. Sollte es jemand wirklich geschafft haben, ein Karaoke-Spiel mit deutschen Songs zu stricken, für das man sich nicht erst die Hucke zusaufen muss, um es zu genießen? Es geschehen noch Zeichen und Wunder.

Beim Karaoke-Spiel „We Sing: Deutsche Hits“ mag man vergebens nach Innovation suchen. Freie Phrasierungen? Fehlanzeige! Ein nachvollziehbares Tonhöhensystem ohne Schätzungszwang? Auch nicht dabei! Ach, iwo, „We sing“ hängt ja sogar der aktuellen Musikspielentwicklung um mehrere Jahre hinterher und verzichtet trotz der Unterstützung von vier Mikrofonen auf mehrstimmigen Gesang oder Percussion-Einlagen. Es geht wirklich nur um plumpes einstimmiges Konsolengrölen wie schon anno 2004. Playback, Gesangslinie, fertig.

We Sing: Deutsche Hits - Wenn schon Karaoke, dann bitte so!

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 8/121/12
Wir sind Helden: We Sing hat mehr zu bieten als die Konkurrenz.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Aber immerhin: Recherchieren können die Jungs und Mädels Nordic Games um Welten besser als jene Scherzkekse von Sonys SingStar und Microsofts Lips, die offensichtlich der Meinung sind, es gebe abseits von Saufsongs, kitschigen Omaschlagern und der Peinlichkeit namens DJ Ötzi kein brauchbares deutsches Liedgut.

Bevor jemand mit dem Geschmacksholzhammer wedelt: Darum geht es nicht. Es ist unerheblich, ob mir oder euch persönlich irgendein Lied gut gefällt oder nicht. So eine Disc muss sowieso ein sehr breites Publikum ansprechen, da kann der Geschmack des Einzelnen nicht durchgängig bedient werden. Somit muss auch zwangsläufig eine Nullnummer wie DJ Ötzi im Programm landen, denn auch stockbesoffene, musikalisch anspruchslose Vocal-Fools haben nun mal ein Recht auf Hintergrundrauschen, während sie Dreiwortlyrik aus ihren Kiemen kotzen. Es kommt eben auf das Gleichgewicht an, das andere Karaoke-Spiele offensichtlich nicht halten können.

Ganz anders bei „We Sing: Deutsche Hits“. Hier funkeln die vier magischen Worte Anspruch, Kult, Variation und Geschichtsträchtigkeit über dem Aufgebot, als wollten sie eine Botschaft mitteilen. Wie könnte sie wohl lauten? Vielleicht „Kauf mich, auch wenn du von SingStar bisher enttäuscht wurdest dir und Rock Band zu genrespezifisch erscheint“. Passt!

Zugegeben, auch Nordic Games kommt nicht um den schnöden Mammon herum. Soll heißen, dass der Mainstream weiterhin regiert und die wahren Perlen eines Künstlers seinen schnelllebigen Hits weichen müssen. So wird im Zusammenhang mit dem verstorbenen Kultsänger Rio Reiser zwar seine deutlich anspruchsvollere Karriere mit Ton, Steine, Scherben anekdotisch angeführt, was zum Singen bekommt man von der Combo jedoch nicht. Wieder einmal muss „König von Deutschland“ herhalten, und dann auch noch in der moderneren, verschlimmbesserten Fassung.

We Sing: Deutsche Hits - Wenn schon Karaoke, dann bitte so!

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 8/121/12
Die Toten Hosen singen zwar nicht "Kauf mich!" - würde aber passen.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Ebenso bei Marianne Rosenzwerg, deren Hit „Er gehört zu mir“ zwar Standardwerk auf jeder guten Party ist, jedoch mittlerweile totgenudelt wurde. Kein „Marleen“ oder etwa die zu Tränen rührende Live-Fassung von „Der Traum ist aus“, das sie zu Ehren Rio Reisers sang. Damit hätte man gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen können. Ach, was, gleich drei Fliegen! Hätten die jungen Leute doch gleich lernen können, welche deutschen Acts nachhaltig Musikgeschichte schrieben.

Trotzdem gab es schon weit schlechtere deutsche Karaoke-Sampler. „We Sing“ schafft es immerhin, die wichtigsten Genres mit vierzig vorzeigbaren Künstlern abzudecken. Sei es Soul durch Heulboje Xavier Naidoo, Hip Hop durch die nordischen Sabbeltanten von Fettes Brot, Dancehall/Dub durch die Weed-Lyriker Culcha Candela, Pop-Rock durch die Milchbubis Sportfreunde Stiller, Chansons wie die roten Rosen der altehrwürdigen Hildegard Knef oder Max Raabe, den wie üblich kein Schwein anruft.

Endlich mal ein deutschsprachiges Karaokespiel, für das man sich nicht erst die Hucke zusaufen muss.Fazit lesen

Hey, sogar Nuschelbarde Udo Lindenberg darf in den Sonderzug nach Pankow steigen – da vergisst man schnell Eintagsfliegen à la Münchener Freiheit oder Matthias Reim, die sich heute wahrscheinlich für ihre eigenen Machwerke schämen. Oder LaFee, die nicht einmal richtig reimen kann.

Software Cooking – Au weia!

Nehmt mir meine harten Zeilen bitte nicht zu krumm. Ich weiß selbst, dass ich ein Musiksnob bin und selbst die Jungs der Münchener Freiheit irgendwo in den Katakomben eines versehentlich zugeschlossenen Atomkriegbunkers aus den 80ern noch Fans haben. Punkt ist, dass ihr bei „We Sing: Deutsche Hits“ das ganze Paket bekommt, gute und schlechte Mucke, anspruchvolle Songs und vergessenswerte Ohrenfolterer. Hauptsache, es hält sich die Waage, sodass sich jeder seine bevorzugten Werke herauspicken kann.

We Sing: Deutsche Hits - Wenn schon Karaoke, dann bitte so!

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 8/121/12
Die Sportfreunde haben was zu sagen.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Um das zu bewerkstelligen, musste Nordic Games jedoch einige Kompromisse eingehen, die nicht jedem Konsolensänger schmecken werden. Weder von Heinz Rühmanns Freundeshymne noch von Hans Alberts Reeperbahnständchen liegen Master-Copys der Studioaufnahmen vor. Somit kann auch der Gesang nicht herausgefiltert werden. Solange der Gesang noch voll zu hören ist, geht es aber nicht um Karaoke, denn dann könnte man auch das Radio laufen lassen und dazu grölen (gelle, SingStar...).

Die mehr schlechte als rechte Lösung dafür nennt sich Cooking. Das Programm filtert bestimmte Tonfrequenzen im Bereich der Gesangshöhe einfach heraus. Dabei geht natürlich auch Hintergrundmusik verloren, daher muss die Filterung feinfühlig sein.

Leider hört man beim Cooking von „We Sing“ noch sehr viel Originalgesang heraus. Ehrlich gesagt ist der Unterschied zwischen aktiviertem Playback-Geträller und gefilterter Tonspur kaum auszumachen, und es wird mit steigender Lautstärke schwerer, den Unterschied festzustellen.

Diesen Lapsus kann man bei so alten Schlagern durchaus in Kauf nehmen – sonst wären sie eben gar nicht auf der Disc. Peinlich wird es nur, wenn moderne Tracks wie „Aurelie“ von Wir sind Helden mit der gleichen Technik abgemischt werden, obwohl deren Master-Bänder garantiert vorlagen. Da wird die Sound-Abteilung doch nicht etwa zu geizig gewesen sein, um getrennte Spuren einzukaufen, oder? Bei Xavier Naidoo und weiteren Künstlern ging es ja auch - „Dieser Weg“ lässt sich per Option im Pausenmenü komplett ohne den Soulmeister performen.

We Sing: Deutsche Hits - Wenn schon Karaoke, dann bitte so!

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 8/121/12
Mit Udo Lindenberg um die Wette nuscheln...
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Solche unnötigen Kleinigkeiten kratzen genauso am Lack des Preis-Leistungs-Verhältnisses wie die konservative Spielstruktur. Wie eingangs erwähnt können zwar vier Wohnzimmer-Divas an die Mikros treten, mehrstimmiger Gesang wird aber nicht unterstützt. Stattdessen grölen alle gleichzeitig oder in einem speziellen Modus zeilenweise nacheinander. Lahm hoch drei. Immerhin darf man drei Setlisten speichern oder völlig ohne Hilfen trällern. Der sogenannte „Blind“-Modus nimmt euch sogar zwischenzeitlich das Playback weg, sodass ihr eure Accapella-Fähigkeiten unter Beweis stellen müsst.

Ach ja: Wer kam eigentlich auf die seltenblöde Idee, den Text lautmalerisch auszulegen? Zieht der Künstler ein Vokal auch nur eine Millisekunde länger als im üblichen Sprachgebrauch, dann verdoppelt Nordic Games den Buchstaben, um zu zeigen, dass er gestreckt wird. Was aber zu einigen sehr seltsamen Wortkonstruktionen führt. Dieses Mittel setzt man beim Karaoke eigentlich nur dann ein, wenn ein Vokal extrem langgezogen wird. Ansonsten verlässt man sich auf die Kenntnis des Interpreten oder behilft sich mit Bindestrichen.

Zudem sehe ich schon Deutschlehrer am Sauerstoffgerät, weil Slang und Umgangsprache bar jeglicher Orthografie Einzug halten. Sorry, aber selbst wenn Culcha Candela das Wort „Mutter“ so richtig schön in ein lässiges „Mudda“ verwandelt, heißt das noch lange nicht, dass man das auch so schreibt. Als Scherz oder in betonter Weise kann das mal ganz witzig sein, aber bitte nicht einen kompletten Song lang. Es tut weh, so etwas zu lesen.