2015 bekamen wir das erste Mal von We Happy Few zu hören. Das ambitionierte Team hinter Compulsion Games wollte ein Spiel mit Pillen und Masken über Kickstarter finanzieren. Beschreibungen wie „Bioshock auf Drogen“ blieben bei den Leuten hängen, wobei mittlerweile alles Bioshock ist, sobald es bunt und irgendwie abgedreht ist. 2016 wurde die Early Access-Phase eröffnet und ließ die Spieler in einer britischen Minecraft-Version mit Stöcken aufeinander einprügeln. Jetzt ist es offiziell erschienen und entführt euch mit drei Charakteren in ein alternatives England um 1960 herum, in der eine Droge die Menschen auf ewig fröhlich hält. Und ob ihr Spaß mit dem Spiel haben werdet, hängt ganz klar davon ab, ob ihr es wollt.

Taucht ein in das hypnotische Konfetti-Bad:

We Happy Few - Das ABC des Glücklichseins: So wirst auch DU fröhlich!2 weitere Videos

Was darf’s sein? Süße Lüge oder bittere Wahrheit?

Die Sonne scheint, der Alltag fließt vorbei. Wie viele Menschen ist Arthur auf der Arbeit. Aber während die anderen Brote backen oder Firmendeals abschließen, zensiert Arthur Zeitungsartikel. Ob es wegen Rechtschreibfehlern oder wegen unangenehmen Wahrheiten geschieht, ist später sowieso nicht mehr festzustellen, da ja alles geschwärzt wurde. Bis er einen Artikel über seinen verlorenen Bruder stolpert. Bei uns wäre es vielleicht eine Nachricht über den Syrienkrieg oder über einen Skandal in der Lebensmittelindustrie.

Es sind diese Momente, in denen das Leben für einen Moment aus den Fugen gerät, unsere Freude durch einen schwarzen Klecks getrübt wird und dieser sich nicht mehr so leicht wegwischen lässt. Fragen über Fragen schießen durch unsere Gehirne und schrauben unsere Welt rasend schnell auseinander. Um die Kontrolle zurückzuerlangen, steht Arthur eine Pille namens Joy zur Verfügung und uns eine Netflix-Serie.

Jetzt hat Arthur die Wahl zwischen dem einfachen und dem schweren Weg: Will er den Schmerz betäuben oder sich damit auseinandersetzen? Schluckt er die Pille, ist das Spiel vorbei. Tut er es nicht, fängt es an. Und eigentlich steht hier eine andere Frage im Zentrum, eine, die ihr euch noch öfter im Spiel stellen werdet: Wollt ihr Spaß mit We Happy Few haben? Ja oder Nein? Wenn ihr euch unsicher seid, probiert beides abwechselnd aus. Ein Vielleicht gibt es nicht. Oder ich stelle ich es mir zumindest sehr schwer vor.

Selbst auf die Wahrnehmung wirkt sich Joy aus

Ja

Die Farben zerfallen, Süßigkeiten verwandeln sich in Rattengedärme, die Leute mutieren zu hysterischen Bestien. Arthur erinnert sich daran, dass die Nazis den Krieg gewonnen haben. Dass sie dem Volk ihre Kinder gestohlen haben und das Land als psychisches Wrack zurückgelassen haben. Dass der Wahnsinn unter der Oberfläche kocht und bald ausbricht.

Packshot zu We Happy FewWe Happy FewErschienen für PC, PS4 und Xbox One kaufen: Jetzt kaufen:

Auf die Flucht aus dem Wunderland folgt der tiefe Abstieg in das zerbombte Schreckensland. Die Ausgestoßenen trauern um ihren Verlust, verhungern in den Ruinen und zerfetzen sich gegenseitig, um zu überleben. Jetzt heißt es, erfinderisch und kreativ sein. Wie die entführten Kinder! Aus Schrauben lassen sich Dietriche entwickeln, aus Blumen Arzneimittel, aus Stöcken und Metall simple Schwerter.

Kommt, wir spielen ein Spiel: Wir schleichen uns an betrunkenen Soldaten vorbei und klauen einen ihrer Schätze. Denn wir müssen zurück ins Wunderland und einen Zug nach draußen nehmen. Um dem System auf die Schliche zu kommen, führen wir ein Doppelleben. Tagsüber schlendern wir munter über die Straßen und grüßen jeden, nachts rennen wir durch die Gassen und ermitteln, wie wir weiter kommen. Drücken schlafenden Bewohnern mit Kissen bewusstlos, um ihre Wohnungen in aller Ruhe ausräumen zu können. Verprügeln Stadtwachen mit Bondage-Elektrostäben. Duellieren uns mit Tassen-Panzern in der Kanalisation. Schmeißen die apokalyptischste Party, die dieses Land je gesehen hat. Lasst uns das Chaos wie einen schmackhaften Milchshake genießen! Schlürf!

Willkommen in Glitchtopia!

Nein

Die Grafik entpuppt sich als altbacken, die Charaktermodelle glitchen durch die Objekte und die Welt kennt an sich nur drei Terrains: buntes Wunderland, sumpfiges Schreckensland und düstere Labore. Wenn wir beim Survival-System keine sechs Augen mehr zudrücken, hat es höchstens minimale Auswirkungen auf die Sprintanzeige. Es gibt sogar eine Fähigkeit, die die Bedürfnis-Einflüsse komplett abschaltet, die zurzeit dank eines Bugs noch nicht funktioniert. Nebenbei gibt es noch viele andere freischaltbare Fähigkeiten, die bestimmte Gameplay-Elemente vollständig entfernen.

Ich brauche jetzt eine Joy-Pille, um über meine Enttäuschung hinwegzukommen. Habt ihr eine?Fazit lesen

Hätte Compulsion Games bereits im Mittelalter existiert, wären sie die Nummer Eins unter den Streckbänke-Herstellern gewesen, denn – Ohwei! – dauert dieses Spiel künstlich lange. Schaut auf den Marker, der euch anzeigt, wo sich euer Ziel befindet und multipliziert den Wert mal drei, denn bis ihr das Gefühl habt, wirklich in der Geschichte vorangekommen zu sein, werdet ihr noch fünfmal Paketbote für NPCs gespielt haben. Compulsion Games versteht es, uns mit der Geschichte auf Trapp zu halten, indem er die Handlung hühnerfutter-mäßig pulverisiert und auswirft.

Und wenn ich wirklich alles versucht habe – Weglaufen, Wegglitchen, Neuladen – und nichts klappt, ja, dann muss ich wohl oder übel auch mal in diesem Spiel gegen Gegner kämpfen. Kampfsystem bedeutet hierbei, pong-mäßig die Waffen solange klatschen zu lassen, bis der Gegner umkippt und der nächste folgt. Ihr könntet jetzt epische Musik im Hintergrund laufen lassen oder euch ein paar Mal treffen lassen, um den Kampf spannender zu gestalten, aber hier hilft Phantasie auch nicht mehr viel. Diese dystopische Gesellschaft hat ihre Kontrollmechanismen perfektioniert, denn lieber schlucke ich eine Pille nach der anderen, um unauffällig zu bleiben, als einmal kämpfen zu müssen. Setzt mich in eine Arena mit zwanzig Gegnern und ich gebe sofort auf. Ich unterschreibe alles, außer dass dieses Spiel – abgesehen von seiner Geschichte und Welt – seinen Versprechen in irgendeiner Weise gerecht geworden ist. Dafür müssten es schon fünfzig Gegner sein.