Watch Dogs, auch bekannt als WATCH_DOGS bei PR-Leuten, die glauben, stilisierte Falschschreibung sei ein legitimes Mittel, sich in die Köpfe von potentiellen Fans zu schleichen, war nicht besonders gut. Es war keine Totalkatastrophe, baute aber zwischen seiner Ankündigung und dem Erscheinen eine Erwartungshaltung auf, die angesichts des allzu normalen finalen Spiels dann den Zorn der Spieler erregte. Zum Glück ist derlei danach nie wieder vorgekommen, erst recht nicht in noch aufgebauschterer Form und im Weltraum.

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Doch die Zeichen standen gut, dass mit dem zweiten Teil alles besser werden würde. Das erste dieser besagten Zeichen war die Wahl San Franciscos zum Schauplatz. Nun gebe ich offen zu, dass ich über San Francisco nicht viel weiß und der Ort auf mich auch keinen Reiz ausübt. Ich weiß, dass Mythbusters dort gedreht wurde, ich weiß, dass die legendäre Verfolgungsszene in „Bullitt“ über diese eine abfallende Straße mit den Trams stattfand und ich weiß, dass jeder einzelne meiner Informatikerfreunde mir dasselbe Urteil über die Stadt gegeben hat: dass sie ein Hipsterkaff für IT-Start-up-Blasen sei. Ich kann natürlich nicht beurteilen, wie viel daran stimmt. Doch wenn Watch Dogs 2 eine Dokumentation sein sollte, dann haben meine Bekannten nicht gelogen.

Marcus ist ein junger Mann, der einer Hackergruppe namens Dedsec beitritt, deren Ziel es ist, das allumfassende Datennetz CTOS und seinen Schöpfer, die Blume Corp, ordentlich durchzurütteln. Man, wenn Spielestorys doch nur immer so schön dünn und in einem Satz zusammenzufassen wären. Tatsächlich, über lange Zeit ist das die einzige Motivation, die einzige Triebfeder des Spiels. Das ist, genau genommen, nicht mal eine Handlung, sondern bestenfalls der Anfang von einer. Dedsec wollen zu irgendeinem Zweck mehr Rechenpower generieren, zapfen dazu über ihre hauseigene App die Performance aller Leute an, die sie herunterladen, und jede Mission gibt ihnen „Follower“. Ja, Follower sind Macht. Eine so dämliche Prämisse kann auch wirklich nur im Twitter-Zeitalter entstehen.

Dedsec selbst sind nicht gerade ein besserer Witz. Als Marcus sich ihnen vorstellt, begrüßt ihn einer seiner neuen Kumpanen mit Star-Trek-Zitat und Spock-Gruß, ein anderer trägt unironisch den Namen „HAWT SAUCE“ und der einzige Schwarze in der Gruppe außer Marcus begrüßt ihn mit einem viel zu enthusiastischen „Eyyy Brotha!“ und einem Bro-Hug aus heiterem Himmel. Jesus. Fehlen nur noch Angelina Jolie mit Pixie-Cut und ein holografischer Cyberspace, um die 90er-Illusion komplett zu machen.

Watch Dogs 2 - Ich glaub es hackt – schon wieder, Ubisoft?

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San Francisco ist äußerst fotogen und das heimliche Highlight des Spiels.
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Watch Dogs 2 will nichts erzählen – augenscheinlich ein Beißreflex und eine Kurzschlussreaktion auf die Kritik am ersten Teil. Anstatt der geschwistergeplagten Schnarchtüte Aiden Pearce folgen wir jetzt dieser Gruppe von hanebüchen geschriebenen Clowns ohne bessere Motivation, als dass sie „es denen da oben mal so richtig zeigen wollen“, und natürlich ist bei ihnen das bekannte Schema ersichtlich: die Unvereinbarkeit von maximaler Privatsphäre für sich selbst, aber maximal geforderter Transparenz von allen anderen. Blume sind die Bösen, weil sie Leute durchleuchten. Dedsec sind die Guten, obwohl sie Leute durchleuchten, manipulieren, bestehlen. Blume sind böse, weil sie gierige Kapitalisten sind. Dedsec sind gut, obwohl sie nicht nur jeden erdenklichen technischen Luxus haben, sondern sich auch stilecht in alles kleiden, was die kalifornische Hipster-Modeszene hervorbringt. Blume böse, weil sie über Leichen gehen. Dedsec gut, obwohl sie einen 3D-Drucker haben, der ihnen tödliche Waffen ausspuckt. Ja, ein 3D-Drucker für Waffen. Die dann Namen wie „n00b Pistol“ oder „DDoS Shotgun“ haben. Haha, versteht ihr, Hacker?!

Es ist wortwörtlich, als ob man in die terroristisch-mörderisch veranlagte Kindergarten-Splittergruppe von Anonymous geraten ist, bloß, dass sich die Charaktere die ganze Zeit Alkohol hinter die Binde kippen, damit man sich daran erinnert, dass sie eigentlich volljährig sein sollen. Jedenfalls zieht man mit Marcus los, um haufenweise Dinge zu tun, die mit rein gar nichts zu tun haben, außer damit, mehr Follower zu kriegen – jene sind nämlich gleichzeitig unsere Erfahrungspunkte. Die drei Kern-Gameplay-Elemente sind hierbei, alle mal mitsingen: Schießen, Schleichen, Fahren. Nur sind sie jeweils ergänzt durch die Hackingfähigkeiten, die vom Gefühl her wohl in die Richtung von Superkräften gehen sollen, dafür aber leider deutlich zu lahm sind.

Packshot zu Watch Dogs 2Watch Dogs 2Release: PC, PS4, Xbox One: 15.11.2016 kaufen: ab 42,99€

Beim Fahren bedeutet das, dass wir, wie dazumal Aiden, Ampeln umschalten können, um hinter uns Karambolagen zu erzeugen, Gullideckel explodieren lassen können (denn Hacking ist Magie, und Wasser- und Gasleitungen sind computergesteuert, aber auch nur unter Gullideckeln) und andere Kinkerlitzchen wie das Hochschnellen von Begrenzungspfeilern. Ist letztendlich alles auch nicht viel besser als ein ordentlicher Rammstoß Marke Chinatown Wars oder Sleeping Dogs, aber ganz nett. Leider ist die aus dem ersten Teil berüchtigte Fahrzeugsteuerung auch diesmal nicht völlig weg. Zwar bewegen sich manche Fahrzeuge jetzt ganz akzeptabel, aber es ist immer ein Glücksspiel. Manch ein Kleinwagen übersteuert, als hätte man einen Formel-1-Flitzer bei 300 Sachen rumgerissen. Ein Van wiederum lenkt sich wie ein trächtiger Blauwal auf Schmierfett. Da ist es ein Segen, dass man fast überall in der Stadt Geschäfte als Schnellreisepunkte ansteuern kann (komische Wahl, aber okay), was aber nun wieder den Nebeneffekt hat, dass man von der Stadt nicht viel sieht – von der Bedeutungslosigkeit von optionalen Autorennen natürlich mal ganz zu schweigen.

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Nicht mal eine Mutter könnte diese Flachzangen lieben.
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Das Schießen und Schleichen gehen opportunistisch Hand in Hand und ineinander über. Schön ist, dass man hier auch tatsächlich viele Hackingmöglichkeiten hat, um die Sache aufzulockern und andere Mechaniken reinzubringen. Blöd nur wiederum, dass das Ganz oftmals den Aufwand nicht lohnt. Ein Beispiel: Man will, wie das immer so ist, ein Gebäude infiltrieren, um darin physisch einen Server zu hacken oder sowas. Nun hat Marcus zuvor die Möglichkeit, sich über das omnipräsente Netz an Sicherheitskameras einen Überblick zu verschaffen, die Feinde im Vorfeld zu markieren, vielleicht auch schon mal einen digitalen Schlüssel aus der Ferne herunterzuladen, der ihm anschließend neue Zugänge ermöglicht. Er kann auch heimlich mit seiner Drohne (entweder in fahrender oder fliegender Form) die Infiltration starten und versuchen, ungesehen zwischen den Feinden durchzuhuschen, Fallen zu stellen (etwa überladene Generatoren, die explodieren, wenn sich ihnen ein Feind nähert) und derlei mehr.

Es gibt hierbei nur ein großes Problem: Das alles ist nicht besonders spannend, vielfältig oder unterhaltsam. Und: Sich einfach durchzuballern ist ebenfalls nicht die Krone der Entertainment-Schöpfung, aber dafür schneller, unkomplizierter, nervenschonender und somit die bessere, äquivalent valide Alternative. Der größte Fehler von Watch Dogs 2 ist vielleicht, dass man das Hacking nicht braucht, und wenn man es doch benutzt, dann nicht deshalb, weil es unterhaltsam wäre, sondern, weil man gezwungen wird. Anstatt ein reichhaltiges Actionspiel zu sein, das durch Hacking-Superkräfte noch reichhaltiger wird, ist es sowohl an der Baller-und-Schleich-Front als auch in den Hacking-Möglichkeiten halbgarer Mumpitz. Ist ja schön, dass ich Gangmitglieder auf meine Feinde hetzen kann (die dann entweder kommen oder nicht, je nach Laune), dass die Headsets meiner Feinde mit Störungen überladen werden können oder dass ich den Feinden mal kurzzeitig den Strom abdrehen kann. Aber wenn es eine Dreiersalve aus meinem 3D-Drucker-Sturmgewehr genauso gut tut wie eine perfide gestellte Falle, wozu dann die Mühe mit der Falle?

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Es fehlt keinesfalls an Gelegenheiten, eure HaxX0r-Skills zu nutzen – wohl aber an konkreten Vorteilen, die sich daraus ergeben. Meist ist offensiveres Vorgehen die bessere Alternative.
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Wie gesagt, ab und zu wird man zum Hacking gezwungen, meistens, wenn man gerade ein besonders wichtiges Datennetzwerk hacken will oder so. Dann geht der größte Blödsinn los: Mit seiner Super-Hacker-Sicht (ist auch nur Eagle Vision aus Assassin's Creed) muss man nun in der Umgebung tatsächlich den Datenstrom verfolgen und Weichen stellen, denn bekanntlich funktioniert Datenübertragung wie ein Stromkreis. An der Außenseite von Gebäuden und ähnlichem mehr muss Knotenpunkte umstellen, damit die Daten an die richtige Stelle fließen. Ist eine ebenso unlogische wie unnötige Fleißarbeit, auf die ich gerne verzichtet hätte.

Bestenfalls halbwegs kompetent, doch ohne jede Faszination. Vielleicht ist es einfach an der Zeit, die Hacker-Fantasie ruhen zu lassen – oder sie in einem neuen Franchise noch mal zu probieren.Fazit lesen

Der Witz ist: Wenn man sich dazu zwingt, so viel wie möglich zu hacken und so wenig wie möglich zu schleichen und zu schießen, dann hat man zwar auch nicht viel Spaß, aber eine ungefähre Idee davon, was Watch Dogs 2 hätte werden können. Vielleicht ist das schon der große Fehltritt: Das Hinmetzeln von zahllosen Security-Leuten passt weder thematisch noch spielmechanisch, und hätte man es zugunsten besseren Hackings gleich ganz weggelassen, hätte ein gutes, singuläres Spiel draus werden können.

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Watch Dogs 2 hat seine Momente und nicht mal wenige, trifft insgesamt aber einfach nicht den richtigen Ton.
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Und das wäre insofern schön gewesen, als dass Watch Dogs 2 durchaus Stärken hat, die so aber leider untergehen. San Francisco ist zwar nicht mein Bier, aber doch ein unverbrauchtes Szenario mit vielen Details und einer schönen offenen Welt. Es gibt zahlreiche Nebenaktivitäten, sowohl missionsgetrieben als auch durch Erforschung, unübliche Aktivitäten wie Drohnenrennen, nahtlos verfügabren Koop und PvP direkt in der offenen Welt, Boote, mit denen sich herrlich in den ansehnlichen Sonnenuntergang jenseits von Alcatraz oder der Golden Gate Bridge segeln lässt. Sogar das Missionsdesign erhebt sich manchmal aus der Sphäre der Albernheit und fehlgeleiteter Satire und macht mal was legitim lustiges, etwa eine Parodie von Knight Rider, die Möglichkeit, per Fernsteuerung Leute an Geldautomaten zu verulken oder einem allzu freizügigen Camgirl eine Lektion über den Voyeurismus des Datenzeitalters zu verklickern. Schön, wirklich. Steht aber auf einem dermaßen uninteressanten Unterbau, dass nichts davon zünden will.

Leider lässt sich die Spielerfahrung von Watch Dogs 2 insgesamt so zusammenfassen: Der „Lifeinvader“-Abschnitt in GTA V war besser. Besser als das ganze hier vorliegende Spiel. Besser in Sachen Satire, besser in Sachen Gameplay und ja, auch die kalifornische Sonnenstimmung war ungleich stimmiger als in ausgerechnet Ubisofts mittlerweile zweitem müden Versuch, dem modernen Kapitalismus des Informationszeitalters den Spiegel vorzuhalten und dem angeblichen Freiheitsempfinden der Generation Smartphone sympathisch zu werden. Ist dabei aber etwa so authentisch wie Präsidentschaftskandidaten, die Merchandise mit der Aufschrift „Chillary“ rausbringen, weil sie denken, das junge Volk fahre darauf ab. Geht, wie wir alle mittlerweile wissen, nicht gut.