Die Kanadier haben sie gesehen, die hässliche Fratze des Mobs, den sie selbst beschworen haben: reddit-Trolle und Twitter-Junkies, die Ubisoft Montreal noch vor einem Jahren die Füße geküsst hätten. Vom gefeierten E3-Liebling und sozialkritischen Hoffnungsträger einer ganzen Technik-Generation zum verächtlichen Blender oder auch „Next-Gen-Schwindler“, wie es gamona-User Cab007 ausdrückt. Welches Auf und Ab ein Spiel auch durchmachen kann: Watch Dogs hat es durchlebt – und sich in den ersten vier Spielstunden entsprechend präsentiert.

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Das Achterbahngleichnis mag ein abgenutztes sein und trifft es doch perfekt, was wir seit 22 Monaten, 35 News, 19 Videos und über 500 Kommentaren (Stand: 23. April 2014) allein hier auf gamona erleben. Mit Bedacht spannt Ubisoft ein neues Ross vor den prunkvollen Karren, der den kräftigen, aber in die Jahre gekommenen Assassin's-Creed-Gaul erst unterstützen, irgendwann vielleicht sogar ganz ablösen soll. So zumindest der Plan, der allein aufgrund der perfekten Ankündigung auf der E3 2012 aufgehen wird. Noch fast zwei Jahre später zehrt die große Open-World-Hoffnung von diesem Hype; der Begriff „Watch Dogs“ wurde aus dem Stegreif als feste Marke etabliert. Ubisofts Marketingleute müssen bis zur Besinnungslosigkeit gefeiert haben. Verdientermaßen.

Jener Hype trägt den vielversprechendsten GTA-Konkurrenten der letzten Dekade seit einem halben Jahr in den oberen Reihen der Amazon-Verkaufscharts und wird auch dafür Sorge tragen, in einem reichlichen Monaten die Spitzenplätze zu belegen. Vermutlich für eine lange Zeit – völlig egal, was ihr hier und an andere Stelle über den Bestseller lesen werdet.

Es werden aller Voraussicht nach sehr unterschiedliche Berichte sein, je nach Gusto und Erwartungen des Autors. Ein paar Verrisse könnten es werden, deutlich mehr hohe Wertungen wird’s geben, vermutlich sogar reichlich, nur keinesfalls in der Art und Breite, wie wir es vergangenen September erlebt haben. Könnte alles vertretbar sein, wenn Watch Dogs nach 100 Stunden immer noch einen ähnlichen Eindruck hinterlässt wie nach den ersten vier: einen insgesamt guten, aber zum Teil überraschend durchwachsenen.

Watch Dogs - Ein Drama in drei Akten: Hält das Spiel, was der Hype verspricht?

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Watch Dogs wird sich an der E3-Präsentation vor zwei Jahren messen lassen müssen. Keine leichte Bürde.
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Vor einer Kulisse, die direkt der ersten Gameplay-Demo entsprungen sein könnte, präsentierte uns Ubisoft in Paris einen ersten zusammenhängenden Blick auf das große Ganze. Kein Verstecken mehr hinter separierten Abschnitten und geschönten Passagen, sondern vier Stunden mit PS4-Controller in der Hand und dem Wissen im Hinterkopf, endlich das (fast) fertige Produkt zu sehen. Vier Stunden, die ebenso von freudigem Jauchzen und skeptischen Blinzeln durchzogen waren wie die letzten Monate bei Ubisoft Montreal.

Eine Vorschau in drei Akten.

Die ersten 90 Minuten: Erste Verzückung, der gerechte Hype und große Augen

Es beginnt mit Bildfehlern und freudig-nervöser Anspannung. Pixel schieben sich ineinander, das Bild flackert, zeigt einen filmischen Einstieg und wird dann immer nervöser, bis es sich schließlich einigermaßen fängt. Es zeigt einen Mann, den wir alle sofort erkennen und von dem doch keiner weiß, was er eigentlich von ihm halten soll. Noch einmal zieht sich Aiden Pearce das Basecap tiefer ins Gesicht, dann werden seine Videofäden abgeschnitten. Aus der Marionette wird ein spielbarer Charakter. Watch Dogs beginnt. Und wie.

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Mit dem Smartphone lässt sich jede Menge herrlicher Blödsinn verzapfen.
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Mit auf sein Opfer gerichteter Waffe steht er da, wartet nur auf seinen Befehl. Nach kurzem Zögern drücke ich den virtuellen Abzug (ist ja nicht so, als hätte mir das Spiel eine Alternative gelassen) – und nichts passiert. Meine Anspannung ist nichts gegen die des armen Tropfs, der da gerade um sein Leben winselnd vor mir liegt. Die auf eine kurze Unachtsamkeit folgende Handgreiflichkeit ist im Grunde nur ein lässiges Ducken und ein präziser Schlag mit Aidens Teleskopschlagstock. Dutzende weitere werden in den nächsten vier Stunden folgen.

Hallo, Watch Dogs!

„Schon ganz geil“, flüstert mir der Kollege zu meiner Linken zu. Er hat das Spiel etwas später gestartet und den Versuch, während der ersten Szenen nicht ständig auf meinen Bildschirm zu schielen, um damit die Ladezeit seiner Version zu überbrücken, schnell aufgegeben. Inzwischen wartet auch sein Aiden längst auf den Befehl zum Abdrücken, doch das interessiert ihn schon längst nicht mehr.

Alle Erwartungen wird Watch Dogs kaum erfüllen können, zumindest aber die allgemeine Definition eines richtig guten Spiels – und vielleicht noch eine ganze Ecke mehr.Ausblick lesen

Längst hat der Protagonist den engen Lagerraum verlassen und einen anderen Mann getroffen. Einen Kollegen, wie's scheint, vielleicht sogar so etwas wie einen Freund. Im Gespräch miteinander wirken beide Charaktere verblüffend authentisch: Mimik und Gestik sind technisch nicht unbedingt das Maß aller Dinge, wirken im Zusammenspiel mit den großartigen englischen Synchronsprechern jedoch absolut glaubhaft.

„GTA“, denkt man unweigerlich und das nicht ohne Grund. Und so großartig Rockstar seine Anti-Helden auch inszeniert: auf einer anderen, realistischeren Ebene könnte Watch Dogs hier die Nase vorn haben. Ubisoft Montreal scheint auf bewusste Überzeichnungen weitestgehend zu verzichten, stellt Authentizität vor den plakativen Irrsinn eines Trevors. Schade um den Hillbilly, gut für ein Spiel, dessen Ton im Kontext von Vorratsdatenspeicherung und unaufhaltsamer Technologisierung ein deutlich ernsterer ist.

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Neben Autos und Booten klemmt sich Aiden Pearce auch hinter Motorräder. So richtig knackig steuern die sich aber alle nicht.
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Fünf Minuten später ist ziemlich klar, warum das so ist. Länger dauert der Beginn der ersten Mission nicht, von der ihr noch Stunden später schwärmen werdet. Die euch vor der Kulisse des restlos ausverkauften May Stadiums an frenetisch jubelnden Baseball-Fans vorbeischlüpfen, durch erste Hacks den Strom der Arena lahmlegen und im Zwielicht des Blackouts ungesehen verschwinden lässt.

Was dort passiert, ist bis in Detail perfekt von Ubisofts Designern geplant, durch Scripts gesteuert und hat wenig mit dem offenen Spiel zu tun, das ihr in den nachfolgenden Minuten spielen werden.
Es ist aber auch ein perfekter Denkanstoß für euch und ein Indikator für die immensen erzählerischen Möglichkeiten von Watch Dogs. Wer davor noch an GTA dachte, wird es nach diesem Monster von einem Einstieg besser wissen. Bis auf das spielerische Grundgerüst haben die Open-World-Titel nur wenig miteinander gemein.

Watch Dogs - Bilder von der Gamescom 2013

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Ist mir in dem Moment aber ziemlich wumpe. Vom Leuchten dieses Einstiegs noch immer geblendet, lotse ich Aiden unter sternenklarem Himmel erstmals auf die weichen Sitzpolster eines Durchschnittsautos. Der Motor heult kurz auf und befeuert die Reifen mit mehr Leistung, als sie auf die Straße bringen können, erzeugen schicke Nebelwolken, dann nimmt die Karre endlich Tempo auf. Coole Sache, macht ordentlich Laune – trotz vieler Unfälle, die ich vorerst noch auf meine eigene Unfähigkeit statt die leicht schwammige Fahrzeugsteuerung schiebe.

Ein paar Ampel hackt Aiden lässig im Vorbeifahren; schon jetzt lassen sich durch das clevere Manipulieren gezielt Unfälle erzeugen oder verhindern. Noch nicht ganz wie in den Trailern, aber mehr als ausreichend für die ersten 30 Minuten, nach denen mein Urteil irgendwo zwischen „Bestes Spiel ev0r!“ und debilem Grinsen gelegen hätte.

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Poker, Schach, Zombie-Auto-Gemetzel-Kram, Action mit einer Robo-Spinne: An unterhaltsamer Beschäftigung zwischen den Missionen mangelt es nicht.
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Hätte auch nach einer weiteren halben Stunde nicht deutlich rationaler ausgesehen, dafür ist der „Was es hier alles gibt!“-Effekt von Watch Dogs anfangs schlicht zu mächtig. Mit dem Hype von vor zwei Jahren im Rücken wirkt alles noch eine Ecke größer, noch etwas schöner – einfach geiler. Wird euch nach dem ersten Blick auf den ausufernden Skilltree und die dort versprochenen Fähigkeiten in den Bereichen Fahren, Hacking, Kampf und Crafting vielleicht, nach der ersten Verfolgungsjagd mit den cleveren Cops wahrscheinlich, nach den ersten völlig freien Minuten außerhalb der Mission ganz sicher ähnlich ergehen.

Während dieser Zeit greifen Erwartungshaltung und Spiel noch perfekt ineinander; es ist ein ähnlicher Effekt wie bei einem GTA-Release. Ihr probiert jeden erdenklichen Unsinn, lauft wie ein Kind mit großen Augen durch dieses Disney World für Erwachsene und lasst euch einfach mitreißen.

„Noch immer so viel Restzeit?“: Im Tal der Resignation

Dann verändert sich etwas. Der Augenblick wird bei jedem ein anderer sein; bei mir kam der Punkt nach einem Zeitsprung. Ein Knopfdruck der Entwickler in Paris, reichlich zehn Stunden im Spiel. Neben Pistole versteckt Aiden Pearce inzwischen auch MG und Schrotflinte unter seinem unscheinbaren Mantel, sein Smartphone knackt nun neben Ampeln gern mal eine manipulierbare Brücke oder lässt Gullydeckel aus ihrer Verankerung in der Straße schießen. Der Kerl vor mir hat sich weiterentwickelt, ich hingegen bin stehengeblieben – und mit mir ein Teil der vorherigen Faszination.

Wenn verängstigte Passanten nach einem Unfall bibbernd die Polizei anrufen oder ich noch immer keine unfallfreien 100 Meter am Stück zurücklegen kann, wird aus dem Hinnehmen ein Hinterfragen. Die Fahrzeuge steuern sich tatsächlich eine Spur zu schwammig, das Deckungssystem bietet wirklich kaum spielerische Möglichkeiten und Schießereien sind vielleicht nett anzusehen, aber letztlich trotzdem eine relativ simple Sache.

Watch Dogs - Ein Drama in drei Akten: Hält das Spiel, was der Hype verspricht?

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Eines der ersten Bilder überhaupt. Das fertige Spiel wird leider nicht ansatzweise so großartig aussehen, ohne deshalb jedoch gleich hässlich zu sein.
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Nichts davon ist wirklich schlecht; Watch Dogs mittlere Qualität ist den Produktionswerten entsprechend hoch, im Zeitalter „x nach GTA V“ aber vielleicht nicht mehr hoch genug. Letztlich werdet ihr darüber entscheiden, ob etwa die Ein-Knopf-Freerunning-Steuerung von Ubisofts Assassinen auch für ein Spiel dieser Art geeignet ist. Funktioniert tadellos und sieht in Bewegung ordentlich aus. Manuelles Springen wäre aber auch ganz geil gewesen.

Überhaupt fühlt sich das, was da gerade auf dem Bildschirm passiert, immer mehr nach Assassin's Creed an. Man hätte sich für schlechtere Vorlagen entscheiden können, doch nach sieben Jahren ist das Klettern auf Türme zum Freilegen des Gebiets nur mehr wenig reizvoll.

Die letzte Stunde und ein versöhnlicher Abschied

Trotz all der Parallelen ist es gerade eine weitere der Meuchelreihe entliehene Eigenschaft, die Watch Dogs ironischerweise so einzigartig macht: die Liebe zur Spielwelt. Nach drei Stunden zieren weitestgehend Häkchen jeden Punkt der „Muss ich noch ausprobieren“-Liste und aus pflichtbewusstem Abarbeiten wird fröhliches Erkunden. Gleichermaßen wohltuend für mich und Watch Dogs, das genau so gespielt werden will.

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Sieht ganz gut aus, kracht aber nur so mäßig: Der Sound könnte ruhig noch eine Ecke wuchtiger werden.
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Auch mit mehr Zeit auf der Uhr und Gelassenheit im Hinterkopf sieht das da keinesfalls so gut aus, wie es uns vor zwei Jahren versprochen wurde (hässlich ist auch anders), werden aus den Mini-Infos beim Hacken jedes einzelnen Passanten keine dicken Einzelschicksale (zumindest aber einzigartiger Name, Einkommen, augenscheinlichstes Problem und so Zeug) und aus den zahlreichen Mini-Spielchen an jeder Ecke keine abendfüllende Unterhaltung (für einige von euch vielleicht schon, ist schon cooler Kram dabei). Ohne Hektik wird aus den netten Versatzstücken jedoch endlich eine facettenreiche, in sich geschlossene Welt.

Mit Abstand nicht die größte auf dem Open-World-Markt, sehr wahrscheinlich aber eine der durchdachtesten, eine von denen, die auch auf den dritten, vierten und elften Blick noch Neues zu bieten haben. Ihr müsst nur genau hinschauen – und das lohnt sich auf jeden Fall, egal, wie groß die anderen Auf und Abs in einem Monat ausfallen werden.