Watch Dogs: Es ist in aller Munde, taucht auf den ganz oberen Rängen jeder Most-Wanted-Liste auf, entfachte nach seinem ersten Lebenszeichen auf der E3 einen Hype, wie es keiner neuen Marke zuvor je gelungen ist – doch im Grunde weiß niemand so wirklich: Was ist dieses Watch Dogs eigentlich? Um das herauszufinden, haben wir uns zu Ubisoft nach Paris begeben.

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Die totale Vernetzung

Ein bisschen Assassin’s Creed, ein bisschen Deus Ex und eine Prise GTA – so in etwa die grob geschätzte Vorstellung nach Sichtung der ersten Trailer. Ja, so die passende Antwort dazu, irgendwie schon, aber doch ganz anders. Watch Dogs kombiniert die offene Welt eines GTA samt Autofahren mit dem spielerischen Dreiklang aus Schleichen, Hacken und Ballern eines Deus Ex: Human Revolution und krönt es mit der Verschwörungsparanoia und dem Attentäterdasein zwischen Planung, Durchführung und Flucht eines Assassin‘s Creed.

Watch Dogs spielt in der nahen Zukunft der totalen Vernetzung. Das Computerprogramm ctOS steuert und überwacht beinahe sämtliche Bereiche des öffentlichen, aber auch privaten Lebens: U-Bahnen, Ampeln, Energie, Kommunikationsnetze, Überwachungskameras… Eigentlich soll das System die Sicherheit der Stadt Chicago sicherstellen, doch wird es von Hackern und Cyberkriminellen für ihre eigenen Zwecke missbraucht.

Einer von ihnen ist Aiden Pearce, ein brillanter Hacker, dessen Vorgeschichte als Kleinganove zu einer Tragödie in seiner Familie geführt hat, die er nun um jeden Preis rächen will. Hierzu macht er sich seine Talente als Computergenie zunutze, um die Stadt als Waffe gegen sich selbst zu richten. Er hackt sich in Überwachungskameras, um Areale und sogar Privatwohnungen auszuspähen, sammelt Informationen über Passanten, um deren Konten zu plündern oder ihre Autos zu stehlen, und manipuliert Ampelschaltungen, um für Chaos und Ablenkung zu sorgen.

Watch Dogs wird nach Assassin's Creed der nächste Open-World-Geniestreich von Ubisoft.Ausblick lesen

Watch Dogs zeichnet eine Dystopie der totalen Überwachung, in der alles miteinander vernetzt ist und NPCs zum gläsernen Bürger werden. Beeindruckend, mit welcher Detailversessenheit Ubisoft Montreal eine lebendige Welt erschaffen hat, in der keine Klontouristen umherwandern, sondern die von richtige Menschen bewohnt wird: An einer Ecke begrüßt sich ein Pärchen mit einer Umarmung, ein Zeitungsverkäufer verkündet die aktuellen Schlagzeilen und wenn es zu regnen beginnt, spannen Passanten ihre Schirme auf und suchen auf dem Heimweg Schutz in der Trockenheit eines Taxis.

Watch Dogs - Das Hype-Spiel des Jahres - aber worum geht es eigentlich?

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Alles ist vernetzt: Aidens Smartphone ist seine mächtigste Waffe.
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Damit jedoch lange nicht genug: Die totale Überwachung sorgt dafür, dass zu jedem Bürger mannigfaltige Daten zentral erfasst und gespeichert werden. ctOS kennt jede Kreditkartentransaktion, jede Flugbuchung oder Vorstrafe und weiß sogar, welchen Film ihr euch neulich wieder auf dem Pornokanal runtergeladen habt. Daher kann Aiden per Smartphone zu jedem NPC eine kurze Biografie abrufen, die unter Umständen auch brisante Informationen enthält – beispielsweise den Zugangscode für sein Auto, der sich an einen Hehlerring weiterverkaufen lässt. Oder gleich die Kreditkartennummer, die sich am nächsten Geldautomaten in Bares einlösen lässt…

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Oder auch nicht. Denn möglicherweise erhebt euer Gewissen Einspruch, wenn euer Smartphone zu berichten weiß, dass es sich bei dem potenziellen Opfer um einen tödlich erkrankten Familienvater handelt. Solcherlei Entscheidungen verlangt euch Watch Dogs regelmäßig ab. Wie in einer kleinen Nebenmission, die uns die Entwickler zur Demonstration vorspielen.

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Nicht nur schleichen: Es kommt natürlich auch zu handfesten Auseinandersetzungen.
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Aiden hat mit seinen Hackerfähigkeiten das Handytelefonat eines Passanten am Straßenrand abgehört, in dem diesem der Aufenthaltsort der Person mitgeteilt wird, von der seine Frau vergewaltigt wurde. Natürlich verfolgen wir ihn und beobachten im Verborgenen die Konfrontation der beiden. Nun liegt es an der eigenen Moralauffassung, wie ihr euch verhalten wollt: Greift ihr ein und verhindert den Mord? Oder seid ihr der Meinung, der Tod sei die gerechte Strafe für einen Vergewaltiger und lasst ihn geschehen?

Einmal Gehacktes, bitte!

Watch Dogs simuliert eine lebendige Welt, wie sie bislang allenfalls Rockstar Games zu erbauen imstande war. Die Detailversessenheit der Entwickler geht so weit, dass sogar der Wind den Regeln der Mathematik gehorcht und in exakten Berechnungen durch die Straßenschluchten weht. Je nach Luftzug flattert der Mantel des Helden entsprechend an seinen Rändern, spritzen die Wellen des Flusses an ihren Spitzen unterschiedlich stark und wird der Rauch nach einer Explosion in die jeweilige Richtung davongetragen.

Um in einer solch riesigen Spielwelt auch zügig von einem Ort zum anderen zu gelangen, kann sich Aiden wie Nico Bellic und seine Vorgänger ans Steuer verschiedener Fahrzeuge setzen – besonders empfehlenswert auf der Flucht vor der Polizei nach erfolgreich verübten Verbrechen. Doch statt dabei in der Autolackiererei zu verschwinden, wie im offensichtlichen Vorbild, entkommt Aiden seinen Häschern mit ein paar Hackertricks, die bereits im ersten Trailer für Aufsehen sorgten.

So ist es ihm möglich Ampelschaltungen zu manipulieren, um Chaos auf den Straßen zu stiften, oder er lässt Absperrpoller aus dem Boden fahren und hofft, dass die Polizei nicht mehr rechtzeitig bremsen kann, um einem Totalschaden zu vermeiden. Damit die Vielzahl an Optionen den Spieler in der Hektik einer Schießerei oder Verfolgungsjagd nicht restlos überfordern, hat sich Ubisoft den Focus-Modus einfallen lassen: eine Art Bullet Time, mit der sich die Zeit extrem verlangsamen lässt, sodass ihr in Ruhe die Möglichkeiten abwägen und die cleverste Entscheidung treffen und auswählen könnt.

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Wie in GTA klaut ihr Autos und liefert euch hitzige Verfolgungsjagden.
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Denn wie beispielsweise auch Deus Ex oder Assassin’s Creed könnt ihr Watch Dogs als Actionspiel angehen und die Waffen sprechen lassen, eleganter und sinnvoller ist es aber, bedacht vorzugehen, die Beschaffenheit der Umgebung zu nutzen und Aidens Hackertalente klug einzusetzen, um Auseinandersetzungen aus dem Weg zu gehen.

Denn Gewalt wird in der Welt von Watch Dogs nicht geduldet: Lasst ihr euch auf offener Straße mit gezogener Waffe blicken, alarmiert schnell einer der Passanten per Handy die Polizei. Dann heißt es entweder die Beine in die Hand nehmen – oder noch rechtzeitig das Schlimmste verhindern. Denn natürlich weiß Aidens Smartphone jederzeit genauestens darüber Bescheid, was in seiner unmittelbaren Umgebung vor sich geht. Seid ihr schnell genug, lässt sich dem wachsamen Nachbarn vielleicht noch rechtzeitig das Mobiltelefon entreißen, bevor er euch die Behörden auf den Hals hetzen kann.

Plansequenz

Solcherlei planvolles Vorgehen ist vor allem bei den über 100 Missionen angeraten. Die Entwickler führen uns einen Auftrag vor, in dem Aiden ein Lagerhaus infiltrieren muss. Zuerst hacken wir uns in die Überwachungskameras, belauschen so die Wachen, spähen die Umgebung aus und bringen die Routen der Patrouillen in Erfahrung. Mithilfe dieser Informationen tastet sich Aiden dann seinen Weg durch das Areal, den Finger stets am Abzug, nicht seiner Waffe, sondern seines Smartphones, das die eigentliche Superwaffe in Watch Dogs darstellt.

Klick, lenkt er eine Gruppe Wachen ab, indem er einen Scheinwerfer unvermittelt einschaltet, Klick, aktiviert er einen Lastenkran, um sich einen Container als Sichtschutz in den Weg zu stellen, Klick, ruft er den Fahrstuhl herbei, mit dem sich eine Abkürzung nehmen lässt. Natürlich kann Aiden auch das Maschinengewehr zücken und sich durchballern. Doch sollte diese Option nur als Notlösung in Betracht gezogen werden – hoffe ich zumindest, denn wie ein übermächtiges Kampfsystem all die schönen Schleichmöglichkeiten beinahe vollständig zunichte machen kann, hat Ubisoft mit Assassin’s Creed bereits mehrfach vorgeführt.

Verhindern kann dies möglicherweise das Ruf-System, das Aiden bei zu auffälligem Vorgehen auf die Fahndungsliste der Polizei setzt. Gerade als wir unsere Beute in einem der Pfandläden der Stadt in bare Münze umwandeln wollen, müssen wir erleben, wie Aidens Foto in den Fernsehnachrichten im Hintergrund durchgegeben wird. Der Verkäufer hinter dem Tresen wird stutzig, dann nervös, streift langsam mit seinem Arm zur Seite, will offenbar nach dem Gewehr oder dem Notrufknopf unter dem Tisch greifen. Wer die Stadt als Waffe einsetzt, muss damit rechnen, dass die Stadt als Ganzes zurückschießt…

Erweiterte Realität

Aidens schärfste Waffe ist darum auch nicht die Schrotflinte, sondern das Smartphone in seiner Tasche – mit dem sich neben jeder Menge groben Unfugs aber auch all die gewöhnlichen Dinge anstellen lassen, die man mit solchen Geräten eben macht. Musik hören zum Beispiel. In Clubs oder von Radios könnt ihr euch neue Songs in euren MP3-Player runterladen. Oder ihr probiert aus Lust und Laune eines der Augmented-Reality-Spiele aus, wie NVZN (sprich englisch: Invasion). Dabei wird Aidens Umgebung von virtuellen Aliens angegriffen, die es nun abzuballern gilt.

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Gläserner Bürger: Aiden kann jederzeit individuelle Biografien und Informationen über Chicagos Einwohner abrufen.
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Witzig anzusehen ist übrigens, wie auch mancher Einwohner von Chicago auf den Bürgersteigen und Plätzen hin und wieder solche VR-Spiele spielt und dabei für Nichteingeweihte höchst befremdlich wirkende Bewegungen und Verrenkungen vollführt.

Apropos Einwohner: Das Chicago von Watch Dogs wird nicht nur von NPCs bevölkert, sondern auch von anderen Spielern, die sich online in eure Welt einklinken – nicht unähnlich einem MMO. Wie genau dieses Verschmelzen von Einzelspieler- und Mehrspielermodus funktioniert, wollte Ubisoft zwar noch nicht verraten, allerdings werdet ihr wohl immer wieder auf andere Spieler treffen, könnt diese herausfordern, möglicherweise Missionen gemeinsam absolvieren oder euch gegenseitig in die Quere kommen.