Ubisoft präsentierte mit Watch Dogs den bislang größten E3-Knüller 2012. Ein grafisch herausragendes Open-World-Abenteuer, das völlig unverhofft aus dem Nichts erschien. Doch das feilgebotene Thema ist längst überfällig.

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Hätte die Stasi damals ähnliche Mittel gehabt, wie sie Datenkraken à la Google und Facebook heute zur Verfügung stehen, wäre die Obrigkeit der DDR wohl täglich feiern gegangen. Wozu umständlich an der Türschwelle bespitzeln, wenn die Bevölkerung freiwillig allerhand Daten über das persönliche Leben preisgibt? Lebensstil, Religion, Ansichten – alles einsehbar. Wenn nicht fein säuberlich in Profilen aufgelistet, dann eben in zahlreichen Aussagen, Tweets und Forenbeiträgen.

Alles ist vernetzt oder könnte es zumindest sein. Selbst extravagante Kühlschränke können heute Mampfnachschub aus dem Internet anfordern und der Wirtschaft im gleichen Atemzug stecken, auf welche Produkte der betroffene Haushalt so richtig abfährt.

Die totale Überwachung

Ich spreche von der Gegenwart. Ubisoft malt sich im frisch angekündigten Software-Hoffnungsträger Watch Dogs die nahe Zukunft aus. Oder zumindest eine mögliche Version, die attraktive Ziele für ein Open-World-Spiel bietet. Aber die aufgetischte Dystopie ist nur einen Steinwurf von der Realität entfernt und erschreckt somit umso mehr.

Watch Dogs - Zwischen GTA und Deus Ex: für uns das Highlight der E3

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Düstere Zukunftsvision: Per Smartphone kontrollieren Hacker ihre Umgebung.
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Noch bevor auf der gestrigen E3-Pressekonferenz auch nur ein Fitzel vom Spielablauf zu sehen war, hatten die Schöpfer von Ubisoft das Publikum bereits fest im Griff. Mit dem ausführlichen Teaser, der die Rahmenhandlung anhand eines unüberschaubaren Zahlensalats auftischte, hatte Ubisoft einen Gegner an die Wand gemalt, der jeden Menschen anspricht: die täglich lauernde dunkle Fratze des schizophrenen Internets.

In einer Zeit, in der komplette Städte von zentralen Rechnern kontrolliert werden, in der Verkehrsampeln, Straßenlaternen, Smartphones, Bankautomaten und PCs den Flaschenhals eines einzelnen steuernden Systems teilen, werden Menschen zu Datenbanken. Stadtbewohner sind nicht mehr als berechenbare Variablen, und all jene, die vollen Zugriff auf das Netzwerk haben, können sie manipulieren.

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Natürlich kommt auch die Action nicht zu kurz.
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Hacker, die das zentrale System einsehen und steuern, schwimmen durch die Menschenmenge. Sie kalkulieren Straßennetze als wären sie Hindernisparcours. Ein Kommando auf dem Smartphone genügt, um laufende Telefonate abzuhören, Anrufe umzuleiten, Überwachungskameras abzufragen oder Name und Eigenschaften sämtlicher umliegenden Personen abzulesen. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs.

Es wirkt zwar weit hergeholt, wenn der Protagonist der E3-Demo den nächsten Funkmast lahmlegt, um den Türsteher eines Etablissements von dessen Eingang wegzulocken – nicht jeder Türsteher ist so nachlässig, dass er auf der Suche nach besserem Handynetz den Posten verlässt, und nach wie vor geht es auch nur um ein Videospiel.

Grafisch berauschend, inhaltlich brisant: Das Highlight der E3 2012!Ausblick lesen

Doch wenn Ubisoft sich ordentlich in das Thema kniet, sollten es unzählige, erschreckend realitätsnahe Möglichkeiten geben, Einfluss auf die nichts ahnende Bevölkerung zu nehmen. Die anschließend gezeigte Massenkarambolage durch Manipulation der Ampelschaltung gehört definitiv dazu.

Nie mehr an der roten Ampel stehen oder ein voller Geldbeutel dank Automatenspende... das wär's doch. Aber wer den Gedanken weiterspinnt, kommt noch auf ganz andere Ideen. Verheerende Versuchungen, die in der Realität ein einziges Chaos verursachen würden, dem Sandbox-Thema aber eine weitere Operationsfläche offerieren. Dagegen wirkt der genretypische Autoklau auf offener Straße fast schon altmodisch. Wozu ein Handgemenge riskieren, wenn man das Aggressionspotenzial einzelner Passanten anhand ihrer Daten im Vorfeld abschätzen und leichtere Beute finden kann?

Als ob es nächste Woche geschehen könnte

Pressemappen und vor allem die Trailer weisen auf ein handlungsbezogenes Open-World-Spiel hin, das ähnlich wie Grand Theft Auto die Erfüllung von vorbestimmten Aufträgen verlangt. In wie weit Systemhacks zur Verdeutlichung des roten Fadens (oder zur Steigerung des Schwierigkeitsgrades) begrenzt werden, lässt sich noch nicht einschätzen, wohl aber, dass scheinbar alles abseits des Hackens und der freien Bewegung in der Stadt ganz klassisch vom Gutwill der Auftragsdesigner abhängt.

Schon jetzt flüstert jede Ecke Assassin's Creed, da der Spieler für das Abklappern der Storypunkte an die Hand genommen wird. Selbst die bleihaltige Schnitzeljagd samt Untertauchen in der Menge zeigt Parallelen. Schlimm? Nein, aber gerade mit der Freiheit eines quasi gottgleichen Hackers wäre ein selbstständiges Zusammenfriemeln der Storypunkte bestimmt spannender.

Auch wäre es schön, wenn Ubi die Voraussetzungen noch ins Gegenteil verkehrt, damit der (oder die) Hacker diese Medizin selbst zu schmecken bekommt, bzw. sich ihr entziehen muss. Warum sonst sollte der Teaser die sozialkritische Note aufgreifen? Abwarten. Viel Handfestes zur Handlung konnte man ohnehin noch nicht sehen.

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Gut geklaut: Watch Dogs wirkt wie eine Mischung aus GTA, Deus Ex, Assassin's Creed und Max Payne.
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Grafisch macht die PC-Fassung von Watch Dogs schon jetzt einen hervorragenden Eindruck. Die frei begehbare Stadt wirkt sehr farbecht, verschwenderisch ausmodelliert und plastisch, egal ob bei Sonnenschein oder bei Regen. Wobei leichte Kamerawackler sowie effekbasierte Stilmittel viel Ambiente vermitteln.

Feine globale Beleuchtung, Neonschein, Nebel und dramatisierte Pyroeffekte verleihen der Umgebung eine wahrnehmungsbedingte Unschärfe. Als ob man Matrix mit Blade Runner vermengt hätte. Allerdings mit einem stetigen Bezug zur heutigen Zeit. Keine fliegenden Autos, keine Laserwaffen. Selbst das Smartphone in den Händen des Hackers scheint vom iPhone inspiriert. Watch Dogs soll so wirken, als könnte das alles schon nächste Woche Realität werden.

Dieses Ziel wird bereits dadurch erreicht, dass die gezeigten Schauplätze ungemein lebendig wirken. Trotz bereits aufwändiger Umgebung zeigen die zahlreich anwesenden NPCs noch genug Detail. Gesichter, Kleidung, Verhaltensmuster - alles wirkt weder aufgesetzt noch repetitiv oder sonstwie technisch ermogelt.

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Orte wie dieser Club sind mit verschwenderischer Liebe zum Detail entworfen.
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Natürlich sind vorgeskriptete Gespräche mit besonders wichtigen Persönlichkeiten noch ein wenig detailverliebter, da Kamerawinkel und Sicht auf den Hintergrund so weit begrenzt werden, dass mehr Rechenkraft für aufwändige Animationen und Interaktionen bleibt. Doch schon der allgemeine Detailgrad beeindruckt ungemein. Mein liebstes Beispiel ist ein verzweifelter Autofahrer, der im Kugelhagel vor lauter Sorge um seinen toten Freund kaum ein paar Worte gestammelt bekommt.

Wie um alles in der Welt soll das auf Xbox 360 und PlayStation 3 laufen? Und wie viel davon gehört tatsächlich zur freien Umwelt? Bin schon gespannt, wo die Schere angesetzt, wo gnadenlos vorgeskriptet und grafisch gemogelt wird. Allein die schiere Anzahl an Echtzeit-Reflexionen und Post-Processing-Effekten beim abschließenden Verkehrsunfall der Demonstration dürfte die aktuellen Konsolen gnadenlos in die Knie zwingen. Ich lasse mich aber liebend gern vom Gegenteil überzeugen.

Watch Dogs wird vom Ubisoft-Studio Montreal programmiert und soll für den PC, für Xbox 360 und PS3 erscheinen. Ein Datum steht noch aus.