Privatsphäre bekommt in unserer immer stärker vernetzten Welt eine stetig wachsende Bedeutung – nicht erst, seit der NSA-Skandal publik wurde. In Ubisofts hochgejazzten Open-World-Spiel Watch Dogs nutzen Hacker die Nachteile der Always-on-Gesellschaft aus – selbst in den eigenen vier Wänden ist kaum noch jemand vor den dreisten Datendieben sicher. Aber steckt hinter der guten Idee auch ein brauchbares Spiel?

Im Mittelpunkt der Handlung steht ein gewisser Aiden Pearce. Ein Mann, über dessen Vergangenheit wir wenig erfahren. Nur ein prägender Moment bleibt haften: Seine Nichte stirbt infolge eines Anschlags, der nach einem verunglückten Hacker-Coup an ihm verübt wird. Watch Dogs ist also ein groß angelegter Rachefeldzug, bei dem ich herausfinden soll, wer die Hintermänner des Attentats sind.

Wer sich für moderne Computertechnik, Hackingtechnologie oder die NSA-Affäre interessiert, dürfte die Story mit Interesse verfolgen. Sie greift viele Ängste unserer Zeit auf, und angesichts des Ausspäh-Eklats und aktueller Datenpannen kann man auch gar nicht mit Sicherheit behaupten, dass hier über das Ziel hinausgeschossen würde. Die Handlung ist spannend und wendungsreich. Manchmal schießt sie vielleicht ein bisschen zu häufig mit plötzlichen Wendungen in die Gegenrichtung, manch Auftrag wirkt wie eine Füllepisode einer TV-Serie. Aber schließlich soll ja in Sachen Spielzeit auch etwas geboten werden.

Watch Dogs - Rockstar kann beruhigt sein, Ubisoft aber auch

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Inhaltlich trifft Watch Dogs absolut den aktuellen Zeitgeist. Spielerisch weitestgehend auch.
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Ist das realistisch?

Allerdings kann ich auch die Augen nicht davor verschließen, dass es einige Ungereimtheiten im Handlungsfaden gibt. Zum einen ist es mehr als unglaubwürdig, dass eine Stadt wie Chicago ihre gesamte Netzinfrastruktur von einem Punkt aus organisiert – und sich so extrem angreifbar macht. Das ctOS, die zentrale Steuerung der fiktiven Chicagoer Infrastruktur (Stromnetz, Brücken, U-Bahn usw.), wird von nur einer Stelle aus gesteuert. Ähnliches gilt für unseren Protagonisten, der offensichtlich keinerlei Sicherheitskopien seiner wichtigsten Dateien anzulegen scheint. Ein bisschen peinlich ist es schon, wenn eines seiner Safehouses auffliegt und er sich ausheult, dass er alles verloren habe – wobei er natürlich noch ein Dutzend weiterer Unterschlupfe besitzt. Snowden wäre das nicht passiert!

Grundsätzlich bietet Ubisoft einen guten Cast auf; viele der Hauptfiguren sind in ihrer Anlage und ihrem Wirken glaubhaft dargestellt. Vor allem in den sehenswerten Zwischensequenzen entwickeln sich der Plot voran und die Charaktere eine Tiefe, so beispielsweise der eigenwillige Jordie, die Aktivistin Carla und mit Abstrichen auch der unnahbare Aiden wachsen mir mit fortschreitender Spieldauer immer stärker ans Herz.

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Dabei ist der Einstieg für ein Ubisoft-Spiel ungewohnt sperrig. Der Grund: bereits zu Beginn bietet Watch Dogs so viele Spiel-Optionen, dass mir beim Blick auf die Karte des virtuellen Chicago fast ein bisschen schwindelig wird. Da verliere ich mich über zwei, drei Stunden im Free-Roaming, probiere hier ein wenig aus und eiere ziellos durchs Abenteuer. Das ist nicht unbedingt schlimm, denn auch im wirklichen Leben kann einen die ständige Erreichbarkeit, die überall aufploppende Werbung überfordern. Trotzdem fehlt mir aber schon teilweise der rote Faden. Erst wenn ich mich zwinge, den Hauptmissionen zu folgen, tauche ich so richtig ein in diese technisierte Untergrund-Welt und verstehe auch die Hintergründe der vielen Aktionen, die ich ausführen darf.

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Die Grundlage meiner Arbeit als Hacker besteht im „Profiling“: ich scanne mit meinem Smartphone die Umgebung und Passanten und schaue, wo ich Informationen abgreifen kann. Dabei dringe ich ungeniert in die Privatsphäre der Bürger ein – erfahre, ob sie eine Krankheit haben, vorbestraft sind, mitunter auch ihre sexuelle Vorlieben oder welchen Job sie ausüben. Inklusive Jahresgehalt. Manche Personen lassen sich darüber hinaus auch hacken, womit ich Zugriff auf ihr Bankkonto erhalte oder auch Telefongespräche belausche. Ersteres führt dazu, dass ich an Bankautomaten Kohle abheben kann, Letzteres triggert optionale Nebenmissionen.

Auch die Stadt ist insgesamt sehr gut in Szene gesetzt. Mit ihren vielen Details, dem toll animierten Wasser, den im Wind wiegenden Bäumen oder dem realistisch wirkenden Regen hinterlässt sie einen organischen Eindruck. Das Stadtgebiet ist nicht so abwechslungsreich und nicht ganz so groß wie in GTA V und auch ihre Bewohner bleiben ein wenig blass. Die Unterhaltungen sind zwar interessant, und die Mühe das alles erstellt zu haben, muss enorm gewesen sein. Trotzdem bleiben die meisten Menschen mir fremd und distanziert. Unterm Strich ist es jedoch eine ziemlich gelungene Illusion einer US-Großstadt, bei der die Licht- und Raucheffekte besonders gelungen sind.

Du bist nicht allein

Die Steuerung beim Hacken geht mir schon nach wenigen Minuten locker von der Hand und der Vorgang an sich ist simpel gehalten. Doch wenn das Hacken zunächst als reiner Selbstzweck erscheint, erschließt sich mir seine Tiefe erst später. Wenn ich nämlich feststelle, dass ich viele Konfrontationen komplett umgehen kann, indem ich mich von einer (gehackten) Überwachungskamera zur nächsten hangeln kann, um meine Ziele zu erreichen und dafür nicht einen Schuss abfeuern muss.

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Ganz so hübsch sieht's auf PS4 und Xbox One dann doch nicht aus, ein hässliches Entlein ist das Open-World-Spiel aber auch nicht.
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Ballern kann ich natürlich trotzdem so oft ich will, aber wenn ich Aufträge subtiler lösen möchte, klappt das ganz hervorragend. Ich schalte Feinde dann durch Überladungsexplosionen aus, lenke sie ab, führe sie in die Irre und knocke sie aus. Wenn ich etwa ein sich anbahnendes Verbrechen beobachte, habe ich bei geschickte Timing die Möglichkeit, die Tat in der Entstehung zu vereiteln. Wenn ich dabei keinen Schuss abgebe, profitiere ich sogar von einem Plus an Erfahrungspunkten und mein Ansehen in der Bevölkerung wächst stärker. Das ist wichtig, denn je beliebter ich bin, desto höher die Schwelle von Passanten, die Cops zu rufen.

Thematisch ein Volltreffer, spielerisch nur zum Teil. Watch Dogs besitzt aber genügend Eigenständigkeit, um über etliche Stunden überzeugen zu können.Fazit lesen

Übrigens führe ich meinen Kampf gegen den unbekannten Feind und die Obrigkeit nicht allein: eine Gruppe namens Dedsec, Hacktivisten im Untergrund, hilft mir bei meinem Widerstand gegen die diversen Gangstergruppen der Stadt. Kurios bis skurril sind dabei einige Videos, über die man beim Hacken von wichtigen Systemen stolpert. Die im Stile von Hacker- und Crackerdemos der 90er Jahre aufgemachten Clips zeigen allerlei verrückte Situationen, die ich an dieser Stelle nicht spoilern möchte. Die Suche lohnt sich!

Watch Dogs - Chicago ist zum Hacken da

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Neben der Hauptmission gibt es, wie bereits erwähnt, eine Vielzahl von optionalen Nebenaktivitäten. Da stürze ich mich in Pokerpartien oder spiele Schach, absolviere Rennen gegen die Zeit oder Fluchtfahrten, überfalle Gangster-Konvois, hebe die Verstecke von Bösewichtern aus oder klappere Sehenswürdigkeiten ab. Oder man versucht sich in Parcours-Herausforderungen und sammelt Münzen bzw. Geld ein. Mit manchen dieser Beschäftigungen schalte ich weitere Fahrzeuge oder Waffen frei, andere sind einfach nur ein unterhaltsamer Seitenaspekt des Hackerdaseins. Das Leben in Chicago ist vielseitig, doch eine Tiefe wie in GTA V dürft ihr nicht erwarten. Das epochale Rockstar-Werk ist da noch ein ganzes Stück komplexer und tiefgründiger angelegt.

Was für ein geiler Trip!

Doch Ubisoft geht mit Watch Dogs in die richtige Richtung; für einen Premieren-Auftritt bietet es eine Menge. Gerade wenn man ausgelatschte Pfade verlässt, dreht es auf. Ein absolutes Highlight des Spiels sind etwa Drogen-Tripps, die mit abgefahrenen Spezial-Missionen aufwarten: da lege ich als Panzerspinne die halbe Stadt in Schutt und Asche, werde für die Abschüsse von Cops belohnt oder ich fliege vor Glück jauchzend und völlig benebelt psychedelisch durch die Luft und hüpfe über riesige Blumen.

Aber es geht auch anders: Mit einem Wagen fahre ich brennende Zombies platt und sammele Seelen ein oder in einer depressiv-düsteren Zukunftsvision muss ich die Macht finsterer Roboter brechen und das Tageslicht wiederherstellen. Klasse, mehr davon! Allein in diesen Missionen habe ich bereits etliche Stunden „versenkt“ – und jede Minute genossen.

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Es gibt eine Menge Zeug zum Todschlagen von überflüssiger Freizeit. Gute Sache!
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Ein anderes Highlight des Spiels sind ganz klar die tollen Verfolgungsjagden. Zwar krankt Watch Dogs wie auch GTA an einer viel zu schwammigen Fahrzeugsteuerung, aber daran gewöhnt man sich ziemlich schnell. Im Gegensatz zu Ubisofts Werk sind GTA-Rennen aber beinahe schon Spazierfahrten. Nicht nur, dass hier mehr zu Bruch geht, ich habe als Fahrer auch viel mehr Möglichkeiten, die äußerst hartnäckigen Gesetzeshüter abzuhängen. Um sie loszuwerden, kann ich die im Spielverlauf freigeschalateten Fähigkeiten nutzen und urplötzlich Poller hochschießen lassen, Dampfleitungen sprengen, Brücken im passenden Moment hochziehen oder Ampeln so manipulieren, dass alle Fahrzeuge gleichzeitig Grün haben. Oh, herrliches Chaos!

Wenn ich mich dann doch mal auf richtige Schießereien einlasse, ist das durchaus befriedigend – erst recht, wenn ich es mit dem doch ziemlich umständlichen GTA-System vergleiche. Die Aufschaltung der Ziele klappt reibungslos, die Wummen haben durchweg eine gute Trefferwirkung, zumal ich durch den Einsatz von Fokus-Energie (Zeitlupe) noch ein wenig mehr Möglichkeiten habe. Beim Ballern muss ich jedoch vorsichtig vorgehen, Aiden verträgt nur ein paar Treffer – gut, dass das Deckungssystem zuverlässig funktioniert und auch der Zugriff auf allerlei Gadgets flott von der Hand geht.

Watch Dogs - Viraler Werbespot: Amazing Street Hack27 weitere Videos

Kann schon nicht schaden, wenn man die Stadt für ein paar Sekunden einem totalen Blackout unterzieht. Geradezu entspannend sind dagegen die meisten Aufträge, bei denen ich Sendemasten hacken muss, um bestimmte Gebiete für meine Technik freizuschalten. Das System erinnert zwar an Far Cry, aber hier suche ich nach dem richtigen Ansatz, um aufs Dach zu gelangen: ein bisschen klettern, eine Prise Kombinationsgabe und schon offenbart sich ein weiterer Teil der Welt meinem mächtigen Smartphone.

Man muss nicht jeden Fehler wiederholen

Während Rockstar im Laufe der Jahre dazugelernt hat, wollte Ubisoft aber unbedingt ein paar Fehler selber begehen. Anders kann ich mir nicht erklären, weshalb die Checkpoints in Missionen entweder gar nicht vorhanden sind oder schlecht gesetzt wurden. Und wenn ich schon am Meckern bin: Auch aus eigenen Missgriffen will man offenbar nicht lernen. Auch in Watch Dogs kann ich massig Kohle anhäufen, ohne eine richtige Verwendung für den Zaster zu haben – das meiste benötigte Zeug (wie Munition, Waffen oder Teile zum Basteln) sammelt man während des Spielens ein und hat von allem im Überfluss. Ein Umstand, der schon bei Assassin‘s Creed negativ aufgefallen ist.

Anerkennung gebührt dem Entwicklerteam aber für das durchdachte Skillsystem. Es macht Spaß, sich in bestimmten Bereichen wie fortzubilden und die Resultate des Skillpunkt-Investments auch unmittelbar zu spüren. Die Kategorien sind zudem klar gegliedert und zeigen, was ich an welcher Stelle erreichen kann.

Watch Dogs - Rockstar kann beruhigt sein, Ubisoft aber auch

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Einer der ersten Screenshots überhaupt zu Watch Dogs. Es war ein weiter Weg bis hierher.
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Und dann wäre da noch der Online-Teil des Spiels, der nahtlos mit dem Einzelspieler-Modus verwoben ist. Während eine Internetverbindung besteht, kann es jederzeit passieren, dass andere Spieler in die eigene Sitzung einbrechen und versuchen, meine virtuellen Daten zu hacken. Das kann ich auch ignorieren und sie machen lassen, ein Nachteil entsteht mir deshalb nicht. Die fehlende Grenze zwischen Einzel- und Mehrspielermodus führt dazu, dass ich immer wieder Offerten erhalte, diesen oder jenen Spieler selbst zu unterwandern.

Dann wird ein Kopfgeld auf mich ausgesetzt oder mir ein Online-Rennen angeboten. Man kann das alles zwar auch ausschalten, verliert aber die in diesem Bereich gewonnenen Boni. Teils ist das störend, weil es zu unpassenden Zeiten eingeblendet wird oder man sogar von anderen Aktivitäten abgelenkt wird. Doch unterm Strich wird die Spielerfahrung von Watch Dogs dadurch eher bereichert und es steckt noch viel mehr Potenzial drin.