Relic sind nicht zu beneiden und gleichzeitig nicht zu bemitleiden. Als einer der wenigen Entwickler überhaupt kümmern sich die Kanadier nach wie vor darum, dass im Mainstream das Genre der Echtzeitstrategie nicht völlig der Vergessenheit anheimfällt – beeindruckend, wenn man bedenkt, dass RTS-Schlachten einstmals zu den beliebtesten Spielen zählten und einige der größten Klassiker überhaupt vorgebracht haben. Doch Genres sterben nicht, sie schlafen höchstens ein – und Dawn of War 3 soll der nächste Weckruf für alle gierigen Genrefreunde werden.

Die Geschichte der Reihe ist holperig, und gar nicht so wenige Fans sagten angesichts der Ankündigung von Dawn of War 3 nicht etwa „Geile Sache, endlich wieder…“ und derlei, sondern vielmehr „HOFFENTLICH wird es so wie Dawn of War 1 und nicht wie 2.“ Diese Einwürfe sind insofern verständlich, als dass sich die beiden Vorgänger, bei aller Qualität, doch stark voneinander unterschieden, und einige Hobby-Space-Marines waren angesichts der neuen Ausrichtung vor den Kopf gestoßen: kleine Squads, die per Micromanagement sehr taktisch eingesetzt werden mussten, ein restriktives Einheitenlimit, kein Basenbau – es lässt sich nicht leugnen, es war eine sehr andere Art von Spiel.

Warhammer 40k: Dawn of War 3 - E3 2016 Gameplay TrailerEin weiteres Video

Relic sind weder blöd noch taub und blind. So lautes Feedback konnte nicht an ihnen vorbeigehen, und trotz der guten Arbeit an Dawn of War 2 gestanden sie sich ein, dass es an der Zeit ist, ein wenig zurückzurudern. Eine weitere Erfahrung, die dazu beitrug, war sicherlich die zwar insgesamt gute, aber in Einzelheiten auch durchwachsene Rezeption ihres anderen Strategieknallers Company of Heroes 2. Es ist nicht leicht, einem Meisterwerk zu folgen, selbst, wenn es das eigene ist.

Nach einer gespielten Mission aus der Mitte der Kampagne lässt sich eines auf jeden Fall sagen: Fans beider Lager, der DoW1- und DoW2-Fans, können aufatmen. Nicht nur versucht sich der dritte Teil, in dem sich zunächst Space Marines, Eldar und Orkz gegenseitig ihre kriegslüsternen Fressen polieren, an einer Vermischung der Stärken seiner beiden Vorgänger, es scheint auch bislang recht gut zu funktionieren.

In der Mission führt Gabriel Angelos von den Blood Ravens, wer sonst, seine Truppen zur Zerstörung eines Tempels der Eldar. Neben den üblichen Tactical Marines, Predator-Panzern und Cybots / Dreadnaughts mit dabei: einer der im Vorfeld herumparadierten Gott-sei-bei-uns-Riesenmechas, nicht gar so gewaltig wie ein dem Setting eigener Titan, aber doch himmelhoch alles überragend, was sich sonst auf dem Schlachtfeld tummelt. Die bestimmt vielfach gestellte Frage, wie sich diese Riesen in das Gameplay einfügen, ist als Gedankenexperiment leicht zu beantworten: Stellt sie euch einfach wie die Relic-Einheiten von früher vor. Wenn ihr je einen Avatar of Khaine oder einen Baneblade-Panzer aufs Schlachtfeld geführt habt, dann könnt ihr euch sicher problemlos vorstellen, wie mächtig, satt und cool diese neuen Einheiten sind – und wisst gleichzeitig auch, dass sie nicht übermächtig sind, sondern angewiesen auf begleitende Unterstützung. Dann kommen seine Stärken, etwa ein Multiraketenhagel, dessen einzelne Ziele und Verlauf ihr selbst bestimmt, sehr gut zur Geltung.

Dawn of War 3 - Das Beste zweier Welten?

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Mehr als nur Eye Candy - bekannte taktische Möglichkeiten treffen auf den Flair des ersten Teils.
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Doch das eigentliche, anfangs angedeutete Highlight, passiert drumherum. Ungläubig wandert mein Blick in die Ecke, als ich in meiner selbstgebauten Basis, mit platzierbaren Gebäuden, Upgrade-Stationen und Abwehranlagen, eine Einheit nach der nächsten aus den Fabriken pumpe. „Und noch ein Marine-Squad… und noch ein Cybot… und haben wir noch Platz für einen Whirlwind? Klar, immer her damit!“, es ist eine wahre Freude, und als ich entdecke, dass ich mit der bereits beachtlichen Größe meiner Kampftruppe gerade mal die Hälfte meines Population-Caps aufgebraucht habe, weiß ich: Hier geht es endlich wieder um Strategie, nicht Taktik, um das Führen großer Armeen, nicht kleiner, wertvoller Squads. Selbst mir als bekennendem Fan von Dawn of War 2 geht da ein bisschen das Herz auf. Die roten Supergenetik-Fleischbrocken da unten haben für den Imperator zu sterben, nicht pro Einzelperson mein Konto stark zu belasten!

Fans des zweiten Teils müssen deshalb nicht denken, es gäbe kein Micromanagement mehr, nach wie vor haben zahlreiche der Einheitentypen einsetzbare Skills, aufwertbare Waffen und Einzelupgrades und eine eigene Art, wie sie am besten eingesetzt werden. Aber es fühlt sich eben nicht mehr an wie… nun, wie Company of Heroes eben. Man ist spielerisch eine Spur weiter rausgezoomt, und das Ergebnis ist ein größeres Ganzen, ein Gesamtbild, bei dem man wesentlich eher das Gefühl hat, ein Schlachtherr zu sein. Auf der anderen Seite steht die Sorge, ob man nicht die Uhr vielleicht ein paar Jahre zu weit zurückgedreht hat. Ich für meinen Teil konnte zum Beispiel keine Form von Erfahrungssystem für die Einheiten entdecken, und sollte dieses weggefallen sein, wäre es doch schon ein bisschen schade – gerade auch angesichts der Tatsache, dass Company of Heroes mit seinen XP für Einheiten verhältnismäßig interessante Dinge anstellt.

Dawn of War 3 - Das Beste zweier Welten?

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Der Pathos und die zum Franchise gehörige Testosteronschlacht waren in der Präsentation ebenfalls vertreten.
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Die Mission führt bei ihrem obligatorischen Bonusziel zu einigen Punkten der Karte, an denen wir Zusatzressourcen und tote Marines finden. Gabriel beklagt ihr Schicksal und erklärt mit geschwellter Brust, ihr Tod werde nicht umsonst gewesen sein. Aller Pathos und bedeutungsschwangere Mumpitz ist wieder am Start, es geht einmal mehr um die Wurst. In der finalen Schlacht gegen die Eldar vor ihrem Tempel nutze ich alle meine neuen Spielzeuge: Terminatoren werden zum Ort des Geschehens teleportiert und reißen mit ihren Krallen Eldar-Fleisch entzwei, ich habe drei selbst bestückbare Drop Pods, die auf mein Geheiß hin mächtige Einheiten mitten ins Getümmel werfen – einer von ihnen fungiert kurzerhand als automatisierte Geschützstellung, malträtiert nach seinem Einschlag also alles um sich herum mit schweren Boltern. Und der eigene Riesen-Mech der Eldar fällt der Kombination aus der Feuerkraft meiner Armee zum Opfer und erhält den coup de grace von einem alten Bekannten: der sich jetzt mächtiger denn je anfühlenden Orbitalkanone, die den Koloss nicht nur brutzelt, sondern dabei auch wie ein Traktorstrahl in die Luft hebt. Es ist zu früh, um schon ein definitives Urteil geben zu können. Doch wenn die Präsentation für den Rest des Spiel steht, bleibt nur zu sagen: Willkommen zurück, Dawn of War. Du hast uns gefehlt.