Manchmal frage ich mich komische Sachen, zum Beispiel: Wie viele Space Marines hat jeder Freund knüppeldicker Shooter-Action im Laufe seiner Gamerkarriere bereits gesteuert? Ich habe mal versucht, meine Bestandsliste zu erstellen, und bei etwa 15 mürrischen Weltraumsoldaten aufgehört zu zählen. Ob Halo, Gears of War oder auch einfach das gute alte Doom, als grimmiger Schlächter von Aliens werden wahrscheinlich noch unsere Kindeskinder spielen.

Nur dass die dann irgendeine telepathisch gesteuerte Superkonsole haben, vor der wir ratlosen alten Säcke dann kapitulieren und stattdessen lieber auf der guten alten Playstation 14 den Klassiker Final Fantasy XCI zocken. Oder die Ärmsten müssen selbst auf fremden Welten Außerirdische bekämpfen.

Jedenfalls ist der Gedanke, immer wieder denselben Stereotyp zu spielen, nicht automatisch wahnsinnig verlockend. Doch gerade Warhammer 40,000, der Science-Fiction-Ableger von Games Workshops Sword-and-Sorcery-Tabletop-Spiel, verdient in der Hinsicht eine Chance. Nicht nur ist die Reihe schon seit den achtziger Jahren unterwegs und somit die Grundlage für die oben genannten Videospiel-Marines, sie hat auch bislang keinen wirklich guten Actionableger erhalten. Der einzig nennenswerte Shooter war Fire Warrior aus dem Jahr 2003, in dem man aus der Ego-Pespektive einen Soldaten der damals noch recht frischen Tau-Aliens steuerte – keine totale Enttäuschung, aber nicht unbedingt, was sich Fans breitflächig gewünscht hatten.

Warhammer 40.000: Space Marine - Kaum gewürzt, aber gut mariniert

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Eure Hauptaufgabe: metzeln, bis der Ork platzt.
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Der imperiale Marsch durch Gegnermassen

Nach zahlreichen Strategietiteln hat Relic Entertainment, Macher der Dawn-of-War-Reihe, beschlossen, einen Hack-&-Slay-Heuler aus der Third-Person-Perspektive zu veröffentlichen. Space Marine soll also die quintessenzielle 40K-Metzelei werden und das Gefühl vermitteln, in diesem futuristischen Universum, in dem es nur Krieg gibt, mal so richtig die Sau rauszulassen. Es erzählt die Geschichte dreier Marines, die auf einer imperialen Forgeworld landen.

Auf solchen industriellen Planeten wird die heilige Ausrüstung des Imperiums hergestellt und auf diesem, genannt Graia, entstehen Titans, riesige Kampfroboter, die den Ausgang jeder denkbaren Schlacht beeinflussen können. Daher ist ein plötzlicher Massenangriff der wilden und blutrünstigen Orks extrem kritisch. Bevor der Rest der Flotte ankommt, könnte es schon zu spät sein, daher müssen Captain Titus, sein Sergeant und Veteran Sidonus und der junge Adept Leandros als Vorhut retten, was zu retten ist.

Packshot zu Warhammer 40.000: Space MarineWarhammer 40.000: Space MarineErschienen für PC, PS3 und Xbox 360 kaufen: Jetzt kaufen:

Kurz nach ihrer Ankunft ergibt sich aber ein noch größeres Problem: Ein Forscher namens Drogan, Mitglied der heiligen (und fanatischen) Inquisition, führt auf Graia Experimente mit einer Energiequelle durch, die so potent ist, dass sie bei falscher Handhabung den Planeten in Stücke reißen könnte. Da der erste Reflex bei Orks „kaputt machen“ ist, müssen die Marines die Superbatterie schnell finden. Und wo immer sich ein mächtiges Artefakt befindet, sind natürlich auch die verderbten Mächte des Chaos nicht weit, die ganz andere Pläne für das gefährliche Objekt haben.

Warhammer 40.000: Space Marine - Kaum gewürzt, aber gut mariniert

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Eine Stunde später: dasselbe Bild. Aber es passt. Im Sinne des Warhammer-Universums.
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Das ist so eine Geschichte, die zwar prinzipiell in Ordnung ist, die es aber nun gerade im 40K-Universum im Dutzend billiger gibt. Das Imperium trifft auf eine wilde Streitmacht, meistens Orks, und im Hintergrund lauert aber eine viel heimtückischere Bedrohung: Eine Flotte der Tyraniden rückt an, eine Eldar-Hexe manipuliert das ganze Geschehen oder, wie in diesem Fall, das Chaos will mit einem Artefakt Schindluder treiben. Meistens geht es um die Beschwörung eines Dämons, und jetzt ratet mal, ob das auch in Space Marine passiert. Jedenfalls bleibt man prinzipiell am Ball, was aber wahrscheinlich eher daran liegt, dass die Kampagne nur etwa sechs Stunden lang ist.

Ebenfalls nicht so besonders geschickt ist die Wahl unserer Helden. Wenn man schon die eher konventionellen Space Marines zu Akteuren macht, liefert einem 40K jede Menge interessante Orden der Supersoldaten als Vorlage. Die Salamander zum Beispiel sind aufgrund ihrer Geschichte leidenschaftlich darum bemüht, Unschuldige zu schützen. Oder die von Relic selbst erfundenen Blood Ravens, welche die Anfänge ihres Ordens nicht kennen und daher so etwas wie Ausgestoßene sind. Aber wen steuern wir hier? Captain Titus von den Ultramarines, den rechtschaffenen Schlümpfen des Imperiums, die anstatt einer Persönlichkeit blaue Rüstungen und ihr Pflichtgefühl haben. Es ist eher Nörgelei als echte Kritik, aber diese Wahl riecht ein bisschen feige.

Stop! Warhammer-Time!

Nun habe ich sehr ausführlich über die Handlung geredet und kann leider über das eigentliche Spiel nicht annähernd so viel sagen. Prinzipiell ist Space Marine ein Hybrid aus Shooter- und Nahkampfmechaniken, die über drei Viertel des Spiels einen immer gleichen Rhythmus ergeben: Eine Welle von Orks rennt auf unseren Charakter zu (manche bleiben auch hinten und schießen), wir ballern mit der Waffe unserer Wahl ins Getümmel, sobald der Rest der Grünhäute zu uns aufgeschlossen hat, geht es mit einer der drei Nahkampfwaffen in den Metzelmodus.

Ordentliche Action und Inszenierung treffen auf belanglose Mechaniken und zu wenig Inhalt.Fazit lesen

Vor Schaden schützt uns einer der altbekannten Selbstladeschilde. Ist dieser durchbrochen, erleiden wir tatsächliche Verletzungen. Diese lassen sich heilen, indem wir mittels des sehr beschränkten Kombo-Systems (jede Nahkampfwaffe hat eine Kombo, deren Ende variiert werden kann) einen Gegner betäuben und ihn dann mit einer filmreifen Exekution zersägen, zerhacken oder zerwürfeln. Das gibt dann Lebensenergie, so dass wir anschließend weiterschlachten können.

Letzteres ist ein interessantes System, aber leider nicht ohne Schwächen. Die Idee dahinter ist, dass Relic Space Marine nicht zu einem deckungsbasierten Shooter machen wollten, weil Kuckuckspielchen wie bei Gears of War nicht zu einem Übersoldaten passen würden. Das Argument ist schwach, sowohl Tabletop-Spiel als auch Relics eigene Strategietitel sind enorm deckungsbasiert, aber zugunsten des Spielspaßes hat Relic von höchster Stelle, nämlich den 40K-Inhabern Games Workshop, die Erlaubnis, sich viele Freiheiten zu nehmen. Nun muss man sich also, wenn man verletzt ist, erst recht in die gegnerische Meute stürzen und sich gesundtöten. Leider führt das beim Spieler zu einer gewissen antrainierten Rücksichtslosigkeit, die wiederum in viele Game-over-Bildschirme mündet. Und frustriert.

Warhammer 40.000: Space Marine - Kaum gewürzt, aber gut mariniert

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Zwischendrin wird auch mal die Flughilfe ausgepackt.
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Ebenfalls nicht so schön ist die Tatsache, dass es pro Nahkampfwaffe und getöteter Gegnerart so ziemlich genau eine Exekutionsanimation gibt, die man während eines Spieldurchgangs also wortwörtlich einige hundert Mal sieht, mindestens im Minutentakt. So schön die tödlichen Duelle aussehen, aber nach den ersten zehn Malen kann man sie nicht mehr sehen. Noch bevor das Tutorial vorüber ist, poppt die Trophäe für 100 getötete Gegner auf. Ihr könnt euch ausrechnen, wie öde die Finisher am Ende des Spiels geworden sind.

Im letzten Viertel ändert sich die Kampfdynamik nur unwesentlich, die Truppen des Chaos sind etwas fernkampffreudiger, so dass man jetzt mehr ballern darf. Das ist in gewisser Weise ein Segen, wenn man bedenkt, dass die etwa zehn Fernkampfwaffen schön unterschiedlich sind und sich wirklich gut und mächtig anfühlen. Zwar wagt Relic auch hier absolut keine Experimente (die exotischste Waffe ist ein Granatwerfer – schweig still, mein klopfend Herz), aber die Feuergefechte fühlen sich mindestens so satt an wie der Nahkampf, wobei sie viel abwechslungsreicher sind.

Innerhalb der Kampagne kommen wir in regelmäßigen Abständen an Schreinen vorbei, die uns neue Waffen bescheren oder unseren Supermodus aufwerten. Der wird, wie immer, durch Kämpfen gefüllt und erlaubt bei Aktivierung entweder Selbstheilung nebst stärkerem Nahkampf oder eine Zeitlupe für den Fernkampf. Kennt man alles, fühlt sich auch ganz gut an, aber am Wasserspender im gamona-Büro reden wir dann doch lieber übers Wetter.

Klingt gotisch, ist aber so

Wir sehen also: Space Marine vollführt das Kunststück, gleichzeitig krachig-bluttriefend und, in kreativer Hinsicht, zu zaghaft und daher ein bisschen langweilig zu sein. Natürlich ist 40K von Hause aus nicht wahnsinnig abwechslungsreich, aber das hat Relic bislang nie daran gehindert, astreine Spiele zu fertigen. Die Erfahrung kommt ihnen hier durchaus zugute, denn die Atmosphäre und Stimmung des sarkastisch grimmen Universums, mit all seinem Pathos und Pomp, das wurde quasi perfekt eingefangen.

Zwar erzeugt Space Marine mit seinen flachen Mechaniken manchmal den Eindruck eines halbherzigen Tie-in-Titels, doch wenn man Titus durch die Ruinen himmelhoher gotischer Kathedralen steuert, wenn das Plasma glühend in grünes Fleisch einschlägt oder ein futuristischer Schrein die Brücke zwischen religiösem Fanatismus und unendlich distanzierten Hi-Tech-Apparaten schlägt, dann wird einem der Reiz des Szenarios, sofern man denn eine Antenne dafür hat, immens gut vermittelt.

Dazu noch einige knallige Zwischensequenzen und ein schwer-orchestraler Soundtrack mit viel Frauenchören und Pseudo-Latein, schon gibt es in Sachen Inszenierung eigentlich nichts mehr zu meckern. Es ist dieser Teil von Space Marine, der am meisten Mut macht. Mut, dass eine etwaige Fortsetzung, so sie denn passiert, nur noch spielerisch aufgepeppt werden muss, weil Relic die Warhammer-40,000-Welt bereits verstanden hat. Sie müssen nur noch in die Köpfe von Action-Aficionados vordringen und diesem von ihnen stilistisch so geehrten Szenario spielerisch gerecht werden.

Warhammer 40.000: Space Marine - Tutorial-Video: Charakter-Editor17 weitere Videos

Nicht, dass Space Marine in dieser Hinsicht keine Teilerfolge verzeichnen könnte. Spielerisch der vielleicht beste Teil des eigentümlichen Hybriden aus Schuss- und Schlitzmarathon ist der Multiplayer-Modus, der zwar eigentlich überhaupt nichts Besonderes ist, bei dem sich Relic aber mal ein paar Dinge für den Singleplayer-Modus abgucken dürften. Mit drei Klassen, die jeweils verschiedene Waffen und Perks haben, bekriegen wir uns im Team-Deathmatch oder geben uns beim altbekannten „Erobern und Halten“ die Ehre. Raptor-Angriffstruppen sausen mit ihren Jetpacks über die schön offen gestalteten Karten (die Jetpack-Mechanik gibt es im Storymodus auch, aber dort ist sie selten und belanglos), Devastators entfachen mit schweren Geschützen wahre Kugelhagel und taktische Marines versuchen als Allrounder, die Stellung zu halten.

Die Mehrspielerpartien sind alles andere als fehlerfrei, vor allem haben sie mit Balancing-Problemen zu kämpfen, weil zum Beispiel die Jetpack-Kämpfer in den frühen Partien alles dominieren. Aber die Grundlagen stimmen, denn das gute Kampfgefühl des Spiels wird bereichert durch viele Customizing-Möglichkeiten, freischaltbare Inhalte und ein Erfahrungssystem. Zusätzlich soll noch ein Koop-Modus per Patch nachgereicht werden, aber der steht wiederum fürs übliche Dahinmetzeln von Orkwellen, dessen ist man bereits im Hauptspielmüde geworden.

Wahrscheinlich hätte man die Kampagne ebenfalls mit RPG-Elementen anreichern oder sich die Mühe geben können, ein motivierendes Loot-System wie bei Dawn of War II einzubauen. Denn so, wie es momentan daherkommt, ist Space Marine nichts Halbes und nichts Ganzes. Zu gut bzw. stimmig, um es in die Ecke feuern zu wollen, aber definitiv zu mager für ein Preisschild von 60 bis 70 Euro.