„Pen & Paper“-Rollenspiele, Tabletops, Brettspiele, alles dazwischen – das war ein großer Teil der Nerdwelt bis Mitte der 90er Jahre. Der Nachwuchs sitzt aber auch vor dem Computer. Das neue, rundenbasierte Space Hulk ist eine digitale Hommage an diese Zeiten. Die hat einige Stärken.

Warhammer 40.000: Space Hulk - Launch TrailerEin weiteres Video

Space Marines gegen Genestealers

Im 41. Millennium gibt es die Erde zwar noch, sie ist aber genau das, was fast alle heute prophezeien: eine ausgebeutete Welt, auf der kaum noch Menschen leben. Sie dient nur noch einem Zweck: Der unsterbliche Gott-Imperator lebt dort. Er lenkt das menschliche Imperium, das sich in einer kruden Mischung aus faschistoidem Religionskult und Militarismus im All behaupten kann. Nicht-Menschen gibt es überall. In der fernen Zukunft gibt es nur Krieg – das ist die Prämisse in den Spielwelten von Games Workshop. Feinde gibt es überall.

Space Hulk ist in eben diesem Warhammer-40.000-Universum angesiedelt und erhebt den Anspruch, eine exakte Umsetzung des preisgekrönten Brettspiels zu sein. Von der neuesten Regeledition wohlgemerkt, die die Briten in streng limitierter Version im Jahr 2009 nochmal auf den Markt geschmissen hatten. Die erste Ausgabe gab es bereits 1989. Da dachte noch niemand daran, dass die enthaltene Kampagne im Jahr 2013 noch immer tragen könnte.

„Sin of Damnation“ ist Name der durch eine Geschichte verbundenen Folge von Einzelmissionen; und der Name des Raumschiffs, das irgendwann aus den Tiefen des Warp auftaucht. 9000 Jahre lang war es vermisst – nun ist es ein Space Hulk: ein durchs All treibender Koloss, von dem niemand weiß, wo er in den Tausenden Jahren zuvor war. Die Verteidiger des Imperiums wollen das Schiff jedoch nicht verloren geben und schicken ihre besten Kämpfer an Bord. Genetisch optimierte Menschen, die Space Marines. Wie in der Vorlage sowie der zweiten Computerspielumsetzung von Electronic Arts übernimmt der Spieler Kampfverbände der Blood Angels; eines der Chapter, in die die Menschheit ihre Elitetruppen unterteilt.

In Terminator-Rüstung schieben sich bis zu zwei Trupps je fünf Marines durch die engen Gänge des Raumschiffs, auf das sie geschickt wurden. Rundenweise erkunde ich das Dunkel, die Kälte – und die neue Heimstätte der Genestealer. Zweibeinig und vierarmig sind sie, Aliens im wahrsten Sinne des Wortes. Wer bei den Hintergründen der schleimig-schnellen Widersacher nicht an Ripley und Co. denkt, der hat eine der Sternstunden der Science-Fiction verpasst. Die Kurzform: Genestealer pflanzen ihre Saat in Menschen, weil sie sich selbst nicht fortpflanzen können.

Warhammer 40.000: Space Hulk - Auf die Menschen wartet der Tod

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Space Hulk ist eine originalgetreue Umsetzung der Tabletop-Vorlage.
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In Space Hulk sind sie pfeilschnell und tödlich, ihre potenziellen Opfer die Marines. Im Nahkampf hat der Marine-Spieler kaum eine Chance. Die Klauen und die Kraft der Genestealer sind den Menschen überlegen; trotz genetischer Optimierung, trotz Terminator-Rüstung. Die Kampagne bestreitet der Spieler aus Marine-Sicht, und vor allem geht es um Risikominimierung. Die Kampfkolosse muss ich in der eigenen Runde so positionieren, dass sie in möglichst großer Entfernung eine freie Schussbahn haben. Unerlässlich ist dabei Overwatch, also automatisches Feuern in der Runde und bei Bewegungen des Gegners im Sichtfeld.

Packshot zu Warhammer 40.000: Space HulkWarhammer 40.000: Space HulkErschienen für PC kaufen: Jetzt kaufen:

Die Marines haben auch Nahkampfwaffen, aber der Fokus liegt hier tatsächlich auf der taktischen Verteilung der Feuerkraft. Nicht ohne Grund heißt die erste der zwölf Kampagnenmissionen „Suicide Mission“. Der Einstieg zeigt, wohin die Reise geht - häufiger als gewollt in den Selbstmord. Space Hulk ist ein hartes Stück Arbeit. Für die einzelnen Aufträge braucht es bisweilen schon mal eine Stunde; nur um mit anzusehen, wie kurz vor dem Ziel die Genestealer-Horde den eigenen Trupp überrennt. Verstärkungen gibt es für die Menschen während einer Mission keine. Während die Genestealer in jeder Runde an Eingängen neue Aliens hinzubekommen, muss der Marine mit seiner zur Verfügung gestellten Abordnung auskommen. Oder er stirbt. Die hohe Schwierigkeit ist ein Teil des Reizes von Space Hulk.

Neben den Fernkampfwaffen wie eine Art Gatling Gun (Assault Cannon), den standardmäßigen Stormbolter oder Flammenwerfer, die ganze Teile des Spielfeldes von unliebsamen Aliens säubern, gibt es zwar auch Nahkampfwaffen; aber auf deren Effektivität sollte sich der Spieler nicht zu lange verlassen. Genestealer können zwar nicht schießen. Aber Auge in Auge mit dem Gegner wird dieser meist humorlos zerfetzt.

Die Würfel sind gefallen

Für sämtliche Aktionen, also bewegen, die Kämpfer drehen, schießen, Türen öffnen und andere Aktionen verbrauchen beide Seiten Aktionspunkte. Der Marine hat vier Zähler je Terminator, der Genestealer sechs je Alien. Dazu kommen jede Runde neu ausgewürfelte Command Points für die Seite der Menschen, um etwa Ladehemmungen wieder entfernen zu können. Abwechslung verschafft auch Librarian Calistarius, der in manchen Missionen hinzukommt und seine psionischen Fähigkeiten unabhängig von den Aktionspunkten einsetzen kann – etwa einen Gang für eine Runde versperren oder ein Areal voller Genestealer mit einem tödlichen Sturm überziehen.

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Die Atmosphäre ist mit dem Film "Alien" vergleichbar.
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Normalerweise gibt es bis zu sechs Command Points pro Runde, doch für erfahrene Spieler des Brettspiels und Kenner der Kampagne kommt eigentlich nur der schwerste Schwierigkeitsmodus in Frage. Dort sind die Punkte auf maximal vier beschränkt, aber, und das ist das entscheidende Element, der Marine-Spieler hat nur zwei Minuten Zeit, alle seine Aktionen durchzuführen. Wenn die Uhr abgelaufen ist, verfallen alle Punkte; die Genestealer stürmen mit gewetzten Klauen und geiferndem Maul behände auf die potenziellen Wirte ihrer Brut zu. Im normalen Modus fallen sowohl Zeitbegrenzung und die Punktbegrenzung weg. Im einfachen Schwierigkeitsgrad ist der Nahkampf für den Marine-Spieler nicht so schwierig und die Waffen bekommen keine Ladehemmungen.

Zwiegespalten: Super Umsetzung der Vorlage, aber noch fehlen etliche versprochene Funktionen.Fazit lesen

In Space Hulk übernimmt die Software die Würfelaktionen. Alles ist in einem kleinen Fenster nachvollziehbar und damit auch, wie mächtig diese unerlässlich heranstürmenden Aliens im direkten Kampf sind. Drei Würfel werfen sie pro Angriff, der Marine nur einen. Und wer den höchsten Wert erzielt, tötet den Gegner. Keine Gnade. Alle Karten sind auch im Mehrspielermodus gegeneinander spielbar, entweder online oder ganz klassisch im Hotseat. Dann kann ich endlich auch Freunde mit Horden von Genestealern überziehen; ganz so, als würden wir uns bei Chips und Bier am Küchentisch die Nacht um die Ohren hauen.

Hervorragend gelungen – und das ist ein Plus gegenüber der Brettspielvariante – ist die beklemmende Atmosphäre. Bei den Missions-Briefings klingt die Stimme tief und bedeutungsschwer, eine eindrucksvolle Parole jagt die nächste. Kostproben? Aber gerne. „May vengeance be your strength and wrath your shield“, heißt es da. Oder: „Let the blood of our enemies be the tears for our fallen brothers.“ Für Fans von Warhammer 40.000 ist das wie Musik in den Ohren, lesen sie doch normalerweise solche Parolen nur, hören sie aber selten.

Von solchen Missionsbeschreibungen lebte auch die erste Umsetzung von Electronic Arts aus dem Jahr 1993. Sie transportierten vieles auf einmal: Die Kälte eines durch die Schwärze des Alls treibenden Schiffs, die Bedrohung durch einen überlegenen Gegner, der jederzeit zuschlagen kann, und der Totalitarismus der Menschheit, die ums Überleben kämpft. Die neue Version von Full Control reproduziert dies exzellent.

Space Hulk ist auch klaustrophobisch. Häufig muss ich mit den Marines geradezu rangieren. Die grafischen Elemente sind hübsch anzusehen und dem Warhammer-40.000-Universum entlehnt. Die einzelnen Terminatoren haben auch Namen. Das ist etwas verwirrend, da Missionen je nach Auftrag durchaus erfolgreich abgeschlossen werden können, ohne dass alle Beteiligten überleben. Wenn dann etwa Brother Gideon plötzlich wieder kampfbereit ist, obwohl er zuvor noch mit einem Racheschrei auf den Lippen von Aliens zerlegt wurde, schlägt die Keule fehlender Logik zu.

Leider wurde das Spiel auch mit fehlenden Inhalten ausgeliefert. Ursprünglich sollte es etwa Koop-Karten für mehrere Marine-Spieler gegen Genestealer geben. Und auch das wichtigste Feature fehlt: der Level-Editor. Meiner Ansicht nach wäre dies eines der Herzstücke des Spiels gewesen. Denn, Hand aufs Games-Workshop-Herz: Die „Sin of Damnation“-Kampagne macht zwar auch nach fast 25 Jahren noch immer Spaß und treibt das Adrenalinlevel nach oben. Dies ändert aber nichts daran, dass es ebenfalls noch immer dieselben Missionen sind. Das gilt auch für den Mehrspielerpart, der keine zusätzlichen Karten enthält.

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Leider fehlen Space Hulk noch etliche Features, die eigentlich versprochen waren.
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Dabei ist die lebensgefährliche Reise auf das Raumschiff gut gemacht: Der Aufbau der Missionen ist logisch, es geschehen „überraschende“ Dinge, etwa, dass ein verloren geglaubtes Artefakt lokalisiert wurde. Nun muss der Marine Spieler es sichern, und sich so schnell wie möglich wieder zurückziehen. Andere Aufträge sind, infizierte Marines zu töten oder einfach, eine bestimmte Anzahl Genestealer, um Zeit zu gewinnen und sich an anderer Stelle aus dem Abschnitt des Schiffs herauszuteleportieren. Trotzdem: Der Editor hätte dem Spiel mehr als gut getan.