Controller hoch, wer wartet auf RUSE 2? Verarscht! Es wird nicht kommen. Stattdessen werkelt Eugen Systems gerade am geistigen Nachfolger Wargame: European Escalation. Weniger Comic, mehr Realismus, Kalter Krieg und Schlachten um Deutschland – willkommen im Konflikt von Ost und West.

Wargame: European Escalation - NATO-TrailerEin weiteres Video

Die letzten Raketen haben gesessen. Das war's für die Panzer der NATO. Das transatlantische Militärbündnis hat wohl geglaubt, mit den Ostblock-Truppen kommen nur Pappkameraden um die Ecke. Aber die Demokraten haben nicht mit der roten, der sowjetischen Artillerie gerechnet. Erst schlugen die Geschosse etwas entfernt von ihrem angepeilten Ziel ein, doch mein Spähpanzer korrigierte die Zielkoordinaten per Funk; bei jedem Flugkörper, der die Panzer verfehlte.

Wargame: European Escalation - Wenn Fulda fällt, fällt Deutschland

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Tschüss, Comic-Look! Wargame wird realistischer als Ruse.
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Jetzt ist das Versteck ausgeräuchert, im wahrsten Sinne des Wortes. Kaum waren die gegnerischen Einheiten erledigt, fingen sie auch schon Feuer – das nun auf das gesamte Waldstück übergreift. Der Infanterie verbrennt in der Folge der Arsch, Flucht ist ihr einziger Ausweg.

Wargame: European Escalation heißt der Titel, mit dem Eugen Systems ein weiteres Mal die Echtzeit-Strategie an der Hand nehmen und zeigen will, wie ein anspruchsvolles, aber trotzdem relativ leicht zugängliches Spiel aussieht. Vor Wargame bescherte uns das französische Entwicklerstudio „Ruse“. Der Titel wurde gelobt; wegen seiner angenehmen Lernkurve, der Optik, der frei-zoombaren Ansicht bis hin zum taktischen Spielfeld-Überblick mit Chip-Türmchen, die die Anzahl der Einheiten anzeigten.

Wargame: European Escalation - Wenn Fulda fällt, fällt Deutschland

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Auch grafisch hat Wargame erhebliche Fortschritte gemacht.
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Eben jenes poppig-farbige Aussehen war manchem jedoch ein Dorn im Auge, auch den Entwicklern selbst, wie sie im Gespräch mit gamona freimütig zugaben. Spieltechnisch ging einigen Strategiefans auf den Zeiger, dass die eigenen Truppen innerhalb der Einzelspieler-Kampagne nicht persistent waren. Heißt: waren die Einheiten mit Erfahrungspunkten vollgepumpt und damit auch effektiver als ihre Frischlingskollegen, kam eine neue Mission – und die Einsatzkräfte wurden automatisch wieder zurückgestutzt. Erfolge aus vorangegangenen Abschnitten waren damit praktisch wertlos.

Beide Kritikpunkte will Wargame aus der Welt räumen. Die Menüs sind schlicht, die Farben realistisch, das Design militärisch-nüchtern. Und in jeder der vier Solo-Kampagnen („Operations“) mit jeweils vier Einzelmissionen behalten die Truppen ihre gesammelte Erfahrung. In dem „20 bis 25 Stunden“ dauernden Einzelspielermodus wird es keine fiktive Geschichte wie in Ruse geben. Vielmehr bleibt Wargame konsequent in historischen „Was wäre wenn“-Szenarios.

Super Ideen, nüchterne Umsetzung. Und endlich wieder echte Kommunisten!Ausblick lesen

Was wäre passiert, wenn es im Kalten Krieg zwischen dem Warschauer Pakt und der NATO wirklich zum Konflikt mit Bodentruppen gekommen wäre? Wie hätten die Nachrichten zu solchen Ereignissen ausgesehen? Welche Einheiten wären zum Einsatz gekommen? Wo wären die ersten Schüsse gefallen, die ersten Raketen eingeschlagen, die ersten Dörfer unter Beschuss genommen worden?

Schlachtfeld Deutschland

Als Zwischensequenzen bekam ich echte und fiktive Zeitschriftentitel aus den 70er und 80er Jahren zu sehen sowie Video-Ausschnitte von politischen Reden der Fraktionen. Hätte ich nicht gewusst, dass der Kampf der politischen Ideologien am Ende ohne rollende Panzer und Invasionen geblieben wäre – ich hätte es geglaubt. Allerdings ist derzeit noch unklar, ob Eugen Systems die Bilder auch in der finalen Version verwendet. Auf ein plumpes Gut-Böse-Schema à la Homefront wollen die Franzosen aber auf jeden Fall verzichten.

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Der kalte Krieg wird mal wieder heiß.
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Die Schauplätze liegen hauptsächlich in Frankreich, Polen und Deutschland. In Hessen eskaliert der Konflikt unter der diplomatischen Oberfläche zur militärischen Auseinandersetzung. In der so genannten „Fulda-Lücke“ erwartete die NATO während des Kalten Krieges den massiven Panzerangriff der Sowjets, der Westdeutschland strategisch geschickt geteilt hätte. Doch er kam nie. Das ist der Punkt, an dem Wargame: European Escalation ansetzt und die Geschichte ändert. Plötzlich rollen, laufen und fliegen Militärs durch und über die ländliche Gegend. Insgesamt gibt es 320 verschiedene Einheiten, darunter auch die der Bundeswehr.

Die Zivilisten sind längst aus den Siedlungen geflohen, also ist auch Artillerie-Beschuss der Dörfer auf Verdacht nicht moralisch verwerflich. Allerdings gehen die Geschosse nicht stumpf im Nebel des Krieges unter, sondern schlagen für jeden sichtbar ein. Ob jedoch mögliche feindliche Truppen in den detailliert und fast komplett begehbaren Straßen getroffen werden, ist jedoch nur über das Sichtfeld der eigenen Einheiten zu sehen.

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Eskalation: Riesige Schlachtfelder, brachiale Action.
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Das Line-of-Sight-Prinzip ist neben dem Wetter das einzige Kriterium, das die Sichtweite beeinflusst. Daran gekoppelt ist das Deckungssystem, das je Hindernis mehr oder weniger Schutz bietet. Hecken, Waldstücke, massive Steinmauern, Häuser – alles verändert die Treffer- und Schadenswahrscheinlichkeit der Geschosse. Die Artillerie hat unbegrenzte Reichweite, doch je größer die Entfernung, desto weiter die Streuung. Es sei denn, ein Spähpanzer hilft beim Zielen.

Das Terrain ist wesentlich detaillierter als in Ruse – simple „Hinterhalt in Siedlung“-Anweisungen an die eigene Infanterie sind also nicht mehr möglich. Befehlige ich meine Panzer an einen entfernten Ort, entscheidet die Einheit selbst, ob sie etwa über die Straße oder querfeldein schneller ans Ziel kommt – je nachdem, ob ich es ihr erlaube. Dabei sind manche Bereiche der aufgeteilten Karten wichtiger als andere. In sogenannten Verstärkungssektoren kommen neue Einheiten aufs Feld. Basenbau gibt es in Wargame nicht.

Das einzige verfügbare Gebäude ist die „Forward Operational Base“, über die ich Versorgungseinheiten losschicke. Beim LKW gilt: Je mehr Ressourcen er dabei hat, desto langsamer das Gefährt. Da jede Einheit nur einen begrenzten Vorrat an Treibstoff und Munition hat, sitzen meine Truppen im schlimmsten Fall plötzlich mitten im Gefecht da wie wehrlose, lahme Enten.

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Wir rücken vor - jetzt nur nicht nervös werden...
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Allerdings gibt es noch andere Fallstricke für die erfolgreiche Operation gegen den politischen Feind: Stress. Schwerer Beschuss, Treffer gegen sich selbst oder auch nur in der Umgebung können die Effektivität der Truppen verringern und sie in der Konsequenz in die Flucht schlagen. Abhilfe können die „Sections“ schaffen, die für den taktischen Einsatz gedacht sind, zusätzlich zu dem bekannten Gruppierungssystem über Strg plus Zahl. Große Sections machen die zugewiesenen Einheiten resistenter gegen Stress, geben also eine bessere Kampfmoral.

Vor den Missionen hat jede Seite eine bestimmte Punktzahl zu Verfügung, um seine Einsatztruppen zu kaufen. Wargame: European Escalation setzt also im Gegensatz zu Ruse auf Strategie à la Tabletop. Erfahrene Einheiten sind ebenfalls verfügbar, aber teurer. Zudem wählen die Kontrahenten vor Beginn des Kampfes von bis zu acht Spielern auch aus, welche Panzer-, Infanterie- und Hubschraubertypen als Verstärkung nachgeordert werden können – mit missionsspezifischen Einschränkungen, versteht sich. 20 Karten soll der Mehrspielerpart beinhalten. Am Ende dienen „Battle Points“ als Siegindikator. Die spiegeln schlicht den Einkaufswert der zerstörten gegnerischen Einheiten wider.

Schon vor dem Release von Wargame sollen Spieler den Mehrspielermodus in einer Open Beta ausprobieren können. Eines weiß ich aber schon jetzt: Meine Artillerie wird wohl niemand mehr unterschätzen…