Ein kostenloser Militärshooter mit täglich frisch zusammengewürfelten Kampagnen? Koop-Einsätze im Stil eines Left 4 Dead, inklusive geskripteter Highlights wie Bus-Safaries durch feindliches Terrain, Kämpfe gegen übermächtige Mechs oder Kranfahrten durchs Kreuzfeuer an einer Hochhauswand entlang? Dazu Kistenweise freispielbare Ausrüstung und Knarren, die sich per Tastendruck an der Front modifizieren lassen, Hindernisse, die man nur mit Teamkollegen überwindet und ein umfangreicher PvP-Modus im Stil eines Call of Duty oder Blacklight: Retribution? Keine Frage – auf dem Papier hat Warface einiges zu bieten.

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Trotzdem waren weder Shooterfans noch Fachpresse von Cryteks Zögling begeistert, als er letzten Herbst offiziell für PC erschien und im März diesen Jahres dann für Xbox 360 nachgereicht wurde. Vielleicht segelte der Titel auch deshalb unter so manchem Radar hindurch und ploppte erst jetzt durch den Release via Steam wieder auf den Schirm. Der Zeitpunkt hat Gschmäckle: just als Meldungen die Runde machten, die Crytek könnte in finanziellen Schwierigkeiten stecken. Doch egal ob Zufall oder Kalkül – seit ein paar Tagen kann man den Warface-Client bei Steam herunterladen (ein Account auf Cryteks Gface-Plattform wird trotzdem benötigt), was eine gute Gelegenheit darstellt, sich die Free-to-play-Ballerei nochmal genauer anzusehen.

Schon wäre das erste Reizwort gefallen: Free-to-play. Moment! Bitte weiterlesen! Ist weit weniger schlimm als es klingt. In Sachen Zubehör geht es in Warface zum Beispiel relativ gesittet zu: Vor jeder Partie sucht ihr euch einen von drei vorgegebenen Ausrüstungsgegenständen aus, in den ihr eure Erfahrungspunkte buttern wollt. Jede der vier Battlefield-artigen Klassen (Schütze, Sanitäter, Ingenieur, Scharfschütze) kann dabei nur die ihr zugedachte Ausrüstung nutzen.

Warface - Full Metal Durchschnitt

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Tödliche Busfahrt - während Koop-Missionen gibt es gelegentlich geskriptete Sequenzen.
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Ist der Balken voll, dürft ihr den Gegenstand für Spielgeld oder Premiumwährung dauerhaft in euer Inventar übernehmen. Schneller geht das mit einem aktivierten VIP-Status für Echtgeld (Boni auf Erfahrungspunkte und Spielwährung). Einmal freigeschaltet, verlieren gekaufte Panzerwesten, Helme, Handschuhe, Stiefel oder Knarren im Einsatz an Haltbarkeit und müssen für hart erkämpfte „Warface-Dollar" repariert werden.

Zusätzlich gibt es noch besonders schicke Ausrüstungsteile, die man für „Kronen“ kaufen kann – die verdient man durch bestandene Herausforderungen. Und dann gibt es noch Waffen, die ein paar Prozentpunkte mehr Schaden anrichten und nur für eine begrenzte Anzahl Tage gegen Echtgeld freigeschaltet werden. Crytek zugute halten muss man hier, dass solche Schießprügel kaum Vorteile gegenüber ihren erspielten Pendants bringen. Einsteiger werden dadurch nicht zu vollautomatischen Killermaschinen, aber Profis verpassen ihrem Kämpfer mit einer solchen Knarre das gewisse Quäntchen Extra-Wumms fürs PvP.

Packshot zu WarfaceWarfaceRelease: PC: 21.9.2013
Xbox 360: 1. Quartal 2014

Münzen – die Kehrseite der Medaille

Der eigentliche Haken des Geschäftsmodells sind die „Münzen“, die für Bares angeboten werden. Damit könnt ihr euch im Koop-Modus wiederbeleben, wenn ihr getroffen gen Boden sinkt und gerade kein Sanitäter in der Nähe ist (der frappierenderweise wie der Ingenieur erst einmal freigespielt werden muss). Ist man in zufällig zusammengewürfelten Gruppen ohne Sanitäter unterwegs oder hat derselbe das Zeitliche gesegnet, wird die Versuchung sehr schnell sehr groß, den erfolgreichen Abschluss einer täglichen Mission mit Münzen zu erzwingen. Erschwert wird der Tatbestand dadurch, dass es immer wieder zu unfairen Situationen kommt.

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Die meisten Gegenstände im Shop lassen sich freispielen. Etwas schlagkräftigere Ausrüstung oder zeitlich begrenzte Aktionen wie die WM-Edition bestimmter Waffen gibt es gegen Echtgeld.
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Scharfschützen (erkennt man am roten Laserlicht ihrer Zielfernrohre) sind zum Beispiel nicht die einzigen Feinde, die euch über Hunderte Meter hinweg die Ohrläppchen abschießen können. Ob Pumpgun oder Sturmgewehr: Viele Gegner behalten euch selbst durch Hindernisse hindurch konstant im Blick und sind übermenschlich zielsicher, sobald ihr euch mal kurz aus der Deckung wagt. Sogar ein schier unverwundbarer „Schwerer Schütze“, dessen einzige Achillesverse sein Rucksack ist, ballert mit seiner martialischen Gatling einem Chihuahua die Flöhe vom Pelz. Dazu kommen feindliche Soldaten, die aus dem Nichts auf euch zusprinten und euch niederknüppeln oder gleich den Raketenwerfer zücken und euch in den Orbit blasen. Fair ist was anderes.

Entweder euer Team beginnt neu und weiß es beim nächsten Durchgang besser, oder ihr zieht euch per Wiederbelebungsmünze selbst aus dem Sarg und rettet die Partie (die Kollegen werden an erreichten Checkpunkten automatisch wiederbelebt). Wie gesagt: Kurz vor Schluss, das Missionsziel vor Augen, wird diese Versuchung verdammt groß. Aber gut, irgendwie wollen die Macher natürlich auch Geld verdienen und dass man Warface prinzipiell spielen kann, ohne einen Euro auszugeben, kann man nicht abstreiten – da gibt es schwärzere Schafe auf dem Markt.

Warface ist kein schlechter Vertreter des Genres, doch mehr als durchschnittliche Kost wird nicht geboten und man hat sich schnell satt gesehen.Fazit lesen

Mittelmaß mit namhafter Engine

Ärgerlich ist hingegen, dass sich der Titel auf dem schmalen Grat zwischen Pseudo-Realismus und Spielspaß Fehltritte leistet. Unpräzises Waffenhandling („Ich hab den doch grad getroffen, verdammt!“), Sprints, die sich anfühlen wie in Zeitlupe oder Soldaten, die zu Unzeiten an Ecken hängen bleiben und erschossen werden, sind nur einige Beispiele. In einem Moment freue ich mich über ein besonders lässiges Slide-Manöver oder über eine kameradschaftliche Kletterpartie, nur um im nächsten Moment wegen handfester Performanceeinbrüche ins Gras zu beißen, weil der Feind plötzlich fünf Meter neben die Stelle teleportiert wurde, wo gerade meine Kugel einschlug. Der Gott des Lag kann grausam sein.

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In luftiger Höhe baumelnd seid ihr perfekte Zielscheiben für die feindlichen Soldaten in den Hochhäusern ringsherum.
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Würde das Spiel dem Ruf der CryEngine in Form opulenter Grafikpracht gerecht, könnte man solche Aussetzer vielleicht noch auf den PC unterm Schreibtisch schieben, aber Warface ist alles andere als hardwarehungrig (Empfohlen: Intel Dual-Core 2.6 GHz oder AMD Dual-Core 2.6 GHz, 2GB RAM, NVIDIA GeForce 9600GT oder besser, AMD Radeon 3870 oder besser). Der Titel sieht nicht übel aus für free-to-play, wird aber gnadenlos von der aktuellen Konkurrenz auf die Plätze verwiesen. Es fehlt dieses gewisse Donnerwetter-läuft-das-überhaupt-auf-meinem-PC-Gefühl", das man von einer Spieleschmiede wie Crytek erwartet. Selbst das erste Crysis wirkt da im Vergleich eindrucksvoller.

Nicht nur optisch ist der Titel eher Mittelmaß denn Vorreiter. Ja, in den Koop-Missionen gibt es gelegentlich interessant geskriptete Abschnitte, doch der Rest wirkt wie wiedergekäute Versatzstücke aus Battlefield und Call of Duty. Die Einsatzziele interessieren keinen Menschen, die Maps wirken wie mittels Copy-and-Paste zusammengeklatscht, genau wie die Gegnermassen, die wie Moorhühner aus Türen und Seitenstraßen sprudeln. PvE verliert daher schnell an Reiz. Irgendwann hat man sich satt gesehen und auch keine Lust mehr, am nächsten Tag die gleichen Abschnitte in anderer Reihenfolge abzufrühstücken. Selbst das Freischalten neuer Ausrüstung kann da nicht motivieren.

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Dreh- und Angelpunkt in Warface ist der Transporthubschrauber – der bringt euch zum nächsten Missionsabschnitt oder evakuiert euch nach bestandenem Einsatz.
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Im PvP ist das Bild nicht besser: Die Karten sind – anders als die Koop-Szenarien – ernüchternd klein und verwinkelt, mit nur wenigen sinnvollen Laufrouten. Die Spielmodi kennt man schon von der Konkurrenz. Deathmatch, Team-Deathmatch, Punkte erobern oder halten, Bomben legen – pure Standardkost. Einsteiger bekommen leider nicht alle Karten und Modi automatisch angeboten und müssen warten, bis sie für einen fortgeschrittenen „Channel“ zugelassen werden. Immerhin funktionieren mittlerweile die Lobby-Funktionen, die Freundeslisten und das Clanmanagement einigermaßen zuverlässig (da haperte es bei Release gewaltig), wobei die Lade- und Wartezeiten für meinen Geschmack noch immer etwas zu lang ausfallen – nicht nur, wenn man das Matchmaking bemüht.