Irgendwann kommt sie ganz sicher, die Implosion der Nerd-Kultur. An diesem Tag werden sich dann alle frisch entlassenen Produzenten zum großen „Why so serious?“-Brunch treffen und bei Korn und Matjes endlich mal Tacheles reden. Darüber, wie man nur auf die Idee kommen konnte, dass ausgewiesene Nerd-Properties Tentpole-Qualitäten haben. Was an freakigen Figuren mit komischen Namen eigentlich so spannend ist. Und vor allem, warum offensichtlich trashige Plastik-Universen immer so zwanghaft ernst und pompös erscheinen müssen.

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Humanes CGI

Wann genau diese Implosion stattfindet, ist noch nicht endgültig raus, aber „Warcraft: The Beginning“ legt schon mal eine richtungsweisende Latte auf. Mit imposant gerenderten Fantasie-Welten. Mit CGI-Charakteren, die ganz schön crazy aussehen und dabei doch menschliche Züge tragen. Mit einer inhaltlichen Vorlage in Form eines Computerspiels, das seit ca. 2010 auf dem dramatisch absteigenden Ast ist. Und mit einer Franchise-Agenda, die geschlagene zwei Stunden für die Etablierung der Welt und der Charaktere braucht. Alles hier ist Brääm, Rumms, mächtig und tiefgründig. Ganze Völker stehen am Abgrund, ganze Welten werden von Wahnsinnigen bedroht.

Warcraft: The Beginning - Why so serious?

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Der Orc an sich: haut ordentlich drauf, aber kann auch traurig sein.
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Also business as usual, zumindest in der zugleich künstlichen und betont menschlichen Blockbuster-Welt von „Warcraft: The Beginning“. Die gleich zu Beginn einen digitalen Orc zeigt, der Tränen vergießt – ein schönes Sinnbild für das noble Ansinnen von Regisseur Duncan Jones, aus den anwesenden Geldmassen eine humane CGI-Kultur zu formen. Ganz ähnlich wie bei den neuen „Planet der Affen“-Filmen, wo die Viecher ebenfalls mehr Seele ausstrahlen als die Menschen. Eine neue Dimension des Fotorealismus, geboren aus der Notwendigkeit, mit möglichst viel Geld möglichst Großes zu schaffen. Einfach irre, was heutzutage so alles am Rechner möglich ist.

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Es war einmal…

Wenn „Warcraft: The Beginning“ eines definitiv ist, dann eine beeindruckende Leistungsschau der amerikanischen Computer-Branche. Die Warcraft-Welt flimmert nur so vor majestätischen Digitalpanoramen, furchteinflößender Magie und riesigen Schlachtfeldern. Im Kino wirkt das auf jeden Fall, zumal auch das unvermeidliche 3D gut eingesetzt wird, und führt immerhin dazu, dass das ganze andere Zeug, was die hier anwesende Größe unweigerlich mitbringt, erst mit Verzögerung das Vergnügen schmälern kann. Die Überwältigung sitzt zunächst, der Rahmen passt... und wird dann ausgefüllt mit einer Fantasy-Geschichte, deren Vielzahl an Figuren und Schauplätzen schon mal anstrengend werden kann.

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Opulente Fantasiewelten, so gut wie grenzenlos.
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Alles erklären, alles auserzählen, möglichst viele Anknüpfungspunkte für Sequels finden. Das Menschenreich Azeroth wird von monströsen Orcs heimgesucht, die durch ein Portal ihre dem Untergang geweihte Heimat Draenor verlassen wollen. Zunächst entbrennt eine erbitterte Schlacht zwischen Orcs und Menschen, die dann aber einem Bündnis gegen einen gemeinsamen Feind weicht. Der Mensch Anduin Lothar (Travis Fimmel) und der Orc Durotan (Toby Kebbell) ziehen sich auf der heimischen Couch „Avatar“, die „Herr der Ringe“-Filme und alle „Game of Thrones“-Staffeln rein und kommen dann zu dem Schluss, sowas Ähnliches hier auch zusammenbrauen zu wollen. Hat ja schließlich lange genug gedauert, bis dieser Film hier überhaupt in die Startlöcher kam…

Die Tradition bleibt erhalten

Und so entfaltet sich ein weiteres episches Fantasy-Spektakel, dessen Größe im Verbund mit seinen Brüdern vom Heimkino-Abend deutlich geschmälert wird und letztendlich vorwiegend wiederkäut. Hohes Tempo, viel zu viel Inhalt, skurrile Namen (Lothar – wirklich!?), alles erschütternde Action, der Untergang gleich mehrerer Welten, pompöse Ansprachen und selbstverständlich bierernste Grimmigkeit. Die natürlich auch dem Ernst der Lage angemessen ist, aber dabei völlig missachtet, dass vieles hier kaum weniger campy als „Flash Gordon“ ist. Diese irren Orcs, Mr. Lothar, der böse Zauberer Gul'dan (Daniel Wu) – all das könnte genausogut bei „Per Anhalter durch die Galaxis“ aufschlagen, wenn denn das Budget solche Risse erlauben täte. Und die beinharten Fans, um die es im Kern leider immer geht, dann nicht sofort Zeter & Mordio schreien würden.

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Eine tolle Szene - aus „Avatar“, oder?
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Warcraft: the Beginning“ ist gefangen in seinem eigenen goldenen Käfig und kämpft in einer Tour gegen die selbst auferlegten Regeln. Viel CGI muss sein, aber dann bitte mit Gefühl. Auf der einen Seite soll eigenständige Spannung aufgebaut werden und auf der anderen Seite gilt es, ein Franchise zu etablieren, wofür sogar ein emotionaler Cliffhanger eingebaut wird. Der Film basiert auf einem Computerspiel, doch möchte auch alle ansprechen, die weder „World of Warcraft“ noch „Warcraft: Orcs & Humans“ je gezockt haben. Einerseits möchte man sich von „Herr der Ringe“ & Co. abgrenzen, andererseits soll sich genau dieses Publikum zu Hause fühlen. Trotz des nachhaltigen Fluchs, der Adaptionen von Computerspielen heimsucht, wird auch hier wieder mit Anlauf in die Nesseln gebrettert. Ganz so, als wüsste man es einfach nicht besser. Oder vielleicht auch so, als verstelle einem die Angst vor dem „Why so serious?“-Buffet jeglichen inszenatorischen Mut.