Während Wargaming.net noch in kleiner Runde am Fliegerei-Ableger von World of Tanks schraubt, werfen die Konkurrenten von Gaijin mit War Thunder schon mal mit einem offenen Betatest die Propeller an. Und eigentlich wollte ich mich auch nur mal kurz ins Cockpit setzen und den virtuellen Himmel über Berlin bewundern. Doch dann erwischte es mich...

War Thunder - Flotte Manöver im Trailer14 weitere Videos

Eigentlich bin ich kein großer Freund von Betatests, und wenn man mich dann doch mal in einer Beta findet, dann meist nur, weil es Teil meiner Arbeit ist. Interessiere ich mich privat für ein Spiel, warte ich lieber geduldig bis zur Veröffentlichung, um mir nicht vorab schon den Spielspaß durch all die Spoiler und Fehler zu ruinieren, die einem für gewöhnlich in Betatests begegnen.

Von erfolgreichen Fliegern empfohlen

Im Falle zweier Titel machte ich dann aktuell aber doch eine Ausnahme und schlich mich in die laufenden Betatests, weil sie mich als Fan von Flugsimulationen brennend interessierten. Bei dem einen Spiel handelte es sich um World of Warplanes, den Ableger des Erfolgstitels World of Tanks. Das andere Spiel nannte sich, als ich erstmals davon hörte, noch World of Planes.

Auch dessen Entwickler stammen aus Russland und haben, anders als die Macher von World of Tanks, jede Menge Erfahrungen im Bereich der Flugsimulationen sammeln können. IL2-Stumovik: Birds of Prey, das auf dem PC unter dem Titel Wings of Prey erschienen ist, wurde von der Fachpresse zwar kaum beachtet, von den Fans leichtgängiger Flugsimulationen allerdings gefeiert.

War Thunder - Bittere Konkurrenz für World of Warplanes: David schlägt Goliath

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Bomberstaffel auf dem Weg zum Ziel. Gewonnen hat nicht, wer die meisten Flugzeuge abschießt – auf den meisten Karten gilt es, Bodenziele zu elimieren oder Flugfelder einzunehmen.
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Simulation vs. Online-Spaß

Wenngleich die Flugmissionen von Gaijin über den nötigen Grad an Realismus verfügen und dem Profi all jene Optionen geben, die er von einer ernsthaften Simulation erwartet, erleichtern sie dem unerfahrenen Piloten hier und da mit kleinen Kniffen die Steuerung, ohne das Fluggefühl zu runieren. Doch kann das auch in einem Online-Spiel funktionieren?

Gaijin glaubt daran und bedient sich, was das Grundgerüst des Spiels außerhalb der Fliegerei betrifft, an den bewährten Ideen von Spielen wie World of Tanks, die sich bisweilen gerne als MMOGs bezeichnen, tatsächlich aber reine Lobby-Games und eher dem MOBA-Genre zuzuordnen sind. Als Herr einer Fliegerstaffel verwaltet der Spieler pro gespielter Fraktion mehrere Hangars, in denen man die typischen und untypischen Flugzeuge aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs nach und nach freispielen kann.

Packshot zu War ThunderWar ThunderErschienen für PC und PS4

Ernsthaft unkompliziert

Jeder Hangar jeder einzelnen Fraktion verfügt über eine Crew, dazu gehören Piloten ebenso wie Techniker und Bordschützen, die sich nach und nach aufwerten lässt und die nicht nur im Einsatz für kleine Vorteile sorgt, sondern auch nach Abschluss der jeweiligen Mission – zum Beispiel durch eine beschleunigte Reparaturzeit beschädigter Flugzeuge.

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Doppeldecker sind zwar langsam, jedoch ungemein wendig und in engen Schluchten meist tödlich, selbst für Piloten hochgezüchteter Fluggeräte.
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Die jeweilige Auswahl an Flugzeugen bestimmt dann auch, welche Maschinen man im Einsatz steuern darf. Derzeit besonders beliebt ist der Arcade-Modus, bei dem zwei Teams von derzeit jeweils 15 Piloten gegegeneinander antreten und, je nach Ziel der Mission, Landefelder einnehmen, Bodenziele ausschalten oder einfach alle Gegner eliminieren.

Ein nötiger Kompromiss

Der Arcade-Modus verwöhnt den Spieler mit einer kleinen Flughilfe, die das Flugzeug nach einem Manöver automatisch wieder in eine stabile Lage bringt – ein echter Pilot nutzt dafür die Ruderpedale. Außerdem darf man das Flugzeug von hinten betrachten, Geschütz und Bomben werden automatisch nachgeladen, es werden Ziele benannt und eine kleine Zielhilfe zeigt an, wohin man grob schießen muss, um den Gegner bei gleichbleibendem Flug halbwegs sicher zu treffen.

Ob zu Lande, zu Wasser oder in der Luft – mit War Thunder definiert Gaijin das Genre neu und sorgt schon vor Release für schlaflose Nächte bei der Konkurrenz.Ausblick lesen

Doch so abschreckend solche Vereinfachungen für einen Simulationsprofi klingen mögen – sie sind ein notwendiger Kompromiss, denn sie gewährleisten, dass tatsächlich jeder halbwegs begabte Spieler ins Cockpit klettern und eine Runde drehen kann, ohne dass etwa das Gefühl vom Fliegen verloren ginge. Das ist es, was War Thunder auszeichnet wie bislang kaum ein Online-Spiel zuvor.

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Des deutschen Piloten Leid – die überaus anfälligen Flügel insbesondere einer gewissen Baureihe.
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Ritter der Lüfte

Schon im vorbildlich eingängigen Tutorial fühlt man sich sofort wie ein Ritter der Lüfte, erwischt sich dabei, wie man ein Flugkunststück nach dem anderen vollbringt und die Landschaft bewundert, die tatsächlich keinen Vergleich zu scheuen braucht. Neben ein paar einfachen Angriffen auf Luft- und Bodenziele sorgt spätestens die Landung auf einem Flugzeugträger wieder für gehörig Nervenkitzel.

Und der setzt sich dann auch fort, wenn man in der Luftschlacht über Stalingrad, Dünkirchen oder Pearl Harbor zum ersten Mal im Dogfight gegen feindliche Flugzeuge antritt. So einfach die Steuerung auch ist, so herausfordernd sind die Gefechte mit den anderen Spielen, und die atemberaubend realistische Landschaftsgrafik tut ihr Übriges, um jedes Fliegerherz höher schlagen zu lassen.

Selbst fliegen könnte kaum schöner sein

Wer es realistischer mag und Joystick samt Ruderpedale sein Eigen nennt, wählt statt Arcade-Modus dann einfach die “Historische Schlacht” oder gleich den “Full Real Battle”, in dem man die tatsächlichen Bedingungen vorfindet, mit denen unsere Großväter über den Wolken noch zu kämpfen hatten. Im Simulationsmodus ist das Spiel dann auch gleich so realistisch, dass selbst Piloten echter Flugzeuge vom Spiel begeistert sind und ihre Liebe bisweilen dadurch zum Ausdruck bringen, dass sie die Orte aus den Missionen real abfliegen und die Fotos im offiziellen Forum posten.

Dabei bietet War Thunder weit mehr als die beliebten PvP-Maps. Mit der Zeit schaltet man nämlich nicht nur neue Flugzeuge, sondern auch eine ganze Menge Missionen und Kampagnen frei, die man mit computergesteuerten Flügelmännern oder echten Freunden bestreiten kann. Für die Zukunft geplant ist überdies ein Weltkrieg-Modus, in dem die Spieler rund um die Uhr für ihre Fraktion in den Krieg ziehen können.

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In den Missionen kann man die Bodeneinheiten bereits bewundern und zerstören. Selbst steuern darf man sie derzeit leider noch nicht.
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Zu Lande, zu Wasser und in der Luft

Und noch etwas ist für das ehemalige World of Planes geplant und letztlich auch der Grund für die Umbenennung in War Thunder: Neben den Flugzeugen darf der Spielern bald auch ein ganzes Arsenal an Bodenfahrzeugen aufbauen und im Kampf einsetzen. Die Fahrzeuge sollen noch während der Open Beta hinzukommen – danach will man an der Flotte arbeiten.

Das alles klingt fast zu schön, um noch wahr zu sein, und unter normalen Umständen würde ich an der Umsetzung zweifeln, doch Gaijin hat schon mit der laufenden Beta bewiesen, dass man die unglaublich starke Engine im Griff hat. Das Spiel läuft selbst auf schwächeren Rechnern annehmbar – auf großen Systemen bekommt man dann obendrein eine Grafik, wie sie realistischer kaum sein könnte.

Mit einem kaputten Propeller flieg ich noch lang nicht nach Haus!

Und wer eine komplette Flugphysik samt Schadensmodell entwickelt, bei dem Propeller ausfallen oder in Brand geraten und durchsiebte Flügel das Fliegen erschweren, für den ist die Einbindung von Panzern ins Kriegsgeschehen dann auch kein Problem mehr, zumal diverse Fahrzeuge und Schiffe ja auch schon in einigen Missionen zu sehen sind – derzeit noch vom Computer gesteuert.

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Alle Cockpit-Ansichten wurden, soweit bekannt, originalgetreu ins Spiel übernommen und begeistern Historiker wie Hobby-Piloten gleichermaßen.
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Klar, hier und da haben die Flugzeuge noch Probleme mit dem Balancing und noch fliegt sich nicht jeder Flieger exakt so wie die historische Vorlage. Auch sorgt ein bestimmter Grafikkartenchipsatz noch für gelegentliche Abstürze. Doch all das sind Dinge, an denen Gaijin fleißig arbeitet – ebenso wie am Matchmaking, das mit zunehmender Spielerzahl schon spürbar besser funktioniert.

Insgesamt hebt sich das Spiel jedoch schon jetzt vom gesamten Genre ab, in dem es bislang niemandem gelungen ist, Simulation und Online-Spiel sinnvoll zu vereinen. Gaijin gelingt genau das mit einer beeindruckenden Leichtigkeit, die sich über das Flugmodell bis hin zur Preisgestaltung fortsetzt, denn War Thunder ist tatsächlich ohne ernsthafte Einschränkungen kostenlos spielbar.