Als Nick Park vor über 20 Jahren einen exzentrischen Erfinder und seinen so hilfsbereiten wie bodenständigen Hund als Ausdruck britischen Charmes kreierte, wusste er sicherlich noch nicht, dass aus „Wallace & Gromit“ einmal ein oscarprämierter Animationshit werden würde, der mittlerweile weltweit bekannt und erfolgreich ist.

Die Adventurespezialisten von Telltale nahmen sich die Kultknete bereits 2009 zur Brust und ließen W&G in vier Episoden verrückte Abenteuer erleben. Nun schwappen eben jene Spiele wieder zurück über den großen Teich und landen unter anderem bei uns. Ob wir es wohl schaffen, Hund und Herrchen sicher durch ihren irrwitzigen Alltag voller Gefahren zu leiten? Und hat der vielgerühmte britische Humor die Lokalisierung überlebt?

Spielchen, wechsle dich

Eine Sache solltet ihr gleich vorweg wissen: Wenn ihr euch die hierzulande von Daedalic Entertainment herausgebrachten Boxen holt, kriegt ihr nicht die ganze Staffel, sondern jeweils eine einzelne Episode, im heutigen Fall „Urlaub unter Tage“. Diese Episoden dauern nicht länger als diejenigen anderer Telltale-Adventures (tendenziell eher kürzer, doch dazu später mehr), also bestenfalls drei bis vier Stunden.

Wallace & Gromits Grand Adventures: Urlaub unter Tage - So schön wie ein Urlaub unter Tage

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Verbrecherisch: Europa soll für jede einzelne Staffel zur Kasse gebeten werden
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Aus irgendeinem Grund hielt es Daedalic nicht nur für angebracht, die Episoden einzeln zu verkaufen, sondern auch, jeder einzelnen Folge ein Preisschild von 15 Euro anzupappen, während die gesamte Staffel bei Telltale als englischer Download bereits für 20 US-Dollar zu haben ist. Oh je, wir haben noch nicht einmal angefangen zu spielen und schon gibt es Abzüge – kein gutes Zeichen.

Leider sind wir aber noch nicht fertig: In einem Zug, der sich dann auch nicht mehr durch Geldgier erklären lässt, ist die gerade erschienene Episode „Urlaub unter Tage“ die zweite Folge der Staffel, die erste Episode „Der Hummelfluch“ kommt erst noch – und zwar im Oktober. Nun ist es so, dass die einzelnen Abenteuer nicht allzu sehr miteinander verknüpft sind (weniger als etwa bei Sam & Max), aber kommt schon, gibt es einen triftigen Grund dafür, dass wir uns die Ausgangslage zusammenraten müssen?

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Wallace&Gromit kommen mit ihren Abenteuern zurück nach Europa
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Vielleicht lohnt es sich aber, immerhin sind Wallace & Gromit aus gutem Grund Stars und Telltale ist berühmt dafür, putzige Adventures aus bereits bestehenden Franchises zu basteln, also wollen wir an dieser Stelle nicht weiter mosern und uns nüchtern und so objektiv wie möglich dem eigentlichen Titel widmen.

Kellerkinder

Wallace ist an eine größere Menge Geld geraten (Wie? Das erfahren wir in „Der Hummelfluch“), und nun plant der käsesüchtige Ingenieur mit seinem besten Freund, der je nach Situation entweder auf zwei Beinen gehen kann und Hände hat oder quadrupedisch unterwegs ist, einen schönen Urlaub am Strand, mit Sonne und allem drum und dran. Das englische Wetter macht den beiden jedoch einen Strich durch die Rechnung, es schüttet wie aus Eimern. Flugs kommt Wallace die Idee, man könne ja im Keller einen Strand simulieren, man brauche nur eine künstliche Sonne, etwas Sand und ein paar andere Utensilien.

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Gromit hat die grandiose Idee eine Pension zu eröffnen.
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Hat er diese jedoch (mit Hilfe des Spielers) gefunden, kommt ihm ein noch besserer Einfall: Man könne den Nachbarn gegen Bares einen Sonnenurlaub vermieten und das eigene Haus kurzerhand zur Pension umfunktionieren. Nun gilt es, die Gäste zufrieden zu stellen, damit keiner sein (bereits wieder von Wallace ausgegebenes) Geld zurückfordert. Das klappt gut, bis ein furchtbares Verbrechen geschieht: Einer der Gäste wird hinterrücks niedergeschlagen...

Ja, es tut uns Leid, die Story lässt sich nicht spannender machen, als sie nunmal ist. Leider bringt auch der angesprochene Kriminalfall, der sich wie ein klassisches „Whodunit“ von Agatha Christie entfaltet (bloß eben ohne Mord, dafür mit kinderfreundlicher Ästhetik), keinen wirklichen Schwung in die Sache. Wer auf eine klassische W&G-Story mit einer Erfindung, die dann komplett ausrastet gehofft hat, wird enttäuscht.

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Der erste Eindruck stimmt: Die Charaktere sind liebevoll animiert
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Dafür ist der erste Eindruck gut: Die Charaktere sind so niedlich wie eh und je, Wallace hat seinen deutschen Originalsprecher und der Claymation-Look funktioniert, wenngleich die Erkenntnis, dass in der Gestaltung des Spiels wesentlich weniger Aufwand stecken muss als in der Realisierung der Filme, ein bisschen die kindliche Freude dämpft. Gerade das ist wirklich ein Jammer, denn nur ein gesunder Schuss Infantilität kann helfen, den Rest des Spiels zu genießen.

Bin ich schon durch?

„Urlaub unter Tage“ ließe sich, wenn man es in einem Wort ausdrücken wollte, so zusammenfassen: kurz. Wir haben bereits angesprochen, dass es auf keinen Fall länger als eine typische Telltale-Episode dauert. Das Problem ist hier aber nicht alleine der Umfang, denn wollte man das Spiel auf ein anderes Wort reduzieren, wäre dieses: kinderleicht.

Finger weg! 'Urlaub unter Tage' ist viel zu leicht und kurz, unterhält kaum und kostet momentan einfach zu viel. Fans sollten lieber die englische Version bei Telltale kaufen oder es gleich sein lassen.Fazit lesen

Das ist wörtlich zu verstehen, die Rätsel wirken insgesamt, als seien sie für Grundschüler erdacht. Nicht dumm oder unkreativ, aber in ihren logischen Zusammenhängen ohne Tiefgang und auf äußerst grundlegenden Assoziationen basierend. Die kinderfreundliche Atmosphäre verstärkt diesen Eindruck nur und durch die anspruchslosen Rätsel ist das Spiel vorbei, bevor man überhaupt den Kopf angeschmissen hat.

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Wallace&Gromit enttäuscht in Sachen Humor.
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Nun ist das ja prinzipiell kein Riesenproblem, nicht jedes Adventure muss den psychotischen Charme des Hasen Max haben und ein gut gestaltetes Spiel für Kinder ist eine feine Sache. „Urlaub unter Tage“ ist allerdings nicht gut gestaltet, allem voran ist es nicht lustig oder unterhaltsam. W&G basiert seit jeher auf zwei Prinzipien, dem spleenigen und doch familienfreundlichen Charme der Charaktere und einer gehörigen Portion Slapstick. "Urlaub unter Tage" liefert weder das eine noch das andere und vermag demzufolge nur zu langweilen.

Beide Schwächen sind in der Story verankert. Im Falle des Slapsticks ist es einfach so, dass die untypische und, sagen wir es gerade heraus, langweilige Geschichte keine gute Grundlage für knallige Katastrophen darstellt, bis zum Ende hat man hier wenig zu grinsen. Vielleicht eignen sich Wallace und Gromit auch gerade deswegen einfach nicht so gut für klassische Point&Click-Adventures wie andere etablierte Figuren.

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*schnarch* Das Spiel ist so langweilig wie ein Rentnerkaffeekränzchen.
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Das eklatanteste Problem sind allerdings die Charaktere. Man steuert abwechselnd Wallace oder Gromit in gewohnter „Tales of Monkey Island“-Manier, zweiterer ist wie gewohnt stumm, ersterer könnte es ebenso gut sein, denn seine Kommentare tun nichts zur Sache. Die ganze Story dreht sich vielmehr um die Pensionsgäste, den Käsehändler Paneer, die hundeverrückte Ms. Felicity Flitter, ihre inzestuös-deformiert anmutenden Dreckstölen, den autoritätssüchtigen Wachtmeister Dibbins und... merkt ihr, wie langweilig das ist?

Wir können das halbe Dutzend Knetfiguren nicht mal aufzählen, ohne fast einzuschlafen. Es hilft auch nicht gerade, dass sie mit ihren uninteressanten Extrawünschen nerven oder dass sie uns, die wir ja Kinder sind, mit der Nase auf die Rätsellösungen stoßen und extra gaaaanz langsam sprechen, damit wir auch ja alles mitkriegen. Wir wollen Wallace und Gromit, wir wollen Shaun das Schaf oder den psychotischen Pinguin, wir wollen neurotische und liebenswerte Charaktere – stattdessen werden die eigentlichen Protagonisten zu Nebendarstellern abgestempelt und von einem Haufen B-Promis aus der West Wallaby Street abgelöst.

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Ab in den Mixer: Wallace & Gromit UuT enttäuscht
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Die Kürze des Spiels lässt auch zu, dass einzelne, an sich verzeihliche Schwächen eher ins Gewicht fallen: Kleinere Bugs, Fehler im Untertitel und mindestens ein Rätsel, das „Lost in Translation“ ist – all das wäre jedoch nur dann verzeihlich, wenn das eigentliche Spiel Spaß machen würde oder irgendeine Form von Herausforderung böte. Es drängt sich der Verdacht auf, dass bei der (durchaus gelungenen) Übersetzung ins Deutsche ein großer Teil des typisch britischen Charmes flöten gegangen sein könnte, wie das ja auch schon bei den Filmen der Fall war, aber hätte jener „Urlaub unter Tage“ retten können? Wenn ja, so hätte spätestens die deutsche Publishing-Strategie, die überteuerte Episoden in falscher Reihenfolge auf den Markt bringt, diesem Adventure das Plastilin-Genick gebrochen.