„Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Ein Spruch, hart wie eine Metallklinge. Zumindest dann, wenn er auf einen selbst bezogen ist. Die ehemaligen DDR-Oberhäupter konnten davon ein Lied trällern. Immerhin trug Michail Gorbatschow mit dem Zitat zum endgültigen Ende des kommunistischen Staates bei.

Knapp 20 Jahre später packen wir den Satz aus der Mottenkiste und drücken ihn der russischen Spieleproduktion „Wächter des Tages“ auf. Der Genre-Mix aus Rollen- und Taktikspiel zum gleichnamigen Film erscheint in einem mit Blockbustern vollgeladenen Herbst. Und wirkt dabei wie ein Überbleibsel aus längst vergangenen Zeiten.

Russian standard

In Russland ein Megahit, können sich westliche Fantasy-Fans bisher nicht so recht mit der Geschichte um die „Anderen“ anfreunden. Auserwählte, die sich gegenseitig bekriegen, um ein Gleichgewicht zwischen Gut und Böse zu wahren - das ist Vielen zu wirr. Sowohl die Romantrilogie als auch die beiden bis dato auf die Leinwand gebrachten Filme wurden hierzulande verschmäht. Das mittlerweile zweite Spiel zum Thema wird daran nichts ändern. So viel wagen wir zu behaupten, ohne einen Hellseher-Kurs besucht zu haben.

Wächter des Tages - Nur mit Wodka erträglich: Ein RPG-Taktik-Mix, spannend wie eingeschlafene Füße.

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 1/41/4
Neues Einsatzkommando für Fußballspiele: Hexe und Magier gegen drei Hooligans.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Genau wie „Wächter der Nacht“ ist auch „Wächter des Tages“ im Kern ein Rollenspiel mit vielen Dialogen, kleineren Rätseln, Levelaufstiegen und Werten, die es zu verbessern gilt. Und genau wie der Vorgänger mixt der Titel sein RPG-Inneres mit rundenbasierten Taktikschlachten in „Jagged Alliance“-Manier. Klingt spannend, spielt sich aber ziemlich zäh.

Von der Dynamik der Filme ist das Spiel weit entfernt. Wo auf der Leinwand (zumindest teilweise) epische Schlachten und beachtliche Spezialeffekte die Stimmung erhellen, plätschert die Software-Adaption behäbig vor sich hin. Langsam und gelangweilt trottet eure bis zu vierköpfige Abenteurer-Gruppe durch detailarme Levels, führt öde Gespräche und löst anspruchslose Rätsel. Die Kämpfe, meist Aushängeschild eines gelungenen Rollenspiels, wirken durch den aufgezwungenen Rundenmodus und die umständliche Kameraführung träge.

Du alte Hexe!

„Wächter des Tages“ versetzt euch in die Rolle der sexy Hexe Anna, einer Wächterin der Dunkelheit. Eigentlich will Madame mit dunkler Magie nichts mehr zu tun haben. Doch wie in Sekten oder der gamona-Redaktion gilt auch für Anna – einmal dabei, immer dabei! Die dramaturgisch schwach inszenierte Story nimmt nur bedingt Bezug auf die gleichnamigen Filme. Vorhersehbare Wendungen und Intrigen täuschen völlig unzureichend über die ermüdende Präsentation hinweg.

Wächter des Tages - Nur mit Wodka erträglich: Ein RPG-Taktik-Mix, spannend wie eingeschlafene Füße.

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 1/41/4
Typischer Fall von Geistesblitz: Da hatte wohl gerade jemand eine geniale Idee.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Damit das rundenbasierte Kampfsystem Sinn ergibt, zaubert sich Anna nicht im Alleingang durch Gegnermassen, sondern in einer bis zu vierköpfigen Gruppe. Der Helden-Haufen besteht aus fernkampfstarken Magiern, mitteldistanzbegabten Zauberern und nahkampferprobten Gestaltwandlern. Letztere verwandeln sich in Tiere, stecken massig Treffer ein und hauen ordentlich zu. Zauberer stärken Kumpanen, schwächen Widersacher und setzen verzauberte Gegenstände wie Tennisbälle (!) oder Orangen (!) als Waffen ein. Magier wiederum brutzeln dem feindlichen Gesocks Feuerbälle um die Ohren oder missbrauchen sie als einmalige Blitzableiter. Zocker, die bereits den Vorgänger gespielt haben, dürften die meisten Sprüche und Fähigkeiten aus dem Effeff kennen.

Der Teufel liegt im Detail. Und überall sonst!

Spiele müssen sich nicht permanent neu erfinden. Die Umsetzung bestehender Gameplay-Mechanismen sollte man aber sehr wohl erwarten dürfen. „Wächter des Tages“ gelingt das nicht. Das rundenbasierte Kampfsystem ist Geschmackssache. Die mal viel zu leichten und dann wieder knüppelharten Auseinandersetzungen sind es ganz sicher nicht. Regelrecht verflucht haben wir die unnötig komplizierte und ruckelige Kamerasteuerung.

Wächter des Tages - Nur mit Wodka erträglich: Ein RPG-Taktik-Mix, spannend wie eingeschlafene Füße.

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 1/41/4
Gleich gibt’s Ärger: Lagerfeuer im Büro sind ein Grund zur Abmahnung…
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Lapidar als peinlich könnte man die Synchronisation bezeichnen. Und das ist noch geschmeichelt. Laiensprecher lesen die Dialoge in bester Rudolf-Scharping-Manier ohne jegliche Emotionen vom Blatt ab. Umso schlimmer ist das aufgrund der Tatsache, dass die Übersetzung teils wirr und inhaltlich schwer verständlich ist. Ihr merkt schon – Rollenspielliebhaber, die „Wächter des Tages“ im Händlerregal stehen lassen, verpassen nichts. Und selbst Fan der Buchtrilogie oder der Filme sollten sich sehr genau überlegen, den halbgaren RPG- / Rollenspielmix zu kaufen. Wie gesagt: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“. Oder eben die gamona-Redaktion.