Mit einem irren Kichern wirft sich der Kobold auf mich, nur um sich einen Tritt in die Weichteile abzuholen, der sich gewaschen hat. Schlaff sackt er in sich zusammen. Ich packe ihn am Schlawittchen, donnere ihn mit einem Kniestoß gegen die nächste Wand, die daraufhin sichtbare Risse bekommt, und erledige ihn mit einem brutalen Kick in den Bauch. Leblos rutscht das hässliche Vieh an der Wand hinunter und bleibt liegen.

Vindictus - Reaper Boss Trailer8 weitere Videos

Da will mich schon sein großer Bruder von hinten mit der Axt hacken, doch wie aus dem Nichts kommt ein Enterhaken samt Kette geflogen, reißt dem sabbernden Widerling ein Bein weg und schickt ihn zappelnd auf die Bretter. Mein Team hat aufgepasst und fesselt das Ungetüm an den Boden. Triumphierend reiße ich meine Zwillingsklingen nach oben, springe und ramme sie dem geifernden Etwas mit einem satten Schmatzen ins Fleisch. Sieg!

DAS ist ein MMO?

Das wird wohl die erste Frage sein, die sich die meisten Nutzer stellen. Was sich anhört wie die Spielszene aus einem Prügelspiel oder einem Martial-Arts-Streifen, spielt sich aber wirklich ganz genau so. Überall kracht es, fliegt etwas durch die Gegend. Das können Gegner sein, Trümmer von der zertöpperten Einrichtung, Felsen oder eben auch ich selbst, der mit wirren Akrobatikmanövern und gemeingefährlichen Zackenklingen wie ein wirbelnder Derwisch durch die Reihen der Gegner mäht und dabei Blut fließen und Knochen knacken lässt.

Und wie ich fliege. Die verbaute Source-Engine und die damit verbundene Spielphysik erlaubt ein unheimlich intensives Kampfgeschehen für ein MMO. Das sieht nicht nur sehr gut aus, das macht auch anfangs verdammt viel Spaß! Die Animationen wirken so geschmeidig und so lebensnah, dass man die nächste Gegnerwelle eigentlich gar nicht erwarten kann und wenn sie dann kommt, mit einem gemeinen Grinsen auf sie zu rennt. Von den normalen Taktiken eines MMO keine Spur. Von der normalen Kampfmechanik ebenfalls nicht. Hier wird aktiv gekämpft. Und ich meine aktiv!

Vindictus

- Ein bisschen "Toll!" und ganz viel "Ist nicht deren Ernst!?"
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Es gibt richtig was auf die Omme.
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Ich kontrolliere jede einzelne Aktion des Recken, baue Kombos auf, übe verschiedene Schlagkombinationen ein. Selbst Spezialangriffe muss ich selbst auslösen und kann sie nicht einfach, wie sonst üblich, über eine Skill-Leiste aktivieren. Das macht Spaß und fordert gerade bei einigen Bosskämpfen ein nicht unerhebliches Maß an Timing und Kontrolle. Ich finde diese Action ziemlich gelungen, zumal sie mich dazu zwingt, nicht wie ein lethargisch-arthritisches Faultier in einer Ecke des Dungeons zu stehen und Feuerball um Feuerball auf die Gegner zu keilen, während der Tank tankt und der Heiler heilt.

Packshot zu VindictusVindictusErschienen für PC

Die gibt es bei Vindictus auch gar nicht mehr. Das Spiel kennt keine Klassen oder gar bestimmte Rollen, die ein bestimmter Charakter einzunehmen hat. Jeder Charakter spielt sich völlig autonom, so dass man auch in einer Gruppe von vier reinen Schwertkämpfern immer noch einen Dungeon bezwingen kann. Es kommt hier eher auf die persönlichen Fähigkeiten der Spieler an, den Attacken aktiv auszuweichen, sie zu parieren oder die Feinde gar nicht erst an sich rankommen zu lassen.

Vindictus

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An der Grafik lässt sich nicht wirklich meckern.
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Ein weiteres Novum sind die oben angedeuteten Zweitwaffen. Diese können in begrenzter Stückzahl neben den jeweiligen Primärwaffen mitgeführt werden und sind besonders nützlich für Bosskämpfe. So können mit den Kettenhaken die Bossmonster stark eingeschränkt, sogar umgehauen werden, so dass man dann mit den Nahkampfwaffen sie stärker beharken kann. Oder man bewirft sie mit Speeren, was ihnen auch immens weh tut. Oder mit Bomben... oder mit... oder mit... Man hat eine recht große Auswahl. Bei Vindictus gibt es kein ewiges Prügeln auf gigantische Plattenstiefel und wenn man das macht, ist es eben sehr uneffektiv.

Alles wie gehabt ganz anders

Gleich zu Beginn macht Vindictus klar, dass es sich nicht als normales MMORPG sieht. Das Intro ist zwar für alle bisherigen Charaktere gleich, doch ist es für dieses Genre ungewöhnlich lang und sogar ein wenig emotionsbetont. Die Grundlagen der Steuerung bekommt man hier auf spaßige Weise beigebracht, so dass man schon alsbald losstürmen und ordentlich austeilen kann. Dass hier selbst die windigsten Rekruten schon kämpfen können, dass es jedem Spartaner die Tränen in die Augen treibt, sei einfach mal so stehen gelassen.

Macht erst Riesenspaß und fällt dann stark ab.Fazit lesen

Nun fängt man also das Spiel an. Zur Zeit gibt es gerade mal drei Klassen (Charaktere), die man spielen kann, diese unterscheiden sich aber sehr stark von einander. Sowohl in Aussehen, wie auch Waffen, wie auch Spielweise. Lann ist ein agiler Krieger, der am liebsten mit seinen Doppelklingen kurzen Prozess macht. Fiona vertraut auf Schild und Schwert, und Evie ist eine mächtige Magierin, die mit Elementarmagie herumpfuschen kann, dass es eine wahre Freude ist.

Den alteingessenen Hasen ist gleich aufgefallen: Ich spreche hier nicht von Klassen. Ihr spielt einen Charakter, keinen Tank, keinen Heiler, keinen DD, sondern einen Charakter. Zwar lassen sich die Charaktere optisch anpassen, doch tragen sie ab einem bestimmten Level immer alle die gleichen Rüstungen, haben die gleichen Schwerter. Eine Klonarmee.

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Man muss sich ja auch mal ausruhen.
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Das liegt in erster Linie an einer wesentlichen Neuerung im Vergleich zu anderen MMORPGs. Man findet keine Sachen. Ehrlich jetzt. Es gibt keinen Loot, den ihr anziehen oder benutzen könnt. Wenn ihr also ein neues Schwert haben wollt oder eine neue Rüstung, dann müsst ihr zum Schmied gehen, der euch sagt, was er dafür braucht. Blöderweise scheint Nexon vergessen zu haben, hier eine ordentliche Auswahl hineinzupacken. Es mangelt schlicht an Auswahlmöglichkeiten, so dass alle ab einem bestimmten Level die Rüstung tragen, die dann freigeschaltet wird. Eben bis zur nächsten Freischaltung durch Levelanstieg und so weiter.

Es ist an euch die entsprechenden Materialien zu besorgen. Natürlich findet ihr diese am ehesten bei Monstern und teilweise auch nur bei bestimmten Bossen. Aber ihr könnt die benötigten Ressourcen auch im Auktionshaus kaufen. Dort könnt ihr übrigens alles erstehen. Ja, auch Questgegenstände.

Jedenfalls braucht ihr für alle Sachen Materialien. Und genau hier fängt Vindictus an zu nerven. Prinzipiell finde ich diese Idee gut, verhindert sie doch, dass man ewige Raids mitmachen oder bestimmte Punkte farmen muss, um ein bestimmtes Item zu erhalten. Aaaaber: Vindictus ist komplett instanziert. Das heißt, dass alles, was nicht in der Stadt ist, in Dungeons statt findet. Und die kennt man irgendwann auswendig.

Nun kann man sagen: „Man kann sich die Sachen im AH ja auch kaufen!“ Stimmt, aber ratet mal, wo man das Gold dazu herbekommt... Richtig. Außerdem muss man für bestimmte Quests (die bei Vindictus übrigens Story heißen) immer wieder in altbekannte Höhlen und Ruinen hinein. Das ist zwar nicht weiter wild, da viele Runs unterhalb von zehn Minuten erledigt sind, aber auf Dauer ist das verflucht eintönig. Es erinnert doch sehr stark an die Asia-Grinder, von denen Vindictus sich eigentlich gerne absetzen wollte.

Und noch einmal, noch einmal, noch einmal...

Naja, Gold gibt es ziemlich viel und auch ziemlich schnell. Es wird erst dann haarig, wenn das AH das benötigte Item gerade nicht hergibt und es sich auch stur weigert zu droppen. Denn meistens befinden sich diese Sachen im Besitz des jeweiligen Dungeonboss. Also eins jener großen Biester, die am Ende von jedem Dungeon auf mich warten. Also wieder rein... wenn man denn diese eine Quest (Story) unbedingt haben muss. Denn für die Hauptquests brauchte man bisher nicht einen solchen Gegenstand. Entweder reichte es, einen bestimmten Gegner zu töten oder ihn zu töten und sich das zu holen, was er hatte. Auf jeden Fall töten. Das ist sicher.

Immerhin bekommt man mehr als nur Gold, Erfahrung und Items. Nämlich die so genannten APs. Diese stellen ebenfalls eine Neuerung dar. Ich kann nämlich meine Skills nicht dann verbessern, wenn ich das entsprechende Level habe, sondern erst dann, wenn ich genügend APs dafür sammle. Das Level steigert nur meine Werte und schaltet neue Dungeons und Skills frei, die ich dann aber noch jeweils hochleveln muss, damit sie einen Sinn haben.

Vindictus

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"Meine Arbeit ist getan." Pustekuchen!"
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So. Das hört sich sich bis hierhin doch alles recht nett an. Hat zwar seine Mängel mit den Dungeonruns und dem ewig Gleichen, aber dafür sind die ja auch kurz. Bisher könnte man fast meinen, dass man hier ein mal ein gutes Free-to-Play-Abenteuer zu haben. Denkste. Es gibt nämlich noch die so genannten Gefechtspunkte. Und diese kleinen Scheißer machen Vindictus echt fertig. Es reicht nämlich nicht das benötigte Level für den nächst höheren Dungeon zu haben. Nein, ich brauche auch eine gewisse Anzahl von Gefechtspunkten in einem bestimmten vorhergehenden Dungeon. Und die bekomme ich wie?

Der aufmerksame Leser hat's schon erraten. Durch Dungeonfarmerei, denn ich werde nicht im ersten, nicht im dritten und vermutlich auch noch nicht im vierten Anlauf alle erforderlichen Punkte eingeheimst haben. Das Spiel ist hier fies: Es zeigt mir immer nur einen Dungeon an, bei dem ich noch so und so viele Punkte für die Freischaltung benötige. Habe ich die, freue ich mich auf das neue Level und schon ploppt das LmaA Fenster auf: Du brauchst noch so und so viele Punkte in dem anderen Dungeon! ARGH!

Am Anfang geht das noch und ich bin geneigt, darüber hinweg zu sehen, da die Zeiten sich wirklich in Grenzen halten. Aber spätestens ab Level 15 kenne ich jeden verdammten Dungeon auswendig, kann blind durch dessen Schläuche rennen und die Gegner im Schlaf und zu Hunderten niedermachen. Nur damit ich dann das nächste Level (viel mehr sind die Dungeons nämlich nicht) freischalten kann und dort genauso verfahren darf. Ganz ehrlisch... nä.

Das ganze Punktesystem wirkt durchdacht. Leider beruht diese Denkweise auf der stumpfen Annahme die Spieler wären bereit die Dungeons immer und immer wieder zu machen. Zumindest bei mir ist das nicht der Fall. Vindictus macht vieles richtig. Ungewöhnliches Kampfsystem, schöne Grafik mit tollen Animationen, aber es scheitert an der einen wesentlichen Säule, die für mich gut 90% des Spielspaßes in einem MMO ausmacht: der Langzeitmotivation. Es ist schlichtweg langweilig. Darüber können auch die schön choreographierten Kämpfe nicht hinwegtäuschen.