Schnetzeln, metzeln, die Messer wetzen. Spinnentier und Krabbelschleim. Dungeon raus, Dungeon rein. Gold und Loot, tausend Schaden, große Monster, kleine Maden. Mächt´ger Hammer – Kopf kaputt. Kleine Flinte – trifft nichts gut. Hundert Welten und tausend Waffen, eine Freakshow zum selber spielen, gucken, gaffen. Victor Vran = Diablo-Klon? Das ist neu – das kenn' ich schon...

Willkommen in meinem Gehirn. Bitte bleiben Sie hinter der Absperrung und nehmen Sie Ihre Kinder an die Hand. Wer den Pfad verlässt, könnte Bilder sehen, die sich für immer in sein zartes Gemüt einbrennen und Ihnen die Unschuld und Lust am Leben rauben. Ignorieren Sie den blutigen Clown mit der Trillerpfeife und schauen Sie bitte nach oben, auf den Anleser. Dort sehen Sie meine ungefilterte Gedankenflut zu dem Thema „Victor Vran“. Für die infantile Reimerei möchten wir uns herzlich entschuldigen. Die Nervenverknüpfung, die dafür zuständig war, ist neu in diesem Bereich des Gehirns und wird spätestens zum Wochenende standrechtlich mit reichhaltigen Mengen Alkohol exekutiert.

Victor Vran - Von wegen „typischer Diablo-Klon“

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Es darf wieder geschnetzelt werden...
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Überraschungen und andere Versehen

Herzlichen Applaus an dieser Stelle an „Diablo 3“ und seine Vorgänger. Ihr habt es endlich geschafft. Ihr habt den Thron des „Action-RPG“ nun schon so lange inne und strahlt von eurem hohen Podest mit solcher Intensität, dass ich blind für andere Ableger dieses Genre geworden bin. Alles ist automatisch ein Diablo-Klon und wenn die Umsetzung vom vermeintlichen Vater im Geiste abweicht, laufe ich wie ein aufgeschrecktes Huhn über das Schlachtfeld und mache mich nicht nur zum Affen, sondern imitiere einen ganzen Zoo.

So geschehen in „Victor Vran“, einem Rollenspiel von Haemimont Games. Statt mich voller Freude in neue Welten, neue Abenteuer und neue Mechaniken zu stürzen, kippte ich rückwärts und mit gähnendem Desinteresse in das kalte, dunkle Meer aus falschen Erwartungen. Aber so wie man in „Just Cause 2“ ins Wasser gesprungen ist und mit Überraschung festgestellt hat, dass es unter der Oberfläche nur so vor Flora und Fauna strotzt, so wurde ich auch nach meinem Abstecher ins „Muss ich nicht spielen“-Land am Kragen gepackt und zu meinem Glück gezwungen.

„Victor Vran“ ist kein einfacher Diablo-Klon, obwohl er wie einer beginnt. Mit halb geschlossenen Augen und einem Koop-Partner an der Hand, folgte ich den vorgegebenen Pfaden, öffnete leuchtende Truhen, sammelte Loot und wartete darauf, dass das Spiel mir irgendwas gibt. Irgendwas. Egal was genau. Irgendeine anständige, eigene Idee, irgendeinen Grund, warum dieses Wochenende nicht besser damit verbracht worden wäre, sich am Kaminfeuer die Fußnägel zu schneiden.

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Auf den ersten Blick: ein Diablo-Klon. Hurra...
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Einen (!) Grund habe ich gesagt. Nicht gleich den ganzen Batzen! Aber genau den bekam ich. Und nicht nur das. Ich wurde auch noch als Idiot abgestempelt und beschämte mich meiner selbst. Denn Diablo und seine Armee aus Klonen, die gierig zum Thron schielen und gleichzeitig des Meisters Füße lecken, haben es geschafft, dass ich neuen Spielmechaniken gegenüber blind wurde und erst nach ein/zwei Stunden bemerkte, welche Perle ich da eigentlich in den Händen hielt.

Dieses Spiel war auch mal ein Diablo-Klon wie alle anderen - Aber dann hat es ein paar Pfeile der Inspiration ins Knie bekommen...Fazit lesen

Nicht wegen ihres unnatürlichen Glanzes und ihrer perfiden Einzigartigkeit, sondern weil sie einfach einen ganz besonderen Schimmer hat. Etwas, dass sie eindeutig ihrer Gattung zuweist, sich aber dennoch angenehm merklich von ihr abweichen lässt.

Ja, ihr schnetzelt auch hier Monster, erkundet dunkle Höhlen und Verliese und begegnet mehr Untoten und Spinnen, als es in der größten Gruft der Welt jemals zu entdecken gäbe. Ihr seid immer noch wie kleine Kinder, die mit Mami in den Süßigkeitenladen gehen, von eurem Glück abhängig, dass etwas leckeres zu Boden fällt und ihr euch wie ein Tier darüber hermachen könnt. Und natürlich werdet ihr in „Victor Vran“ nicht auf Mechaniken stoßen, die euch ungebremst vom Stuhl schubsen und so hart auf den Kopf schlagen lassen, dass ihr Sterne des Glücks sehen könnt. Aber...

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Viele alte Ideen - Viele neue Ideen.
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Neu ist alt ist neu ist alt

Stellt euch „Victor Vran“ erst einmal wie ein ganz normales Action-RPG vor. Mit all seinen Schlauchleveln, halb offenen Karten, den Heiltränken, dem Waffenarsenal und Loot-Wahnsinn, wie in jedem anderen Vertreter dieses Genre auch. Doch dann ersetzt ihr hier und dort Dinge durch neue Einfälle. Einfälle, die förmlich in die Welt hinaus schreien: „Wir wollen Diablo sein, anstelle von Diablo … aber anders“.

Erst einmal wechselt ihr in „Victor Vran“ blitzschnell zwischen zwei Waffen hin und her, die jeweils über zwei einzigartige, aktivierbare Fähigkeiten verfügen. Laufen die Cooldown bei dem mächtigen Hammer ab, wechsele ich in einer Millisekunde zum Rapier und lasse den Gegner bluten. Oder ihr schießt dem Feind mit einer Schrotflinte die letzten Fleischfetzen vom Skelett und nehmt das Schwert zur Hand, sobald er euch zu nahe kommt.

Die Spielgeschwindigkeit geht dadurch enorm in die Höhe, der Spielspaß ebenfalls und bei den Massen an Gegnern findet man sich urplötzlich in einem Chaos aus Blitzen, Fähigkeiten, Blut und Matsch wieder. Ein Ball aus Feinden, Victor, Waffen, Fähigkeiten und viel Loot.

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"Victor Vran" hat Tempo und Stil.
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Außerdem stehen euch noch zwei dämonische Spezialfähigkeiten zur Verfügung, die ihr ebenfalls beliebig austauschen könnt und deren Einsatzgeschwindigkeit davon abhängt, wie ihr euren Charakter spielen wollt. Das definiert ihr durch die Ausrüstung, für die ihr euch entscheidet und die Victor stets einen neuen, coolen Look gibt (der Hauch von Steam-Punk kommt hier überraschend angenehm und positiv rüber; leider könnt ihr nur die ganze Rüstung anlegen und keine Einzelheiten verändern – außer der Farbe).

Dazu jede Menge Schicksalskarten, die euch extra Fähigkeiten und/oder Buffs bescheren und die sich in ihrer Kraft und Auslegung deutlich voneinander unterscheiden. Jede Menge Waffen, Kristalle, Tränke und besagte Karten, die ihr auch noch alle verbessern, verschmelzen, einbauen, verzaubern und was-weiß-ich könnt. Der Umfang an Gegnertypen und Level-Ideen mag arg überschaubar sein. Die Gegenstände und das Potenzial sind es nicht.

Besonders ins Gewicht fällt die Möglichkeit, Flüche zu aktivieren, mit denen ihr den Schwierigkeitsgrad noch einmal die Kehle erdrückend anziehen könnt. Sollen viel mehr Monster vom Typ „Champion“ sein? Sollen sie schneller angreifen und ihre Fähigkeiten schneller einsetzen? Oder mehr Kraftpunkte haben und sich viel schneller regenerieren? Oder warum nicht alles auf einmal? Für die Aussicht auf mehr Erfahrung und mehr Loot tut so mancher von uns doch alles – und muss er dafür durch die Hölle gehen, so hat diese besser goldene Kisten parat.

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Fantastische deutsche Synchronsprecher runden das Spielerlebnis deutlich ab.
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Außerdem ist ein kleines Feature besonders nett. Ihr könnt in jedem Abschnitt extra Loot und XP farmen, wenn ich bis zu fünf Bedingungen erfüllt, die teilweise auch eure Waffen und die Flüche vorschreiben. So wird man quasi immer wieder dazu angestachelt, das Spiel doch mal aus einer anderen Perspektive zu betrachten und nicht der Routine zu verfallen.

Hinzu kommen richtig gesalzene Endboss-Kämpfe, die einen Spaßfaktor bieten, den ich in diesem Genre, ja selbst bei Burger-King... Äh. Genre-King „Diablo“vermisst habe. Mit den richtigen Flüchen sind diese Kämpfe spaßig, anspruchsvoll und äußerst originell. Glaubt ihr nicht? Dann springt doch mal in die Grube der Schwarzen Witwe und bekämpft sie in einem Nest aus tausend Spinneneiern, die alle schlüpfen können und euch eine Flut aus neuen Gegnern beschert, die nicht nur beständig an euren Fersen nagen, sondern ihrer Mama auch noch als heilendes Futter dienen...

Achtung! Jetzt kommt ein Karton
Viel mehr (aber noch ein bisschen) gibt es auch gar nicht zu sagen. „Victor Vran“ ist leckere Genrekost, die sich deutlich von anderen Vertretern unterscheidet, aber gleichzeitig vieles ganz genauso wie seine Konkurrenz macht. Das ist Abwechslung, mit der man nicht Gefahr läuft, sich an zu viele neue Umstände gewöhnen zu müssen. Wer sich nicht allzu weit aus seinem Schneckenhaus der Vorlieben heraus traut ist mit „Victor Vran“ genauso gut beraten, wie ein Neuling auf der Suche nach dem Schmankerl für Zwischendurch.

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Leider ist die Steuerung sehr hakelig und unsichtbare Wände und andere Spaßbremsen warten an vielen Ecken.
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Es gibt jedoch Dinge, die dieses Action-RPG einfach deutlich verhauen hat. Da wollte man sich so sehr von den anderen Günstlingen unterscheiden, dass man eine Kurve als Gerade und ein Stoppschild als Beschleunigungsstreifen genommen hat. So ist die Steuerung in ihrem Kern gut gelungen und bietet einige nette Features, die ich woanders Tränen verdrückend vermisst habe, doch was nützt es mir, dass ich die Steuerung von Maus- zu Tastaturlastig umstellen und mit einem Tastendruck den Charakter zwingen kann, seinen Angriff zu starten ohne (!) sich zu bewegen, wenn er im gleichen Moment gegen unsichtbare Wände läuft, die Zielsetzung einfach nur hakelig ist und ich beim springen (Victor kann geschickt von Wänden abspringen und sich so seinen Weg nach oben bahnen) mehr als „ein paar Male“ ganz woanders lande als ich wollte. Und nein! Ich habe mich nicht dumm angestellt... Nur ein bisschen. Vielleicht...

Und noch eine Sache muss auf der negativen Seite verbucht werden. Die Geschichte ist, typisch für solche Titel, völlig banal und wird nicht länger in meinem Gedächtnis abgespeichert als die Namen aller Präsidenten der Vereinigten Staaten. Es ist trocken. Langweilig. Und vollkommen uninteressant. Eine Story von der Marke: „Oh, guck mal, ein Schmetterling!“. Bla, bla, Monsterjäger. Bla, bla, Orden fast zerstört. Verschwörung, bla, Dämonen, blubb, Geheimnisse und Käsekuchen. Nichts bleibt hängen und ich trauere keiner verpassten Dialogzeile hinterher.

Der Rest sind Kleinigkeiten. Hier ein Pro, dort ein Kontra, dazwischen ein paar Schulterzucker. Vieles ist pure Ansichtssache und manches einfach nervig. Wer sich jedoch für „Victor Vran“ entscheidet, bekommt für kleines Geld ein äußerst nettes Gesamtpaket, welches neue Ideen, viel Spaß und einen gewissen Wiederspielwert bietet. Erwartet aber nicht, dass das Ei plötzlich zum Hühnchen wird, die Kartoffeln nach Fleisch schmecken und sich die Soße von alleine würzt: ihr bekommt ein Action-RPG! Mit all den Stärken und all den Schwächen, die so ein Genre mit sich bringt...