Manche Wege sind wahrlich unergründlich. Wie zum Beispiel aus der Adventure-Schmiede Deck 13, die sich zuvor mit der famosen „Ankh“-Reihe oder „Jack Keane“ einen Namen gemacht hat, quasi nebenbei ein Big Player um die Krone des Rollenspielgenres werden konnte, ist uns schleierhaft. Und doch: „Venetica“ das erste große RPG der Frankfurter ist aus dem Stand ein echter Konkurrent für „Risen“, „Gothic“ und Co. geworden. Oder zumindest fast…

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The Quick and the Dead

Scarlett ist tot. Nein, pardon, sie ist DER Tod. Also um genauer zu sein eigentlich seine Tochter. „Venetica“ konfrontiert uns gleich zu Beginn mit einer Enthüllung, die klar macht: In diesem Spiel ist nichts so wie es scheint und generell alles ein bisschen anders. Das fängt schon mit der Kategorisierung des Genres an: Wer den klickintensiven Schlagduellen unserer adretten Heldin zum ersten Mal beiwohnt, meint ein waschechtes Action-Rollenspiel vor sich zu haben. Die adrette, leicht bekleidete Protagonistin erinnert eher an ein Action-Adventure a la „Tomb Raider“.

Venetica - Überraschung: Ernsthafte Konkurrenz für Risen und Gothic. Mit Video Review

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Skurrile Charaktere sind in „Venetica“ häufig anzutreffen. Hier streiten sich zwei Brüder um die Erbschaft. Nur wenn wir helfen, schlagen sie sich nicht die Köpfe ein.
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„Venetica“ ist nichts von beidem und wirkt doch für Fans der genannten Genres wohlig vertraut. Größere Ähnlichkeiten lassen sich jedoch erkennen, wenn man das großartige „Gothic“ oder etwa „The Witcher“ zum Vergleich heranzieht. Beides sehr storylastige Rollenspiele mit hohem Actionanteil. Womit wir im Prinzip schon den Kern der Sache getroffen haben. „Venetica“ bedient sich frech und frei an den Großen des Genres – aber das macht es verdammt gut.

Nehmen wir die Story. Die ist nicht etwa revolutionär ausgeklügelt oder gar sonderlich tiefgründig, aber die Inszenierung muss Entwickler Deck 13 trotzdem erst einmal einer nachmachen. Während Scarlett nämlich entdeckt, dass sie die Tochter des Todes ist, eine böse Macht nach ihrem Leben trachtet und alle Wege nach Venedig führen, vergehen einige äußerst stimmungsvolle Stunden, begleitet von knackigen Zwischensequenzen mit exzellenter Vertonung.

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Venetica liefert manch seltsamen Einblick: In vielen Dialogen positioniert sich die Kamera im Nichts und lässt sich nicht mehr verstellen.
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Die Quests würden ebenfalls nicht unbedingt einen Innovationspreis gewinnen: Über verlorene Amulette, verschollene Neffen oder den gestohlenen Schmiedehammer können wir nach jahrelangem Training im Rollenspiel-Bootcamp nur noch müde lächeln. Allerdings leistet sich „Venetica“ hier auch keinerlei grobe Patzer, unterlegt selbst doofe Aufgaben mit stimmungsvollen Geschichten, die in liebevoll getexteten Dialogen von den teils äußerst schrulligen NPCs vorgetragen werden.

Nur auf all zu große Belohnungen sollte man nicht hoffen. Zwar lassen die Wirte, Schmiede und Bauern Venedigs gerne mal ein großzügiges Trinkgeld springen, aber mit schöneren Gegenständen werden wir nur sehr selten begünstigt. „Venetica“ hält sich in dieser Hinsicht stark zurück: Nur einige wenige Waffen und Rüstungen stehen zur Auswahl, die zwar verbessert werden dürfen, aber nicht an das Item-Rudelverhalten der Diablo-Gegenstände heranreichen.

Willkommen in der Twilight Zone

Die Vorzüge des deutschen Rollenspiels liegen klar woanders: Die Betonung liegt auf Action und deren Inszenierung. Dementsprechend viel Wert hat Deck 13 auf das Kampfsystem gelegt: Ausfallschritte, Seitwärtsrollen und Paraden lassen die Schwertduelle ungemein dynamisch erscheinen, für die Offensive gibt es Komboattacken in mehreren Stufen. Wichtig dabei: Im Takt bleiben – nur wer gezielt und mit perfektem Timing schlägt, führt auch eine Angriffskette fort. Hinzu kommt eine taktische Note: Viele Gegner erfordern unterschiedliche Waffen – schwer gepanzerte Krebse knacken wir z.B. nur mit dem Hammer.

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Schattenwelt: Scarlett darf per Tastendruck in die Geisterwelt wechseln und mit ihrem Vater, dem leibhaftigen Tod, kommunizieren.
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Im Gegensatz zu vielen anderen Rollenspielen verkommen Scarletts Fähigkeiten nicht zur bloßen Staffage. Viele der Gegner agieren äußerst schlau und lassen sich mit tumben Klickorgien nicht beeindrucken. Vor allem in den tollen Bosskämpfen, die sich gut und gerne über mehrere Minuten hinweg ziehen können, benötigen wir all unser Geschick. Das fordert und macht gleichzeitig Spaß. Die KI verrichtet hier zum Glück meist gute Dienste, ist nur sehr selten von kleineren Aussetzern geprägt.

Besondere Würze bringt aber erst ein anderes Feature ins Spielgeschehen. Da Scarletts Verwandtschaft mit dem Tod ja zu irgendetwas gut sein muss, dürft ihr zwei spezielle Fähigkeiten nutzen. Zum einen verfügt ihr über einen kleinen Vorrat an Schattenenergie, die euch in brenzligen Situationen das Leben retten kann. Scarlett steht dann nach kurzer Todesanimation wieder quicklebendig auf den Beinen und darf weiterkämpfen.

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Ebenfalls Gang und Gebe: 70% des Spiels scheinen aus Clippingfehlern wie diesem zu bestehen.
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Zum anderen wechselt ihr per Tastendruck in die so genannte Schattenwelt, ein Geisterreich neben der uns bekannten Realität. Hier findet ihr häufig alternative und verborgene Wege oder nehmt es mit den verschiedenen Inkarnationen der gigantischen Bosskämpfe auf. Die ziehen euch nämlich nach langwierigen Kämpfen dummerweise ins Reich der Toten, wo ihr sie gleich noch mal besiegen müsst. Außerdem erhaltet ihr oftmals nur in der Schattenwelt den rettenden Hinweis zu besonders kniffligen Rätseln.

Venetica ist im Herzen ein tod-schickes Rollenspiel mit Potenzial – das letztlich nur dank mangelnder Qualitätskontrolle nicht ausgeschöpft wird.Fazit lesen

An deren Anwesenheit lässt sich übrigens sehr schön die Adventure-Vergangeheit von Entwickler Deck 13 ablesen. Natürlich erreicht keine der kurzen Kopfnüsse die Qualität der Ankh-Knobeleien, für etwas Abwechslung ist somit während der Kämpfe aber immer wieder gesorgt. Üblicherweise gilt es dann ein paar harmlose Schalterrätsel zu lösen, Kombinationen ausfindig zu machen oder Hinweisen auf die Spur zu kommen. Hier bewegt sich „Venetica“ klar über dem Rollenspiel-Durchschnitt.

Über Stock und Stein

Trotzdem gibt es immer wieder Grund zur Aufregung. Etwa wenn in hitzigen Kämpfen die störrische Kamera die Sicht versperrt und sich hinter Wänden, Köpfen oder Bäumen platziert. In engen Höhlen oder stark begrenzten Räumlichkeiten wird die Schlacht dann zur reinen Glückssache. Nicht selten – vor allem in Zwischensequenzen – verkeilt sich der störrische Blickwinkel sogar. Der Grund dürfte die stark limitierte Spielwelt sein, in der kaum ein Stein begehbar ist, ohne dass Scarlett daran hängen bleibt.

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„Venetica“ kann verdammt hässlich sein, etwa bei Gesichtern und Nahaufnahmen…
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Für uns ein großes Manko: Ein gutes Rollenspiel sollte dem Spieler in erster Linie die Existenz einer fremden, andersartigen Welt vorgaukeln. Und im besten Falle geschieht dieser Prozess auch noch unmerklich. In „Venetica“ jedoch wird man aus derlei Träumereien schneller entrissen, als es einem lieb sein kann. Da Scarlett nicht springen kann, wird sie von allerlei unsichtbaren Levelbarrieren aufgehalten, ständig stößt sie an irgendeine Mauer, darf selbst minimale Unebenheiten im Boden nicht passieren.

Bei einem Spiel, dessen Kernkompetenzen eigentlich in der freien Begehbarkeit der Spielwelt und der Erkundung eines nicht-linearen Venedig liegen (sollten), ist ein derartiger Mangel unverzeihlich. Um eine Leiter zu erklimmen, müssen wir direkt dagegen laufen – es folgt eine unschöne und quälend langatmige Animation, in deren Verlauf Scarlett die untersten Sprossen ergreift – erst dann dürfen wir per erneutem Druck auf die Pfeiltasten der Tastatur nach oben klettern. Freiheit sieht irgendwie anders aus…

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…und dann wieder blendend schön: Der Panoramablick auf Venedig lädt zum Träumen ein.
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Nicht selten gewinnt man dabei den Eindruck, Deck 13 hätte im Verlaufe der Entwicklung zu viele Kompromisse gemacht bzw. machen müssen, vor allem in Anbetracht der Konsolenportierung: Venetica erscheint zeitnah auch für die Xbox 360 – und das merkt man. Die Steuerung ist an sich nicht unbedingt schlecht, aber auch nicht immer hundertprozentig genau. Auch hier wieder: Gerade in hektischen Kämpfen wird’s hakelig.

Fehlerhaftes Fantasyreich

Ein anderes und weitaus gewichtigeres Problem ist allerdings die miserable technische Umsetzung des Ganzen. Installiert haben wir „Venetica“ auf zwei Testrechnern – einem relativ schwachen System mit Dual-Core-Prozessor und Mittelklasse-Grafikkarte und einem Hochleistungssystem mit QuadCore Extreme und ordentlich Grafikpower. Der Witz: Auf beiden Systemen ruckelt „Venetica“ stark, selbst das High-End-System hat noch in mittleren Auflösungen mit immensen Slow-Downs zu kämpfen.

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Nicht nur die Gegner, auch die Performance geht regelmäßig den Bach runter.
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Dabei steht die Performance jedoch in keinem Verhältnis zur gebotenen Grafikqualität. In vielerlei Hinsicht sieht „Venetica“ eher mäßig aus, in seltenen Fällen (Charaktergesichter, vereinzelte Texturen) sogar absolut unterirdisch. Störend ist vor allem das fehlende Mip Mapping – durch den nicht vorhandenen Filtereffekt flackert die gesamte Umgebung wild vor sich hin, selbst weit entfernte Objekte ärgern unsere verwöhnten Augen durch nervtötendes Rauschen.

Andere Elemente hingegen wie etwa viele Animationen, Scarletts Mimik oder die hübschen Überblendeffekte wirken wiederum äußerst edel, die Spielwelt ist in Punkto Design oftmals ein Augenschmaus. „Venetica“ erzeugt so ein extrem unstimmiges Erscheinungsbild, kann sich nie wirklich entscheiden: mal matschig, mal detailliert, selten wirklich zeitgemäß – gegen das in Kürze erscheinende „Risen“ sieht die Damen-Klopperei reichlich alt aus.

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Statt mit Polygonprotz besticht Venetica durch atmosphärisches Design.
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Eine weitere Rüge gibt es für die allgemeine Unfertigkeit, die sich durch viele Bereiche Veneticas zieht. Erst vergangenen Monat ließ mit „Divinity 2“ ein weiterer Titel aus dem Hause dtp schwere Fehler im Bereich Qualitätskontrolle erkennen. Hier sind es nun abermals Bugs, Glitches und kleinere Probleme, die das Gesamterlebnis schmälern. Etwa wenn der Rechner abstürzt, Gegner durch Mauern attackieren, Texturen flackern oder Zwischensequenzen mit der falschen Kameraperspektive ablaufen.

Deck 13 hat jedoch am Veröffentlichungstag einen Releasepatch nachgeschoben, der viele der im Test angesprochenen Probleme lösen soll. Viel gemerkt haben wir davon allerdings nicht: Noch immer vermiesen zahlreiche Performance-Probleme, Abstürze und Grafikbugs den Spielspaß - schade.