Shinji Mikami hat in seiner langen Karriere als Spielentwickler eine ganze Reihe von herausragenden Produktionen verantwortet. Beeinflusst wurde die Branche aber vor allem durch den Start zweier prägender Serien: Resident Evil (1996) und Devil May Cry (2001).

Nun wendet sich Mikami-san dem Shooter-Genre zu, zuletzt überflutet von übermäßigem Militarismus. Mit Vanquish schlägt das japanische Studio Platinum Games eine völlig gegensätzliche Richtung ein, stellt sich gegen diesen Trend und feuert ein dermaßen überkandideltes Actionfeuerwerk ab, dass uns Hören und Sehen vergeht...

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Glücklicherweise ist die hanebüchene Hintergrundhandlung des futuristischen 3rd-Person-Shooters kein Gradmesser für dessen qualitative Ausrichtung: Die Protagonisten und Antagonisten schwafeln über die knapp sieben Stunden Spielzeit einen Quark zusammen, dass es kaum auf drei Kuhhäute passt. Mikrowellen- und Solarenergiefelder, eine amerikanische Präsidentin mit einem Faible für russische Mutantenwissenschaftler, eine Weltraumkolonie im Erdorbit, ein übercooler Held namens Sam Gideon, der sich in den wahnwitzigsten Momenten eine Kippe ansteckt. Freunde werden zu Feinden, aber nachdem man sie niederstreckt, ist alles wieder in Butter. Völlig Banane, das Ganze, absolut verquerer Blödsinn.

Vanquish - Laut, grell, überdreht: ein neuer Mindfuck der Bayonetta-Macher

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Die an GoW erinnernde Deckungsfunktion gehört zu den wichtigsten Spielmechaniken des 3rd-Person-Shooters.
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Ach ja, und Roboter nicht zu vergessen. Fiese, bösartige, kleine und große metallene Droiden, die zeitweise an die stümperhaften Blechbüchsen aus Star Wars erinnern. Zwar irgendwie clever suchen sie Deckung, flüchten vor Beschuss und haben trotzdem etwas Tollpatschiges an sich. Überhaupt strotzt Vanquish nur so vor Anleihen aller Art. Das ganze kunterbunte Sci-Fi-Flair und die Waffen wecken stets Erinnerungen an Halo, wenn wir eine Brücke entlangpesen, die Stück für Stück unter uns wegbricht, oder uns in einer anderen Situation Trümmerteile entgegenfallen, denken wir etwa an das grandiose Uncharted 2. Und dann wäre da noch Gears of War im Aufgebot der allgegenwärtigen Reminiszenzen, dessen stilprägende Deckungsfunktion hier inklusive Symbolik abgekupfert wurde.

Auch in Vanquish gehört es zu den zentralen Spielmechaniken, sich dem anhaltenden Beschuss der KI-Dosen zu entziehen. Obwohl Sam einen speziellen Anzug trägt, der ihm übermenschliche Fähigkeiten verleiht, sind seine Nehmerqualitäten ziemlich beschränkt. Der paffende und gruselig synchronisierte Held hangelt sich von einem Schutz bietenden Objekt zum anderen, verarbeitet mit einer der drei tragbaren Knarren ein paar Feinde zu Altmetall, düst zur einer Deckung und beharkt dort weitere Kontrahenten. Das funktioniert tadellos, aber nicht so intuitiv wie beim Vorbild. Es fehlt die Möglichkeit, per Knopfdruck nicht nur die sichere Abschirmung zu verlassen, sondern automatisch zur nächsten zu wechseln.

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Vanquish fährt ein Projektilgewitter auf, das es in der Form wohl noch nicht gegeben hat.
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Doch glücklicherweise stehen Sam noch einige weitere Möglichkeiten seines Kampfanzugs zur Verfügung, mit denen er sich dem unglaublichen Geschosshagel - einem bisher wohl unerreichten Projektilgewitter - der Droidenübermacht entziehen oder auch entgegenstellen kann. Die „Augmented Reaction Suit“ (ARS) verfügt über zwei spezielle Modi, die euch das Überleben auf diesem tödlichen Schlachtfeld ermöglichen. Zum einen greift ihr regelmäßig auf den AR-Modus zurück, den ihr manuell auslöst und damit für einige Sekunden in eine Art Zeitlupe wechselt. Insbesondere bei den mächtigen, funkensprühenden Bossfeinden wird es dadurch erheblich einfacher, ihre Schwachstellen zu treffen und sie zu Fall zu bringen. Dieser Modus aktiviert sich übrigens auch automatisch, sobald ihr zu viele Kugeln einsteckt und gibt euch damit die Chance, rechtzeitig aus dem Schussfeld zu laufen.

Augmented Reaction Suit

Oder zu rasen, denn die zweite wichtige Spezialfunktion ist der Turbo, mit dem ihr euch für einige Momente in halsbrecherischem Tempo durch die Feuergefechte bewegt. Auf diese Weise entgehen wir nicht nur dem feindlichen Beschuss, wir erreichen auch sehr schnell taktisch vorteilhafte Positionen im Rücken der Gegner oder schnappen uns Waffennachschub und frische Munition. Nur wer den Einsatz dieser beider Fertigkeiten meistert, wird seine Feinde in Vanquish effektiv bekämpfen. Sie helfen euch jedoch nicht nur Sachen Gefechtsführung ungemein, die erkaufte Zeit ist oft auch bedeutsam, um überhaupt den Überblick in dem furios inszenierten Action-Tohubawohu zu behalten.

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Einige der Bossmonster haben es wirklich in sich, und dieser Typ hier gehört noch zu den kleineren Fieslingen!
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Ständig explodiert irgendwo irgendetwas, plötzlich tauchen riesige Kampfroboter oder Panzer auf, die euch tüchtig einheizen, auch fliegende Blecheimer nehmen euch wiederholt ins Visier. Doch die Mannen um Shinji Mikami beherrschen nicht nur krawalliges Krachbumm, gelegentlich treten sie ein wenig auf die Bremse, verleihen dem rasanten Ablauf mit ruhigeren Passagen und immer wieder eingestreuten Zwischensequenzen Dynamik. Die optische Präsentation gelingt überaus gut, der immerwährende Trashtalk überträgt sich von diesen bildhübschen Videoeinspielern in die Actionsequenzen und zurück.

Ein infernaler audiovisueller Shooter-Sturm, der vor allem mit phänomenaler Präsentation glänzt.Fazit lesen

Auch wenn Vanquish spielerisch über die gesamte Spieldauer kaum Abwechslung bietet, versucht man, neue Wege zu gehen. So beispielsweise bei einer Zugmission, die unweigerlich an das GoW-Finale erinnert. Wo der brutale Shooter jedoch eindimensional bleibt, fordern uns die Japaner mit der Ausnutzung aller Himmelsrichtungen - die Züge drehen sich umeinander, Feinde feuern von oben, unten, rechts und links auf uns. Gelegentlich lockern sogar kurze Quicktime-Events den Spielfluss auf, ohne sich zu sehr zu versteifen. Es sind überhaupt eher solche Kleinigkeiten, die herausstechen. Wie auch die Hilfe für verbündete Soldaten, die mit Munition belohnt wird, oder das Kapern feindlicher Gefährte, die uns das Feeling geben, eine Art AT-Walker zu kontrollieren. Cool!

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Der Turbomodus rettet uns ein um andere Mal den Hintern.
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Schade aber, dass Vanquish über die recht kurze Kampagne mit fünf Kapiteln hinaus kaum etwas bietet. Gut, wir können uns in den taktischen Herausforderungen beweisen und neue Highscores und Bestzeiten aufstellen. Das war‘s dann aber auch. Keine Koop- oder Mehrspielermodi, die uns Grund geben, öfter zu diesem furiosen Actionfeuerwerk zurückzukehren. Im hoffentlich folgenden zweiten Anlauf darf es also von allem ein bisschen mehr sein. Aber immerhin bekommen wir eine der lustigsten Endsequenzen der letzten Zeit geboten, das ist doch schon mal ein guter Anfang vom Ende, oder?