Was würde zu der Eiszeit vor unseren Fenstern und den nahenden Olympischen Spielen besser passen als ein Software-Pendant fürs Wohnzimmer? Wer das Risiko scheut, sich beim Schlitten fahren oder Eisrutschen in freier Wildbahn die Haxen zu brechen greift vermutlich lieber zu Vancouver 2010, das uns einen Vorgeschmack auf die vom 12. bis 28. Februar stattfindenden Titelkämpfe geben soll. Doch genauso wenig wie die Goldmedaillen bei Olympia aus purem Gold gefertigt sind, ist bei diesem Sportspiel alles Gold, was glänzt. Im Gegenteil!

Kein Biathlon?

Die Misere beginnt schon bei der Auswahl der Sportdisziplinen, beispielsweise fehlen Eishockey und Eiskunstlauf, Biathlon oder auch Curling komplett in der Liste. Das wäre vergleichbar damit, bei einer Fußball-WM auf Nationen wie Brasilien und Deutschland zu verzichten (so sie denn qualifiziert sind) oder bei der Formel 1 wichtige Rennställe wie Ferrari und Mercedes außer Acht zu lassen.

Vancouver 2010 - Exorzismus des olympischen Geistes

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Da hilft nur: Augen zu und durch!
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Vertreten sind dafür 14 Sportarten, bei denen es auch noch zu Dopplungen kommt. Neben dem obligatorischen Skispringen jagt ihr so bei Zweierbob, Skeleton oder Rennrodeln gleich mehrfach den Eiskanal runter oder rast beim Abfahrtslauf, Super G und Slalomwettbewerben Berghänge hinunter. Zwischendurch geht es immerhin noch beim Snowboarden und Freestyle-Skiing etwas turbulenter zur Sache. Wo bei den Wettkämpfen insgesamt wenig Abwechslung herrscht, wird dafür streng nach Geschlechtern getrennt. Ob ihr als Männlein oder Weiblein an den Start geht, schreibt euch Vancouver 2010 einfach per Dekret vor.

Überhaupt bietet die Sportsimulation erschreckend wenig emotionale Bindungsmöglichkeiten. So dürft ihr weder Spielfiguren anlegen noch ihnen eigene Namen verpassen, die Individualisierung wird mit der Auswahl der Startnation abgeschlossen. Allerdings besteht auch hier eine mehr als dürftige Auswahl von lediglich 20 Flaggen, dabei nehmen 91 Länder an den Olympischen Spielen teil. Ein Armutszeugnis!

Der Eindruck eines zusammengeschusterten Produkts setzt sich bei den Modi nahtlos fort. "Training" ist komplett überflüssig, da man auch im Menüpunkt "Olympische Spiele" alle Disziplinen vor dem Start ausgiebig ausprobieren darf.

Der nächste Schock

Doch hier wartet bereits der nächste Schock: Weder gibt es eine zusammenhängende Karriere oder Kampagne, die dem Ganzen einen würdigen olympischen Rahmen geben würde, noch irgendwelches Drumherum, das Stimmung aufbauen würde. Ihr klickt euch lediglich einige Disziplinen zusammen oder wählt alle 14 Sportarten aus und absolviert diesen Sportflickenteppich in ein oder zwei Durchgängen hintereinander weg.

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Nur beim Skispringen kommt so richtig Spaß auf.
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Schafft ihr es aufs Siegerpodest (was einem Wunder gleichkommt, doch dazu unten mehr) dürft ihr eure Spielfigur in einer kurzen Jubelpose bewundern und es geht weiter zum nächsten Wettkampf. Es gibt weder Kommentatoren noch andere Inhalte, die das Geschehen sinnvoll in einen gemeinsamen Kontext stellen - von olympischen Eindrücken ganz zu schweigen.

Zum olympischen Flair gehört es auch, sich einmal als Sieger zu fühlen, als strahlender Held, der sich allen Unbillen zum Trotz mit der Goldmedaille schmücken darf. Dieses Ziel zu erreichen gleicht in Vancouver 2010 tatsächlich einem Wunder. Die KI-Konkurrenten legen derartige Traumzeiten vor, dass ich selbst nach etlichen Versuchen oft noch um 20 Sekunden hinterherhinke. Solche Rückstände trennen uns bei Abfahrtsläufen um Welten von einem Triumph!

Eine einzige Enttäuschung: Der olympische Geist wurde hier leider exorziert.Fazit lesen

Siege gelingen, wenn die Kontrahenten mal einen schwachen Tag haben, gelegentlich beim Skispringen. Ansonsten landet unsere Spielfigur meist weit abgeschlagen auf dem vierten Platz und kann von Edelmetall nur träumen.

Unschlagbare KI-Sportler

Neben dem bockharten Schwierigkeitsgrad (der sich nicht anpassen lässt) sorgt bei vielen Disziplinen auch eine vermurkste Steuerung für Frust ohne Ende. Katastrophal zeigt sich das Handling beim Eisschnelllauf, wo theoretisch wenige Knopfdrücke für Speed sorgen sollen. Doch der Handlungsablauf ist viel zu hakelig geraten und bietet kaum Feedback, sodass wir meist wie tumbe Anfänger über das Eis stolpern und mehrfach überrundet werden.

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Wer will, kann hier auch auf Ego-Perspektive umschalten. Gewinnen wird man deshalb noch lange nicht.
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Ähnlich schlimm ist die Lage beim Trickski, also Ski Cross, wo wir mit den Analogsticks die vorgegebenen Kreisbewegungen nachempfinden sollen. Doch auch das gerät weniger zum Geschicklichkeits- denn zum Nerventest und frustriert zutiefst. In vielen Disziplinen weiß man gar nicht genau, was denn nun falsch oder schlecht gemacht wurde und weshalb der virtuelle Sportler einfach keine Fahrt aufnimmt oder warum der Bob nun wieder aus der Bahn geworfen wird… Zum Haare raufen!

Neben diesem Olympia-Desaster bietet Vancouver 2010 auch noch einen Herausforderungsmodus mit 30 Spezialherausforderungen, bei denen es meist darum geht, bestimmte akkumulierte Zeiten oder Geschwindigkeiten (beispielsweise bei Abfahrten) zu erreichen. Auch dieser Modus kann höchstens für einige Minuten bespaßen und soll wohl nur den dünnen Gesamtumfang künstlich aufplustern.

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Es geht abwärts - in die tieferen Wertungsregionen.
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Außer der Möglichkeit, drei weitere Mitspieler vor den Bildschirm zu zerren oder online gegen weitere Sportbegeisterte anzutreten und Highscorelisten anzuschauen, bietet dieses Machwerk keine weiteren Inhalte. Stellenweise gelungen ist lediglich die Optik, die gerade bei den schnellen Abfahrtsläufen mit einem schönen Verschwommen-Effekt den Geschwindigkeitsrausch nachbildet.

Das äußerlich befriedigende Setting wird akustisch mit glaubhaften Sounds wie Atemgeräuschen abrundet. Zum Glück lassen sich die lahmen Kuschelrock-Songs abschalten, die nun wirklich nicht zum rasanten Geschehen passen. Die Animationen der Sportler wirken darüber hinaus flüssig und in einigen Disziplinen dürft ihr sogar eine Ego-Sicht verwenden. Diese bietet zwar durchaus interessante Perspektiven, geht jedoch teilweise zulasten des Überblicks.