Zwar heulen wir alle gerne, dass es so Kultgames und Geheimtipps gibt, die nie eine echte Chance hatten und bei denen höchst ungewiss ist, ob wir sie denn jemals wiedersehen (hust Beyond Good & Evil hust hust). Aber dabei vergessen wir manchmal, dass es durchaus auch kommerzielle Underdogs gibt, die solche Chancen erhalten. Und wenn also eine PS4-Remastered-Version von Valkyria Chronicles erscheint, dann gibt es wahrscheinlich eine von zwei Reaktionen darauf: „Was'n das?“ oder „Aw HELL yeah!“

Für mich ist es die mittlerweile dritte Version, die ich mein eigen nenne, und obwohl ich mit der PC-Version auf Steam durchaus nicht unglücklich bin, ist mehr Valkyria Chronicles immer eine schöne Sache. Die Remastered-Version ändert spielerisch, in Sachen Bedienung oder sonst was zwar original gar nichts, insofern mach ich mich darauf gefasst, äußerst unterwältigt zu werden, aber dem Grundspiel gegenüber bin ich so wohlwollend eingestellt, dass echte Freude da ist.

Für diejenigen, die noch gar keine Berührung mit diesem charmanten Sega-Titel hatten: Valkyria Chronicles erzählt eine historische Geschichte, die im Wesentlichen eine sehr stark verfremdete Version des Zweiten Weltkriegs ist. Der Krieg fängt zwar schon 1935 an, alle Länder haben alberne neue Namen wie „Gallia“, die Europakarte sieht etwas anders aus und statt „European“ sagen die Figuren immer „Europan“, aber man weiß, worum es geht. Mit diesen Fiktionalisierung geht einher, dass ein anonymes Imperium aus dem Osten der Bösewicht ist, der nun im Westen unschuldige Nationen überfällt, um an eine Ressource namens „Ragnite“ zu gelangen – man kann es auch Traumzauberstaub nennen, wen schert's.

Valkyria Chronicles Remastered - Die Walküre segelt wieder

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Mehr Valkyria Chronicles ist immer eine feine Sache, selbst bei einer dezent überflüssigen Remastered-Version wie dieser hier.
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Der 22-jährige Welkin ist gerade in seinen kleinen Heimatort Bruhl im kriegsneutralen Gallia zurückgekehrt, als eben dieses Dörfchen Schauplatz eines Kriegsscharmützels wird. Zunächst wehrt sich der eigentlich friedliebende Welkin zusammen mit der Dorfmiliz noch recht tapfer, doch schon bald gerät er in Bedrängnis – bis er erfährt, dass sein verstorbener Vater, ein hochdekorierter Offizier, ihm ein Erbstück hinterlassen hat: einen hochleistungsfähigen Custom-Panzer mit dem unfassbaren Namen „Edelweiß“. Gemeinsam mit den anderen Galliern... Gallianern... jedenfalls, mit den anderen Milizionären, Soldaten und Widerstandskämpfern, macht sie Welkin daran, dem Imperium die Stirn zu bieten.

Die Geschichte ist natürlich pure Seifenoper und bei dieser ganzen Verwurstung von europäischen Kulturen kann einem schwindelig werden – Japan halt. Doch als Aufhänger für ein großes Abenteuer taugt sie sehr gut. Sie ist außerdem Grundlage für eine der coolsten rundenbasierten Action-Taktik-Erfahrungen, die man auf einer Konsole erleben kann. Wer VC schon mal gespielt hat, dem muss man nichts erklären – den anderen sei kurz umrissen, dass das Spiel eine Art Hybridansatz hat. Mit Befehlspunkten darf man Einheiten eine bestimmte Anzahl von Malen bewegen – auch dieselbe mehrmals, wenn es der Taktik dient. Mithilfe von Aktionspunkten manövriert man seine Soldaten oder Fahrzeuge, während dieser Bewegung können günstig platzierte Feinde tatsächlich per automatischem Beschuss Treffer und vielleicht sogar Kills landen – Deckung und taktisches Vorgehen ist also vonnöten, niemand wartet einfach darauf, bis Welkin und seine Kameraden auf Knutschdistanz rangerückt sind. Dann kann man, diesmal ohne Gegenwehr, schießen, eventuell den Rest der Bewegung aufbrauchen, das war's. Das macht man so oft, bis alle eigenen „Command Points“ verbraucht sind, dann ist der Feind dran.

Valkyria Chronicles Remastered - Battle TrailerEin weiteres Video

Es beginnt als ein simples System, das aber schon bald durch unterschiedliche Arten von Einheiten, durch Items und Fähigkeiten erstaunlich komplex wird, und schon alleine das zwangsweise bedachte Vorgehen gibt dem Geschehen viel Taktik, weil es die Möglichkeit zum Durchrambonieren nimmt. Von vielen Fans, mir eingeschlossen, als einziges Manko oder zumindest Ärgernis empfunden, ist das Zuglimit, das bei Nichteinhalten zum automatischen Game Over führt. Wenn ihr damit nie ein Problem hattet: Glückwunsch. Falls doch: Tut mir leid, auch die Remastered-Version ändert daran nichts.

Packshot zu Valkyria Chronicles RemasteredValkyria Chronicles RemasteredErschienen für PS4 kaufen: Jetzt kaufen:

Ich hatte es anfangs erwähnt: Inhaltlich hat sich nüscht getan (außer man hatte damals die DLCs nicht, die sind jetzt dabei, aber dafür erwartet bitte keiner Applaus.) Nicht einmal eine simple Komfortfunktion wie Autosave oder Checkpoints vor den Kämpfen hat man dem Spieler gegönnt, stattdessen prangt immer noch die alte Warnung im Spiel, nach der man möglichst oft speichern möge, denn man weiß ja nie. Ich versteh ja, dass man nicht gerade ein komplettes Add-on an neuen Inhalten an ein so betagtes Spiel ranklatschen kann (obwohl, ein paar Beispiele in letzter Zeit haben gezeigt, dass es geht). Aber ein bisschen behutsame Modernisierung? Nicht mal das? Oder eine Einbindung der PS4-Funktionen, mit Menüverwaltung per Touchpad oder so?

Es ist eben eine Remastered der anderen Art – eine, die das Spiel zeitgemäß machen und aufhübschen soll. Auch damit gibt es allerdings ein Problem: Valkyria Chronicles hat seine Remastered so wenig nötig wie kaum ein anderes aufgefrischtes Spiel dieser Tage. Sein hübscher Anime-Stil und die bewusst krisselige Schraffur-Grafik, die an Welkins Skizzenbuch angelehnt sein soll, hat seit der PS3-Zeit nichts von ihrem Charme eingebüßt, und die PS4 fügt dem Spiel an Reizen durch die bessere Technik wortwörtlich nichts hinzu. Und ich bin bereit, mein üppiges Monatsgehalt von zwei Döner fuffzig darauf zu verwetten, dass noch nie jemand gesagt hat „Valkyria Chronicles wär schon echt geil, wenn nur die Auflösung höher wär und es bei 60 FPS laufen würde...“

Valkyria Chronicles Remastered - Die Walküre segelt wieder

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Mit 20 Tacken ist die PS4-Neuauflage für ein Remaster übrigens vergleichsweise günstig. Die im Grunde identische Steam-Version ist zum selben Tarif zu haben.
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Und selbst wenn das jemand hätte: Eine PC-Möhre, die die Steam-Version von VC zum Laufen bringt, hat nun auch wirklich noch fast jeder zuhause zu stehen, und die beinhaltet eben alles, was man jetzt auch noch mal kriegt: 1080p, 60 FPS, DLCs, genauso wenig Komfort. Und sie hat sogar noch einen Vorteil, denn ein tatsächliches Ärgernis mit dieser zwar nahezu überflüssigen, aber eigentlich anstandslosen PS4-Version gibt es dann auch noch: Hat man das Spiel heruntergeladen und spielt bis zu einem gewissen Punkt, wird man plötzlich unterbrochen mit der Meldung, es müssten nun die folgenden Kapitel runtergeladen werden – zack, schon hat man einen zusätzlich Download über weitere 30 GB am Hacken, der so nirgends angekündigt war und dafür sorgt, dass man sich bis dahin tatenlos in der Nase bohren kann. Gerade dank der berühmten Schnelligkeit und Stabilität des PSNs ein Hochgenuss, den man so seit Metal Gear Solid 4 nicht mehr erleben durfte – und damals war es „nur“die Installation von der Disk, heutzutage ist es ein Download, der offenbar weder im Hintergrund passieren noch vorzeitig vom Spieler aktiviert werden durfte, weil wozu auch? Horcht mal: Wenn ich drei Stunden ein Spiel runterladen muss, um es dann hinterher am Stück genießen zu können, dann mach ich das zähneknischend. Aber mir einfach eine Demo-Mogelpackung mit einer Download-Unterbrechung anzudrehen, finde ich etwas arg frustrierend. Falls das nur unsere Download-Testversion betreffen sollte, haben wir natürlich nichts gesagt. Da wir die handelsüblichen Muster bislang allerdings nicht in die Griffel bekommen konnten, wollten wir es zumindest erwähnt haben.

Das geniale Taktik-Spiel ist immer noch über jeden Zweifel erhaben – diese Version ist aber im Grunde unnötig für nahezu alle, die es bereits haben.Fazit lesen

Ansonsten lässt sich gegen die PS4-Remastered nichts sagen, und für sie[/] nicht übermäßig viel. Doch das eine dann eben doch: Valkyria Chronicles ist ein verdammt tolles Spiel, das jede (noch so kleine) Aufmotzung verdient, und dem jede verkaufte Version gegönnt sei. Dem Spiel wird ja nicht Unrecht getan mit der PS4-Version – erwartet einfach keine Wunder. Doch am Ende des Tages bedeutet es mehr Valkyria Chronicles. Und mir, wenn ich ganz ehrlich bin, reicht das schon.