„Ich vermisse dich sehr, meine liebe Frau, und gerne würde ich nun bei dir sein, statt hier täglich Männer zu töten und im Schlamm zu liegen. Ich wünsche mich zu dir – bitte vergiss mich nicht.“ Dieser ist nur ein Brief aus der unüberschaubaren Menge an Nachrichten, die Soldaten während des ersten Weltkriegs in den Schützengräben ihren Frauen schrieben. Eines Nachmittags, rund 100 Jahre später, legt ein Mitarbeiter von Ubisoft seinen Kollegen in Montpellier dutzende dieser Briefe auf den Tisch und ruft ihnen zu: „Dazu machen wir ein Spiel. “Valiant Hearts: The Great War war geboren – und wir durften nun endlich einen Blick darauf werfen.

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Crashkurs 'Weltkrieg': Der Erste Weltkrieg tauchte von 1914 bis 1918 insgesamt 40 Staaten in den größten bewaffneten Konflikt, den die Menschheit bis dahin je gesehen hatte. Rund 70 Millionen Menschen standen weltweit unter Waffen, fast die Hälfte von ihnen fanden ihren Tod. Dieses düstere Kapitel der Geschichte brachte Giftgas-Angriffe und zermürbende Gräbenkämpfe auf die modernen Schlachtfelder und zerstörte das Leben etlicher Familien. Nach Kriegsende stand die Welt vor einem globalen Trümmerhaufen.

Valiant Hearts: The Great War - "Bitte tötet den Hund nicht!" - Ein Weltkriegsdrama mit viel Charme und Witz

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Briefe wie dieser bildeten eine wichtige Inspirationsquelle für das Entwicklerteam.
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Auf meinem Flug ins verregnete Düsseldorf, wo ich einen ersten, ausführlicheren Blick auf die Vorabversion von „Valiant Hearts: The Great War“ werfen durfte, beschäftigten mich daher einige Fragen: Wie gut wird die Kombination des Comiclooks mit einem so schwierigen, ernsten Thema wie dem Ersten Weltkrieg funktionieren? Wird es Ubisoft gelingen, die Atmosphäre des Krieges zu vermitteln, ohne jüngere Spieler zu traumatisieren oder artet das Spiel womöglich zur langweilig belehrenden Geschichtsstunde aus?

Als mir einer der Entwickler vor Ort nach rund zwei Stunden den Controller grinsend wieder aus der Hand nahm, entglitt mir ein halblautes „Oh, wirklich, schon vorbei?“ während ich eine angenehme Gänsehaut auf den Armen spürte. Die Zeit ging schnell, viel zu schnell vorbei – aber immerhin konnte ich mir ausführliche Antworten auf meine Fragen notieren: Bühne frei für Emile, Freddie, Ana, George und den treuen Hund.

Fünf Freunde und ihre Abenteuer im Schützengraben

Eine Farm irgendwo in Frankreich: Am Vorabend des Ersten Weltkriegs ruft die französische Regierung die Generalmobilmachung aus. Während alle in Frankreich lebenden Deutschen in das Nachbarland zurückkehren müssen, versammeln sich französische Männer jeden Alters in den örtlichen Kasernen, um die Front gegen die nahenden deutschen Truppen halten zu können. Hier beginnt „Valiant Hearts: The Great War“ und setzt eine weitreichende Ereigniskette in Kraft.

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Die handgezeichneten Hintergründe und Levelabschnitte begeistern immer wieder mit ihrem Detailreichtum.
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Karl ist einer der Deutschen, die nach Kriegsbeginn ins Deutsche Reich zurückkehren müssen. Er wird gezwungen, Frau und Kind verlassen, während sein Stiefvater Emile trotz fortgeschrittenen Alters den französischen Streitkräften beitritt und sich auf den europäischen Schlachtfeldern auf die Suche nach seinem deutschen Schwiegersohn macht. Hier übernehmen wir erstmals die Steuerung und bekommen einen Vorgeschmack auf die gelungene Balance, die Valiant Hearts zumindest in den ersten beiden von mir gespielten Stunden halten kann: Der Drahtseilakt zwischen einer gewissen Schwere und Tragik, die den Ereignissen und Schicksalen der Spielcharaktere angemessen Tribut zollt und humoristischer Leichtigkeit, die zum Schmunzeln einladen.

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Der Grafikstil funktioniert überraschend gut.
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Beispiel gefällig? Während Karl unter Begleitung klassischer, in Melancholie getränkter Klaviermusik von seiner Familie getrennt und der Schwiegervater Emile den Ruf zu den Waffen erhält, werden wir in der örtlichen Kaserne von übertrieben gestikulierenden Offizieren und treibender Orchestermusik im französischen Stil begrüßt. Fast schon beschwingt dürfen wir die unkomplizierte Steuerung an Übungspuppen ausprobieren und die französische Flagge hissen, um dann schließlich mit den neuen Kameraden in den Krieg zu ziehen.

„Uns war es wichtig, die damalige Stimmung der Menschen widerzuspiegeln: Während die Soldaten in den ersten Kriegstagen noch euphorisch und begeistert waren, stellte sich bald die Ernüchterung ein, als sie mit den Schrecken an der Front konfrontiert wurden. Diese Entwicklung wollten wir einfangen“, verrät mir der Entwickler. Dieses Vorhaben glückt Valiant Hearts wiederholt und während wir in den ersten Kapiteln noch durch deutlich buntere und farbenfrohere Landschaften durchstreifen, müssen wir bald schon durch graue Häuserruinen oder schlammige Schützengräben schleichen.

Klassisches Point'n'Click – Deluxe Edition

Die vielen Gedanken, die die Entwickler in die Präsentation mit all ihren Details gesteckt haben, ruhen auf den typischen Mechaniken eines klassischen Point'n'Click: Auf zweidimensionalen Ebenen löst ihr Rätsel, deren Hinweise teilweise über verschiedene Bildschirme hinweg versteckt sind. Ein gutes Point'n'Click-Adventure bietet dabei kreative Rätsel, deren Lösung nicht zu leicht, aber auch nicht zu schwer sein sollte. Auch diesen Spagat schafft Valiant Hearts gut.

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Gesunde Mischung: Klassische Schalterrätsel wechseln sich mit kreativeren Denkaufgaben ab.
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Die Game Designer aus Kanada haben sich hierbei sichtlich Mühe gegeben, eure Hirnmasse auf unterschiedliche Art und Weise herauszufordern: Schalterrätsel wechseln sich mit Kombinationsaufgaben ab und manchmal lassen sich Rätsel nur mit genauem Absuchen des (hochgradig detailverliebten) Bildschirms lösen. Wer gar nicht weiterkommt, kann nach Abwarten eines Countdowns das Hinweissystem nutzen, das euch ziemlich schnell und unkompliziert auf die Sprünge hilft. Schön: Durch den Countdown, den das Spiel vorgibt ehe ihr einen Tipp erhalten könnt, werdet ihr ganz subtil nochmals dazu gezwungen, euch mit dem Problem auseinanderzusetzen – und vielleicht doch noch auf die Lösung des Rätsels zu kommen.

Eine bisher einmalige Geschichte des Ersten Weltkriegs und seiner Helden.Ausblick lesen

„Unser Spiel erzählt die Geschichte von ganz normalen Leuten, die unfreiwillig zu Helden wurden. Das Team las eine Menge Briefe aus dem Ersten Weltkrieg und begriffen bald, dass die Soldaten an der Front ganz normale Menschen wie du und ich waren, die zum Kämpfen gezwungen wurden.“ Diese Erkenntnis, von der mir die Entwickler mit einer dicken Gänsehaut auf den Armen berichteten, führte zu dem Entschluss des gesamten Teams, das Spiel zum einen fest in den korrekten historischen Geschehnissen zu verankern und zum anderen die Schicksale einzelner Soldaten und ihr Leben an der Front näher zu beleuchten.

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Jeder der Hauptcharaktere wartet mit einem grundsätzlich unterschiedlichem Gameplay auf euch.
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Dies gelingt Valiant Hearts auf zweierlei Weise: Zum einen erhaltet ihr in regelmäßigen Abständen frische, kurze und knackig formulierte Infotexte, die begleitend zur Story des Spiels bestimmte Aspekte des Krieges erläutern. Während wir beispielsweise im Hauptmenü noch von den ersten Giftgas-Angriffen der Deutschen lesen, müssen wir wenige Momente später einen Weg durch den gefährlichen grünen Nebel finden. Diese Art des Lernens macht nicht nur Spaß, sondern gestaltet das Spielerlebnis noch tiefsinniger und packender, als der Comiclook je erreichen könnte.

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Mit fortschreitender Geschichte wandeln sich auch die ehemals bunten Bilder in ein ungastliches Grau.
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Als zweites Hilfsmittelchen nutzt Ubisoft Montpellier die sogenannten Collectibles, also sammelbare Gegenstände, die im Level teilweise gut versteckt herumliegen. Das Finden dieser oft kleinen Objekte hat zwar nie direkten Einfluss auf den Verlauf der Geschichte (was die Suche dieser Nadeln im Weltkriegsheuhaufen glücklicherweise optional macht), aber füttert das Spiel weiter mit historischem – und emotionalem – Stoff. An einer Stelle schlug ich beispielsweise einen deutschen Soldaten bewusstlos, um kurz darauf „seinen“ Brief zu finden: Eine Nachricht eines deutschen Schützen an seine Frau, die er in der Heimat sehr vermisst. Von einem Moment auf den anderen gelang es damit dem Spiel, mir ein schlechtes Gewissen einzupflanzen und mich zur Reflexion meiner Spielweise zu zwingen.

Gleichzeitig spielt das Weltkriegsdrama mit Klischees: Deutsche Soldaten trinken fleißig Bier und essen Wurst, während die französische Seite von Wein und Käse dominiert wird und sich irgendwo dazwischen auch indische Soldaten mit unverkennbarem Akzent noch mit aufs Bild drängen. Den Entwicklern war es hierbei offensichtlich wichtig, keine klassische gute und böse Seite zu propagieren – jeder bekommt gleichermaßen die Klischeekeule um die Ohren gepfeffert und so entsteht ein rundes, buntes Bild, das immer wieder zu einem Grinsen einlädt.