Verlust, Enttäuschung und Hoffnung: Keine anderen Worte umschreiben wohl besser das Gefühlschaos, dem der Spieler in Valiant Hearts: The Great War immer und immer wieder ausgesetzt wird. Während des handgezeichneten Ausflugs in die Wirren des Ersten Weltkrieges, dessen überraschende Wendungen und Ereignisse zum emotionalen Spiegelbild des Konfliktes werden, erlebe ich als Spieler auf der anderen Seite des Bildschirms ganz ähnliche Dinge: Verlust, Enttäuschung und Hoffnung, dass das Spiel bis zum Finale wieder zu sich selbst finden kann.

Ich muss jetzt ganz stark sein. Auf den letzten Metern des großen Finales, das deutlich später als erwartet eine Geschichte mit vielen Irrungen und Wendungen krönt, kehrt alles wieder zum Anfang zurück. Während der letzten halben Stunde flucht und schimpfte ich angesichts des steigenden Schwierigkeitsgrades immer häufiger und lauter, war frustriert, schmiss einen Controller, biss in beide Handrücken.

Schon sah ich die Zeilen meines Tests vor meinem geistigen Auge erscheinen: „Verpasste Chancen“, „sich selbst nicht treu geblieben“, „enttäuschend“ stand dort. Dann aber umarmte mich das große, stille Finale und krönte alle meine Vorstellungen, die ich von der ersten Minute an entwarf. Metertief zerfurchte Gänsehaut meinen Körper und ich begleitete die Geschichte von Valiant Heart: The Great War auf seinem letzten Gang. Doch wenn ein Finale dermaßen hell scheint, so wirft es gleichermaßen auch tiefste Schatten auf den großen Rest des Spiels.

Valiant Hearts: The Great War - Vier tapfere Herzen gegen den Weltkrieg

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Valiant Hearts ist mehr als nur eine spielbare Geschichtsstunde.
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Vier Freunde ziehen in den Krieg
Valiant Hearts: The Great War erzählt von vier Menschen, die das Schicksal zusammenführt, wieder trennt und schließlich auf ein großes Finale zubewegt. Der Name des Spiels zitiert das englische Gedicht 'Oh Valiant Hearts' („Oh, tapfere Herzen), das in den 1920er Jahren entstand und in allen Klassenzimmern, Kindergärtern, Universitäten, Fabriken und Büros, egal ob in England, Frankreich oder Amerika, am selben Tag zur selben Uhrzeit gesungen wurde, um den Opfern des Ersten Weltkrieges zu gedenken.

Um 'tapfere Herzen' geht es dort, die angesichts des Krieges größten Mut beweisen und unabhängig ihrer Aufgabe oder Herkunft das beste tun, um das Leben ihrer Mitmenschen zu schützen und zu retten. Valiant Hearts: The Great War könnte daher mit bestem Gewissen als „das offizielle Spiel zum Gedicht“ bezeichnet werden: Die vier verschiedenen Protagonisten und ihre Angehörigen repräsentieren die verschiedenen Bevölkerungsgruppen, die unter dem Kriegsjoch litten: Familienväter, Söhne, Krankenschwestern und Fremdenlegionäre. Auch ein Hund ist mit von der Partie, der allerdings im Laufe der Geschichte zum Träger von Spielmechaniken verkommt und es nicht vermag, eine eigene Dramatik um sich herum aufzubauen.

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Das Entwicklerteam von Ubisoft Montreal hatte die historische Vorlage des Krieges von Anfang bis Ende spürbar immer dicht vor Augen: Auf dem Weg durch die handgezeichneten Levelareale, die man meist auf einer Ebene von links nach rechts abläuft und deren Eindimensionalität manchmal durch einen Sprung in den Hinter- und Vordergrund aufgehoben wird, findet ihr immer wieder sammelbare Objekte: Jeder dieser Gegenstände ist mit einem kurzen Informationsfetzen verbunden, der euch in knackig und kurzweilig formulierten Textkästen über die Erfindung der ersten Gasmasken oder die Wirkung von Giftgas auf die Lunge informiert.

Packshot zu Valiant Hearts: The Great WarValiant Hearts: The Great WarErschienen für PC, PS3, PS4, Xbox 360, Xbox One und iOS (iPad / iPhone / iPod) kaufen: Jetzt kaufen:

Diese Lesepausen stören den Spielfluss in keinster Weise, da ihr sie einlegen könnt, wann immer euch danach ist. Ich selber genoss diese verstreuten Informationsleckerli sehr, während die beruhigend-melancholische Musik im Hauptmenü nicht den Faden zur dramatischen Geschichte des Spiels abreißen ließ.

Unmögliche Grenzüberschreitung

Statt euch zuviel von der Geschiche zu verraten, berichte ich lieber von Dingen, bei denen es nicht wehtut, bereits vorher Bescheid zu wissen: Wie spielt sich denn nun Valiant Hearts? Haben wir hier eine nachspielbare Geschichtsstunde vor uns? Ein Zeichentrickfilm? Oder nur viel Lärm um Nichts?

Valiant Hearts ist ein Adventure im ursprünglichsten Sinne: Mit wechselnden Protagonisten erlebt ihr eine übergreifende Geschichte, deren einzelne Kapitel und Level von Rätseln durchsetzt sind. Im Grunde handelt es sich hierbei immer um die gleiche Mechanik: Finde alle Objekte im Level und kombiniere sie am richtigen Ort auf die richtige Weise.

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Die Rätsel sind abwechslungsreich und sinnvoll in den Hintergrund der aktuellen Umgebung eingebunden.
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Doch dieser simple spieltechnische Unterbau wird immer wieder durch neue kreative Kniffe ausgeschmückt und erweitert: Mal müsst ihr giftiges Gas durch Rohre lenken, an anderer Stelle das Zusammenspiel einer Musikkapelle richtig dirigieren. Die Grundmechaniken bleiben gleich, aber die Einfälle des Entwicklerteams bleiben abwechslungsreich und wiederholen sich erst im letzten viertel des Spiels vermehrt. Doch wenn ihr erst einmal so weit gekommen seid, werden euch auch nicht mehr bereits bekannte Rätsel und Laufwege abschrecken, das Ende der Geschichte von Valiant Hearts zu erfahren.

Trotz der Emotionen, die das Spiel weckt und mit denen sich jeder Mensch gut identifizieren kann, bleibt die Erzählung nicht ganz ohne Schwächen. Ironischerweise trägt an diesem vereinzelten Scheitern der Storyline die mechanischen Grenzen und Regeln des Videospiels an sich die größte Schuld.

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Jeder der Charaktere bietet ein unterschiedliches Spektrum an Gameplay-Elementen.
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Ein Beispiel: Das Spiel möchte mir die Schrecken des Krieges vor Augen halten, indem Soldaten um mich herum zu tausenden Sterben und auch mein Spielcharakter immer wieder lebensbedrohlicher Gefahr ausgesetzt wird. Maschinengewehrfeuer trommelt nur wenige Meter neben mir in den Boden, Artilleriefeuer schlägt über mir ein, triff mich und – Checkpoint, Ladebildschirm, noch einmal versuchen.

Ein Spielerlebnis, das ihr trotz seiner wenigen Frustmomente nicht verpassen solltet.Fazit lesen

Der wohl unweigerliche Bildschirmtod, der nicht vom Spiel als endgültiges Ende des Charakters geplant ist und zum Neustart führt, ist der wohl größte Feind des Spielspaßes an Valiant Hearts. Mit jedem Ableben, das der manchmal etwas unpräzisen Steuerung oder meiner zu langsamen Reaktion zu Schulden gelastet wird, verliert das Spiel ein wenig von dem, was es am bestimmtesten aufbauen möchte: Glaubwürdigkeit und Realismus. Und so verliere ich Tod um Tod ein wenig mehr die emotionale Verbindung zu den vier traurigen Helden, die nur ein gelungenes Finale vor dem frustrierten Tadel des Spielers retten kann.

Auch schadet dem Spiel die selbstauferlegte Steigerung der Anspannung. Die Geschichte von Verlust, Rache und Hoffnung wird im letzten Drittel merklich zugespitzt und nach einem leisen, unmittelbaren Anfang biegt der Spieler nach etwa 12 Stunden am Steuer eines britischen Panzers auf die Zielgeraden ein. Ein bisschen weniger „ALLIIERTE, FUCK YEAH!“ und ein wenig mehr Zwischenmenschliches hätte dem Spiel in dieser Hinsicht sehr gut getan.

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Sterben müssen wir alle - wann aber, das entscheidet in diesem Fall das Spiel.
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Verlust, Enttäuschung und Hoffnung: Keine anderen Worte umschreiben wohl besser das Gefühlschaos, welches das Spielerlebnis in mir ausgelöst hat. Bis zuletzt hoffte ich, das die vier Haupthelden nicht nur zu ihrem persönlichen Ziel, sondern auch das Spiel wieder zu sich selbst und seinen Stärken finden würde. Das Finale schließlich erlöste mich von dieser Angst und macht Valiant Hearts zu einem Erlebnis, das man wenn möglich nicht verpassen sollte.