Die Disney-Meisterwerke hatten stets ihre Hochs und Tiefs, mussten sich an ihrer eigenen Größe messen lassen und standen ständig unter dem Druck, dass Unmögliche möglich zu machen. Das gelang den Produzenten mal besser und mal schlechter, aber der Ruf des Unternehmens geriet trotzdem nie ernsthaft ins Wanken. Filme, die in der heutigen Zeit Wellen aus Jubelrufen auslösen, sind aber einfach auszumachen: sie orientieren sich am Charme der Klassiker und erfinden sich gleichzeitig stets neu. Im Fall von „Vaiana“ kommt noch eine Prise Selbstironie dazu …

Die Fassade des Films erscheint in den ersten Momenten nur allzu vertraut. Die Tochter eines Anführers will ihrem Herzen folgen. Der Vater appelliert an ihre Pflichten. Die Mutter möchte zwischen den beiden schlichten und die verrückte Großmama pflichtet der Enkelin breit grinsend bei. Das süße Hausschwein nicht vergessen und natürlich das dumm-dämliche Huhn. Jetzt noch eine schicke Geschichte von Halbgöttern und Dämonen dazu und schon haben wir ein Abenteuer der Marke Disney.

Auf zu neuen Ufern

Und genau das bekommt ihr auch. Ein modernes Märchen, das sich eine neue Welt zum Erzählen gesucht hat, aber im Herzen den gleichen Gedanken wie eh und je trägt. Kehrtwendung. Denn hier setzt Disney auch neu an und verstrickt das Altbekannte mit neuen Ansätzen und Ideen. Aus einem typischen Märchen wird eine klassische Heldenreise, im Stil des Odysseus. Der Humor verlagert sich in Richtung Situationskomik und die weltbekannte Traumschmiede nimmt sich milde lächelnd immer wieder selbst aufs Korn.

Vaiana - Das Ruder rumgerissen

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Das Duo ist äußerst sympathisch und hat eine gute Chemie – ganz so, wie es sein sollte.
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Diese erfrischende Art macht die Reise mit Vaiana (im Original gesprochen von Auli'i Cravalho) zu einer aufregenden Zeit des Staunens. Nicht nur über die schöne – manchmal schon fast schmalzige – Geschichte, sondern auch über die heitere Art und Weise, mit der der rote Faden verfolgt wird. „Vaiana“ ist ein fröhlicher Film, der vor allem zwei Dinge im Sinn hat: gute Unterhaltung bieten und glückliche Gesichter, die den Kinosaal nach 107 Minuten verlassen.

Beides ist definitiv gelungen. Hat der Streifen auch den einen oder anderen Makel in Form von fiesen Logiklöchern im Verhalten der Figuren und einer zeitweise zu dick aufgetragenen Masse aus Zucker und anderen Klebrigkeiten, so erschuf man hier doch gleichzeitig eine willkommene Abwechslung zum grauen und eintönigen Tagesablauf. Gerade in dieser kalten Jahreszeit dürfte „Vaiana“ auf viel Gegenliebe stoßen, wärmt das paradiesische Ambiente doch das Herz.

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Wein, Weib und Gesang

Disney ist noch für eine weitere Sache bekannt: sich in das Gehirn fressende Musikstücke, die meist brillant vorgetragen werden. Und zwar in jeder Sprachversion. Auch hier wurde etwas verrückt und in neue Richtungen gedacht. Eine leichte Verschiebung des Fokus: Weg von glasklaren Stimmen und hin zu mehr Gefühl, echten Emotionen. Die Stimme darf ruhig mal brüchig werden, wenn das Thema traurig stimmt. Und sie darf auch schallend entgleisen, wenn die Freude größer ist als alles andere.

Vaiana - Das Ruder rumgerissen

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Jupp, ein ordentlicher Schuss "Aaaaww!" ist auch dabei.
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Trotzdem sind die Songs eingängig, teilweise wirklich schön und dann wieder höchst spaßig. Besonders positiv sticht hier Dwayne Johnson hervor, dem ich nicht zugetraut hätte, solch eine tolle Nummer hinzulegen. Da er nicht der geborene Sänger ist, wurde für ihn ein Titel entworfen, der seiner Stimme und seinen gesanglichen Fähigkeiten schmeichelt. Clever und aufs äußerste unterhaltsam. Der deutsche Sprecher von Maui, Andreas Bourani („Hotel Transsilvanien 2“, „Baymax – Riesiges Robowabohu“), hat leider nicht ganz so viel Kraft in den Lungen, macht aber durchgehend einen erstklassigen Job – so wie alle Synchronsprecher hier.

Abstriche in der B-Note

Gibt es nicht wirklich. Wenig Filme sind stärker Geschmackssache als die aus dem Hause Disney. Wer sich den oberen Text durchgelesen hat und sich mehr denn je auf das cineastische Abenteuerland freut, sollte wissen, was er zum Kinostart zu tun hat. Und wer schon beim Namen des Konzerns das kalte Schwitzen bekommen, sollte sich ernsthaft fragen, warum ihn dieser Artikel überhaupt zum Klicken angeregt hat. Wo Disney drauf steht, ist fast immer auch Disney drin. Vor allem, wenn es um die Meisterwerke geht. In „Vaiana“ mag sich zwar einiges vom 08/15-Schema entfernen, aber im Kern gibt es, was es immer gab: schöne Kindheitserinnerungen der Zukunft.