Die Piratenpartei schaffte bei der Europawahl 0,9 Prozent der Stimmen und tritt nun auch für die Bundestagswahl an. Sie fordert eine überfällige Reformierung des Urheberrechts, freien Zugang zu Informationen für alle und Einhalt der zunehmenden Zensur in Deutschland (Stichwort: "Killerspiele"). Wir sprachen mit dem stellvertretenden Vorsitzenden Andreas Popp.

gamona: Herr Popp, Piraten sind Gesetzlose. Ihre Partei auch?

Andreas Popp: Nein, im Gegenteil. Wir sind Politiker - wir wollen das Gesetz nicht brechen, wir wollen es ändern. Piraten stehen für Freiheit. Wir stehen für freie Privatkopien ein.

gamona: Was genau wollen Sie ändern?

Piratenpartei - "Ein Erwachsener muss das Recht haben zu spielen, was er möchte"

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/13Bild 16/281/28
Andreas Popp, 25, ist diplomierter Wirtschaftsmathematiker.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Andreas Popp: Die Piratenpartei verfolgt zwei Ziele. Erstens: gläserner Staat statt gläserner Bürger. Wir wollen Überwachungsmaßnahmen wieder zurückdrängen. Auch kämpfen wir gegen die Vorratsdatenspeicherung, gegen Online-Durchsuchungen und gegen den biometrischen Reisepass. Wir wollen stattdessen mehr staatliche Transparenz, etwa dass Behörden Auskünfte an Bürger geben und Abgeordnete ihre Nebentätigkeiten offen legen müssen. Wir wollen wieder hin zu einem Rechtsstaat, in dem Bürger, die sich nichts zu schulden kommen lassen, nicht unter Dauerbewachung stehen.

Zweitens: Wissen befreien. Der Weg in die Informationsgesellschaft soll geebnet werden, durch frei zugängliche Inhalte. Das Urheberrecht muss dringend reformiert werden, das Patentrecht ebenso. Generell müssen Open-Source-Software und ähnliches mehr gefördert werden.

gamona: Bleiben wir beim Urheberrecht - dem Parteiprogramm nach etwa ist Digital Rights Management (DRM) ungesetzlich. Was sind die Kernpunkte der angestrebten Reform?

Piratenpartei - "Ein Erwachsener muss das Recht haben zu spielen, was er möchte"

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/13Bild 16/281/28
Die Piratenpartei unterstützte kürzlich auch die Demonstration "Wir sind Gamer".
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Andreas Popp: Ungesetzlich ist DRM noch nicht, soll es aber werden. Allgemein müssen die Interessen des Verbrauchers im Immaterialgüterbereich mehr berücksichtigt werden. Die Rechte der Bürger bleiben außen vor, weil das Urheberrecht nur auf Zuruf der Rechteverwerter gestaltet wird. Bei Software etwa stimmt man einem ewig langen Lizenzvertrag zu, der besagt, dass das Programm gar nicht gekauft wurde - sondern nur die Gnade, es verwenden zu dürfen. Der Verbraucher muss geschützt werden. Er soll Software verwenden dürfen, wie er es für richtig hält, ohne Gängelung durch einen Kopierschutz oder DRM.

„Geistiges Eigentum ist ein reiner Kampfbegriff“

gamona: Ist "geistiges Eigentum" damit überholt?

Andreas Popp: Es war schon immer überholt. Die Formulierung ist ein reiner Kampfbegriff, den Rechteverwerter geprägt haben. Menschen sollen glauben, dass jemand Ideen oder Informationen tatsächlich Eigentum sein können. So etwas hat aber nie existiert. Eigentum ist ein Prinzip für knappe Güter, - frei nach dem Motto "Du sollst nicht stehlen" - aber Informationen und Ideen sind frei, man kann sie nicht besitzen.

gamona: Angenommen, Ihre angestrebte Urheberrechtsreform wird tatsächlich umgesetzt. Welche Auswirkungen wird es auf die Gesellschaft haben?

Piratenpartei - "Ein Erwachsener muss das Recht haben zu spielen, was er möchte"

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/13Bild 16/281/28
Musiker verdienen an Konzerten, nicht indem sie Tonträger eintüten.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Andreas Popp: Die meisten Leute denken: Eine Änderung des Urheberrechts wäre das Ende der Kreativität. Die derzeitige Situation zeigt jedoch das genaue Gegenteil. Filesharing ist sehr weit verbreitet - trotzdem gibt es immer noch viele Leute, die Musik machen. Die Branche macht immer mehr Gewinne. Allerdings nicht mehr die Tonträgerhersteller, sondern die Konzertveranstalter. Der Gedanke, dass niemand mehr Geld für Musik ausgibt, weil keine Tonträger mehr gekauft werden, ist ein Trugschluss.

Die Hersteller der Tonträger kämpfen ums Überleben, denn ihre Leistung - Musik vervielfältigen und verbreiten - ist heute überflüssig. Dass sie zugrunde gehen werden, liegt in der Natur der Sache. Dafür bieten sich neue Wege. Neben dem Konzertgeschäft läuft etwa das Kino sehr gut. Die Zahlen der europäischen Branche sind so gut wie nie zuvor. Die soziale Komponente zählt. Auch Kneipen haben Gäste, obwohl das Bier im Supermarkt nur 50 Cent kostet.

gamona: Vor knapp einem Jahr hat der Deutsche Kulturrat den Verband der Computerspiele-Entwickler als Mitglied aufgenommen und Games damit als Kulturgut anerkannt. Soll DRM auch bei Videospielen wie Spore von Electronic Arts unrechtmäßig werden?

Piratenpartei - "Ein Erwachsener muss das Recht haben zu spielen, was er möchte"

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/13Bild 16/281/28
Der Kopierschutz von Spore erhitzte die Gemüter.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Andreas Popp: Aus Sicht des Verbraucherschutzes: ja. Der Fall Spore, das nur drei Mal installiert werden konnte, war nicht nur aus Verbraucher-, sondern auch aus Marketingsicht eine totale Todsünde. Die Musikindustrie hat festgestellt, dass DRM wirkungslos ist, da nur zahlende Kunden eingeschränkt werden - und nicht die bösen Raubkopierer. Die Computerspielebranche macht momentan den gleichen Fehler. Während DRM-freie MP3s mittlerweile Standard sind, bringt die Spieleindustrie Produkte mit Kopierschutz auf den Markt. Folge: Die Spieler laden sich lieber eine gecrackte Version herunter. Die Branche schneidet sich also ins eigene Fleisch.

„Ein Erwachsener muss das Recht haben zu spielen, was er möchte“

gamona: Kein Kopierschutz führt also zu weniger Kopien?

Andreas Popp: Kopieren wird nicht dadurch verhindert, dass zahlende Kunden gegängelt werden. Der beste Ansatz in der Computerspielebranche ist, einen guten Online-Multiplayer zu integrieren. Käufer werden ihre CD-Keys nicht hergeben - sie wollen ja selbst spielen. Bestes Beispiel sind Titel wie World of Warcraft. Niemand würde seinen WoW-Account hergeben, oder?

gamona: Nein. Aber was passiert mit Titeln, deren Kernstück der Einzelspieler-Modus ist?

Piratenpartei - "Ein Erwachsener muss das Recht haben zu spielen, was er möchte"

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/13Bild 16/281/28
Aufwendige Collectors Editions (wie hier von Alien 1-4) sind ein guter Ansatz.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Andreas Popp: Ein guter Ansatz ist, Konsolenspiele zu produzieren. Die boomen derzeit, weil sie wesentlich schwerer crackbar sind als PC-Versionen. Eine weitere Möglichkeit ist Mehrwert bei der physischen Verkaufsversion. Als ich etwa mein Diablo- und Hellfire-Bundle gekauft habe, war ein T-Shirt mit aufgedrucktem Spielelogo dabei. Collectors Editions sind ein sehr guter Ansatz, genauso wie detaillierte Handbücher. Einfach das Spiel in die CD-Hülle zu packen - das reizt die Leute häufig nicht mehr. Es sei denn, die Händler arbeiten mit sehr niedrigen Preisen.

gamona: Von Kopien zu Killern - welchen Stellenwert hat die Diskussion um "Killerspiele" in der Piratenpartei?

Andreas Popp: Seit ihrer Entstehung kämpft die Partei gegen ein Verbot von so genannten Killerspielen. 2007 etwa hatten wir in Berlin und Nürnberg die Aktion "Killerschach". Auf unserem Spielfeld wurde jedes Mal eine Menge Kunstblut vergossen, wenn ein als Figur verkleideter Mensch geschlagen wurde. Passanten sollte gezeigt werden: Seht her, auch Schach ist ein Killerspiel - nur grafisch nicht so ausgereift wie etwa Counter-Strike.

Das von der Innenministerkonferenz geforderte Verbot von Killerspielen kritisieren wir aufs Schärfste. Ein Erwachsener muss das Recht haben zu spielen, was er möchte und was ihm Spaß macht.

gamona: Wie ist ein "Herstellungs- und Verbreitungsverbot" einzuordnen?

Piratenpartei - "Ein Erwachsener muss das Recht haben zu spielen, was er möchte"

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/13Bild 16/281/28
Mit ihrem "Killerschach" machte die Piratenpartei auf Missstände aufmerksam.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Andreas Popp: Grundsätzlich ist das geforderte Vorab-Verbot eine Form von Zensur. Software ist ein Informationsgut, bestehend aus Nullen und Einsen - wie auch eine digitalisierte Zeitung. Wird die Veröffentlichung eines Presseprodukts verboten, weil es über den Irak-Krieg berichtet? Es ist das gleiche wie das Herstellungsverbot eines Spiels, in dem angeblich zu viel Blut fließt. In meinen Augen ist das Zensur und in einem demokratischen Staat nicht hinnehmbar.

gamona: Wie sieht das die Partei?

Andreas Popp: Es kommt auf die Definition des Begriffs Zensur an. Alle Piraten sind sich aber einig, dass ein solches Verbot rechtsstaatlich höchst bedenklich, wenn nicht sogar verwerflich ist. Der juristische Ansatz ist, dass das Grundgesetz nur eine Vorzensur verbieten würde, eine nachträgliche Zensur aber rechtlich möglich ist. Demnach würde China aber nicht zensieren, da sie nur nachträglich handeln. Trotzdem kritisieren sowohl der Bundestag als auch die Europäische Union die Zensurmaßnahmen Chinas.

„In keinem anderen Staat muss Blut umgefärbt werden“

gamona: Ist die USK als Kontrollinstanz für Computerspiele ausreichend?

Andreas Popp: Mehr als das. Wir haben in Deutschland den mit Abstand härtesten Jugendschutz, der mir bekannt ist. In keinem anderen Staat muss Blut umgefärbt werden oder verschwinden, um die Freigabe eines Spiels zu erreichen.

gamona: Stichwort Half-Life?

Piratenpartei - "Ein Erwachsener muss das Recht haben zu spielen, was er möchte"

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/13Bild 16/281/28
Command & Conquer: Menschen werden zu Robotern.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Andreas Popp: Schon früher, etwa bei Tomb Raider 3. Oder bei Command & Conquer, wo Soldaten zu Robotern oder Cyborgs umdeklariert wurden, damit ja keine Menschen auf dem Schlachtfeld umgebracht werden. Die ganze Welt belächelt Deutschland für diese Maßnahmen. Trotzdem sagen Politiker: "Die USK hat Counter-Strike ab 16 Jahren freigegeben? Das geht doch nicht!" Unter dem Gesichtspunkt, dass die Vorschriften in Deutschland sehr hart sind und die USK dementsprechend streng kontrollieren muss, macht sie sehr gute Arbeit.

gamona: Das europäische PEGI-System ist praktisch ein Selbstkontrollsystem der Industrie. Ist es für Deutschland eine Alternative?

Andreas Popp: Die USK ist streng genug. Im internationalen Vergleich machen wir uns im Jugendschutz eher lächerlich, als dass wir uns profilieren. In anderen Staaten funktioniert das europäische System auch - warum also nicht in Deutschland? Die PEGI-Freigaben sind dem Inhalt entsprechend. Das in Deutschland nicht erhältliche Gears of War etwa ist im Ausland ab 18 erhältlich.

gamona: Was wünschen Sie sich in Zukunft für die Killerspiel-Debatte?

Piratenpartei - "Ein Erwachsener muss das Recht haben zu spielen, was er möchte"

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/13Bild 16/281/28
"Im internationalen Vergleich machen wir uns im Jugendschutz eher lächerlich." (Popp)
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Andreas Popp: Personen, die über die Thematik reden, sollten sich zuerst damit beschäftigen. Politiker wie Joachim Herrmann (CSU, Anm. d. Red.) haben in ihrem Leben noch nie ein Spiel in der Hand gehabt. Geschieht das nicht, kommen abstruse Vergleiche wie Kinderpornographie und Killerspiele zustande, wie von Herrmann oder Günther Beckstein (ehem. bayerischer Ministerpräsident, CSU, Anm. d. Red.).

Wolfgang Bosbach (stellvertretender Vorsitzender der CDU-Bundestagsfraktion, Anm. d. Red.) etwa sagt: Ich rede über Computerspiele, habe noch nie eines gespielt - muss es aber auch nicht. Diese Personen müssen Medienkompetenz entwickeln. Sie sollten mit Spielern reden, selbst spielen und sich LAN-Parties anschauen, um ein objektives Bild von der Sache zu bekommen.

„Vergleiche mit Kinderpornos müssen Konsequenzen haben“

gamona: Bleiben wir beim Kinderpornographie- Vergleich von Joachim Herrmann. Wie bewerten Sie seine Aussage?

Andreas Popp: In meinen Augen müsste das Konsequenzen haben. Er beschuldigt damit alle Spieler in Deutschland und sagt: Was ihr macht, ist genauso wie Kinderpornographie anschauen. Eine extreme Beleidigung, die für einen Politiker in seiner Position nicht haltbar ist. Doch in seiner Partei ist keiner für dieses Thema sensibilisiert. Das gilt auch für den öffentlichen Aufschrei, denn Gamer sind nicht die klassischen CSU-Wähler. Wichtig ist, dass die Gamer-Community das Themenspektrum Computerspiele in die Politik trägt und Parteien damit konfrontiert werden.

gamona: In der Vergangenheit verhinderte dies auch die Altersbarriere. Hat sich das geändert?

Piratenpartei - "Ein Erwachsener muss das Recht haben zu spielen, was er möchte"

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/13Bild 16/281/28
Gamer geben Politikern noch nicht die Quittung an der Wahlurne.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Andreas Popp: Ich spiele von klein auf - mein erster Computer war ein Amiga 500. Auch ich sehe mich als Teil der Gamer-Community. Die meisten Spieler sind inzwischen über 18 und dürfen wählen. Auch haben wir einen riesigen Markt für Erwachsenenspiele. Da sind viele Shooter dabei, die zum Teil durchaus gewalthaltig sind. Ich kenne einige Leute, die in Clans spielen, aber von ihrem Recht zu wählen zu wenig Gebrauch machen. Das ist der Grund, warum sie politisch gerne als Sündenbock benutzt werden - denn sie geben an der Wahlurne nicht die Quittung für verfehlte Politik. Das muss sich dringend ändern.

gamona: Aus dem Stand fast 0,9 Prozent in Deutschland bei der Europawahl, nun auch zur Bundestagswahl zugelassen - profitiert die Piratenpartei auch von unzufriedenen Computerspielern?

Andreas Popp: Natürlich. Wenn die Gamer-Community nicht mit den alten Parteien unzufrieden ist, wer dann? Kinderpornographie-Vergleiche gab es mehrfach, nach jeder Gewalttat an Schulen wird geschrien, dass Ego-Shooter verboten werden müssen. Die alten Parteien sind vor dem Informationszeitalter hängen geblieben. Sie wissen vielleicht, dass man im Internet Websites als großes virtuelles Wahlplakat gestalten kann - aber wie das soziale Gefüge im Netz aussieht, wie "Neue Medien" funktionieren, das verstehen sie nicht. Zur Zeit gibt es keine Politik für Menschen, die mit diesem Medium umgehen.

gamona: In ihrem Wahlprogramm konzentrieren Sie sich auf die angesprochenen Themen des Informationszeitalters. Springt die Piratenpartei damit über die 5-Prozent-Hürde?

Piratenpartei - "Ein Erwachsener muss das Recht haben zu spielen, was er möchte"

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/13Bild 16/281/28
Wolfgang Bosbach, CDU, redet über Computerspiele, hat aber noch nie eines gespielt.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Andreas Popp: Auf jeden Fall. Die "digitale Revolution", wie so schön gesagt wird, ist eine der größten Umbrüche seit der Industrialisierung. Es findet ein Wandel statt, weg von der post-industriellen, hin zur Informationsgesellschaft. Die heutigen Kinder wachsen mit dem Internet auf wie andere früher mit dem Radio, als natürliche Erweiterung des Lebensraums. Dieser Umbruch macht auch nicht vor Bereichen wie der Sozialpolitik Halt.

Für Hartz IV etwa werden riesige Datenmengen von Leistungsnehmern gesammelt, die so komplett gläsern und durchleuchtet werden. Warum? Nur weil sie sozial bedürftig sind. Aber: Wollen wir das? Oder wollen wir den Status Quo des Datenschutzes bewahren? Ohne die digitale Revolution wären diese Art Fragen überhaupt nicht aufgekommen. Aber sie müssen beantwortet werden.

„Wir sind keine Partei der Kostenlos-Kultur“

gamona: Parteien monieren häufig, in der Bevölkerung fehle die Medienkompetenz. Wie bewerten Sie den Ansatz, dass dies ein soziales Problem ist - Stichwort Unterschicht?

Andreas Popp: Hier treffen zwei Ansichten aufeinander: Zum einen hat die Gesellschaft ein hohes Interesse daran, dass der Reichtum aus Filmen, Musik, Kultur und Wissen frei zugänglich ist. Auf der anderen Seite stehen die Verwerter, die DVDs oder CDs verkaufen und genau dies verhindern möchten. Das ist künstliche Verknappung als Vermarktungsmodell. Uns wird häufig vorgeworfen, wir wären eine Partei der Kostenlos-Kultur. Das sind wir nicht. Aber es muss Grenzen geben. Musik oder Filme müssen privat getauscht werden können, ohne Überwachung.

Der Medienkonsum ist so hoch, dass ihn die meisten Leute nicht bezahlen könnten. Ein Student, der mit 300 Euro Bafög im Monat auskommen muss, kann es sich nicht leisten, jeden Monat DVDs zu kaufen. Die klassischen Verwerter haben komplett ausgedient; wir brauchen sie nicht mehr. Natürlich, wenn hinter den Kulturschaffenden die gesamte Branche zusammenbricht, generiert das auch keinen sozialen Reichtum. Wir müssen aufpassen und die Interessen so gegeneinander abgewogen werden, dass wir nicht übers Ziel hinausschießen.

gamona: Immer wieder schreiben Journalisten der so genannten Traditionsmedien aufgebrachte Meinungspamphlete gegen die Piratenpartei. Was entgegnen Sie?

Andreas Popp: Natürlich tun Sie das, denn Journalisten profitieren selbst von der derzeitigen Gesetzeslage. Gleichzeitig verstehen diese Leute unsere Ansätze nicht. Sie denken: Die wollen etwas kostenlos - das müssen Schmarotzer sein. Auch abseits der Piraten gibt es schon lange Gruppierungen, die über die Frage nachdenken, wie das Immaterialgüterrecht im digitalen Zeitalter aussehen sollte. Wie wollen wir verhindern, dass Leute Kulturgüter kopieren - ohne ständige Überwachung?

Piratenpartei - "Ein Erwachsener muss das Recht haben zu spielen, was er möchte"

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/13Bild 16/281/28
Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen einige Bunker - andere Windmühlen.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Nehmen wir an, jeder müsste auf seinem Rechner eine Software installieren. Und nehmen wir an, sie hieße "Green Dam" (Regierungstrojaner in China, Anm. d. Red.) und würde kontrollieren, dass keine urheberrechtlich geschützten Dateien kopiert werden. Sony hat mit dem "Rootkit" genau das versucht. Wir sehen also, dass das geltende Recht wegen der technischen Innovationszyklen schlichtweg nicht durchsetzbar ist. Stattdessen sollten die Vorteile der technischen Entwicklung genutzt werden und jeder freien Zugang zu Wissen und Kultur bekommen. Die Vorteile wiegen die Nachteile mehr als auf. Die Digitalisierung schreitet voran, und auch Journalisten werden das nicht verhindern können. Ein chinesisches Sprichwort lautet: Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen einige Bunker - und einige bauen Windmühlen.

gamona: Die Frage lautet also: Alte Besitzstände und Überwachung oder freier Zugang und Veränderung?

Andreas Popp: Absolut. Nutzen wir den Vorteil des freien Wissens oder nicht? Vor genau dieser Wahl stehen wir.

gamona: Mit Jörg Tauss sitzt einer Ihrer Mitglieder bereits jetzt im Bundestag, weil er in der aktuellen Legislaturperiode von der SPD zu den Piraten gewechselt ist. Warum hat er das getan?

Andreas Popp: Er ist extrem enttäuscht. Ein Wahlspruch der SPD lautet: „Für Freiheit und Recht kämpft’s sich nicht schlecht“. Jörg Tauss ist wie wir der Meinung, dass die Sozialdemokraten von diesem Ideal massiv abgerückt sind. Die SPD hat das Zugangserschwerungsgesetz mit verabschiedet und sich damit zu Erfüllungsgehilfen konservativer Hardliner gemacht.

gamona: Inwiefern?

Piratenpartei - "Ein Erwachsener muss das Recht haben zu spielen, was er möchte"

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/13Bild 16/281/28
Wegen der Sperrung von Internetseiten wechselte Jörg Tauss von der SPD zu den Piraten.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Andreas Popp: Auf dem Bundesparteitag der SPD gab es einen Antrag, dass die Fraktion dem Gesetzesentwurf zur Sperrung von Internetseiten mit kinderpornographischen Inhalten nicht zustimmen soll. Die Diskussion wurde vom Parteipräsidium mit dem Hinweis unterbunden, ein "Ja" sei unerwünscht - weil die Bild-Zeitung vorher geschrieben hatte: Die böse SPD kippt das heilsbringende Gesetz gegen die Kinderpornographie. Die Entscheidung für eine Zensur in Deutschland wurde also aus Angst gefällt, dass es weitere negative Schlagzeilen in den konservativen Medien geben könnte. Das war für Jörg Tauss nicht tragbar.

gamona: Herr Popp, vielen Dank für das Gespräch.