Banale 3D-Optik trifft auf innovationsarmes Survival-Gameplay: so oder so ähnlich fassen Kritiker Unturned gerne zusammen. Trotzdem schlummert die in Eigenregie entwickelte Early-Access-Produktion des 18-jährigen Kanadiers Nelson Sexton bereits auf den Rechnern von mehr als 19,35 Millionen Spielern weltweit. Ein Zeichen von zunehmend schlechtem Geschmack seitens der Gaming-Community? Oder hat die Faszination vielleicht doch andere Gründe?

Unturned - Steam-Trailer

Über 19 Millionen Downloads seit Juli 2014 und knapp über 954.000 aktive Spieler allein in den letzten beiden Wochen: Unturned ist zweifelsohne eines der aktuellen Lieblinge der Steam-Community. Hätte ich nichts von diesen Erfolgsmeldungen gewusst, würden mich die offiziellen Bildschirmfotos des Entwicklers, dem 18-jährigen Nelson Sexton aus Kanada, allerdings eher abschrecken statt neugierig machen. Modern oder gar detailverliebt sieht dieser Free-to-play-Spiel nun wirklich nicht aus. Im Gegenteil: Die polygonarmen Figuren, Tiere, Gebäude und Landschaftsobjekte könnten glatt aus seligen 486er-Zeiten stammen. Gleiches gilt für die drei zombiefizierten Open-World-Areale. Die in Handarbeit entstandenen Umgebungen wirken kantig, klotzig und sind in ein wahrlich spärliches Texturkostüm gehüllt.

Unturned - Grafik ist nicht alles

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Nahkampfwaffen gibt’s in Unturned wie Rabattangebote im Baumarkt um die Ecke. Hier spalten wir einem Untoten gerade mit einem Gartenwerkzeug den Schädel.
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Und trotzdem: Nicht zuletzt, weil ich mich optisch immer wieder an Minecraft erinnert fühle, wird die karge – gleichwohl in sich stimmige – Darstellung schnell zur Nebensache und ich konzentriere mich voll und ganz aufs Gameplay. Das bietet für Survival-Fans zwar kaum Überraschungen, geht dafür aber verblüffend schnell in Fleisch und Blut über. Meine zentrale Aufgabe in Unturned ist es, mich vom mittellosen Niemand zum bestens ausgerüsteten Überlebenden einer Zombie-Katastrophe hocharbeiten und dabei nicht den Löffel abzugeben – koste es, was es wolle. Zu diesem Zweck sammle ich genretypisch Waffen, Bekleidung, Lebensmittel und jede Menge Krimskrams, der mir schon bald zur Konstruktion von allerlei nützlichen Hilfsmitteln dient.

Packshot zu UnturnedUnturnedRelease: PC: 2016

MacGyver-Fans schweben auf Wolke sieben

Aus zwei Schrottteilen und einer Packung Batterien schraube ich beispielsweise im Handumdrehen eine Licht spendende Handlampe für die Nacht. Ergänze ich noch zwei Einheiten Klebeband, entsteht eine taktische Lampe, die sich direkt an Waffen befestigen lässt. Dose und Sprengstoff wiederum verschmelzen schnell zu einer improvisierten Handgranate, während aus vier Stöcken und vier Steinen ein Lagerfeuer entsteht.

Derzeit lassen sich in Unturned bereits weit über 100 Dinge aus insgesamt acht Objektkategorien fertigen, darunter natürlich auch Bauteile für meine eigene Behausung. Denn klar, genau wie in vielen anderen Spielen mit Überlebensthematik spielt ein sicherer Zufluchtsort eine essenzielle Rolle im späteren Spielverlauf. Vor allem, weil der Tod knallharte Konsequenzen nach sich zieht. Sterbe ich, gehen alle gesammelten Inventarobjekte und Talentpunkte unwiederbringlich verloren.

Optisch arg schlicht, spielerisch aber gelungen. Gerade im PvP-Modus ein echter Adrenalinkick.Ausblick lesen

Bäume der Macht

Für weitere Motivationsschübe sorgen drei umfangreiche Talentbäume. Wenn ich zum Beispiel kraftvoller zuschlagen, präziser schießen, schneller nachladen, länger unter Wasser tauchen, ausdauernder rennen, höher springen oder meine Luft- und Ausdauerleiste flotter regenerieren möchte, sollte ich meine hart verdienten Erfahrungspunkte in die sieben Fähigkeiten des Offensivbaums investieren. Dem gegenüber stehen sieben eher defensiv orientierte Fähigkeiten: mehr Immunität gegen Viren, leiser schleichen, reduziertes Schmerzempfinden, höhere Kälteresistenz, geringerer Nahrungsbedarf, schneller heilende Blutungen und Knochenbrüche. Auch hier habe ich gleich zu Spielbeginn die Qual der Wahl.

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Fahrzeuge bringen einen flott von einem Ort zum anderen – sofern sich noch ausreichend Sprit im Tank befindet.
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Talentbaum Nummer drei umfasst alle „Unterstützungs“-Fähigkeiten und lässt mein Alter Ego unter anderem noch rasanter Bäume fällen, Fische fangen, Dinge reparieren und angepflanztes Getreide ernten. Des Weiteren können in dieser Kategorie Erfahrungspunkte in Fähigkeiten zum Bau besonders komplexer Gegenstände sowie zur Zubereitung besonders hochwertiger Speisen investiert werden. Sinnvoll verteilt, entwickle ich mich so früher oder später zum wahren Tausendsassa. Die wertvollen Erfahrungspunkte streiche ich primär durch das Ausknipsen von Zombies sowie das Fällen von Bäumen ein.

Der Weg zur Erleuchtung

Abseits vom knapp zehnminütigen Tutorial nimmt mich Unturned kaum an die Hand. Durch gehaltvolle Inventartexte, eine übersichtliche Levelkarte und passend gewählte Gebäudenamen fuchsen sich aber selbst Apokalypse-Anfänger fix rein. Zumindest im Solo-Modus, wo die Untoten sehr nachvollziehbaren Mustern folgen – und mich beispielsweise erst dann bemerken, wenn ich zu viel Lärm mache oder mich in ihrem Sichtkegel verirrt habe.

Spiele ich allerdings online auf den für bis zu 24 Teilnehmer ausgelegten PvP-Servern, wird Unturned deutlich fordernder. Menschliche Kontrahenten gehen in der Regel wesentlich gerissener vor, legen Fallen aus, jagen im Team, setzen Schusswaffen ein und so fort. Wenn ich mich nicht flott mit Gleichgesinnten zusammenschließe und via (Sprach-)Chat koordiniere, beiße ich im Fünf-Minuten-Takt ins Gras und fange wieder bei Null an. Anfangs frustrierend, später ein echter Adrenalinkick.

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Knurrender Magen? Dann lohnt es, die Angel anzuwerfen. Alternativ kann man natürlich auch Gemüse anbauen, Tiere jagen oder nach Dosenfutter suchen.
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Handgemachte Levels statt Zufallskarten

Egal ob ich nun auf Prince Edward Island, der verschneiten Yukon-Karte oder in und um Washington unterwegs bin, der inhaltliche Aufbau der drei mitgelieferten Spielumgebungen gefällt. Weil keine Karte nach dem Zufallsprinzip erstellt wurde, finde ich mich mit zunehmender Spieldauer immer besser zurecht und weiß irgendwann ganz genau, wo wichtige Vorräte, Bauteile und dergleichen versteckt sind – nicht nur im gnadenlosen PvP-Modus ein entscheidender Vorteil.

Ein Lob verdient sich zudem das Free-to-play-Modell: Zum Geldausgeben wird hier niemand gezwungen – das Fünf-Euro-Gold-Upgrade ist komplett optional, in vielen Aspekten kosmetischer Natur und eher als Spende zu verstehen.

Ebenfalls top: Unturned wird ständig erweitert und um neue Features ergänzt. Update 3.14.1.0 etwa spendiert Flugzeuge und Helikopter, die nun erstmals selbst geflogen werden dürfen. Anspielen lohnt also allemal – das Spiel kostet schließlich keinen Cent.