Dumme Sache das: Da schwirrt mit Unreal Tournament 3 DER potentielle Multiplayer-Shooter des Jahres in die gamona-Redaktion, aber von Online-Servern oder willigen Kollegen, die man im LAN-Modus platt machen könnte, ist weit und breit keine Spur. Was also machen? Ein Multiplayer-Review ohne eben selbigen Modus überhaupt gesehen zu haben, gestaltet sich verständlicherweise recht schwer.

Klare Sache: Die Reisekasse wird geplündert. Da man ja bekanntlich am Besten lernt, wenn die Besten als Lehrer fungieren, haben wir einfach unsere Köfferchen gepackt, die optischen Mäuse geputzt und sind in den Büros von UT-Publisher Midway eingeritten. Doch statt gediegener Test-Atmosphäre mit Kaffee und Notizblock heizten uns die Jungs gehörig ein.

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Allein sein macht nie Spaß

Kurz nach Spielstart die erste Ernüchterung: Der im Vorfeld häufig als „vollwertige Einzelspielerkampagne mit Storyeinschlag“ angepriesene Singleplayer-Part entpuppt sich erneut als schwacher Abklatsch des Onlinemodus. Eine längere Zwischensequenz leitet die Kampagne ein, danach folgen bis auf wenige Ausnahmen öde Audiobriefings, die uns von Map zu Map führen – Spannung Fehlanzeige.

Unreal Tournament 3 - Erstes Blut meets Bioschmiere: Die deutsche Version von UT3 auf dem Prüfstand.

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Schöner sterben: In derart schicken Levels macht sogar Verlieren Spaß.
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Die Karten entsprechen zudem ihren Onlinevorbildern, die menschlichen Kontrahenten werden durch Bots ersetzt. Deren Intelligenz reicht von unmotiviertem Herumstehen bis zu extrem aggressiver Vorgehensweise (auf hohen Schwierigkeitsgraden). Wer also vor dem Onlineeinsatz die verschiedenen Modi ausgiebig Probe spielen möchte, kann sich so mit ein paar schnellen Runden bestens aufwärmen, reale Gegner ersetzt die KI aber nicht.

Gerade der neue Warfare-Modus wird so zur Geduldsprobe, schließlich lassen sich die Bot-Gehilfen nicht steuern – taktisches Vorgehen ist so kaum möglich. Als sehr gelungenes Feature präsentiert sich dafür der Koop-Modus. Zusammen mit drei Freunden könnt ihr den „Storymodus“ auch im Team absolvieren. Wesentlich spannender werden die unmotiviert herunter gespulten Missionen dadurch zwar auch nicht, dafür steigt der Spaßfaktor deutlich an.

Packshot zu Unreal Tournament 3Unreal Tournament 3Erschienen für PC, PS3 und Xbox 360 kaufen: Jetzt kaufen:

Krieg führen für Fortgeschrittene

Das volle Potenzial entfaltet Unreal Tournament 3 ohnehin nur im Multiplayer-Modus. Ob in Team- bzw. FFA-Deathmatches oder Capture the Flag-Schlachten – im Vordergrund stehen wie gewohnt schnelle, actionorientierte Gefechte. Taktisches Vorgehen und geduldiges Vorantasten sind hier nicht gefragt. Abwechslung in die furiose Frag-Hatz bringt jedoch der taufrische Warfare-Modus.

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Schade: Trotz selbstloser Fahrzeugreperatur gibt es keine Belohnungen oder sonstige Boni.
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Wobei „taufrisch“ nicht ganz treffend ist. Kenner der Reihe werden schon nach den ersten Sekunden bemerken, dass hier lediglich der Onslaught-Modus aus dem 2004er Jahrgang leicht modifiziert wurde. Wir erinnern uns: Ähnlich wie im (offensichtlichen) Paten Battlefield galt es, strategisch wichtige Punkte einzunehmen und zu halten. Nur dann wird der Schutzschild des feindlichen Kernreaktors abgeschaltet, dessen Zerstörung den Sieg bringt.

Der Warfare-Modus behält das grundlegende Prinzip bei, addiert jedoch einige Elemente. So werden nun sämtliche Kontrollpunkte von Schilden geschützt, die zunächst abgerissen werden müssen – ein langwieriger Prozess, den das feindliche Team zum Gegenangriff nutzen könnte. Dieses Problem umgehen Könner mit Energiekugeln. Tragt ihr die runden Plasmabälle in die Basis des Gegners, lässt sich der dortige Kontrollpunkt ohne Wartezeit übernehmen – ein nicht selten Spiel entscheidender Faktor.

Auch wenn der Warfare-Modus noch die größte spielerische und taktische Tiefe offeriert, verpasst es Epic leider, das Gruppenspiel ausreichend zu fördern. Punkte gibt es nur für Frags oder Flaggen-Eroberungen. Opfert man sich für sein Team (um z.B. eine der Energiekugeln zu zerstören) oder repariert per Link Gun eines der vielen Fahrzeuge, wird das weder belohnt noch gesondert per Textnachricht erwähnt – andere Titel wie Team Fortress 2 oder Quake Wars lösen dies deutlich besser.

Stagnation auf höchstem Niveau: Technisch brillant, lässt die furiose Actionballerei echte Neuerungen schmerzlich vermissen.Fazit lesen

Killer-Karossen

Apropos Fahrzeuge: Auf speziellen Vehicle-Maps (und generell allen Warfare-Karten) habt ihr die Auswahl zwischen unzähligen Fortbewegungsmitteln. Für genügsame Spieler reichen da schon kleinere Jeeps oder Schwebepanzer. Echte Schlachtfeld-Junkies fahren hingegen lieber die richtig schweren Geschütze auf. Der Dark Walker etwa, ein riesiger, dreibeiniger Mech im „Krieg der Welten“-Stil, sieht nicht nur beeindruckend aus, sondern kann dank immenser Feuerkraft ein verloren geglaubtes Match noch zu euren Gunsten entscheiden.

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Tod-Schick: Die richtig dicken Panzer kriegt man selbst im Team kaum klein.
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Das Balancing macht dabei zu jedem Zeitpunkt einen tadellosen Eindruck: Sowohl Fahrzeuge als auch die coolen Waffen wirken sehr ausgewogen. Lediglich einige der insgesamt 42 Maps erscheinen uns deutlich zu groß – nicht selten muss man eine Weile suchen, um einen unvorsichtigen Gegner aufs Korn nehmen zu können. Dafür wurden auch Klassiker, wie das gute alte „Deck 16“, implementiert.

Vollends überzeugt hat uns die genial-einfache Steuerung. Auf Tastendruck packt ihr das wieselflinke Hoverboard aus, steigt in fahrbare Untersätze (deren Bedienung ebenfalls sehr intuitiv von der Hand geht) oder wechselt die Waffen. Profis verfügen zudem erneut über das volle Bewegungs-Arsenal: Ob Strafejump oder Doppelsprung - wer etwas auf seine Shooter-Fähigkeiten hält und spezielle Moves zum Überleben braucht, wird hier bestens bedient.

Die abschließenden Worte gebühren an dieser Stelle natürlich der augenscheinlichsten Änderung im neuen UT: der fantastischen Grafik. Die Charakter- und Fahrzeugmodelle sind mit extrem hoch aufgelösten Texturen überzogen, die Levels schlicht wunderschön. Richtig Eindruck schinden zudem die filmreifen Zwischensequenzen – auch wenn diese während der Kampagne viel zu selten zu bestaunen sind.

Schöner Deutsch

Aus der Reihe „Kurioses aus dem Heimatland“: Die deutsche Lokalisierung gibt immer wieder Grund zum Schmunzeln (oder Kopfschütteln, wie man’s nimmt). Statt die Serververbindung per Disconnect zu beenden, wird man des Öfteren aufgefordert zu „entriegeln“, befördert man die Gegner mit der Bio Rifle ins Jenseits, erscheint die drollig-doofe Textmeldung „Sie wurden mit Bioschmiere eingeschleimt“.

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Hier im Bild: Die Bioschmiere!
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Die Sprachausgabe kratzt dann aber doch erheblich an der Atmosphäre: Lahme Kommentare wie „Erstes Blut“ (statt First Blood) oder „Blutrausch“ (statt Killing Spree) reichen nicht mal annähernd an den Coolnes-Faktor des Originals heran. Fans sollten also unbedingt zur englischen Fassung greifen bzw. per Audiopatch nachhelfen. Den will Midway in Kürze nachliefern.

Bekannt ist es schon länger, trotzdem sei an dieser Stelle noch einmal auf die Kürzungen verwiesen. In der deutschen Version fehlt sämtliches Blut, zudem müssen Shooter-Fans auf Splattereffekte verzichten – zerstückelte Körper gibt es also ebenso wenig, wie die Ragdoll-Leichen-Physik. Nach einem Kopfschuss bleibt selbiger zudem auf den Schultern sitzen, statt zerfetzt zu werden. Am Spielspaß ändern die Zensuren jedoch nichts.