Entwickler kommen uns gern auf halbem Weg entgegen, bedanken sich für die von uns investierte Zeit und dafür, dass wir uns ausgerechnet für ihr Spiel entschieden haben. Eine nette Geste, jedes Mal, manchmal aber womöglich auch wenig mehr als das. Hier nicht. „Thank you for playing Unravel.“ Selten fiel es leichter, das zu glauben.

Unravel - Puzzle Gameplay Trailer - Gamescom 2015Ein weiteres Video

Kritiker im Allgemeinen und Spieleredakteure im Speziellen sind immer gleichermaßen ihrer Leserschaft und der Objektivität verpflichtet: einem Ideal, das trotz kontinuierlichem Strebens nie erreicht werden kann und sollte. Alles, was wir euch als Autoren anbieten können, ist ein Mindestmaß an Neutralität, eine integre Einschätzung auf Basis unserer zwangsläufig subjektiven Empfindung.

Unravel - Ganz und gar nicht fadenscheinig

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Viel komplexer als hier werden die Rätsel nicht. Süß sind sie trotzdem. Soooo süß.
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Infolgedessen findet sich (zumindest auf meinen) Notizzettelchen üblicherweise ein bunter Haufen aus persönlichen und halbwegs objektiven Eindrücken: der permanente Versuch, neben aller Subjektivität auch so etwas wie Vergleichbarkeit herzustellen. Unter einem vagen „Voller kleiner Magic Moments“ kann sich vielleicht nicht jeder etwas vorstellen, während der „Bisweilen unpräzise Steuerung“-Stichpunkt schon eher ein allgemeines Verständnis erreicht.

Packshot zu UnravelUnravelErschienen für PS4, Xbox One und PC kaufen: Jetzt kaufen:

Unravel hat diese Arbeitsweise unterlaufen.

Kleiner Kerl auf großer Reise

Obwohl Martin Sahlins Spiel eine klare mechanische Ebene aufweist, lässt es sich nur schwerlich auf diese reduzieren. Insofern hat der zurückhaltende Creative Director sein Ziel erreicht, das ihm seit Jahren im Kopf herumspukte: das Ziel, seinem Publikum eine Botschaft mit auf den Weg zu geben, ihm nicht nur eine heitere Zeit zu bereiten, sondern „etwas zu erschaffen, das eine Form von Tiefe und Bedeutung hat.“ Mission erfüllt, würde ich sagen.

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Warum lesen sich meine Unravel-Notizen wie esoterischer Gefühlsschmuh?
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Es ist nicht die übermäßig verkopfte oder gar bemüht intellektuelle Art der Doppelbödigkeit, die euch hier erwartet, eher eine unvermittelt authentische. Unravel macht sich nicht größer als es ist, erzählt ganz wie sein Schöpfer offen heraus, warum es dieses Spiel gibt und warum es so wurde, wie es ist. Als buchstäblicher roter Faden verknüpft Yarni lange gehütete Erinnerungen wie die Schätze, die sie sind, erzählt ohne Worte und Pathos eine ganz persönliche Geschichte von Familie, Liebe, Fürsorge, Geborgenheit wie Vergänglichkeit und damit eine von universellen Werten – eine, mit der sich jeder von uns identifizieren kann. Mit den fallenden Kalenderblättern wurden die Spuren dieser kostbaren Momente bis zur Unkenntlichkeit und manchmal darüber hinaus verwischt. Ihr müsst schon genau hinschauen in dieser ländlichen Welt, die nur zögerlich entblättert, was sich einst in ihr abspielte.

Das charmanteste Spiel des Jahres und ein netter Puzzle-Plattformer.Fazit lesen

Diese Natürlichkeit ist entwaffnend und eine, der man sich kaum entziehen kann – wenn man sich denn darauf einlässt. Bei mir war es sozusagen Liebe auf den zweiten Blick, von der sympathischen Ankündigung bis zu meinen ungewöhnlich vagen Stichpunkten beim Spielen. Unravel entzieht sich zwar nicht den Mitteln einer üblichen Kritik, lotet ihre Grenzen aber je nach persönlicher Auffassung mehr oder weniger weit aus. Für mich ist es Eskapismus im besten Sinne: entschleunigte Flucht vor der Wirklichkeit in eine Wohlfühlblase. Mit zwei Schritten Abstand und einem eher nüchtern-analytischen Zugang könnt ihr es jedoch auch mit Jim Sterling halten und Unravel den „Style over Substance“-Stempel aufdrücken. Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo dazwischen.

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Jeder Screenshot ein neues Wallpaper.
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Unravel ist kein Spiel der großen Worte oder Gesten, sondern ein eleganter Puzzle-Plattformer ohne jedweden Schnickschnack, ohne verschachtelte Menüs oder irgendwelche sperrigen Anzeigen auf dem Bildschirm. Wer Yarni dreimal von links nach rechts hat laufen lassen, aus seinem Garn Brücken gesponnen und schlichte Physik-Rätsel gelöst hat, wird in den folgenden sechs, sieben Stunden nicht mehr so wahnsinnig viel Neues geboten bekommen. Coldwoot Interactive zaubern nicht alle naslang neue Spielemente aus dem Entwicklerhut, geben euch stattdessen ohne viel Gerede jenes Rüstzeug in die Hand, das ihr für dieses verdichtete Abenteuer benötigt. Das „Neue“ hieran ergibt sich vielmehr aus dem Kontext als dem Strauß an Yarnis Möglichkeiten; nur weil ihr konstant dieselbe Handvoll verschiedener Fähigkeiten nutzt, tut ihr nicht zwangsläufig dieselben Dinge.

Auch mit viel Wohlwollen klingt das noch immer eine Spur zu vehement nach einer Rechtfertigung und, was soll ich sagen, aus gutem Grund. Selbst für ein verträumtes Kerlchen stolpert Yarni manchmal ein wenig zu tolpatschig voran, fällt quasi mit dem Gesicht zuerst ins Abenteuer. Das macht diese Nummer längst nicht zum Selbstläufer, allerdings zum falschen Spiel für diejenigen unter euch, die gern einem ausgearbeiteten roten Faden folgen. Den hat Unravel – und viel mehr Ironie geht nun wirklich kaum – nämlich nicht.