Ich hatte nicht mehr damit gerechnet, aber es gibt noch Hoffnung. Denn tatsächlich hat es ein Videospiel geschafft, mich noch einmal richtig zu verblüffen. Nicht mit seiner Grafik oder Story, sondern mit Dynamik, Tiefsinn und einer Respektlosigkeit gegenüber Normen, die wir als allzu selbstverständlich hinnehmen. Obendrein wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass mich eine kleine Revolution so günstig kommen würde. Denn das Indie-Rollenspiel Untertale kostet nicht mal einen Zehner – aber vereint mehr Kreativität, Originalität, Inspiration, Blödsinn und Intelligenz als alle Großproduktionen, die dieses Jahr erschienen sind. Ja, sogar mehr als Metal Gear Solid 5 und The Witcher 3!

Undertale - Release Trailer

Man kennt das. Ein Junge. Ein Berg. Ein Loch im Boden. Treffen alle drei aufeinander ist Folgendes unvermeidbar: ein ungeschicktes Stolpern, ein tiefer Fall und eine harte Landung mitten auf dem Gesicht. Klatsch! Wieder bei Sinnen stolpert der naive Tollpatsch schnurstracks durch einen Gang und hinein in eine mysteriöse Untergrundwelt, in der das große Abenteuer lauert. So oder so ähnlich beginnen irgendwie alle typischen Japano-Rollenspiele des alten Schlags.

Okay, das stimmt nicht ganz, doch stellt euch vor, es wäre so. Oder, eigentlich egal: Nach den ersten Momenten in Undertale bekommt das urige Japano-RPG-Flair sowieso schon erste Risse. Denn habt ihr den Knaben namens Frisk einige Meter mit den Pfeiltasten herum gescheucht, werdet ihr in kurzer Abfolge von einer Arschlochblume angepöbelt und von einer ziegen-gesichtigen Frau in Priesterkluft gerettet, die euch mit geradezu pädo-... , äh, allzu inniger Zuneigung umhegt. Sie schenkt dem Jungspund ein Handy, nervt mit Anrufen und mag ihn eigentlich nicht wieder gehen lassen. Denn viel zu gefährlich sei der Weg durch die Ruinenwelt zurück an die Oberfläche, klar. Undertale erscheint damit zunächst wie eine bekloppte Parodie auf Klassiker wie Earthbound, Chrono Trigger oder Mother 3. Aber auf das, was mich letztlich erwartete, war ich weiß Gott nicht gefasst.

Undertale - Die größte Überraschung des Jahres

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Zu Beginn erstaunt einen das Spiel wenig. Die Ungeheuer lebten mit den Menschen zusammen, wurden dann böse - wie so oft.
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Bringt ihr nämlich erst das naiv bescheuerte Tutorial, das einem die Grundzüge des Spiels vermittelt – und zumindest mich etwas Überwindung kostete –, hinter euch, offenbart sich das Werk des Einzelkämpfer-Entwicklers Toby Fox als etwas ganz Besonderes. Nämlich eine der charmantesten und intelligentesten Erfahrungen, die man als Spieler machen kann – und gleichzeitig eines der besten Rollenspiele überhaupt. Kein Scherz! So unspektakulär – und für manchen vielleicht auch abschreckend – die knuffige und farbscheue 8-Bit-Optik erst einmal wirken mag, so erstaunlich und metatextuell ist das Gefüge dahinter.

Undertale dekonstruiert und interpretiert viele der Elemente seines Genres neu. Es spielt Seilhüpfen mit den Erwartungen seiner Spieler, der Logik der Welt und wirft dann und wann alles bereits Vermittelte über den Haufen, alleine um der Überraschung und Verwirrung wegen. Und … Ach, Gregor! Warum hast du mir diesen Test aufgeschwatzt? Denn jetzt wird’s schon echt knifflig! Eigentlich ist es nämlich einer der besonderen Reize, alles, was gesagt werden müsste, nach und nach selbst zu entdecken. Eben das Unerwartete und Unvermittelte, mit dem das schräge Werk aufwartet.

Packshot zu UndertaleUndertaleErschienen für PC kaufen: Jetzt kaufen:

Okay, sagen wir es einfach so: Wenn ihr, werte Leser, mir jetzt schon glaubt, dass Undertale einen Blick wert wäre, geht auf Steam, kauft's euch und spielt. Es kostet nur 9,99 Euro, das sollte euch der Spaß wert sein. Und glaubt ihr, ich schreibe hier nur Mist, macht's erst recht. Ansonsten? Weiter im Text.

Ist Undertale wirklich das beste Spiel dieser Dekade? Das vielleicht nicht. Aber es ist zweifelsohne eine der überraschendsten und beeindruckendsten Erfahrungen, die man als Gamer derzeit machen kann.Fazit lesen

Alles anders

Grundsätzlich spielt sich Undertale zunächst wirklich wie eines der alten JRPGs. Ihr latscht mit minimalistischem Musikgeklimper im Ohr aus pixeliger Draufsicht-Perspektive durch eine flache Welt. Ihr quatscht mit Charakteren – natürlich in Textboxen –, erhaltet kleine Aufgaben und löst Rätsel. Jedoch ist all dies so absurd und zuckersüß, dass es euch unweigerlich ein debiles Grinsen ins Gesicht schneidet oder die Zähne ausfallen lässt. Schon zu Beginn trefft ihr auf das freundliche Skelett Sans, dessen Bruder Papyrus endlich mal einen Menschen fangen und sich damit beim Herrscher des Unterreichs, Lord Asgore Dreemurr, beliebt machen will. „Ich will jeden Morgen in einem Bad von Küssen aufwachen“, hofft der knochige Kerl, der in der Schriftart „spricht“, nach der er benannt wurde. Bei der ersten Begegnung versteckt ihr euch vor ihm hinter einer Lampe, die zufällig mitten im Nirgendwo steht. Aber nur, um euch später von Sans überreden zu lassen, den entmutigten Papyrus aufzuheitern. Und zwar indem ihr darauf einsteigt, seine Rätsel zu lösen, mit denen er sich einen Menschen fangen will. Die funktionieren aber nie oder lösen sich buchstäblich von selbst, was so herrlich plump und platt inszeniert ist, dass es schon fast schmerzt.

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Der gute Papyrus ist einem zu Beginn nicht so wohlgesonnen, kann aber ein Freund werden.
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Regelmäßig muss sich der Streifenpullijunge auf den labyrinthartigen Wegpassagen, ähnlich den alten Final-Fantasy-Teilen, auch runden-basierten Zufallskämpfen stellen. Wenn ein Monster angreift, gilt's zunächst in einem Mini-Spiel mit einem kleinen Herz ähnlich wie in Bullet-Hell-Shootern, stern-, axt- oder speerförmigen Projektilen auszuweichen, um keinen Schaden zu nehmen. Aber statt anschließend einfach mit einem Gegenangriff zurück zu schlagen, könnt ihr auch versuchen, ohne Gewalt auszukommen, indem ihr stattdessen versucht, das Monster zu verstehen. Denn jedes Ungeheuer hat Motivationen und Schwächen, die es mehr oder minder deutlich in einer Sprechblase im Kampfbildschirms artikuliert: Angst, Wut, Verzweiflung.

Das Fliegentier Whimsum ist etwa so labil, dass ihr es nur über den Punkt „Act“ ansprechen müsst, schon bricht es in Tränen aus. Andere Wegelagerer wie Vogelbestien, Hundekrieger und Killerpflanzen könnt ihr anflirten, anpöbeln, umarmen oder darin bestärken, wie beschissen die Gesamtsituation doch ist. Ihr könnt sie also durch Gespräche zum Aufgeben bringen. Und ja, das gilt für alle Gegner. Theoretisch muss niemand in Undertale sterben – ein vollkommen pazifistisches Durchspielen ist möglich. Manche der Monster werden gar zu Freunden, wenn ihr wollt. So ging ich zum Beispiel mit einem Skelett auf ein Date. Wer mag, kann aber ebenso jeden und alles umbringen: Genozid? Kein Ding.

Eine Wundertüte

Ungefähr sechs bis acht Stunden rätselte und „kämpfte“ ich mich so durch die Wälder, Dörfer, Schneelandschaften, Geheimlabors und die Hauptstadt des Untergrundreichs. Und das nicht ohne Folgen, denn wie ihr euch durch die Welt bewegt, ob ihr kämpft oder redet, hat Auswirkungen. Gnade bringt keine Erfahrung und damit keinen Levelaufstieg, aber beeinflusst weitere Begegnungen, das Spielende und seine Sub-Enden.

Es ist schwer begreiflich zu machen, wie tiefgehend und überraschend die Mechaniken und kleinen Kniffe von Undertale sind, ohne gleichzeitig allzu viel zu verraten und damit die Spielfreude zu verderben. Aber beginnt ihr beispielsweise erneut, so viel darf vorweg genommen sein, werden sich Charaktere daran erinnern, wie sie im vorherigen Spieldurchlauf behandelt wurden – und sprechen das auch an. Teils auf urkomische, teils auf äußerst verstörende Art und Weise. Habt ihr im letzten Durchgang alle Monster getötet, präsentiert sich die Welt im neuen Spiel unter anderem als eine schaurige Geisterstadt. Auch der eigene Tod wird wieder und wieder auf unterschwellige Weise thematisiert. Undertale merkt sich also alles, was ihr tut und verwendet es für und gegen euch. Einfach genial!

Sowieso steckt so verdammt viel in Undertale, das es zu entdecken gilt. Jeder einzelne Charakter ist einzigartig, schräg und unvergesslich. Mit Mettaton trefft ihr etwa auf einen Roboter-TV-Star oder die Archäologen-Schildkröte Gerson, eine in eine Kutte gehüllte Bootsfrau und das Gespenst Napstablook, das eigentlich nur etwas Ruhe haben will. Allein die pure Freude, immer wieder neue Gesellen zu treffen, treibt voran.

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Das Spiel hat weit mehr versteckte Geschichten, als man glauben könnte.
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Auch die Geschichte um das Ruinenreich, seine Bewohner und jene Menschen, die vor Frisk dorthin kamen, macht irgendwie Spaß, obschon sie nur in Dialogen erzählt wird und recht tumb wirkt. Außerdem gibt es viele kleine Geheimnisse, die bisher noch nicht enträtselt werden konnten und zumindest mich in Diskussionsforen auf Reddit und Steam locken. Wer ist etwa der „Mann, der in Händen spricht“ und immer wieder im Spielverlauf erwähnt wird? Was hat es mit dem grauen Kind mit den Riesenaugen auf sich, das auftaucht und wieder verschwindet? Aber vor allem: Worum geht es in Undertale eigentlich wirklich? Denn, nein, das Untergrundrefugium, der Fantasy- und Science-Fiction-Kram, der Witz und die Monster scheinen nur Mittel zum Zweck zu sein. Sie sind ein narratives Vehikel, um eine vielleicht viel tiefer gehende Wahrheit zu teilen...

Was ist Wasser?

Mit seiner obskuren Kulisse als Metapher, plädiert der Entwickler Toby Fox wahrscheinlich dafür, andere Menschen – und selbst jene, die wir als Fremde oder gar „Monster“ sehen – nicht vorschnell abzuurteilen. Schließlich sind sie Wesen mit komplexe Gefühlswelten. Und jeder hat Gründe für sein Tun und Handeln, wie in Undertale so auch in der realen Welt. Wer sich nur bemüht, der erkennt, dass manch „Ungeheuer“ gerade nur einen schlechten Tag hat, sich mit Ungewissheiten quält oder seine Freunde schützen will – genau wie der genervte Busfahrer vielleicht nur so mies drauf ist, da seine Frau im Krankenhaus liegt. Gleichzeitig kann jemand, der dies nicht erkennen will und in allem nur einen persönlichen Angriff sieht, sich die Welt tatsächlich zum Feind machen – und so selbst zum Monster werden.

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Klar, das Spiel ist witzig. Aber ausschließlich?
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Oder wollte Fox etwas anderes? Wollte er zeigen, dass auch Gegner in Videospielen nicht immer nur dumpfe Haudraufs sein müssen, charakterlose Konstrukte, die nur den Zweck verfolgen, uns zu töten? Wer weiß. Undertale ist in seiner Gesamtheit jedenfalls nicht nur ein Spiel, sondern eine Erfahrung, die jedem, der sich darauf einlässt, etwas geben kann. Sei's einfach Spaß und Freunde, ein Denkanstoß, der Drang alle Geheimnisse aufzudecken oder die Lust, den kleinen Wellen von Ursache und Wirkung zu folgen. Probiert's aus. Ihr werdet es nicht bereuen.