Explosionen erschüttern das Gewölbe, vermummte Soldaten werden von einer Druckwelle umgeworfen. Große Felssteine lösen sich aus den Mauern, fallen zu Boden, erschlagen weitere Einheiten von Nadine Ross, Nathans Gegenspielerin in Uncharted 4. Scheint so, als hätte der geheime Nachfolger von Indiana Jones mal wieder eine Stätte unschätzbaren Wertes zum Einsturz gebracht. Die Kamera zoomt auf ihn, fängt ihn in Slow-Motion ein. Er springt und hechtet nach einem Medaillon, das einst dem Piraten Henry Avery gehörte.

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„Nathan Drake, dieser zweitklassige Dieb, der Kopf und Kragen für einen Schatz riskiert. So kennt man mich wohl, so wird man sich an mich erinnern…“ erzählt ein Sprecher aus dem Off im Trailer zu Uncharted 4, während Nathan am Rand einer Platte liegt und verzweifelt nach seinem Bruder zu greifen versucht, nach Sam. Das Medaillon segelt derweil in den Abgrund, während mehr und mehr Boden wegbricht. „Doch so bin ich nicht“, schließt der Sprecher ab. Der Streifen ist nur 39 Sekunden lang, doch er verdeutlicht schön, worum es in der Geschichte von Uncharted 4 geht. Nicht nur um Schätze, Mysterien und möglichen Reichtum, sondern auch Familie und Bruderliebe.

Sam steht eines Tages vor Nathans Bürotür, der mittlerweile einem geregelten, aber langweiligen Schreibtischjob im Hafen nachgeht. Die Beiden haben sich ein halbes Leben lang nicht gesehen, Nathan dachte eigentlich Sam wäre bei einem versuchten Museumsraub erschossen worden. Er fällt seinem Bruder um den Hals, auch der ist sichtlich gerührt. „Sam dachte immer, er hätte keine Familie. Er hätte nur Sully, der ja nicht sein leiblicher Papa ist“, erklärt Nathan Drakes Schauspieler und Star der Serie Nolan North, als ich ihn in San Francisco treffe. Die Beiden unterhalten sich die ganze Nacht, über El Dorado und Shangri-La (Shambala), über verloren gegangene Reichtümer und irgendwann auch Elena.

Naughty Dog - Ungezogene Hunde als Meister ihres Faches: Naughty Dogs Spielehistorie in Bildern

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Es ist eine lange Szene, überhaupt wirken die Zwischensequenzen ein bisschen länger als in Uncharted 3. Es tut der Serie gut mit Neil Druckmann einen Chefautor bekommen zu haben, der mit The Last of Us bereits ein Spiel abgeliefert hat, das sehr stark von seinen Schauspielern, seiner Atmosphäre und mitreißenden Story lebt. Diese Momente gab’s zwar auch schon in Uncharted 3, etwa als Nathan völlig erschöpft auf Elenas Schoß einschläft und sich an sie kuschelt, sie waren aber seltener.

Warum schaffen es Shooter so selten, dass wir uns für ihre Protagonisten interessieren?

Uncharted ist eine dieser wenigen Serien, in denen ich mich persönlich für die Charaktere interessiere und immer wissen will, wie es weitergeht. Geht euch das auch so? Geschichte und Gameplay bilden hier eine Einheit, wie das gerade in Shootern nur selten der Fall ist. „Ich denke, Uncharted funktioniert auf der emotionalen Ebene so gut, weil Naughty Dog von Anfang an wusste, wo die Reise hingeht“, meint Nolan. „Ich habe ja an sehr vielen Spielen mitgearbeitet (Anm. d. Red.: wir haben bei 100 aufgehört zu zählen), aber nur wenige trauen sich, so intensiv die Beziehung zwischen zwei Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Da fällt mir eigentlich sonst nur Halo ein, wobei Cortana ja nur eine halbe Frau ist (er grinst).“

Uncharted 4: A Thief's End - Nicht nur Shooter, sondern auch Familientragödie

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Muskulöse Arme, die Entschlossenheit in den Augen - Nadine Ross erinnert ein bisschen an Grace Jones alias Mayday aus James Bond 007: A View to a Kill.
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Auch Uncharted 4 lebt von diesem Wechsel zwischen Charaktertiefe sowie Zwischenmenschlichkeit und seichten Gags. Sam ist nicht irgendein dahergelaufener NPC, er hat eine Geschichte zu erzählen, hat viel erlebt, so richtig traue ich ihm aber nicht, er wirkt gerissen und verschlagen. Das macht den Charakter interessant, er wirkt nicht so eindimensional. Er ist nicht nur irgendein Buddy in einem spielbaren Buddy-Movie, er ist eine zentrale Figur.

Packshot zu Uncharted 4: A Thief's EndUncharted 4: A Thief's EndErschienen für PS4 kaufen: Jetzt kaufen:

Aber auch ihren Humor hat die Serie nicht verloren, ich muss grinsen, als Nathan nach einem langen Gespräch mit seinem Bruder auf den Ring an seinem Finger schaut und ihm plötzlich einfällt, das er ja eigentlich auch geheiratet hat. „Oh ja, erinnerst du dich an die Journalistin, die ich damals gerettet habe? Sie ist jetzt meine Frau“ - typisch Nathan, ein bisschen verpeilt war der Mann ja schon immer. Oder eine Szene in einer Villa, in der Sully im Smoking gegenüber Nadine Ross den alternden Playboy raushängen lässt. Ja auch für die Motive der neuen Antagonistin Nadine Ross interessiere ich mich jetzt, weil sie mehr über sich erzählt als Katherine Marlowe, die in Uncharted 3 etwas blass blieb.

Naughty Dog arbeitet dafür mit klassischen Filmelementen, die in Spielen aber eher selten sind. Wie in einer typischen Bondszene genehmigen sich Sully und Nadine einen Drink und rollen dabei subtil ihre Vorgeschichte im Dialog auf. Die beiden kennen sich offensichtlich, necken sich, waren wohl sogar mal zusammen im „Einsatz“. Sie spricht mit britischem Akzent, wuchs aber in Südafrika auf, wo ihr Vater als General eine Spezialeinheit kommandierte und auch sie zur Killerin ausbildete. Die ursprüngliche Regierungseinheit entwickelte sich zur schlagkräftigen Söldnerarmee und als ihr Daddy starb, übernahm sie die Kontrolle über die Shoreline Group. Jetzt stellt sie jedem die Dienste ihres privaten Militärkonzerns zur Verfügung, der genug Cash hat.

Uncharted 4: A Thief's End - Nicht nur Shooter, sondern auch Familientragödie

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Bruderherz, komm in meine Arme: Sam Drake galt als verschollen, Nathan dachte, er wäre bei einem Museumsraub erschossen worden. Er lebt, hat allerdings mächtige Probleme.
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So zum Beispiel auch Rafe Adler, einem anderen Schatzjäger, der ebenfalls scharf auf die Reichtümer von Pirat Avery ist. Der soll nämlich 1695 dem Großmogul von Indien nicht nur die Frau ausgespannt, sondern auch dessen Schatzflotte gemopst und die Reichtümer irgendwo vor Madagaskar versteckt haben. Jetzt wisst ihr auch, warum Nathan mal wieder gegen eine hochgerüstete Armee mit Panzern, Helikoptern und scheinbar unendlich viel Manpower zu Felde ziehen muss, auch wenn dieser Part der Geschichte fast schon ein bisschen 08/15 wirkt.

Spielerisch lernt Uncharted 4 viel von der Kreativität seines kleinen Bruders The Last of Us und inszenatorisch bedienen sich die Kalifornier bei James Bond. Uns soll’s recht sein.Ausblick lesen

Mehr Freiheit und Kreativität, härtere Punches

Spielerisch am interessantesten ist, wie stark die DNA von The Last of Us hier durchscheint. Die Uncharted-Serie war immer ein großartiges Popcorn-Erlebnis, geprägt von perfektem Spielfluss. Aber sie war auch sehr geradlinig und hart geskriptet. Diese großen effektvollen Hollywood-Momente gibt’s nach wie vor, aber der Kern des Spielgefühls ist deutlich offener gestaltet. Ihr entscheidet jetzt, wann ihr das Gefecht eröffnen wollt. Wollt ihr euch anschleichen, auf ein Dach klettern, die Mannstärke der Shoreline-Jungs auskundschaften und dann munter Kopfschüsse verteilen? Oder euch doch direkt vom Dach stürzen und mit gestreckter Faust den ersten K.I.-Soldaten ausknocken?

Manchmal ist der Weg dezent vorgezeichnet, in anderen Levels könnt ihr euer Heil auch in der Flucht suchen. Ein paar böse Jungs eröffnen das Feuer, ihr habt nur noch wenig Lebensenergie? Ab auf den Hintern und los geht die wilde Fahrt auf einer matschigen Rutschbahn. Insgesamt ist die Action weniger geskriptet und fordert euch mehr ab. Wollt ihr euch mit dem Seil über einen Abgrund schwingen, müsst ihr erst ordentlich Schwung holen und dabei auf euer Timing achten. In der Zeit rücken natürlich bereits feindliche Truppen an, denen ihr aus der Luft ballernd begegnet.

Uncharted 4: A Thief's End - Nicht nur Shooter, sondern auch Familientragödie

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„Ich habe etwas mitgenommen. Das Haus abbezahlt, das Auto, den Ehe..ring. Oh richtig, ich bin verheiratet. Elena, das ist meine Frau.“ Nathan ist so verplant wie eh und je.
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Die Faustkämpfe auf der anderen Seite profitieren stark von der Power der Playstation 4. Naughty Dogs Engine berechnet jetzt in Echtzeit, wo ein Treffer landet und lässt die entsprechende Stelle anschwellen. Wer von Nadine Ross oder einem ihrer Schläger eine harte Rechte kassiert, der wird sehen, wie Nathans Auge erst leicht anschwillt und wie dann sein Augenlied richtig blau anläuft. Auch Cuts an der Schläfe oder Lippe sind keine Seltenheit, Gegnern könnt ihr gar die Nase brechen, Nathans eigener Riechkolben bleibt aber intakt. Der Nahkampf spielt gefühlt eine prominentere Rolle als in den letzten Teilen, es gibt regelrechte Bosskämpfe, die auch mal gerne etwas Spielzeit einnehmen und von euch verlangen, wie ein Boxer zu denken, auf eure Deckung zu achten und eine Taktik auszutüfteln, wie sich der Gegner mit kurzen, schnellen Schlägen müde machen und letztlich K.O. schlagen lässt.

Wird Uncharted 4 der neue Dreamboy der PS4?
Nun war Uncharted 3 ja schon ein richtig schickes Werk, aber für den vierten und ja vorerst letzten Teil werfen die Kalifornier nochmal ein paar Pfund mehr Kohlen in den Engine-Ofen. Dabei geht’s gar nicht so sehr um Lichteffekte oder Explosionspartikel, sondern vielmehr Authentizität. Rutscht Nathan einen nassen Erdhang herunter, sieht er hinterher aus wie ein Erdhörnchen, das sich im Schlamm gesuhlt hat. Umgreift er mit seinen Schmutzfingern dann eine AK-47, wird auch deren Griff eingesaut. Drückt ihn anschließend ein Bösewicht gegen einen Fels, über den sich ein kleiner Wasserfall ergießt, wird er richtig nass.

Naughty Dog animiert jetzt jede Haarsträhne einzeln, entsprechend hängen sie so runter, wie das bei euch aussieht, wenn ihr mal wieder im Regen tanzt, singt oder knutscht. Nolan North findet es übrigens ziemlich cool, „dass Nathan einer der wenigen Videospielhelden ist, denen es erlaubt ist zu altern“. Denn tatsächlich machen sich nicht nur vereinzelt graue Haare in seiner Tolle bemerkbar, auch vor Falten im Gesicht und Krähenfüßen im Augenbereich bleibt Sonys Star-Schatzjäger nicht verschont. Doch das ist wahrlich nicht sein größtes Problem, denn er hat eine äußerst smarte Frau geheiratet, die die „Notlüge“ von der Geschäftsreise nach Indien nicht wirklich geschluckt hat.