Ein Opfer seines eigenen Erfolgs – anders lässt sich das müde Rinnsal der Vorfreude kaum erklären, das zuletzt dort herumtröpfelte, wo vor fünf Jahren noch ein mächtiger Strom alles und jeden mit sich riss. Anders als früher wollte Uncharted diesmal nicht richtig warmlaufen: Nach drei Abenteuern und ebenso vielen Höchstwertungen waren wir qualitätsverwöhnt, erwarteten von Nates Abschied völlig selbstverständlich eine großartige Vorstellung und wussten, wir würden sie bekommen. Nur: Auch an Helden geht die Zeit nicht spurlos vorbei.

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Plötzlicher Erfolg irritiert, langfristiger noch viel mehr. Bei einer derart zuverlässigen Serie wie dieser, die sich aus dem Stegreif oder spätestens im zweiten Anlauf einen Non-plus-ultra-Ruf hochzieht und ihn ein ums andere Mal zementiert, bilden wir uns irgendwann ein, hinter den Erfolg schauen zu können. Vielleicht hat sich in den letzten Jahren deshalb diese etwas überhebliche, beinahe abfällige Art eingeschlichen, mit der wir gelegentlich über Uncharted urteilen.

Mit etwas Erfahrung und ein paar Schritten Abstand sehen wir inzwischen die dünnen Fäden, an denen seine fantastische Kulisse hängt. Plötzlich spüren wir den sanften, aber bestimmten Griff im Nacken, der uns großzügig über einen Abgrund hinwegträgt, in dessen Schlund wir nach einem unpräzisen Sprung eigentlich hätten landen müssen. Wie bei einem Magier durchschauen wir den Trick, wenn wir beim dritten Durchgang auch auf die Hand im Verborgenen achten, während uns zuvor noch die andere vor unserer Nase an selbiger herumführte.

Uncharted 4: A Thief's End - Der letzte Kreuzzug

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Nate und Sully gehöre mittlerweile zur alten Garde, ganz wortwörtlich.
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Auch wenn wir inzwischen womöglich eine Spur zu verächtlich über diese Taschenspielertricks herziehen: Völlig unbegründet ist die Kritik nicht. Uncharted schwankte schon immer gefährlich auf dem schmalen Grat, der Spiele von Filmen trennt und opferte seine Mechaniken jederzeit bereitwillig auf dem Altar der Filmhaftigkeit. Nur weil Naughty Dog es nie übertrieb – uns lediglich anflunkerte statt uns dreist ins Gesicht zu lügen – flog der Schwindel nur langsam auf. Vor allem aber haben die Entwickler nicht wegen, sondern für uns gelogen, wie man auch einem Kind den Glauben an den Weihnachtsmann lässt. Nur wissen wir inzwischen, dass unter dem weißen Rauschebart der dicke Nachbar von nebenan steckt.

Weder für uns noch für Nate ist die Zeit stehengeblieben und wenn wir seinem letzten Auftritt weniger entgegenfiebern als seinen vorherigen, dann auch deshalb, weil wir ahnen, dass er bis auf die sein schelmisches Grinsen komplementierenden Altersfältchen der Alte geblieben ist. Und Uncharted 4 versucht erst gar nicht, uns etwas anderes weismachen zu wollen, ganz im Gegenteil. Mit dem The-Last-of-Us-Erfolg im Rücken hat Naughty Dog sichtlich Freude an der Rückkehr und das Selbstbewusstsein, diesen buchstäblichen Goldjungen in den verdienten Ruhestand zu schicken. Kein ängstliches Klammern an die Vergangenheit, keine Angst darüber, was danach kommen wird, vielmehr ein letztes Abenteuer um der alten Zeiten willen, ohne Kompromisse. Noch einmal mit Gefühl.

Packshot zu Uncharted 4: A Thief's EndUncharted 4: A Thief's EndErschienen für PS4 kaufen: Jetzt kaufen:

Dadurch ist dieser Abschied auch einer in Würde. A Thief’s End erweist seinen Vorgängern alle Ehre, kokettiert so charmant und bisweilen selbstironisch mit Nates früheren Ausflügen, wie es nur geht, ohne darüber seine eigene Identität zu vernachlässigen. Diese Reise schreit geradezu „Ich bin der letzte Teil der Reihe!“, ist aber jederzeit äußerst bedacht darauf, gleichwohl ihre eigene Geschichte zu erzählen, die sich nicht ausschließlich in augenzwinkernden Zitaten verliert. Niemand hat ein Best-of bestellt.

„Der würdige Abschluss einer großartigen Reise.“Fazit lesen

Dieses Credo schlägt sich folgerichtig auch abseits der, wie üblich, mehr als zahlreichen Zwischensequenzen nieder, obschon längst nicht mit derselben Konsequenz. Wenn ihr seit der vergangenen E3 nicht gerade ohne Internetanschluss gelebt habt, stehen die Chancen gut, dass ihr die wirklich großen Überraschungen an einer Hand abzählen könnt, sobald ihr selbst den Controller in die Hand nehmt. Beinahe alles andere wurde bereits vorher in schicken Trailern und wohlklingenden Pressemitteilungen verbraten.

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Bislang dürfen wir euch keine eigenen Bilder zeigen, andererseits würden die ohnehin nicht wirklich anders aussehen. Uncharted 4 ist, große Überraschung, ein wunderschönes Spiel.
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Die Nicht-so-wirklich-Open-World-Passagen sind da eines der prominenteren Beispiele. Nun mag es mein Beruf so mit sich bringen, möglichst breit über viele Spiele informiert zu sein: Wenn ich grob über den Daumen gepeilt zwei Drittel aller Autoausflüge bereits vorab gesehen habe, hat es die Marketing-Abteilung möglicherweise doch etwas übertrieben. Andererseits ist das natürlich kein Zufall, sind gerade diese Abschnitte geradezu unverschämt fotogen (was bei einem Spiel wie Uncharted schon eine Ansage ist) – viel mehr allerdings nicht. Die Mühlen steuern sich wie Panzer auf Schmierseifen, sind bis auf zweieinhalb Ausnahmen nicht mehr als bloße Transportmittel und damit reichlich sinnlos in einer sonst so glattgezogenen Welt wie dieser. Zugegeben, ein bisschen böswillige Unterstellung gehört schon dazu, aber wenn ausgerechnet Naughty Dog ein zentrales Spielelement einbaut, das hübsch und dann fast nichts mehr außer Schikane ist, lassen sich kritische Fragen nach Sonys PR-Maßnahmen nur schwer abschütteln. Vielleicht doch nicht so schlecht, dass sich diese Abstecher in sehr überschaubaren Grenzen halten.

Grenzen, die abseits davon klar definiert sind. In seiner Ehrenrunde wagt Nathan Drake sonst nur wenig Experimente und verlässt sich auf die Qualitäten, die ihn groß gemacht haben. Ihr kraxelt vor ästhetisch wie technisch traumhaften Postkartenmotiven an Klippen empor, beobachtet absurd viele historische Bauwerke dabei, wie sie unter eurem Gewicht zusammenbrechen und mäht in übersichtlichen Dosen 08/15-Söldner aus den Latschen. Alles wie immer also, im Guten wie im Inzwischen-etwas-weniger-Guten.

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Auch das leicht überarbeitete Nahkampf- und Schleichsystem – beide sehr oberflächlich gehalten – können nicht ganz über die Jahre hinwegtäuschen, die Uncharted inzwischen auf dem Buckel hat.
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Ich werde euch vermutlich keine Überraschung verderben, wenn ich von der enorm hohen mittleren Qualität rede, die sich wie ein roter Faden durch A Thief’s End zieht. Sonys kalifornischer Haus- und Hofentwickler hat nicht plötzlich verlernt, wie man eine PlayStation an ihre Grenzen treibt, wie gute Geschichten erzählt, Charaktere geschrieben und Action inszeniert wird. All das ist noch immer enorm kompetent gemacht, aber eben auch nicht so wahnsinnig anders als früher – und selbst für einen Teufelsritt wie diesen bleibt die Zeit nicht stehen. Uncharted ist so gut wie eh und je, aber es ist eben auch Uncharted wie eh und je. Es hat unzweifelhaft viele Spiele inspiriert und mehr als nur ein paar Duftnoten gesetzt, doch wenn wir ehrlich sind, müssen wir uns auch eingestehen, dass schon Drake’s Deception der Formel nichts Nennenswertes mehr hinzufügen konnte – wie soll es dann seinem Nachfolger gelingen?

Die Schießereien zählten noch nie zu den elaboriertesten, die Kletterei war schon immer eher zu simpel als wirklich anspruchsvoll – es war das Drumherum, das perfekt aufeinander abgestimmte Gesamtpaket, das uns faszinierte. Diese Faszination besteht bis heute, doch ist die aufgeregte Aufbruchsstimmung nach all der Zeit einem Gefühl des Nach-Hause-Kommens gewichen. Nach Dark Souls stand nun auch Uncharted kurz vor der Schwelle, seinen Zenit endgültig zu überschreiten und wie ihre japanischen From-Software-Kollegen wissen auch die Kalifornier, wann es Zeit ist, Lebewohl zu sagen.

Dieses Finale ist ein notwendiges. Wir hatten eine überragende Zeit mit Nate, und die meisten von uns werden sie auch jetzt haben, noch einmal. Ein letztes Mal.

Deine Haare werden langsam grau, Nate. Genieß’ den Ruhestand – du hast ihn dir verdient.