Immer diese Vergleiche. Die mochten wir früher schon nicht. Wenn Mutti mal wieder feststellte, dass der Junge von Tante Erna viel bessere Noten in der Schule hat, als wir. Oder die Angebetete mit spitzer Zunge darauf aufmerksam machte, dass der Ex-Freund ihr ja schließlich auch immer Blumen mitgebracht habe. Auch wenn die Erkenntnis nervt: Vergleiche sind der schmerzliche Beweis dafür, dass es immer einen gibt, der es noch besser kann.

Im vorliegenden Fall ist dieser „jemand“ eher ein „etwas“, genauer gesagt die langersehnte Fortsetzung des PS3-Vorzeigetitels „Uncharted: Drakes Fortune“. Wann immer man uns ab sofort eine Ausrede für schlechtes Spieldesign, miese Grafik oder maue Szenarien auftischen möchte, können wir nun sagen: „Es geht ja doch“. Und deuten dabei mit großen Gesten auf das ultimative Vorzeigespiel der PS3 – „Uncharted 2“.

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Schaut her, so geht’s

In den letzten zwei Jahren hatten wir so einige Actiontitel auf dem Tisch liegen, deren Spielprinzip komplett oder in Teilen frappierend an „Uncharted“ erinnerte. Allein die Filmversoftungen: „Bourne“, „Bond“, „Wanted“, „Terminator“ – alle wildern mehr oder weniger originell in denselben Genregewässern, kein Titel war jedoch wirklich gut. Oder nehmen wir „Prince of Persia“. Da wird nicht geballert, dafür ähnlich geschmeidig über Abgründe gekraxelt. „Dark Sector“? Könnte man auch als entfernten Verwandten bezeichnen. „Infamous“? Sowieso. Alle drei Titel faszinieren – wenn überhaupt – nicht länger als zwei Stunden.

Uncharted 2: Among Thieves - Am Limit: Mehr "Geil" kann eure PS3 nicht!

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Klettern, Schießen, Rätsel lösen: Uncharted 2 erfindet das Rad nicht neu, sondern vergoldet es.
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Falls jetzt der Eindruck entstanden sein sollte, wir wollten das Spielprinzip von „Uncharted“ als innovativ oder neuartig anpreisen, möchten wir uns entschuldigen. Viel mehr soll die kurze Exposition verdeutlichen, wie viele Spiele sich an dieser derzeit extrem beliebten „Run and Gun“-Mechanik versuchen – und dabei zumeist kläglich scheitern. Und dann legt man „Uncharted 2: Among Thieves“ ins PS3-Laufwerk und kann sich nur noch wundern.

Zum Beispiel darüber, wie leicht es scheinbar doch geht: Entwickler Naughty Dog ändert am Prinzip des ersten Teils wenig bis nichts, immer noch gilt es vorwiegend heikle Klettereien zu bewältigen, zünftige Schusswechsel zu überleben und – sehr selten – eher bescheidene Rätsel zu lösen. Die Gameplay-Zahnräder greifen nun besser ineinander, da das Verhältnis etwas zu Gunsten der Kraxelparts verschoben wurde.

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Wie ein Schlag ins Gesicht: Präsentation, Story und Design machen uns sprachlos.
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Nathan Drake ist agiler als je zuvor, hat sogar noch einige Moves hinzu gelernt, steuert sich aber immer auf den Punkt präzise, die Kamera sitzt exakt dort, wo sie zu sein hat, selbst ein Quarkkeulchen mit Händen könnte „Uncharted 2“ aus dem Stand problemlos bedienen. Das Handling verschwimmt im Zusammenspiel mit Präsentation, Story, Design und Spielwitz zu einem homogenen Ganzen, das nie langweilt, immer fasziniert und bisweilen sogar sprachlos macht.

Mit einem Bein im Grab

Witzigerweise beginnt „Uncharted 2“ dort, wo die meisten anderen Spiele bereits aufhören würden – inmitten einer spektakulären Sequenz, die man auch gut als Höhepunkt missverstehen könnte. In luftiger Höhe, weit über dem Boden der eisigen Schneelandschaften Nepals, hängt Nathan Drake. Aus seiner Hüfte tropft Blut, ein Schuss hat ihn erwischt. Nur mit Mühe kann er sich festhalten. Die eiserne Stange die seine vor Kälte erstarrten Hände umklammern, gehört zu einem Zugabteil – das drei Kilometer über dem Boden von einer Klippe hängt.

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Nervenkitzel Pur: Wer schonmal an einem Zug über dem Abgrund hing weiß, was wir meinen.
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Mühsam hangeln wir uns an Trümmerteilen vorbei, immer wieder brechen scheinbar feste Vorsprünge in sich zusammen, wenn wir danach greifen. Es ist ein Spiel mit dem sicheren Tod. Und eines mit unserem Nervenkostüm, denn diese Szenen laufen nicht etwa innerhalb einer Zwischensequenz ab, sondern erfordern unsere Kontrolle. Diese haarigen ersten zehn Minuten, in „Uncharted 2“ sind sie nicht mehr als das Tutorial, um die Steuerung zu erklären.

Wir verraten sicherlich nicht zuviel, wenn wir sagen, dass Nate sich aus dieser misslichen Lage befreien kann und im weiteren Verlauf deutlich Schlimmeres zu bewältigen hat. Dummerweise hat sich der ausgefuchste Gelegenheitsdieb und Hobbyarchäologe nämlich auf einen heiklen Deal eingelassen, der ihn bis nach Nepal führt. Dort – so heißt es laut Legende – hat Marco Polo den Schatz von Shambhala versteckt.

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Spannend erzählt und aufregend inszeniert. Doch leider tropft die Story geradezu vor Abenteuer-Klischees.
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Klar, dass im Nachhinein nichts so ist, wie es schien, der ursprüngliche Auftraggeber eigentlich die eigenen finsteren Pläne verfolgt und Nate von allem und jedem betrogen wird. Und dann gibt’s da natürlich noch eine Nazi-Expedition. Ach, und natürlich den sagenumwobenen Stein der Macht, den hätten wir fast vergessen. Erwähnten wir eigentlich den geheimen Artefakt-Schlüssel, den uns jeder abluchsen will?

Wenn der Gott der Awesomness auf die Erde steigen würde, um ein Spiel zu programmieren - dann sähe es so aus!Fazit lesen

Es wirkt beizeiten fast so, als wolle „Uncharted 2“ unbedingt jeden Punkt auf der Abenteuer-Checkliste abhaken. Ein wenig „Die Jagd nach dem goldenen Kind“, etwas „Tomb Raider“, „Indiana Jones“ darf ohnehin nicht fehlen. Da wird kaum ein Klischee ausgelassen, ein Stereotyp jagt das nächste. Zwar gerät die Geschichte nie so banal, dass sie uns völlig kalt ließe, aber wirklich mitfiebern sieht irgendwie anders aus.

Awesomness per Minute

Zum Glück profitiert „Uncharted“ nach wie vor von seinen großartigen Charakteren. Allein einen Charakter in der heutigen Spielelandschaft zu finden, der ähnlich charismatisch und charmant ist, wie Nathan Drake, käme einer Sisyphosaufgabe gleich. Im Zusammenspiel mit den lieb gewonnenen Begleitern (Sully und Elena), entstehen immer wieder , spritzige, humorvolle, nicht selten auch sehr emotionale Dialoge, die vor Leben und Charisma nur so sprühen.

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Eine Cutscene jagt die nächste. Leider im ersten Spieldrittel zu häufig für unseren Geschmack.
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Störend wirkt da nur, dass „Uncharted 2“ uns das Gamepad für unseren Geschmack etwas zu häufig aus der Hand nimmt. Vor allem das erste Spieldrittel ist geradezu überladen mit Zwischensequenzen, die zwar der Atmosphäre zuträglich sein mögen, aber immer wieder aus dem eigentlichen Spiel rausreißen. Da dürfen wir dann nach vier Minuten Geplänkel endlich wieder drei Schritte laufen – nur um gleich in die nächste CutScene zu schlittern.

Wer will schon gestört werden, wenn er im optisch wohl prächtigsten Spiel der aktuellen Konsolengeneration von einer fulminanten Actionsequenz in die nächste gejagt wird. BÄM – hier ein Helikopterangriff – WUMMS – da ein wilder Ritt auf einem fahrenden Zug – BOOM – dort eine adrenalinpeitschende Kletterpartie über steilste Anhänge – POW – dann wieder ein Kampf gegen einen drei Meter hohen Yeti.

Ganz ehrlich: Die „APM“ (Awesomness per Minute) in „Uncharted 2“ lässt sich kaum beschreiben, geschweige denn in Worte fassen. Ein Spiel, das vor WTF-Momenten geradezu überquillt, bekommt man eben nicht aller Tage serviert – und hier sind es nicht mal Übertreibungen, die zu derartigen Aussagen hinreißen, sondern ein Spielwitz und Ideenreichtum, der sich gewaschen hat.

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Die "Awesomness per Minute" liegt in Uncharted 2 liegt nicht mehr im messbaren Bereich.
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Übrigens sollte man beim Spielen unbedingt vermeiden, nach Neuerungen zu suchen, die man in einer Fortsetzung eigentlich erwarten könnte. Es gibt sie schlicht nicht - wenn man von kleinen Ausnahmen absieht. An bestimmten Stellen gibt es jetzt Punkte, die uns zur Interaktion mit den Partnern zwingen. Per Knopfdruck bildet Nate dann eine Räuberleite. Das Nahkampfsystem wurde überarbeitet und funktioniert nun sehr viel eingängiger. Damit erschöpfen sich jene Änderungen, die nicht rein kosmetischer Natur wären.

Dafür gibt’s nun aber endlich einen Multiplayer-Modus – und was für einen. Toll spielbare Schlachten im CTF-, Deathmatch-, King of the Hill- oder Survival-Modus sind ebenso möglich wie das Spiel einiger Missionen im Koop. Für gewonnene Schlachten gibt es übrigens – ähnlich wie in Modern Warfare 2 – Perks zu gewinnen, mit denen neue Waffen freigeschaltet werden.