Eine epische Story, exzentrische Charaktere und ein gruppenbasiertes Kampfsystem mit zahlreichen strategischen Feinheiten – Baldur's Gate gilt als Meilenstein des Rollenspiel-Genres. Anfang 2015 veröffentlichten die RPG-Experten von Obsidian mit Pillars of Eternity ein großartiges Spiel, das in vielerlei Hinsicht an Biowares Rollenspiel-Reihe erinnerte und von nicht wenigen Spielern als legitimes Erbe des Oldies angesehen wird. Nun ist mit Tyranny bereits das nächste Oldschool-Rollenspiel der Kalifornier erschienen. Geht die klassische Fantasy-Formel erneut auf?

Auch ich gehöre zu den Spielern, die Ende der Neunzigerjahre und Anfang des Jahrtausends Wochen und Monate in der faszinierenden Spielwelt der Baldur's-Gate-Reihe verbracht haben. Stunde um Stunde zog ich mit meinen geliebten Charakteren durch die isometrischen Fantasy-Lande, immer auf der Suche nach neuen Aufgaben, neuen Abenteuern und neuen Gefährten. Keine Schatzkiste war vor mir sicher, kein herumstehendes Fass blieb ungeöffnet – es konnte schließlich überall gute Beute versteckt sein. Auch weitere Rollenspiel-Klassiker wie Icewind Dale oder Planescape: Torment raubten mir damals reichlich Lebenszeit. Doch dann wurde es irgendwann ruhig um Spiele dieser Machart. Gamer legten auch bei RPGs immer mehr Wert auf aufwendige 3D-Optik, die eigentlichen Geschichten und Figuren kamen im Genre allerdings oft zu kurz.

Tyranny - Alte Liebe rostet nicht

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Die Erstellung eures Charakters stellt euch vor erste wichtige Entscheidungen.
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Bis zum Jahr 2015. Dank Obsidian Entertainment erblickte endlich ein Spiel das Licht der Welt, das sofort jeden Oldschool-Gourmet aufhorchen ließ: Pillars of Eternity. Wieder durfte ich mit einer sechsköpfigen Gruppe durch zweidimensionale Iso-Landschaften streifen, um diesmal die Bewohner von Dyrwald vom Bösen zu befreien. Und wieder begeisterten mich die alten Rollenspiel-Tugenden, die Titel wie Baldur’s Gate und Co. so großgemacht hatten – allen voran die denkwürdige Story, die ich durch meine Entscheidungen maßgeblich beeinflusste.

Packshot zu TyrannyTyrannyRelease: PC: 10.11.2016 kaufen: Jetzt kaufen:

Nun sind jedoch gerade einmal eineinhalb Jahre vergangen, und schon wirft Obsidian mit Tyranny den nächsten Rollenspielbrocken auf den Markt. Handelt es sich hierbei etwa um einen Schnellschuss, der die darbende Retro-Gemeinde ruhigstellen soll? Glücklicherweise nicht, auch wenn Tyranny letztlich nicht ganz mit Pillars of Eternity mithalten kann.

Folgenschwere Entscheidungen

Schon bei der Erstellung meines Charakters überkommt mich das alte Baldur's-Gate-Gefühl. Worauf lege ich Wert? Will ich lieber als eine Art Zauberer durch die mittelalterlichen Fantasy-Welt Terratus streifen, oder schlitze ich meine Gegner mit gezielten Schwertschlägen auf? Schnell merke ich, dass ich mich gar nicht festlegen muss, denn Tyranny lockert straffe Klassenketten. Ich darf zum Beispiel einen Magier erstellen, der als Zweitkonfession den Schwertkampf beherrscht. Oder ich bastle mir einen Speerkämpfer, der seine Kameraden durch Heilzauber am Leben hält. Die Kombinationsmöglichkeiten lassen etliche Kombinationen zu.

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Hallo Abenteurer! Einleitende Texte begleiten euch während der ersten Schritte und bringen Einsteigern das durchaus komplexe Spielsystem nahe.
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Zudem kann ich festlegen, ob Charaktere, die während eines Kampfes sterben, wirklich tot sind, oder einfach wieder aufstehen, wenn alle Feinde besiegt sind. Die sogenannte Eisenprüfung – quasi der Permadeath-Modus des Spiels – fordert dann noch von mir, dass ich nur einen Speicherstand anlegen darf und alle Entscheidungen endgültig sind. Ob ich das möchte, bleibt mir überlassen, bereits hier lässt Tyranny mir freie Hand. Selbst den Hintergrund meines Charakters darf ich mitbestimmen. Wuchs mein Held wohlbehalten in einem reichen Elternhaus auf? Oder musste er sich im Waisenhaus gegen andere durchsetzen, was ihn schon früh abgehärtet hat? All diese Dinge wirken sich auf das Spiel aus, keine Entscheidung bleibt in Tyranny ohne Folgen.

Ein wirklich feines Oldschool-Rollenspiel. Die fesselnde Geschichte und jede Menge Entscheidungsfreiheit garantieren einen hohen Wiederspielwert.Fazit lesen

Psychotest-Prolog

Nachdem ich die Charaktererstellung bewältigt habe und mit dem Endergebnis zufrieden bin, folgt der Prolog. Ich könnte ihn einfach überspringen, aber ich will die Vorgeschichte doch lieber selbst gestalten. Das Spiel gibt mir nun einige Szenarien vor, in denen ich Entscheidungen treffen muss. Unterstütze ich lieber das Scharlachrote Chor oder bekommen die Geschmähten meine Gunst? Vielleicht falle ich aber auch einfach beiden großen Spielfraktionen in den Rücken und unterstütze niemanden? All das ist einzig und allein meine Entscheidung, das klassische Gut-Böse-Schema funktioniert in Tyranny nicht.

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Kämpfe lauern an jeder Ecke. Leider schlagt ihr euch meistens mit humanoiden Gegnern herum –ein wenig Abwechslung wäre durchaus wünschenswert gewesen.
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Als sogenannter Schicksalsbinder obliegt es mir so oder so, die Welt vorerst ins Chaos zu stürzen, denn das passiert, egal wie ich mich festlege. Jedoch bekomme ich schon nach dem Prolog die Möglichkeit, vieles von dem zu ändern, an dem ich eine gewisse Mitschuld trage. Trotzdem wirken sich die Multiple-Choice-Antworten – die ein wenig an einen Psychotest erinnern – aus dem Prolog nicht nur auf den Spielbeginn aus, sondern zeigen ihre ganze Tragweite zum Teil erst viel später. Es kann etwa passieren, dass mich eine Gruppierung plötzlich angreift. Hätte ich mich im Prolog an dieser Stelle anders entschieden, wären die Kerle meine Freunde. Oder zumindest bräuchte ich vor ihnen keine Angst zu haben.

Heimatgefühle

Kaum habe ich die ersten Schritte in die Spielwelt gesetzt, fühle ich schon wie zu Hause. Kein Wunder, Obsidian nutzt für Tyranny die Infinity-Engine, die schon in Pillars of Eternity zum Einsatz kam. Look und Interface sind identisch – eine lange Eingewöhnungsphase haben „Pillars“-Veteranen nicht. Neulinge werden jedoch einige Zeit benötigen, bis sie sich mit den vielen Menüs und dem Spielsystem anfreunden. Ganz egal, ob im Kampf, beim Lernen von Fertigkeiten oder dem Ausrüsten von Waffen und anderem, man muss sich hier erst einmal zurechtfinden. Immerhin nimmt mich das Spiel in der ersten Zeit bei der Hand und verrät mir in simplen Textfenstern, wo ich was finde und wie ich zum Beispiel Waffen und Rüstungen anlege.

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Zaubersprüche treffen nicht nur einen Charakter. Dieser Heilzauber kommt allen Charakteren zugute, die im Radius des Spruchs stehen.
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Auch bekomme ich Informationen darüber, wie ich Zauber oder Fertigkeiten einsetze, wie Kämpfe ablaufen und vieles mehr. Wie schon in den anderen Oldschool-Rollenspielen dieser Art laufen die Kämpfe in Echtzeit ab. Ich kann aber jederzeit per Druck auf die Leertaste das Spiel pausieren und meinen Gruppenmitgliedern spezifische Anweisungen erteilen, etwa was sie als nächstes machen und welchen Feind sie attackieren sollen. Habe ich darauf keine Lust, wähle ich eine von vielen Optionen aus, um der KI die Grundanweisungen automatisch zu geben. Ich kann mich etwa dafür entscheiden, dass der jeweilige Charakter vorrangig heilen soll oder etwa den selben Feind angreift, den auch mein Alter Ego im Visier hat.

Bis zu vier Mitglieder dürfen sich in meiner Gruppe befinden, zwei weniger als noch in Pillars of Eternity. Das macht aber nichts, denn somit werden die Kämpfe übersichtlicher – und hin und wieder auch etwas schwieriger. Denn eure Feinde halten sich nicht an dieses Party-Maximum. Immer wieder bekomme ich es mit großen Gegnergruppen zu tun, taktisches Vorgehen ist in den Kämpfen also oberstes Gebot. Als kleinen Bonus gibt es in Tyranny nun Kombofertigkeiten, die ich zusammen mit einem anderen Gruppenmitglied aktivieren kann. Beispiel: Ein Heiler kann die Verteidigungswerte der gesamten Party für kurze Zeit erhöhen. Diese Kombo-Skills sind allerdings auf einmal pro Gefecht oder gar einmal pro Rast begrenzt.

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Lange Texte sind in Tyranny keine Seltenheit. Ihr lest nicht gerne? Dann macht um dieses Spiel einen weiten Bogen. Doch nur wer aufmerksam ist, bekommt jede noch so kleine Story-Wendung mit.
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Lesen macht Spaß

Eine wichtige Grundvoraussetzung solltet ihr für Tyranny unbedingt mitbringen: Leselust. Wer keinen Bock auf lange Texte hat und nicht gerne schmökert, ist hier definitiv fehl am Platz. Zwar haben die Macher einige – für meinen Geschmack zu wenige – Teile der Geschichte vertont, allerdings nur auf Englisch. Die meisten Unterhaltungen bekomme ich indes in reiner Textform präsentiert, wobei die deutsche Übersetzung glücklicherweise qualitativ stimmt. Farblich gekennzeichnete Textstellen geben mir zudem die Möglichkeit, viele Randinformationen abzurufen. Da die Dialoge mit Anführern, Rebellen, Zivilisten und sonstigen NPCs wirklich gut geschrieben sind, lese ich mich hier aber jederzeit gerne durch.

Bei den Aufgaben bietet Tyranny leider weniger Abwechslung als Pillars of Eternity. Durfte ich dort noch vielen unterhaltsamen Nebenmissionen nachjagen, bietet Tyranny nur noch sehr wenige davon. Obendrein entpuppen sich diese Zusatzquests als meist sehr simpel gestrickt. Nie kommt es vor, dass mehrere Gruppierungen Einfluss auf eine der Nebenaufgaben nehmen – das bleibt der Hauptstory vorbehalten. So reise ich in den Nebenaufträgen über kleine Kartenausschnitte, untersuche hier mal eine überfallene Karawane oder rette dort Gefangene aus ihren Käfigen.

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Antworten entscheiden darüber, wie sich eure Beziehungen zu den Fraktionen entwickeln. Man kann es in Tyranny wahrlich nicht jedem recht machen.
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Die in drei Akte unterteilte Hauptgeschichte ist da schon wesentlich spannender inszeniert, denn neben den beiden großen Gruppierungen stoßen immer neue Fraktionen hinzu, die sich einmischen möchten. Meine Entscheidungen haben bei auch noch so kleinen Taten Auswirkungen und verändern meine Beziehungen zu den NPCs. Während des Tests wurde mir schnell bewusst, dass ich Tyranny wohl nicht nur einmal spielen werde, denn dann sehe ich nicht viel vom Spiel. Erst wenn ich es ein zweites Mal durchspiele und dann andere Entscheidungen treffe, klopfe ich an den eigentlichen Umfang. Doch auch bei einem dritten oder vierten Durchgang dürfte ich immer noch neue Dinge erleben.

Crafting an Bord

Im späteren Spielverlauf erhalte ich die Möglichkeit, Gegenstände herzustellen, Tränke zu erzeugen oder meine ganz persönlichen Zaubersprüche zu erschaffen. Dazu muss ich jedoch die Augen offenhalten, denn ohne Runenstücke, die in der ganzen Spielwelt versteckt sind, komme ich hier nicht weit. Finde ich genügend von ihnen, öffne ich die Zauber-Erstellung und experimentiere fröhlich herum. Waffen und Rüstungen darf ich übrigens nicht nur neu erstellen, ich kann auch bestehende Exemplare aufwerten. Ein Schwert mit „+2“ beispielsweise richtet doch schon deutlich mehr Schaden an als ein einfaches Standardmodell.

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Feinde lauern bei Tag und Nacht auf euch. Dann kann es sogar passieren, dass ihr auf der Weltkarte während der Reise in einen Hinterhalt geratet.
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Leider bestehen die Gegner in Tyranny meist aus humanoiden Feinden. Zwar trefft ihr auch auf magische Wesen und bekommt es hier und da mit wilden Tieren zu tun, trotzdem hätte ich mir eine größere Palette an Widersachern gewünscht. Das macht das Spiel zwar nicht langweilig, es schränkt aber die rollenspielbedingte Erfahrung ein wenig ein. Egal, austoben kann ich mich dafür bei der Verteilung meiner Skill-Punkte. Unterschiedlichste Fertigkeitenbäume wollen ausgefüllt werden, dabei gibt es doch pro Stufenaufstieg nur einen Fertigkeitspunkt. Genauso viele Punkte bekomme ich auch, um meine Statuswerte zu erhöhen.

Huch, schon vorbei?

Für einen Spieldurchgang habe ich inklusive Nebenquests etwa 25 Spielstunden benötigt. Wie gesagt, ich habe währenddessen jedoch nur einen sehr kleinen Teil des Spiels gesehen – der Wiederspielwert ist bei Tyranny extrem hoch. Auch deshalb, weil ich nie weiß, wie sich das Finale des Spiels präsentiert, wenn ich mich an anderer Stelle eben nicht so entscheide, wie ich es getan habe. Apropos, das Ende ploppt übrigens recht abrupt auf. Ich wurde den Gedanken hierbei nicht los, dass Tyranny ein wenig unfertig wirkt, obwohl die Entwickler den Plot zu einem ordentlichen Abschluss bringen. Ob Obsidian etwa schon einen Nachfolger ins Auge gefasst hat?